Die unbekannte Religion der Jainas

Altes Wissen für eine moderne Welt

Autor: Dr. Patrick Krüger

Gewaltlosigkeit und Verzicht sind die höchsten Gebote der Religion des Jainismus, der neben dem Hinduismus und dem Buddhismus seinen Ursprung in Indien findet. Dieser Beitrag führt in die Geschichte, Ethik und Kosmologie dieser im Westen wenig bekannten Religionsgemeinschaft ein und stellt die Frage, wie ihre Prinzipien dem modernen Menschen als Orientierung dienen können.

Aus der Kultur des alten Indien entwickelten sich drei Religionen, die bis heute fortbestehen: Brahmanismus, Buddhismus und Jainismus. Der Brahmanismus lebt fort in den hinduistischen Religionen, denen heute die Mehrzahl der indischen Bevölkerung angehört. Der Buddhismus verschwand im 12. Jahrhundert aus Indien und verbreitete sich über weite Teile Asiens. Der Jainismus wird häufig übersehen und ist im Westen außerhalb religionswissenschaftlicher Kreise nahezu unbekannt. Obwohl er heute zu den kleineren Religionsgemeinschaften Südasiens gehört, ist sein Beitrag zur indischen Kultur und Geistesgeschichte beträchtlich. Ebenso wie der Buddhismus ging der Jainismus aus einer asketischen Reformbewegung hervor, die sich um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends der geistigen Vormachtstellung der Brahmanen entgegenstellte. Anstelle des vedischen Opferwesens verkündeten deren Vertreter einen Erlösungsweg, der auf Weltentsagung und strengster Askese beruhte. Während der letzten Jahrzehnte entstanden zahlreiche jainistische Gemeinden in der Diaspora, vor allem in Nordamerika, Europa und Afrika. Mit der Ausbreitung des Jainismus über die Grenzen Indiens hinaus suchen die Jainas heute zunehmend den Anschluss an interreligiöse Diskurse. Dabei betreibt der Jainismus keine Mission. Vielmehr versuchen seine Anhänger, der Welt zu vermitteln, welchen Beitrag der Jainismus zur Lösung der Menschheitsfragen anzubieten hat. Es ist daher an der Zeit, diese Religion näher kennenzulernen.

Ein Blick in die Geschichte

Um 600 v. Chr. kam es im nördlichen Indien zu gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüchen. Nach dem Niedergang der urbanen Zentren der Industal-Kultur hatte sich im nördlichen Indien eine dörfliche Kultur herausgebildet. Nun entstanden im Nordosten Indiens größere Städte, deren Bewohner verglichen mit dem dörflichen Umland in relativ kurzer Zeit zu Wohlstand gelangten. Die Entstehung der Städte brachte eine Spaltung der Gesellschaft mit sich. Während die Menschen in den Städten von Fortschritt und Wohlstand profitierten, empfand die dörfliche Gesellschaft das Leben zunehmend als entbehrungsreich und leidvoll. Aus der Literatur dieser Zeit lässt sich auch herauslesen, dass in weiten Teilen der Bevölkerung große Furcht vor dem Tod herrschte. Die überlieferten Religionen boten den Menschen weder Hoffnung noch einen Ausweg aus ihrer Situation, und so entstanden in dieser Zeit neue religiöse Bewegungen. Diese hinterfragten die Wirksamkeit regelmäßiger Opfer und der Unterordnung unter die herrschende gesellschaftliche Ordnung. Wanderasketen predigten im nordöstlichen Indien nun eine Lehre, die Erlösung durch Askese versprach und sich dem Besitzstreben der städtischen Bevölkerung entgegenstellte.

Aus den Lehren dieser Asketen gingen schließlich der Buddhismus und der vermutlich etwas ältere Jainismus hervor. Auch einige andere Wanderprediger und ihre Lehren werden in der buddhistischen Literatur genannt, die meisten verschwanden jedoch nach einiger Zeit und mit ihnen die von ihren Anhängern gepredigte Lehre.

Die genauen Umstände, die zur Gründung einer jainistischen »Urgemeinde« führten, sind nicht überliefert. Ebenso unbekannt sind die geistigen Lehrer und Anführer, die an diesem Prozess beteiligt waren. Zumindest aus historischer Perspektive verliert sich ihre Spur im Dunkel der Geschichte. Trotzdem kennt die jainistische Überlieferung eine Gründerfigur: den Wanderprediger Vardhāmana Mahāvīra, genannt der Jina (»Sieger«).

Der Jina

Die in den jainistischen Schriften überlieferte Legende berichtet von einem Prinzen, der auf den Thron verzichtete und stattdessen als Wandermönch durch das Land zog, bevor er nach langen Jahren der Askese schließlich die Allwissenheit und Erlösung erlangte. Die Geschichte dieses Prinzen existiert in verschiedenen Fassungen, die im Laufe der Zeit erweitert und ausgeschmückt wurden. Die bekannteste Version dieser Erzählung ist im Kalpasūtra enthalten, einem Text, der vermutlich im 3. oder 4. Jahrhundert vollendet wurde.

Viele Existenzen hatte die Seele des künftigen Jina bereits durchlebt und sich dabei schrittweise von allen karmischen Verstrickungen befreit. Schließlich inkarnierte sich die Seele im Körper eines Gottes und verweilte für einen sehr langen Zeitraum in den Himmeln, bevor sie zu ihrer letzten Existenz auf die Erde hinabstieg, denn nur in einem menschlichen Dasein kann der Weg zur Erlösung beschritten werden. Hier setzt die Erzählung über das Leben und Wirken Mahāvīras ein, die in der frühesten Fassung die Ereignisse von seinem Herabstieg bis zur ersten Predigt umfasst.

Mahāvīra manifestierte sich als Embryo im Körper der Brahmanin Devānandā, die in dem von Brahmanen bewohnten Teil des Dorfes Kuṇḍagrāma lebte. Nachdem Mahāvīra in ihren Leib eingetreten war, erschienen der schlafenden Brahmanin vierzehn Traumbilder. Am nächsten Morgen berichtete Devānandā ihrem Gemahl, dem Brahmanen Ṛṣabhadatta, von den Träumen, und er erklärte ihr deren Bedeutung. Diese 14 Glück verheißenden Träume kündigen die Geburt eines Sohnes an, der ganz im brahmanischen Sinne Gelehrsamkeit und höchste Kenntnis der vier Veden erlangen würde.

Zur gleichen Zeit befand sich der Götterkönig Sakra mit seinem Hofstaat in der Versammlungshalle seines himmlischen Palastes und erfreute sich an Musik und Tanz, als plötzlich sein Thron erzitterte. Er erkannte, dass der künftige Jina auf die Erde herabgestiegen war und seiner Geburt entgegensah, und verneigte sich voller Freude, denn die Götter verehren die Jinas und unterstützen sie auf ihrem Weg zur Erlösung. Nachdem er sich dreimal verneigt hatte, bemerkte Sakra jedoch, dass Mahāvīra sich als Embryo in den Leib einer Brahmanin inkarniert hatte, und er überlegte: »Niemals geschah es, noch geschieht es oder wird es künftig geschehen, dass ein Jina in eine niedere Familie, eine niederste Familie, eine arme Familie, eine mittellose Familie, eine bedürftige Familie, eine Bettlerfamilie oder eine Brahmanenfamilie eintrat, eintritt oder eintreten wird. Tatsächlich ist es so, dass Jinas in edle Familien, reiche Familien, königliche Familien geboren werden.« Daraufhin rief er den gazellenköpfigen Gott Hariṇaigameṣin herbei und beauftragte ihn, den Embryo des künftigen Jina in den Körper einer Frau aus angemessener Familie zu übertragen.

Hariṇaigameṣin entnahm daraufhin den Embryo aus dem Körper der Devānandā und trug ihn vorsichtig auf seiner Handfläche zu einem Palast, wo er ihn in den Körper der schlafenden Fürstin Triśalā einsetzte. Mahāvīra war sich der Umbettung bewusst, den beiden Müttern blieb der Austausch hingegen verborgen.

Als nun der Embryo in den Leib der Fürstin Triśalā eingesetzt worden war, da träumte auch sie die 14 Glück verheißenden Träume. Am nächsten Tag berichtete sie ihrem Gemahl, dem Fürsten Siddhartha, von ihren Träumen und dieser ließ umgehend eine Gruppe gelehrter Brahmanen herbeirufen, um die Traumbilder zu deuten. Diese Traumdeuter verkündeten dem Fürsten, dass die Träume die Geburt eines großen Herrschers oder eines Weisen und Erlösers ankündigten. Siddhartha war erfreut, denn er hoffte auf einen würdigen Thronfolger, und reich beschenkt entließ er die Traumdeuter.

Nach neun Monaten und siebeneinhalb Tagen gebar Triśalā einen gesunden Sohn. Von seinen Eltern erhielt er den Namen Vardhāmana (»der Gedeihende«) und lebte 30 Jahre im Palast seiner Eltern. Später nannte man ihn aufgrund seines Gleichmutes und seiner Standfestigkeit in der Meditation Śramaṇa (»Asket«) und von den Göttern erhielt er schließlich den Ehrentitel Mahāvīra (»großer Held«), unter dem er allgemein bekannt ist.

Über das Leben des Prinzen wird in der Legende kaum berichtet. Mahāvīra wurde mit einer Prinzessin verheiratet, die kurze Zeit später eine Tochter gebar. Nach dem Tod der Eltern entsagte der Prinz mit Erlaubnis seines Bruders dem weltlichen Leben und wurde Wanderasket.

Viele Jahre zog er durch das Land und übte sich in strengster Askese. Was Mahāvīra während dieser Wanderjahre erlebte, wird in der frühen Fassung der Jina-Legende nicht erzählt. Erst später werden Episoden hinzugefügt, die berichten, dass er in dieser Zeit zahlreichen Prüfungen unterworfen wurde, die teils von Göttern veranlasst und von Tieren oder Menschen ausgeführt wurden. Trotz dieser Störungen erlangte er im 13. Jahr seiner Wanderschaft die Allwissenheit und hielt seine erste Predigt vor der jainistischen Gemeinde.

Die Erlangung allumfassenden Wissens ist das oberste Ziel des jainistischen Erlösungswegs und ist die Voraussetzung für das Ausscheiden aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. In diesem Sinne darf die Allwissenheit (kevalajñāna) als Entsprechung zum buddhistischen Erwachen (»Erleuchtung«) verstanden werden. Mahāvīra zog noch fast 30 Jahre predigend durch das nordöstliche Indien, bevor er mit 72 Jahren starb und zum Ort der erlösten Seelen am Scheitelpunkt des Universums aufstieg. Die Erzählung über das Leben des Jina Mahāvīra von seiner Geburt bis zur Erlösung wurde erst vergleichsweise spät verfasst und entstand wohl unter dem Einfluss der Buddha-Legende. Dies belegt die große Ähnlichkeit des Lebensweges beider Religionsstifter.

Die Lehre der Jinas

Jede Religion verfügt über Vorstellungen, wie ein gelungenes Leben geführt werden kann. Die Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit, das heißt von ›richtigem‹ und ›falschem‹ Wissen, dient dem Menschen dabei als Wegweiser, der Richtung und Ziel des individuellen Lebensweges bestimmt. So beginnt das Tattvārthasūtra, ein Buch über das Wissen und die Lehrinhalte des Jainismus aus dem 4. oder 5. Jahrhundert, mit der Feststellung: »Die richtige Sichtweise, das richtige Wissen und das richtige Verhalten – das ist der Weg zur Erlösung.«

Mit dem »richtigen Wissen« ist hier die jainistische Lehre gemeint, ohne deren genaue Kenntnis der Weg zur Erlösung nicht beschritten werden kann. Die Verkündung durch Predigt oder Unterweisung war vermutlich über einen langen Zeitraum die gängige Praxis im Jainismus, um dieses Wissen zu verbreiten. Die Bewahrung und Weitergabe der Lehre war den Wanderasketen im alten Indien, denen Besitz nicht erlaubt war, nur durch genaue Kenntnis der Lehrinhalte und mündliche Weitergabe vom Lehrer an Schüler oder die sich schrittweise herausbildende Gemeinde von Unterstützern möglich. Damit wurde gewissermaßen die von Mahāvīra praktizierte mündliche Vermittlung der Lehre fortgesetzt. Diese Tradition lebt in einigen älteren Werken der jainistischen Literatur fort, in denen religiöse Fragen in Gestalt eines Dialoges erklärt werden, wobei der Schüler seinem Meister Fragen stellt, die von diesem beantwortet werden.

Diese Lehre in ihrer heutigen Gestalt umfasst eine umfangreiche, weitgefächerte Literatur, deren Kern auf die Verkündung des Jina Mahāvīra zurückgehen soll und deren älteste Teile bis in die ersten vorchristlichen Jahrhunderte zurückreichen. Im Verständnis der Gläubigen beinhaltet diese Lehre jedoch nicht den von einem Menschen erdachten Erlösungsweg, sondern eine seit Ewigkeiten bestehende Wahrheit, die entsprechend der Ordnung von Welt und Kosmos die Seele aus dem Kreislauf ewiger Wiedergeburt herausführt; sie wurde von Mahāvīra erneut verkündet. Die Überlieferung berichtet weiterhin, dass vor Mahāvīra bereits 23 weitere Jinas diese Lehre verkündet haben. Aus religionsgeschichtlicher Sicht bedeutet dies, dass die Erinnerung an einen Ordensgründer, der am Anfang der jainistischen Tradition stand, in späterer Zeit erweitert wurde, um der Lehre und Ordenstradition eine historische Tiefe zu verleihen und damit die Autorität des Lehrgerüstes zu stärken.

Die jainistische Ethik basiert grob gesagt auf fünf grundlegenden Prinzipien, die das zur Erlösung führende rechte Verhalten des Gläubigen bestimmen: Gewaltlosigkeit (ahiṃsā), keine Unwahrheit sprechen (asatya-tyāga), nicht stehlen (asteya), Enthaltsamkeit (brahmacarya) und Besitzlosigkeit (aparigraha). Diese Grundprinzipien bilden gleichzeitig den Kern der Gelübde, die jainistische Asketen und – in vereinfachter Form – auch die Gläubigen des Laienstandes ablegen.

»Gewaltlosigkeit beinhaltet zunächst eine friedliche Haltung gegenüber allen Lebewesen, Menschen ebenso wie Tieren.«

Das oberste Gebot im Jainismus ist die Gewaltlosigkeit. Kaum eine andere Religion stellt das Gebot unbedingter Gewaltlosigkeit und das Recht aller Lebewesen auf Unversehrtheit so sehr in den Mittelpunkt wie der Jainismus. Praktizierte Gewaltlosigkeit beinhaltet zunächst eine friedliche Haltung gegenüber allen Lebewesen, Menschen ebenso wie Tieren. Je mehr Gewaltlosigkeit in der Welt verbreitet ist, desto weniger Furcht herrscht unter den Menschen und desto friedlicher ist das Zusammenleben. Gewaltlosigkeit erzeugt Gleichmut und Mitgefühl und reduziert die Angst vor Alter, Krankheit und Tod. Die jainistische Ethik verbietet aber nicht nur die direkte Anwendung von Gewalt, sondern auch jedes Verhalten, das andere zu Gewalt anhält.

»Der moderne Jainismus diskutiert zunehmend auch Fragen von Klima- und Umweltschutz unter dem Gesichtspunkt der Gewaltlosigkeit.«

Gewalttätige Handlungen sollen auch in Gedanken vermieden werden, denn Gewaltfantasien gelten ebenso als praktizierte Gewalt. Zur Gewaltlosigkeit gehört beispielsweise die Einhaltung strenger Speiseregeln. Der moderne Jainismus diskutiert zunehmend auch Fragen von Klima- und Umweltschutz unter dem Gesichtspunkt der Gewaltlosigkeit.

Ein weiteres Grundprinzip insbesondere des philosophischen Denkens und der Erkenntnistheorie ist eine besondere Form des Relativismus, nach der in bestimmten Situationen und aufgrund der Beschränkungen des menschlichen Geistes mehrere Wahrheiten in Betracht zu ziehen sind. Dieser Ansatz gehört streng genommen nicht zur Reihe der vorangehend skizzierten Grundprinzipien, ist aber einer der zentralen Denkansätze der jainistischen Philosophie und gilt darüber hinaus als wichtiges Beispiel für die besondere Toleranz, die dem Jainismus zugeschrieben wird. Dieses Prinzip heißt Anekāntavāda, das bedeutet frei übersetzt »Lehre vom relativen Pluralismus«. Dieser Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass die Wahrheit niemals nur von einem Standpunkt aus erfasst werden kann und man sich einer philosophischen Frage stattdessen aus mehreren Perspektiven nähern sollte.

Karma und Wiedergeburt

Ebenso wie im Buddhismus und in den hinduistischen Religionen werden auch im Jainismus die Lebensumstände des Individuums durch Taten und Handlungen erklärt, die in früheren Existenzen begangen wurden. Ursächlich ist dabei das Karma. Die jainistische Karma-Theorie unterscheidet sich von buddhistischen und hinduistischen Vorstellungen.

»Im Jainismus bildet der Verzicht eine wesentliche Grundvoraussetzung auf dem Weg zur Erlösung.«

Im Jainismus bildet der Verzicht eine wesentliche Grundvoraussetzung auf dem Weg zur Erlösung. Dies beinhaltet nicht allein den Verzicht auf Besitz oder Reichtum, sondern schließt auch den Verzicht auf bestimmte Handlungsweisen wie etwa Gewalt mit ein. Gewaltverzicht ist neben Besitzlosigkeit eine wichtige Säule der jainistischen Lebensführung und ist nicht nur für die Mönche und Nonnen, sondern auch für die Gläubigen des Laienstandes eine verbindliche Voraussetzung.

»Endgültige Erlösung kann nur durch strenge Askese und die Einhaltung der Mönchsgelübde erreicht werden.«

Der jainistische Weg zur Erlösung besteht aus 14 »Tugendstufen« (guṇasthāna), von denen jede Stufe für eine Entwicklungsebene des Bewusstseins steht. Jede Wiedergeburt ermöglicht der Seele, diesen Entwicklungsweg ein Stück weiter in Richtung Erlösung zu beschreiten und sich aus anfänglicher Unwissenheit und Täuschung hin zu den unterschiedlichen Formen des Wissens und schließlich zur Allwissenheit zu entwickeln. Das Streben nach Reichtum und Besitz oder irdischen Freuden behindert den Gläubigen auf diesem Weg und führt zur Anhaftung von Karma an die Seele. Dies verhindert eine günstige Wiedergeburt und rückt die Erlösung der Seele in weite Ferne. Endgültige Erlösung kann nur durch strenge Askese und die Einhaltung der Mönchsgelübde erreicht werden.

Auf dem Weg zur Erlösung ist jedes Wesen auf sich selbst gestellt. Seine spirituelle Entwicklung basiert ausschließlich auf dem eigenen Handeln. Nach jainistischer Lehre ist keinerlei Hilfe von göttlichen Wesen zu erwarten. Zwar wird die Existenz von Göttern sowie höheren und niederen göttlichen Wesen nicht bestritten, nur beschränkt sich deren Macht und Einfluss auf die materielle Welt, und wie jedes andere Lebewesen unterliegen auch sie dem Gesetz des Karmas und sind dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt ausgesetzt.

Die Auffassung, dass ein Leben in Entsagung und Askese zur Erlösung führt, beschränkt sich in der indischen Glaubenswelt nicht allein auf den Jainismus, sondern wird beispielsweise auch von den Buddhisten vertreten. In der jainistischen Lehre wird der Verzicht jedoch besonders streng ausgelegt. So wird in der Jina-Legende berichtet, dass Mahāvīra nach seiner Ordination zunächst noch etwa ein Jahr das Gewand eines Bettelmönches trug, dieses aber ablegte und fortan nackt ging, um jeglichem Besitz zu entsagen. Diese strikte Form der Askese, die einen Verzicht selbst auf einfachste Kleidung beinhaltet, wird von den Anhängern der Digambaras, einer der beiden Hauptrichtungen des Jainismus, praktiziert. Die Śvetāmbaras legen das Gebot der Besitzlosigkeit weniger streng aus und gestatten den Mönchen und Nonnen den Besitz von Kleidung sowie einiger weniger Utensilien zur Körperpflege und für die Bewältigung des Alltagslebens.

Erlösung durch Askese

Askese ist im Jainismus also kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus der Gesetzmäßigkeit des Karmas. Zur Erlösung ist die vollständige Neutralisierung des an die Seele gebundenen Karmas notwendig, die allein durch rechten Lebenswandel entsprechend der jainistischen Ethik zu erreichen ist.

Der Jainismus unterscheidet 148 Kategorien von Karma, die in unterschiedlicher Weise wirken und die auf verschiedene Art getilgt werden. Während Karma jedoch bei Hindus und Buddhisten als transzendente Kraft verstanden wird, gehen die Jainas von einer stofflichen Form des Karmas, das heißt von karmischen Partikeln aus, die der Seele anhaften und auf diese Weise deren Schicksal und Wiedergeburt bestimmen.

Nach jainistischer Vorstellung existiert die Seele (jīva) als reines Bewusstsein und besitzt weder Form noch Körper. Durch die Handlungen des Individuums, in das die Seele inkarniert wurde, kommt es zur Anhaftung von Karma. Dabei werden solche Handlungen als verdienstvoll (puṇya) und somit »gut« angesehen, die zu einer günstigen Wirkung des Karmas führen. Negative oder Schaden bringende Handlungen führen hingegen zu einer ungünstigen Wirkung des Karmas und werden daher als schuldhaft betrachtet. Die im Lebewesen verkörperte Seele erzeugt auf diese Weise durch ihr Handeln, ihre Rede und ihr Denken eine ständige Einströmung von Karma, was sich günstig (verdienstvolles Handeln) oder ungünstig (schuldhaftes Handeln) auswirken kann. Das einströmende Karma bindet sich an die Seele und ruft entsprechende Denk- oder Handlungsweisen hervor. Die daraus resultierenden Gedanken und Taten des Lebewesens beeinflussen seine spätere Wiedergeburt in günstiger oder ungünstiger Weise. Das Einströmen des Karmas kann durch die Einhaltung bestimmter Vorschriften und Regeln, insbesondere die strikte Befolgung der jainistischen Lehre, abgewehrt werden. Das in die Seele eingeströmte Karma kann auch unter bestimmten Bedingungen aufgelöst, das heißt neutralisiert werden. Eine Möglichkeit zur Vernichtung von Karma bietet der jainistische Weg der Askese, wie ihn Mönche und Nonnen beschreiten. Ist die Seele befreit von Karma, wird sie vom Kreislauf ewiger Wiedergeburt erlöst und steigt auf an den höchsten Punkt des Kosmos, den Aufenthaltsort der Erlösten (siddhaloka).

Zur vermuteten Gründungszeit des Jainismus nahmen die Menschen das Leben als leidvoll und entbehrungsreich wahr. Dass sich die leidvolle Existenz in einem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt wiederholen sollte, so wie ihr Glaube es sie lehrte, erzeugte Angst und Verzweiflung. Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch nach Erlösung und dem Ausscheiden aus dem Geburtenkreislauf zu verstehen.

Die westlichen Gesellschaften der Gegenwart lagern die Erfüllung der Sehnsucht nach Wohlergehen und Schutz vor negativen Einflüssen nicht mehr in eine jenseitige Welt aus. In Gestalt eines von Erfolg, Wohlstand, Gesundheit, Erfüllung und Selbstbestimmtheit geprägten Lebens soll sich diese Sehnsucht im hier und jetzt erfüllen. Was aber bedeutet dann Verzicht in unserer Welt? Kann eine diesseitig gedachte »Erlösung« durch Verzicht erreicht werden? Der Jainismus lehrt seine Anhänger auch noch heute, dass Verzicht zu einem sinnvollen Leben beitragen kann. So können Laien eine freiwillige Beschränkung des Konsumverhaltens oder einen bewusst minimalistischen Lebensstil praktizieren.

Der Heilsweg der Gläubigen

Nicht jeder Anhänger des Jainismus wählt den Weg vollständigen Verzichts und tritt einem Mönchs- oder Nonnenorden bei. Im Jainismus finden die Gläubigen den gemeinschaftlichen Zusammenhalt über die Familienstrukturen hinaus innerhalb der Gemeinde, die sich aus dem Asketenorden und den Gläubigen (»Laien«) zusammensetzt. Anders als Mönchen und Nonnen, deren Erlösungsweg durch Verzicht gekennzeichnet ist, ist den Gläubigen ein Leben in Wohlstand erlaubt. Sie befinden sich auf ihrem Weg zur Erlösung noch auf einer der unteren Stufen und hoffen, durch günstige Wiedergeburt in einem späteren Leben den Weg des Asketen zu beschreiten.

Aus religionsgeschichtlicher Perspektive betrachtet liegen die Anfänge des Jainismus in einer Asketenbewegung, deren Heilsweg auf Verzicht basierte. Die jainistische »Urgemeinde« war daher wohl anfangs nicht mehr als eine Gruppe wandernder Asketen, die den Lehren ihres geistigen Oberhauptes folgend die Gegend des nördlichen Bihar durchwanderte. Dass eine solche Bewegung vor Probleme gestellt wird, sobald die Zahl ihrer Mitglieder stark ansteigt, liegt auf der Hand. Dass diese Asketenbewegung dennoch überleben konnte und sich von einer reinen Erlösungsbewegung zum religiösen System des Jainismus entwickeln konnte, liegt vermutlich vor allem an der Einrichtung eines »Laienstandes«.

Der asketische Weg zur Erlösung erforderte die Weltentsagung, die Aufgabe familiärer Bindungen sowie den Verzicht auf Wohnung und weltliche Güter. Physische Entbehrungen, das Studium der überlieferten Lehre und eine vorgeschriebene Askesetechnik waren weitere Voraussetzungen für das Erreichen der Erlösung. Dieser Weg bedeutet große Belastungen für diejenigen, die ihm folgen, und nicht jeder ist dazu bereit oder imstande. Um die Lehre für einen größeren Kreis von Menschen zugänglich zu machen, ohne sie alle zur Weltentsagung zu verpflichten, wurde ein alternativer Erlösungsweg entworfen. Dabei wurde der geistige Lehrer Mahāvīra vom Vorbild für die Asketen zum Verehrungsobjekt für die Gläubigen umgedeutet. Der ursprünglich menschlich gedachte Ordensgründer wird so zum übermenschlichen Wesen erhöht und seinen Anhängern entfremdet. Diese müssen nun nicht mehr dem Vorbild folgen, sondern reduzieren ihre Gefolgschaft stattdessen auf die Verehrung des religiösen Subjekts. Dies entlastet die Anhänger, denn der mühselige Pfad zur Erlösung wird ersetzt durch ein festgelegtes Ritual. Es führt zwar nicht zur vollständigen Erlösung, denn diese verlangt weiterhin den Weg der Askese, bietet den Gläubigen aber eine Heilsalternative und somit Hoffnung, ohne der Welt entsagen zu müssen.

Zu welchem Zeitpunkt sich ein jainistischer Laienstand formierte, ist nicht überliefert. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass dies bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt geschah. Ob damit in erster Linie die Versorgung einer wachsenden Zahl jainistischer Wanderasketen gesichert werden sollte, ist nicht überliefert. Aus historischer Sicht sind jainistische Laiengemeinden allerdings erst seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert in der Region von Mathura fassbar, wo ihre Angehörigen in den Inschriften steinerner Votivtafeln als Stifter genannt werden.

Die frühe jainistische Literatur richtet sich an die Asketen und berücksichtigt die Belange jainistischer Laienanhänger kaum. Erst in späteren Texten werden Gläubige als »Zuhörer« (śrāvaka oder śrāvikā) erwähnt; das meint Personen, die durch die Unterweisung gelehrter Mönche oder Lehrer (upādhyāya) die jainistische Lehre gehört haben und sich an die Laienregel (śrāvakācāra) halten.

Die Jina-Legende erweckt dagegen den Eindruck, dass die Laien immer schon fester Teil der jainistischen Weltordnung waren, wenn sie berichtet, dass die vierfache Gemeinde – bestehend aus Mönchen, Nonnen, männlichen und weiblichen Gläubigen – zusammenkam, um die Predigt des Jina zu hören, nachdem Mahāvīra die Allwissenheit erlangt hatte.

»Ziel der Gemeinschaft ist das Wohlergehen des Einzelnen, ohne anderen Menschen dabei Schaden zuzufügen.«

Ziel der Gemeinschaft ist das Wohlergehen des Einzelnen, ohne anderen Menschen dabei Schaden zuzufügen. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft ermöglicht geistige und materielle Kontinuität und schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität. Ein gelungenes Leben innerhalb einer Gemeinschaft erfordert aber auch Zugeständnisse. Wirtschaftliche und soziale Ambitionen des Einzelnen und das Wohlergehen der Gemeinschaft müssen im Gleichgewicht gehalten werden, ohne religiöse Regeln zu verletzen. Im Jainismus bedeutet dies, dass der einzelne Gläubige nicht zu strenger Askese verpflichtet ist.

Den vermeintlichen Widerspruch zwischen dem Wohlstand jainistischer Laien und der Verpflichtung zu Besitzlosigkeit und Enthaltsamkeit, die das Leben der Asketen bestimmt, hebt der Jainismus in seinen Schriften seit dem indischen Mittelalter durch das Postulat auf, Reichtum sei erstrebenswert und das Streben nach Wohlstand für Laien sogar verbindlich, solange dieses Streben nicht die Gier des Einzelnen befriedige, sondern der jainistischen Gemeinde zugutekomme. Der Wohlstand in der Gemeinschaft ermöglicht erst gemeinschaftsrelevante Aktivitäten wie Wohltätigkeit und Gemeinnützigkeit, was im Jainismus zunächst der Versorgung der Asketengemeinde zugutekommt.

Vom wachsenden Wohlstand jainistischer Gemeinden zeugte seit dem indischen Mittelalter vor allem das Stiftungswesen, das von reichen Gemeindemitgliedern getragen wurde. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl von Tempeln, teilweise mit angeschlossenen Bibliotheken (bhaṇḍḥāra), sowie Pilgerherbergen, die den Wanderasketen eine sichere Unterkunft auf ihren ansonsten gefahrvollen Wanderungen boten.

Die jainistische Lehre benötigte zunächst keine Tempel. Die religiöse Praxis bestand aus dem rechten Lebenswandel und der Einhaltung der Mönchs- oder Laiengelübde. Dennoch scheinen die jainistischen Laiengemeinden das ursprünglich von den Hindus eingeführte Tempelwesen rasch übernommen zu haben. Hinweise auf jainistische Tempel oder Schreine lassen sich in der Gegend von Mathura bereits für die ersten nachchristlichen Jahrhunderte belegen. Ein jainistisches Tempelwesen bildete sich seit dem 10. Jahrhundert in Gujarat heraus, wobei die Ausführung der Rituale in den Tempeln zumeist hinduistischen Tempelpriestern oblag.

Von religionsgeschichtlicher Seite wurde der Jainismus mit Blick auf die Asketengemeinde der Frühzeit als atheistische Religion beschrieben, da die Jainas die Existenz eines Schöpfergottes und Herrn aller Lebewesen leugnen. Tatsächlich wird jedoch die Existenz von Göttern sowie höheren und niederen göttlichen Wesen nicht bestritten, nur beschränkt sich deren Macht und Einfluss auf die materielle Welt, und wie jedes andere Lebewesen unterliegen auch sie dem Gesetz des Karmas und sind dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt ausgesetzt. In dieser Hinsicht stimmt das Gottesverständnis der Jainas auf gewisse Weise mit dem der Buddhisten überein.

Trotzdem entwickelte sich im Jainismus eine Verehrungspraxis, die neben den Jinas als den höchsten Wesen im alten Indien zunächst die Gottheiten der »Volksreligion« einschloss. Diese Gottheiten besitzen zwar nicht die Vollkommenheit der Jinas, sie stehen aber den weltlichen Bedürfnissen der Laien verständnisvoller gegenüber und wurden daher angerufen, um Wohlstand oder Gesundheit zu erlangen. Diese »Volksgottheiten«, die auch als Naturgeister (Yakṣa oder Yakṣī) bezeichnet werden, wurden schon recht früh in die jainistische Verehrungspraxis integriert und sind seit dem 5. Jahrhundert fester Bestandteil jainistischer Kultbilder. So flankieren beispielsweise Kubera und Ambikā den Jina; später wurden diesen Gottheiten eigene Kultbilder gewidmet und Tempel geweiht.

Eine Vielzahl jener Gottheiten, die in jüngerer Zeit von den jainistischen Laien um Hilfe und Wohlstand angerufen werden, wurde aus den hinduistischen Religionen übernommen und in einigen Fällen den jainistischen Bedürfnissen angeglichen. Einige der hinduistischen Götter werden in den mittelalterlichen Legenden der Jainas genannt, sind in ihrer Macht und Stärke jedoch den Jinas unterlegen. Im Mittelpunkt der Verehrungspraxis stehen daher die Jinas. Die Verehrungszeremonie wird üblicherweise vom Hausvater zu Hause vor dem Hausschrein oder von einem Priester im Tempel vollzogen und orientiert sich meist an den Gebräuchen der Hindu-Traditionen; von den Mönchen und Nonnen werden diese Rituale geduldet, aber in der Regel nicht selber praktiziert. Hier unterscheiden sich die religiösen Pflichten des Gläubigen von denen der Asketen.

Die rituelle Praxis der Gläubigen ist ausgerichtet auf die Anbetung der Jinas als entrückter Erlösergestalten sowie auf die Verehrung der Asketen, die der jainistischen Lehre in strenger Weise folgen und daher als Verkörperung des religiösen Ideals angesehen werden. Zusammengefasst werden Jinas und Asketen als Gruppe der »fünf höchsten Wesen« (pañca-parameṣṭhi) verehrt. Dies sind die Erlösten (arhat), womit die aufgestiegenen Jinas gemeint sind, sowie die Vollendeten (siddha), die religiösen Führer (ācārya), die geistigen Lehrer (upādhyāya) und die Asketen (sādhu). Die Verehrung dieser fünf höchsten Wesen wird durch das Namaskāra-Mantra ausgedrückt. Diese im Jainismus weithin bekannte Ehrerbietungsformel ist zugleich eine Art jainistisches Glaubensbekenntnis, das von den Gläubigen mehrmals am Tag rezitiert wird. Es lautet:

Verehrung den Erlösten,
Verehrung den Vollendeten,
Verehrung den religiösen Führern,
Verehrung den spirituellen Lehrern,
Verehrung allen Asketen,
Diese fünffache Anrufung vernichtet alle Sünden,
Von allen Glück verheißenden Anrufungen ist dies die am meisten Glück verheißende.

Als Asketenbewegung, die sich der brahmanischen Vorherrschaft entzog, wurde der Jainismus oft als die »Schwesterreligion« des Buddhismus bezeichnet. Trotz der bestehenden Konkurrenz beider Lehren und einer in der Literatur gepflegten gegenseitigen Abneigung spiegelt sich die enge Verwandtschaft nicht nur in der religiösen Praxis, in der Praktizierende beider Richtungen zeitweise wohl recht eng zusammenlebten, sondern auch in den Kunstwerken, die in denselben Werkstätten von denselben Handwerkern gefertigt wurden und daher in einigen Bereichen – insbesondere im Kultbild – eine ähnliche Symbolsprache verwenden. Später näherte sich der Jainismus hingegen den hinduistischen Traditionen und dem dort praktizierten Tempelwesen an. Während die Buddhisten den hinduistischen Tempelkult nur sehr eingeschränkt übernahmen, scheinen sich die Jainas diesen bis zum Mittelalter fast uneingeschränkt angeeignet zu haben, weshalb sich die Tempelbauten beider Religionen kaum unterscheiden.

Mensch und Kosmos

In der Auseinandersetzung mit Welt und Kosmos versucht der Mensch zu begreifen, welche Bedeutung und welches Gewicht Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft innerhalb des Universums haben und welche Auswirkung die eigene Lebensführung auf die Umwelt, auf gegenwärtige und zukünftige Lebensumstände hat. Die so gewonnenen Einsichten tragen dazu bei, die universalen Auswirkungen einer Lebensweise zu erkennen und in jeder Generation erneut um geeignete Lösungen zu ringen. Dies führt zur Erweiterung des Wissens, um neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Vor der Kulisse des Universums wird die Vielfalt der möglichen Ziele erkennbar, die das Beschreiten des im Jainismus skizzierten Weges eröffnet. Gleichzeitig offenbart sich die Rückwirkung der Verhaltensweisen von Gemeinschaft und Gesellschaft auf die eigenen Lebensumstände in Gegenwart und Zukunft, das heißt auf das Leben nachfolgender Generationen. In unserer modernen Lebensrealität erfahren wir die Resultate unseres Lebens unmittelbar, besonders in den Veränderungen der Umwelt, die zwischen Kultivierung und Zerstörung schwanken und das Leben nachfolgender Generationen bestimmen. Aus jainistischer Sicht reichen die Folgen unseres Handelns über das jetzige Leben hinaus in die kommenden Existenzen, wobei das Handeln vor allem die Art der nächsten Wiedergeburt bestimmt. Das traditionelle kosmologische Modell der Jainas reflektiert den karmischen Mechanismus, indem es wie eine Landkarte die möglichen Orte vorheriger und künftiger Existenzen aufzeigt. Die verschiedenen Zonen, in denen eine Wiedergeburt stattfinden kann, sind die mittlere Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen sowie die Himmel und die Höllen.

Aufbauend auf älteren Überlieferungen und kosmologischen Modellen haben jainistische Denker seit dem Altertum eine eigene Vorstellung von Form und Struktur der Welt und des Kosmos entwickelt. Diese traditionelle jainistische Kosmologie, die vor allem im indischen Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Thema zahlreicher literarischer Werke wurde, hat bis heute eine Bedeutung für die Gläubigen.

Nach jainistischer Lehre sind Welt und Kosmos sowie alle darin existierenden Seelen unerschaffen und existieren ewig. Eine Schöpfung der Welt ist im Jainismus nicht bekannt. Die Welt wird in dieser alten Tradition als scheibenförmig gedacht. Oberhalb der Welt befinden sich die Himmel und darunter die Höllen. Dieses sogenannte »Weltgebäude« hat eine recht ungewöhnliche Form, die in der jainistischen Überlieferung mit dem Bild von drei Schalen umschrieben wird, wobei die oberste Schale wie ein Deckel auf der mittleren Schale ruht, die ihrerseits auf der umgedrehten untersten Schale steht. Dieses Weltgebäude ist umgeben von unendlichem Raum, in dem kein Leben existiert.

In dieser unvergänglichen und unveränderlichen Welt verläuft die Zeit nach traditioneller Vorstellung in periodischer Wiederholung. Jedes Zeitalter besteht aus einer absteigenden und einer aufsteigenden Periode, die jeweils in sechs Abschnitte von unterschiedlicher Dauer aufgeteilt sind. Am Anfang steht ein goldenes Zeitalter friedlichen Zusammenlebens und immerwährenden Genusses. Mit der Zeit verschlechtern sich die Lebensumstände und es beginnen düstere Zeitalter, in denen das Wissen verschwindet und Neid und Gier die Menschen beherrschen. In dieser Epoche treten nacheinander die 24 Jinas auf, um Wissen und Lehre zu erneuern. Schließlich verschwindet die jainistische Lehre vollständig, und die Erde verödet. Damit ist die absteigende Periode abgeschlossen; mit dem Beginn der aufsteigenden Periode setzt langsam eine Besserung der Zustände ein, die nach langer Zeit wieder in ein goldenes Zeitalter führt.

Man könnte vermuten, dass eine traditionelle Kosmologie in der modernen Welt keinerlei Bedeutung mehr besitzt. Tatsächlich wird die jainistische Vorstellung des Kosmos einschließlich der darin herrschenden Ordnung von den Jainas nicht als ein Gegenentwurf zur westlichen Wissenschaft verstanden. Stattdessen gilt die traditionelle Kosmologie heute als eine Art spirituelles System, das die wissenschaftlichen Vorstellungen des Kosmos in spiritueller Hinsicht ergänzt. In der Vergangenheit wurde wiederholt der Versuch unternommen, die traditionelle Kosmologie mit dem naturwissenschaftlich geprägten westlichen Weltbild in Einklang zu bringen. Dabei wird der jainistische Kosmos meist als ein System jenseits unseres Universums beschrieben, das die materielle Welt gewissermaßen umgibt und somit auch das westliche kosmologische Wissen einschließt. Dies repräsentiert – ebenso wie die Bemühungen jainistischer Gruppen vor allem in Nordamerika und Europa, aus den Lebensregeln des Jainismus Konzepte für ein verträgliches, nachhaltiges und respektvolles Leben im 21. Jahrhundert zu formulieren – eine Haltung innerhalb des Jainismus, die bestrebt ist, das bis heute überlieferte alte Wissen für das Leben in einer modernen Welt nutz- und anwendbar zu machen.

Zum Autor

Dr. Patrick Felix Krüger; Studium der Indischen und Ostasiatischen Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin sowie Geschichte Südasiens und Islamwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin; daneben intensive Studien in Indologie, Tibetologie und Mongolistik. Als Indologe und Kunsthistoriker ist er spezialisiert auf die Kunst-, Kultur- und Religionsgeschichte des Jainismus im antiken, mittelalterlichen und modernen Indien.

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Bildnachweis: © Harsha Vinay

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