C. G. Jungs Verständnis der Seele

Grundlagen des Modells der Analytischen Psychologie

Autor: Dieter Schnocks

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Die Analytische Psychologie nach C. G. Jung beschreibt die Seele beziehungsweise die Psyche als komplexes Gebilde verschiedener Bewusstseinsanteile. Dabei beinhaltet die Struktur des Bewusstseins mehrere Ebenen, vier Grundfunktionen des Ichs und zwei Einstellungstypen und erklärt auf diese Weise die Selbstverwirklichung der menschlichen Existenz.

Vorab: Zum Seelenbegriff

Immer wieder sprechen Jungianer von der Analytischen Psychologie als einer seelenvollen Psychologie oder einer Psychologie mit Seele. In seinen Schriften benutzt Jung oft und mit Vorliebe die Begriffe Seele und seelisch, wenn er psychische Phänomene beschreibt, was wohl auch dem damals gängigen Sprachgebrauch entspricht. In der Analytischen Psychologie wird (quasi umgangssprachlich) meist Seele im gleichen Sinne wie Psyche verwendet.

Der Begriff Seele ist also in der Analytischen Psychologie heute wenig gebräuchlich. Meist wird Seele im gleichen Sinne wie Psyche gebraucht.

Ich freue mich darüber, dass das Redaktionsteam der Tattva Viveka sich dazu entschlossen hat, die theoretischen Grundlagen der Analytischen Psychologie erst einmal in Kurzform und in möglichst verständlicher Form zu behandeln. Somit hilft die Zeitschrift den interessierten Lesern, die Basis für eine geistige Auseinandersetzung mit dem Gedankengut C. G. Jungs zu schaffen.

C. G. Jungs Theorie und Werk

C. G. Jung hat in seinem riesigen Gesamtwerk keinen systematischen Entwurf für eine Theorie hinterlassen. Er bekannte sich zu einer großen Vorsicht feststehenden theoretischen Systemen gegenüber. Er meinte, noch nicht genügend Erkenntnisse über die Psyche zu besitzen, um eine ausgefeilte Theorie anbieten zu können. Viele moderne Leser kommen mit Jungs Schreibstil beziehungsweise seiner charakteristischen Art von Beweisführung nicht zurecht. Seine eher dialektische Methode ist symbolisch und nicht logisch gradlinig. Der Inhalt wird umkreist und aus immer wieder leicht veränderten Blickwinkeln gesehen. Somit entsteht (oft unbemerkt) eine weit größere Wahrheit, die umkreisend vieles, auch Widersprüchliches, in sich aufgenommen hat. Diese spiralförmige Vorgehensweise ist für manche Leser zunächst verwirrend. Dennoch gelingt es offensichtlich immer mehr, sich mit dieser Art des suchenden Denkens anzufreunden. Viele stellen bald fest, dass sie von dieser Art auf überzeugende Weise mitgezogen werden. Grundsätzlich könnte man sagen, dass die Analytische Psychologie eine Erwachsenenpsychologie, insbesondere eine für die zweite Lebenshälfte ist. Jungs Lehre ist ein spezifischer Weg zum Ganz-Werden und zur Selbstverwirklichung der menschlichen Existenz.

Die Sichtweise der menschlichen Psyche in der Tiefenpsychologie C. G. Jungs (anhand eines Anschauungsmodells dargestellt).

Der Schwerpunkt seiner psychologischen Betrachtungen liegt vorrangig auf der Normalpsychologie und erst zweitrangig geht es um eine Lehre der Neurosen und deren Behandlung. Anziehend ist für viele die gewichtige Einbeziehung der »Sinnfrage«.

Um einen einfachen Überblick über die Modellvorstellungen bezüglich der Struktur des psychischen Organismus und seiner Inhalte zu geben, möchte ich mein Lehr-Diagramm vorstellen (siehe Grafik 1).

Das Ich-Bewusstsein stellt nur einen kleinen Teil der Gesamtpsyche dar. Es leistet die wache Orientierung, die Wahrnehmung und die Willensakte, also diejenigen Funktionen, die auch Freud dem Ich als Realitätskontrolle zuschreibt. Bewusstsein ist also keinesfalls identisch mit »Psyche«.

Das Unbewusste umgreift gleichsam das Bewusstsein. Es umfasst alles, was vom Ich nicht bewusst erlebt wird. Unterschieden wird persönliches und kollektives Unbewusstes.

Das persönliche Unbewusste wäre all dies, was bei Freud das Vorbewusste, das Vergessene, das Verdrängte, das unterschwellig Wahrgenommene und das Abgesunkene ist.

»Das kollektive Unbewusste ist eine Art »Mutterboden allen Bewusstseins«.«

Das kollektive Unbewusste (eine Entdeckung C. G. Jungs) wäre eine Art »Mutterboden allen Bewusstseins«. In ihm ist der Niederschlag der typischen Reaktionsweisen aller Menschen seit ihren Anfängen zu sehen. Im kollektiven Unbewussten sieht Jung die archetypischen Wirkfelder (Archetypenlehre).

Der Ich-Komplex und seine Struktur

Nach einer persönlichen Krise schrieb C. G. Jung sein Buch »Psychologische Typen«. Er beschäftigt sich darin an erster Stelle mit den Einstellungsfunktionen Extraversion und Introversion. Danach entwickelt er das Konzept der vier Grundfunktionen des Ichs (Denken, Fühlen, Empfindung, Intuition), mit denen sich das Ich-Bewusstsein des Individuums orientiert. In den Einstellungstypen erkennt Jung eine Gegensatzstruktur, die auf dem Bezugspunkt der Energie- oder Libidozuwendung basiert. Die Extravertierten sind mehr objektorientiert (Vertrauen in die Situation), die Introvertierten sind mehr auf sich selbst bezogen und objektdistanziert (Angst vor der Außensituation). Jung spricht vom extravertierten und introvertierten Typus, wobei wir heute davon ausgehen, dass jeder Mensch auf einem Kontinuum anlagemäßig mehr zum Pol Extraversion oder zum anderen Pol, der Introversion, tendiert.

Kurzcharakteristik der vier Grundfunktionen des Ichs:

Das Denken ermöglicht es uns zu erkennen, was das Vorhandene bedeutet. (Ist es logisch?)

Das Fühlen ermöglicht es uns zu erkennen, was das Vorhandene wert ist. (Was fühle ich?)

Die Empfindung stellt fest, was tatsächlich vorhanden ist. (Was nehme ich wahr?)

Die Intuition weist auf die Möglichkeiten des Woher und Wohin, die im gegenwärtig Vorhandenen liegen. (Was fällt mir ein?)

Aus der Kombination der zwei Einstellungsrichtungen und der vier Grundfunktionen ergeben sich nun viele Möglichkeiten, die Welt innen und außen entsprechend bewusst wahrzunehmen, zu bewerten und zu verarbeiten.

»Das Wunsch- oder Idealbild, das Leitbild und die gesellschaftlichen Grenzen wirken in die Persona des Einzelnen hinein.«

Die Persona gehört ebenfalls zur Struktur des Bewusstseins. Das Wort bedeutet eigentlich »Maske des Schauspielers«, der in einer Rolle auftritt. Persona ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät darüber, wie jemand nach außen hin erscheint. Das Wunsch- oder Idealbild, das Leitbild und die gesellschaftlichen Grenzen wirken in die Persona des Einzelnen hinein. Somit ist die Persona auch Schutzwall, geeignetes Versteck vor der Umwelt, aber oft auch ritualisiertes Verständigungsmittel.

Das persönliche Unbewusste mit Struktur und Inhalt

Das persönliche Unbewusste besteht aus einer Vielzahl von Komplexfeldern, die starke Auswirkungen auf das emotionale Befinden und das Verhalten des Ichs haben. Neben den stark wirksamen Energien aus dem sogenannten Minderwertigkeitskomplex kann man sich die folgenden Haupt-Komplexfelder vorstellen.

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Der Schattenkomplex

Hierhin gehen alle verdrängten Inhalte, die die Person nicht in ihrem Ich-Bewusstsein annehmen und akzeptieren kann. Es sammeln sich hier also viele Inhalte, die verdrängt wurden, wobei der Komplex-Kern ein archetypisches Schattenwirkfeld im kollektiven Unbewussten ist.

Die Komplexe

Sie beinhalten die Ansammlung der gesamten für den Einzelnen wichtigen emotionalen Erfahrungen des Menschen. So werden zum Beispiel im Vater-, Mutter-, Eltern- und Geschwisterkomplex die emotionalen Erfahrungen des Menschen mit seinen familiären Bezugspersonen gespeichert, und zwar von Kindheit an. Aber auch diese gesammelten Inhalte gruppieren sich um archetypische Kernbereiche herum, die ihre Verwurzelung im kollektiven Unbewussten beziehungsweise in den entsprechenden archetypischen Wirkfeldern haben.

Das kollektive Unbewusste

Die Archetypen

Im kollektiven Unbewussten oder im archetypischen Wirkfeldbereich finden sich die vielen archetypischen Wirkfelder und besonders die großen archetypischen Wirkbereiche wie der matriarchale Archetyp, der patriarchale Archetyp und der Archetyp des Kindes. Auch Anima und Animus wurzeln im archetypischen Bereich. Das Begriffspaar bedeutet in Jungs Konzept die endopsychische Kompensation des eigenen geschlechtsspezifischen Ich-Bewusstseins. Es sind die Aspekte, die uns im Unbewussten als innere Gegensatz-Seelenbilder entgegentreten.

Das Selbst

Das Selbst-Konzept ist der krönende Abschluss der Jungschen Modellvorstellungen. Dieses Konzept hat er in Anlehnung an die indische Atman-Vorstellung entwickelt. Aus dem Selbst-Bereich kommen letztendlich alle tiefergehenden Impulse für die Individuation des Menschen. Auch die Bilder für die göttlichen Mächte, die Gottesbilder, entstehen aus dieser Schicht der Psyche. Für den gläubigen Menschen sind die Wirkungen aus diesem psychischen Bereich das Walten Gottes.

Literatur-Hinweis: Dieter Schnocks. »Mit C. G. Jung sich selbst verstehen«, Kohlhammer Verlag

Dies war der erste Teil des Artikels, in dem C. G. Jungs Grundlagen des Modells der analytischen Psychologie vorgestellt wurden. Den zweiten Teil finden Sie hier:<https://members.tattva.de/Analytische-Psychologie-und-Spiritualität/>

Schnocks-author

Zum Autor

Dieter Schnocks, Jahrgang 1950, ist Dipl.-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Dozent, Supervisor sowie Lehranalytiker.

Bildnachweis: © Adobe Photostock

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