Im Vertrauensraum transparent sein

Wie Gemeinschaft gelingt

Autoren: Johannes Heimrath und Lara Mallien

Seit 45 Jahren leben Johannes Heimrath und Lara Mallien in einer Gemeinschaft, aktuell mit rund 30 Menschen. Wesentlich, um eine Gemeinschaft lebendig und gesund zu erhalten, sind für sie die ›weichen Faktoren‹, vor allem der Mut, sich einander zuzumuten. Zudem erfahren wir Erstaunliches über das Prinzip der Allmende und darüber, was Eigentum eigentlich wirklich bedeutet. Ein Blick in eine eigene Welt, die das ganze Leben umfasst.

Tattva Viveka: Heute begrüßen wir zwei Urgesteine der Gemeinschaftsbewegung, die sehr viel Praxiserfahrung haben und die ich seit 20 Jahren kenne: Lara Mallien und Johannes Heimrath. Als wir uns damals kennenlernten, habt ihr die Zeitschriften KursKontakte und Hagia Chora herausgegeben. Wir gründeten damals zusammen die Mediengruppe KulturKreative, einen Zusammenschluss von spirituell-kreativen Zeitschriften. Heute publiziert ihr Oya. Enkeltauglich leben! Ihr seid aber auch aktiv auf ganz vielen anderen Gebieten und lebt schon seit sehr langer Zeit in Gemeinschaft mit relativ vielen Menschen. Wie lange gibt es eure Gemeinschaft schon? 

»Der gemeinsame Nenner ist Zuneigung und die hat bis heute gehalten.«

Johannes Heimrath: Wir existieren seit 45 Jahren, und wir können mit Fug und Recht sagen, wir sind die älteste intentionale Gemeinschaft in Deutschland, deren Gründer:innen-Gruppe nach wie vor zusammenlebt. Das ist schon etwas Eigenartiges. Manchmal fragen die Leute: Wie habt ihr das gemacht? Was hält euch zusammen? Habt ihr ein Glaubensbekenntnis oder eine Ideologie? Dann müssen wir passen. Das Einzige, was wir sagen können, ist, wir mögen uns. Der gemeinsame Nenner ist Zuneigung und die hat bis heute gehalten. Es sind natürlich in der Zeit Menschen zu uns gewachsen, Kinder, Freunde von Kindern, Menschen, die unser Umfeld und das, was wir machen, gut fanden und sich nach und nach angegliedert haben. Aber es war immer die Basis, dass wir so etwas wie eine Großfamilie sind – nicht blutsverwandt, sondern wahlverwandt, und das ist das Kennzeichen, das uns bis heute trägt. Auch wenn man Klein Jasedow besucht, den Ort, in dem wir jetzt leben, kurz vor der Insel Usedom, dann trifft man auf eine familiär zusammenlebende Gemeinschaft von ungefähr 30 Menschen in allen Generationen und davon ist die überwiegende Anzahl weiblich, die geringere Zahl männlich. Die beiden Differenzierungen haben wir. Andere sind uns intern noch nicht bekannt geworden.

Kinderzirkuscamp am Lehmhaus

TV: Ihr habt ein sehr rühriges Leben, das habe ich immer schon bei euch gesehen. Ihr seid unglaublich aktiv, ökologisch, politisch, künstlerisch, in der Region, bundesweit, weltweit, online, offline. Und ihr seid auch irgendwie pragmatisch. Ihr seid nicht allzu unversöhnlich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten, die es halt so gibt.

Ihr habt eine sehr individuelle Geschichte als Gemeinschaft. Bei euch ist der Begriff der Familie zentral. Es geht um Zuneigung, das Nest und dann die Kunst, die Musik und du hast den Begriff intentionale Gemeinschaft erwähnt. Ihr habt eigentlich kein ideelles Zentrum in eurer Gemeinschaft in dem Sinne, dass ihr eine bestimmte Politik oder eine bestimmte Religionsform habt, die einen festen Rahmen gibt, wo sich die Mitglieder einordnen. Dieter Halbach nannte das die »leere Mitte« solcher Gemeinschaften. Man schließt sich nur um der Gemeinschaft willen zusammen. Dann kann es aber auch leichter Instabilitäten oder Herausforderungen innerhalb der Gemeinschaft geben. Was würdet ihr Leuten raten, die eine Gemeinschaft gründen wollen? Was ist denn diese Mitte bei euch? Oder was ist das, das Stabilität bringen kann?

Sich einander zumuten

Lara Mallien: Da fällt mir als Erstes ein: die Bereitschaft, sich einander zuzumuten.

TV: Interessant.

Johannes: Ja, das ist ein ganz wichtiges Wort. Da steckt ›Mut‹ drin. Ich würde nicht nur die Bereitschaft sagen, sondern der Mut, sich einander zuzumuten. Das ist ganz kongruent mit einem Satz, den wir von der leider tödlich verunglückten Silke Helfrich geschenkt bekommen haben: im Vertrauensraum transparent sein. Das heißt, um sich einander zumuten zu können, musst du sichtbar sein. Und diese Sichtbarkeit erfordert Mut. Das heißt nicht, dass man sich bis auf die Knochen entblößt, sondern sichtbar ist in seinen Intentionen, in der Art und Weise, wie man handelt. Der Vertrauensraum ist notwendig, damit du das ohne Angst tun kannst. Ich habe in früheren Jahren viele Gemeinschaften beraten, und es war immer die Kernfrage, ob jemand überhaupt sicher ist, dass er oder sie ein Gemeinschaftsmensch ist. Diese Frage muss ja zunächst erst einmal beantwortet werden, und da gibt es viele Illusionen.

Dann kommen Antworten wie: Ja, natürlich, und ich brauche Gemeinschaft, denn wenn ich in Gemeinschaft bin, dann geht es mir besser, dann kann ich mich besser organisieren, dann kommen die ganzen Sehnsüchte und die Einsamkeit hervor.

Unsere beiden wichtigsten Sätze sind: Was kann ich dazu beitragen, dass Gemeinschaft gelingt? Das heißt, Gemeinschaft ist etwas, in das muss ich etwas investieren, damit überhaupt entsteht, was wir Familie oder Nest nennen. Der andere Satz heißt: Was kann ich unterlassen, das dich stört? Vielleicht kann ich nicht alles unterlassen, dann muss ich auch fragen, warum stört es dich? Warum stört mich etwas von dir? Wenn man sich an diesen Fragen entlanghangelt, kommt man auf eine Verfasstheit, die voller Respekt für den anderen ist und auf der anderen Seite den Herausforderungen, denen der andere und man selbst sich gegenüberstellt, nicht ausweicht. Das sind Prozesse, die dauern manchmal Jahre.

Man kann wohl kaum jahrelang konfliktfrei leben. Wir haben ein sehr positives Verhältnis zu der Idee des Konfliktes. ›Confligere‹ heißt auch ›sich einander zuneigen‹, interessanterweise. Konfrontation, das hat mit der Stirn zu tun: die Stirnen, die man aneinanderlegt. ›Con frons‹, ›frons‹ ist die Stirn. Man kann natürlich wie die Böcke aufeinander zustürmen, oder man kann sich einander zuneigen. Dann hat man eine Konfrontation. Wir versuchen, diese Begriffe mit diesen Inhalten zu füllen – übrigens nicht nur für uns privat, sondern das zeichnet auch einen großen Teil der Arbeit im Oya-Zusammenhang aus, dass wir die Wörter, die wir verwenden, hinterfragen und reframen [ihnen einen neuen Rahmen geben, die Red.], um ganz klar zu sein, was wir meinen. Das ist wieder ein Beitrag dazu, transparent zu sein.

Das Selbst und der andere

Lara: Du hast ja gefragt, was wir Gemeinschaften in Gründung empfehlen würden. Ich finde es gut, wenn die Mitte einer Gemeinschaft »leer« ist, also wenn in ihr keine Ideologien oder sonstigen »Lehren« stehen. Andererseits glaube ich, wenn in der Mitte ausschließlich die Befriedigung von Bedürfnissen steht, wird eine Gemeinschaftsgründung nicht gelingen. Über Bedürfnisse hinaus geht es meiner Erfahrung nach um einen Spirit, von dem es gut ist, wenn der da ist. Eigentlich ist er für mich immer da, wenn Menschen welcher Art auch immer in einer gebenden, füreinander sorgenden Weise zusammen sind und dieses Geben und Füreinandersorgen wichtiger sind als die Ego-Probleme. 

»Das, was ich geben kann, lässt sich kultivieren, aber das wird selten ausgedrückt.«

Oder wo die eigenen Bedürfnisse und die der anderen als Balance oder als Polarität verstanden werden, die etwas Drittes, was über die Einzelnen hinausgeht, hervorbringt. Das, was ich geben kann, lässt sich kultivieren, aber das wird selten ausgedrückt. Ich erlebe viele Menschen im Moment als sehr bedürfniszentriert. Die Generation, die zehn Jahre jünger ist als ich, fragt so häufig nur: »Wie kann ich für mich irgendwie sorgen, wie kann ich mir Gutes tun?« Da kriege ich oft zu viel, weil das die Sicht verkleistert, weil die Kraft, die entsteht, wenn du bedingungslos gibst, verloren geht. In dem bedingungslosen Geben ist keine Angst, schon gar nicht die Angst, selbst zu kurz zu kommen. Auch dieses Sich-einander-Zumuten ist ein Sich-Geben. Das heißt ja nicht, dass ich mich selbst verneine und nicht für mich sorge. Dass ich das tue, ist eine Selbstverständlichkeit.

Was ich beschreiben will, ist die Polarität aus Freiheit und Verbundenheit. Meine Erfahrung ist, dass überall, wo Menschen intuitiv oder weil sie es in langer Erfahrung durchdrungen haben, aus einer großen Selbstverständlichkeit heraus diese Polarität leben, eine große Kraft und eine Schönheit freigesetzt wird, und was sie tun, reicht dann immer über sie selbst hinaus. Es geht nicht in erster Linie um sie selbst, sondern um das, was entsteht, wenn alle etwas beitragen, damit es in der Welt schön ist. Ganz einfach eigentlich. Wahrscheinlich passiert das auch in den normalsten Zusammenhängen der Welt, es funktioniert in Nachbarschaften oder es passiert zwischen Menschen, die sich gar nicht Gemeinschaft nennen. Dabei entsteht für mich so etwas Grundgutes. Dem auf der Spur zu sein und nicht das Gefühl zu haben, dass das Hexenwerk ist, sondern dass es etwas Grundnormales ist, finde ich wertvoll. Von all dem Zivilisationsmüll und von üblichen Konditionierungen, die uns irgendwie dazu bringen, um uns selbst zu kreisen, wird das leider oft zugedeckt.

2014 feierte die Gemeinschaft Lernort-Feste, zu denen sie Menschen einluden, mit ihr neu über den Ort nachzudenken.

Für mich ist Gemeinschaftsleben eine Art, indigen zu werden. Deshalb hat für mich Leben oder gutes Leben oder auch Leben in Gemeinschaft etwas mit Dekolonisierung zu tun. Verstehen zu lernen, wie ich nehmen und geben kann – zu verstehen, wie mich das Land und die Menschen um mich nähren und wie ich sie wiederum nähren kann, und dass dieses Einander-Nähren jegliche Ängste vertreibt, die uns Tausende von Jahren Patriarchat eingeschrieben haben –, das ist für mich Gemeinschaftsbildung, und die Gemeinschaft kann alle nur möglichen Formen annehmen. Es braucht für mich keinen größeren ideellen Überbau als das, und letztlich ist es aber auch etwas, das du in spirituellen Kontexten ganz leicht als Kern ausmachst.

TV: Das finde ich sehr schön, dass ihr auf diese Ebene der Softskills eingeht und weniger diese praktischen, technischen oder organisatorischen Dinge hervorhebt.


Softskills

Johannes: Ja, um die geht es ja in erster Linie! Alles andere ergibt sich dann. Viele Menschen stellen dazu Fragen, zum Beispiel: Wie entwickele ich überhaupt die Fähigkeit, geben zu können? Ich bin ja gar nicht getröstet. Dann kann man natürlich fragen, ob ich in der Lage bin, dich zu trösten oder Trost zu geben. Wenn nicht, wer könnte dich denn trösten? Suche doch. Das sind schon Verbindungspunkte, an denen es anfängt, und getröstet zu sein, bedeutet, überhaupt die Fähigkeit entwickeln zu können, geben zu können. In den frühen Jahren, wo wir solche Sachen stark für uns selbst erarbeitet haben, war uns ganz klar, ich muss doch befriedigt sein, um geben zu können. Ich kann doch nicht als unbefriedigter Mensch erwarten, dass eine Gemeinschaft mich von hinten bis vorne versorgt. Wir hatten Beispiele von Leuten, die mit solchen Ansprüchen auf uns zugekommen sind. Sich zufrieden zu machen, ist eine wichtige Aufgabe, und dazu gehört, dass ich dafür etwas tun muss.

Zum Beispiel mussten zwei Leute von uns einfach mal nach Jamaika fliegen. Wir stellten ein Sparschwein auf und jeden Mittwoch, wenn wir zusammenkamen, warfen alle ihr Kleingeld aus der Hosentasche in dieses Sparschwein, um den beiden ein Ticket zu ermöglichen, damit sie ihren Sehnsuchtstraum erfüllen konnten. Solche Dinge haben wir in den verschiedensten Methoden und Praktiken für uns entwickelt. Wir versuchen, füreinander so zu sorgen, dass alle das Gefühl haben, ihre wichtigsten Bedürfnisse sind tatsächlich erfüllt, und dass sie Hilfe dafür bekommen, sich selbst zu einem Gemeinschaftswesen entfalten zu können.

Lara: Wenn da jetzt das Bild entsteht, dass …

Johannes: Wir sind keine therapeutische Gemeinschaft!

Lara: Ja, das war jetzt mein Bedenken, dass das Bild entstehen könnte, dass Leute mit ganz viel Gemeinschaftserfahrung bei uns rumsitzen, die andere mit aufs Gleis bringen. Das ist nicht der Fall.

Johannes: Nein, aber wir ermutigen beispielsweise Menschen, für sich selbst zu sorgen. Niemand redet mir da rein, wenn ich Bücher kaufe, die für mich wichtig sind, oder jemand anderes braucht Videos und wieder jemand anderes braucht irgendwelche Schuhe oder Leckereien. Die Bedürfnisse sind dann am Ende ziemlich schlicht, wenn man so weit gekommen ist. Und die werden selbstverständlich erfüllt, ohne dass irgendjemand mit der Wimper zuckt. Weil alle wissen, es muss uns insgesamt allen gut gehen, jedem Einzelnen, damit dann die Gemeinschaft auch wirklich blüht und gedeiht.

Intersubjektivität

TV: Das war auch eine meiner Fragen: Inwiefern sind Heilung und persönliche Entwicklung eine wichtige Voraussetzung, um in einer Gemeinschaft zu leben? Aber ich habe jetzt noch eine speziellere Frage: Und zwar scheint mir bei euch dieses Intersubjektive, das Zwischenmenschliche, eine ganz eigene Qualität zu haben. Die üblichen Empfehlungen, wie man sein Leben verbessert, sind doch sehr individualistisch. Man sagt dir, du bist für dein Glück selbst verantwortlich. Sieh halt, wie du das hinkriegst. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Das Intersubjektive fällt da manchmal hinten runter. Ihr habt andere Erfahrungen, wie mir scheint. Wie seht ihr das?

Johannes: Grundsätzlich ist es ja richtig, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Aber das ist auch eine Lernaufgabe. Wir möchten jetzt hier bei uns einen Lernort schaffen (s. Kasten). Dazu gehört, zu lernen, wie ich für mich so einstehen kann, dass ich ein gutes Gemeinschaftsmitglied sein kann.

Lara: Ja, und gleichzeitig bist du ja auch für das Ganze verantwortlich. Du prägst die Atmosphäre durch die Art, wie du mit den Menschen interagierst. Es gibt jede Menge gemeinschaftlich zu meisternde Aufgaben: Essen kochen, Wäsche machen, Garten versorgen, Gelände pflegen, Hühner füttern. Wer macht das Holz? Wer sammelt nach dem Sturm die heruntergefallenen Äste von den Wiesen? Vieles ist bei uns in Haus und Hof eingespielt, anderes weniger. Das ganz normale Leben bringt dich immer wieder in Verantwortlichkeiten, Herausforderungen und in Notwendigkeiten hinein. Die entwickeln dann ein spannendes Wechselspiel mit der Frage: Was ist es, das ich wirklich, wirklich will? Es gibt in unserer Gemeinschaft keine Vereinbarungen dazu, wer wie viel von welchen Alltagsaufgaben erledigen muss, aber wir erwarten voneinander ein maximales Commitment (eine Verpflichtung), das zu geben, was wir können. Das ist der eine Pol, das zu tun, was ich zum Ganzen beitragen kann, und auf der anderen Seite das zu tun, was ich wirklich, wirklich will. Und wenn jemand das drei Jahre lang einfach nicht herausfindet, ist das okay.

Oikos – der Haushalt

Johannes: Ganz wichtiges Stichwort: ›Haushalten‹ – weil ich vorhin von der Ökologie gesprochen habe. ›Oikos‹, der Haushalt, das hat tatsächlich ganz weitreichende Folgen für uns gehabt, diesen Begriff zu füllen. Da gehört einerseits das Motiv des Biotops dazu. Ein Biotop ist dann sehr resilient, wenn möglichst viele Arten darin vorkommen. Das bezeichnet auch die Art und Weise, wie wir uns als Gemeinschaft verstehen. Wir sind lauter diverse Menschen, die überhaupt nicht über einen Kamm zu scheren sind. Es gibt krasse Gegensätze zwischen uns, und das zeichnet uns als Biotop aus und macht uns resilient. Das bedeutet aber, dass alle ihre Freiräume brauchen und dass die ihnen von allen anderen auch gegeben werden müssen. Das ist eines der Commitments, die wir haben.

»Wir sind lauter diverse Menschen, die überhaupt nicht über einen Kamm zu scheren sind.«

Weil du vorhin Intersubjektivität genannt hast: Für uns besteht die Welt inzwischen aus weitaus mehr Subjekten als nur uns Menschen. Wir sind total eingebunden in das, was wir mit einem gelungenen Wort unseres Freundes David Abram »Mehr-als-menschliche Welt« nennen. Das heißt, die Einbindung in den Gesamtoikos ist das, was uns letzten Endes auch den Vertrauensraum gibt, denn wir sind ja umgeben von Lebewesen, ohne die wir überhaupt nicht existieren könnten. Wir müssen darauf vertrauen, dass die das tun, für uns. Also, was tun wir wiederum für sie? Das meine ich mit Intersubjektivität im erweiterten Sinn: Oikos, Ökologie, die Idee vom artenreichen Biotop und die Vorstellung, dass es eine Welt gibt, die mehr ist als wir Menschen. Wir tragen für diese Welt eine Verantwortung, die man nicht in Wörtern ausdrücken kann, denn niemand von uns spricht Bäumisch oder Grasisch oder Karpfisch oder Bakterisch. Das ist ja ein totales Unvermögen. Und trotzdem müssen wir mit dieser Welt gut kommunizieren, damit es auch uns wiederum gut geht. Es geht also viel weiter als nur um die Frage: Wie gründe ich eine Gemeinschaft?

Das Klanghaus

TV: Ja, genau, also man sieht hier, diese Ebene von menschlicher Gemeinschaft ist nur eine Facette in dieser größeren Gemeinschaft.

Johannes: Ja.

Unsere Ökonomie

Lara: Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich jetzt noch einmal schlicht erkläre, wie unsere gemeinsame Ökonomie funktioniert. Wir haben eine Stiftung gegründet. Ein Mitglied von uns hatte ein Haus von seinem Vater geerbt und konnte dann 2014 Klein Jasedow sozusagen freikaufen. Wir konnten Privatkredite und Bankkredite bei der GLS Bank zurückfinanzieren, indem die Stiftung unserer damaligen Firma die Häuser abkaufte. So ist der Grundbesitz ein Commons, das von einem Gefäß gehütet wird, das sich in dieser Welt ›Stiftung‹ nennt, unsere »Stiftung Zukunftswerk«. Sie vermietet ihre Räume an Menschen – eben an uns selbst – und an unsere kleinen Unternehmen und an einen Verein. Das ist unser gemeinnütziger Verein »Europäische Akademie der Heilenden Künste e. V.«. Angelehnt an den englischen Begriff der ›Healing Arts‹ hatten wir ganz früh, Ende der 90er-Jahre, gedacht, wir werden vor allem ein Lernort für die heilenden Künste, und dachten dabei an Musik und Bewegung, Tanz, Dichtung und Malerei. Inzwischen hat sich das erweitert, aber wir haben diesen sperrigen Begriff behalten, denn heilende Künste sind eigentlich alles, was Verbundenheit und inneren Ausdruck schafft.

Kastanienpflanzaktion

Johannes: Auch Gartenbau und Landwirtschaft.

Lara: Dieser gemeinnützige Verein betreibt die Kleine Dorfschule, unser Klanghaus und Kinder- und Jugendarbeit auf unserer Campwiese – all das ist im Wesentlichen durch Spenden finanziert. Daneben stehen ein paar kleine, eigenständige Unternehmen, der Drachen Verlag, ein Buchverlag, die Sona-Gong-Manufaktur, der Allmendhof Klein Jasedow und eine kleine Firma, über die der Seminarbetrieb abgewickelt wird. Dann gibt es noch die Oya Medien eG, die die Zeitschrift Oya herausgibt und die in Klein Jasedow ihren Firmensitz hat, aber die als Genossenschaft der Leserinnen und Leser und ihrem Redaktionsteam, das in ganz Deutschland verstreut ist, natürlich von einem viel größeren Kreis getragen wird. Bei diesen Unternehmen und im Verein sind einige Mitglieder unserer Gemeinschaft angestellt. Andere arbeiten selbstständig, zum Beispiel als Grafiker:innen, oder haben externe Aufträge als Berater:innen oder Musikpädagog:innen.

Diese sehr diverse wirtschaftliche Aktivität erzeugt Einnahmen, die wir dann in einen sogenannten ›Reintopf‹ packen. Aus diesem Topf werden erst mal alle Mieten von uns an die Stiftung Zukunftswerk bezahlt. Dann wird aus diesem Reintopf ein Teil auf ein Haushaltskonto gepackt, wovon wir Essen und Lebensmittel bezahlen, und der Rest geht in den ›Raustopf‹. Aus dem Raustopf verteilen wir das wieder an unsere Einzelkonten für private Bedürfnisse wie Klamotten, Reisen etc. Wir überlegten eine Zeit lang, der Raustopf könnte auch nur ein Konto oder eine Kasse sein, die wir alle benutzen. Wir merkten aber, dass es in Zeiten von Internetpiraterie zu riskant ist. Man kriegt nicht mehr kontrolliert, wer da sonst noch alles davon abbucht. Viele von uns nutzen ein eigenes Konto. Es ist auch ganz schön, denn manchmal will man sich nicht in die Karten gucken lassen, sondern man kauft einfach das, was man sich wünscht, und das geht niemanden etwas an. Diese Ebene von Privatheit ist auch wichtig.

Eine junge Frau, die den Sommer über als Gast bei der Gemeinschaft lebte, beim Ernten

Es ist im Kern eine gemeinsame Ökonomie, bei der es egal ist, wer wie viel verdient, Hauptsache, es geht in der Summe auf. Und wo es egal ist, wer in welcher Wohnung wohnt. Niemand muss sich Sorgen machen, ob er oder sie sich jetzt mit dem Geld, was er/sie heranschafft, der Stiftung Zukunftswerk die Miete bezahlen kann oder nicht. Niemand muss sich Sorgen machen, wie er oder sie das Essen bezahlen soll, sondern für die ganzen Grundbedürfnisse wird gemeinsam gesorgt. Was an Geld übrig bleibt, wird bedürfnisorientiert verteilt und dann auch völlig individuell ausgegeben.

Es gibt auch Kleingrüppchen, die zusammen ein Konto nutzen. Ich kann es beispielsweise nicht leiden, mich selber um ein Konto kümmern zu müssen, also habe ich keins und fahre huckepack bei zwei anderen Menschen, mit denen ich mich wohlfühle. Andere machen das anders. Es ist ein sehr individuelles Gebilde im Privaten.

Das Geld heranzuschaffen, ist aber ein gemeinsames Tun. Alle fühlen sich dafür mitverantwortlich, auch für die Frage, wo wir Quellen für größere Beträge erschließen könnten, die wir brauchen, um ein Haus zu bauen oder in eine Maschine zu investieren. In Sachen Geld gibt es ja ganz unterschiedliche Begabungen: Die einen können gut Förderanträge schreiben, die anderen können sich gut um Buchhaltung kümmern, wieder anderen liegt es, Sachspenden einzuwerben oder Angebote von Handwerkern einzuholen. Wir haben mit der Zeit herausgefunden, wer was gut kann, und es kann Spaß machen, sich gemeinsam ums Geldauftreiben zu kümmern, auch wenn es immer wieder anstrengend ist. Einmal im Monat haben wir einen ›Finanz-Jour-fixe‹, wo es darum geht, einen Überblick zu entwickeln. Wo läuft es gerade recht entspannt, wo ist ein Engpass? Welche größeren Ausgaben stehen ins Haus, und wissen wir schon, wie sie finanziert werden? Wie gehen wir zum Beispiel damit um, dass wegen der Corona-Zeit eher Einnahmen weggebrochen sind? Dieser Finanz-Jour-fixe ist ein ganz produktives und meistens vergnügliches Treffen in unterschiedlicher Besetzung. Es macht Spaß, sich einen Überblick zu verschaffen über das, was so läuft. Ansonsten ist ganz viel in den Firmen ›Management by Competence‹, da entscheiden jeweils die Leute, die für die Firma verantwortlich sind. Sie fragen nicht bei allem die ganze Gemeinschaft. Insofern ist Geld über diesen Finanz-Jour-fixe hinaus kein so großes Thema. Wir gehen recht pragmatisch damit um. Das war früher, als wir noch regelmäßig Bankkredite bedienen mussten und es die Stiftung Zukunftswerk noch nicht gab, sehr anders.

TV: Diese einzelnen Firmen müssen dann schon in sich schwarze Zahlen bringen?

Johannes: Ja, das sind konventionelle Unternehmen.

TV: Die Gewinne gehen dann in den Reintopf?

Lara: Nein, die Gehälter der Menschen, die in den Unternehmen angestellt sind, gehen in den Reintopf.

Johannes: Die Firmen machen keine Gewinne. Wir sind so organisiert, dass wir ganz wenig abführen, sondern tatsächlich unsere Non-Profit-Projekte und unsere Forscherei damit finanzieren. Es würde zu weit führen, das im Detail zu erklären, denn es ist ein in 40 Jahren erarbeitetes Modell. Wichtig ist, die Firmen sind ganz normale Konstrukte, und das ist das Prinzip: Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist. Intern laufen die Firmen aber natürlich nach unseren Maßstäben. Zum Beispiel meine Werkstatt, die Sona-Gong-Manufaktur, beschäftigt elf Leute, und da ist völlig klar, die verdienen ihr eigenes Geld. Die verdienen nicht für mich, der ich der Gründer, Inhaber und Initiator bin. Ohne mich würde das Geschäft zwar nach wie vor noch nicht laufen, aber ich bin dabei, das abzuwickeln, sodass sie selbstständig arbeiten können. Alle wissen, sie verdienen ihr Geld. Das sind mehrere Familien, die da ihren Unterhalt mit ihrer Arbeit verdienen. Ich organisiere nur die Arbeit, und das ist etwas Wichtiges. Da gibt es auch keine Geheimnisse.

Auf der anderen Seite gibt es noch einen Aspekt: Diese Stiftung ist ins Leben gerufen worden, weil wir verhindern wollten, dass beispielsweise durch Erbschaften die wirtschaftliche Basis des Projektes insgesamt gefährdet werden könnte. Wir haben das gesamte produktive Eigentum vergemeinschaftet und es gibt niemanden, der einen Eigentumsanspruch haben kann.

Das ist noch mal ein Hinweis für Menschen, die fragen, wie man eine Gemeinschaft gründet. Man muss um jeden Preis vermeiden, dass es dort Eigentumsverhältnisse gibt, die Ungleichheit schaffen. Das habe ich bei vielen, vielen Projekten sehen können. Es wird sonst schwierig, wenn es dann jemandem nicht mehr gefällt und er auszieht oder jemand verstirbt und die Kinder haben kein Interesse daran und verlangen dann Anteile aus Firmen oder sonstigem Vermögen. Das wollten wir verhindern. Das einzige Modell, das das zuverlässig gestattet, ist die Stiftung. Alle Immobilien und die produktiven Mittel sind also bei unsStiftungseigentum. Sie gehören sich selbst und niemand hat mehr privat Zugriff darauf. Das bedeutet natürlich auch, dass die Kinder nichts von diesem Zeug erben.

Wohnhaus Rückansicht

TV: Könnte man sagen, dass das so ein bisschen unter den herrschenden Bedingungen des Kapitalismus die Möglichkeit der Allmende ist?

Johannes: Ja, das ist das Allmende-Nächste, was man machen kann. Es ist nicht ideal, aber das ist die Form, die im Rahmen dessen, was der Kaiser vorgibt, nicht nur zulässig ist, sondern sogar als gemeinnützige Stiftung gefördert wird.

Allmende

TV: Das Thema Allmende würde mich allgemein sehr interessieren. Was ist denn eine Allmende für unsere Leser:innen bildlich zusammengefasst?

Johannes: Eine Allmende ist in unserer Definition ein gemeinsam »gepflegnutztes Gut«. Das Wort »pflegnutzen« haben wir im Oya-Zusammenhang entwickelt, weil man immer sagt, das gehört uns allen, und dann kümmert sich niemand darum. So kam mir die Idee, das Wort ›Ressource‹ mal zu hinterfragen. Was bedeutet das eigentlich? Eine gemeinsame Ressource, da steht »source«, das ist die Quelle, und davor steht das Wörtchen »re«, zurück. Aus einer Quelle kann nur etwas fließen, wenn vorher etwas hineinkommt, Regen zum Beispiel. Wenn es nicht regnet, versiegt die Quelle. Und so ist es mit allen Re(s)-sourcen. Du musst erst mal etwas schaffen und das pflegen, damit du es überhaupt nutzen kannst. Das Wort pflegnutzen steht bei uns ganz oben. Pflege etwas und dann schau, wie du es nutzen kannst, und du solltest es so nutzen, dass es gleichzeitig auch Pflege ist. Das ist die Idee des sich selbst erhaltenden gemeinschaftlichen Gutes. Dazu gibt es ein paar erforschte Regeln. Dazu gehört, dass sich die Allmende-Teilhabenden die Regeln selbst geben. Das kann nicht von außen oktroyiert werden. Die können total unterschiedlich sein. Ziel muss aber immer sein, dass sich das gemeinschaftlich erhaltene oder geschaffene Gut weiterentwickelt und bestehen bleibt. Das kann auch ein immaterielles Gut sein, zum Beispiel ein Wortschatz. Wobei eine Allmende doch auch mehr auf materielle Güter angewendet werden kann. Beim anderen sagen wir eher Commoning oder Gemeinschaffen.

Die Kinder beim Sauerkrautmachen

Lara: Eigentlich geht es um Prozesse. Es geht weniger um Güter als um diese Selbstorganisation. Wie finden Menschen die Spielregeln, dass sie eben gut eine bestimmte Sache tun können? Es gibt dieses wunderbare Buch von Silke Helfrich und David Bollier: Frei, Fair und Lebendig – die Macht der Commons. Darin geht es um die Muster des sozialen Gelingens. Sie haben darin Zusammenhänge, in denen es gut läuft, beobachtet, und sich gefragt, welche Muster sich da ausbilden. Diese unterteilen sie dann in die drei Bereiche Wirtschaft, soziales Miteinander und Organisationsformen Diese Muster zeigen, wie sich in Zusammenhängen, in denen Menschen auf Augenhöhe miteinander agieren, von innen heraus ein gedeihliches Miteinander-Tun entfaltet. Die Muster heißen zum Beispiel ›Konflikte beziehungswahrend bearbeiten‹, ›Im-Vertrauensraum-transparent-Sein‹, ›Gemeinsame Werte kultivieren‹ oder ›gemeinstimmig entscheiden‹, was etwas anderes ist als einstimmig entscheiden.

In der gemeinstimmigen Entscheidung sind alle Stimmen gehört worden, und daraus entsteht dann in einem Emergenzprozess der Weg, der für die Gruppe gangbar ist. Das sind im Prinzip ganz einfache Muster, die sich überall finden, und wo man schauen kann, welche gerade bei uns am Wirken sind. Diese Mustersprache ist von der Arbeit von Christopher Alexander inspiriert. Leute vom Commons Institut entwickeln sie weiter. Die Commons-Theorie wird in der gesellschaftlichen Debatte zunehmend relevant. Auch Ökonomie und Politik können sich nach Mustern des Commoning ausrichten, das ist nicht nur auf Gemeinschaften bezogen. Das ist eine Art, sinnvoll Welt zu gestalten.

Johannes: Zum Beispiel gerade das Wort ›Eigentum‹, darüber habe ich in Oya mal ein bisschen fantasiert, was das eigentlich ist. Üblicherweise verstehen wir unter Eigentum etwas, das mir gehört. Tatsächlich bedeutet Eigentum aber, etwas ist sich selbst eigen. Ich hole jetzt hier meinen Kugelschreiber heraus und sage, das ist mein Kugelschreiber. Das ist aber völliger Quatsch. Das ist ein Objekt, weil ich es zum Objekt mache, aber man könnte auch sagen, das ist ein Subjekt, das gehört sich selbst. Was in dem Moment passiert, ist, dass ich mich diesem Stift zueigne. Und wenn ich das tue, wenn ich mich dem anderen Subjekt zueigne, entsteht eine Beziehung, die am Schluss in Pflegnutzen mündet. Das ist das Wichtige, wenn man über Allmende spricht, weil die Leute sagen, das gehört dann allen. Das ist nicht so. Die Allmende besteht daraus, dass Subjekte sich selbst gehören, und sie eignen sich einander zu. Und durch diesen Vektor, der von mir dorthin führt, entsteht diese innere Kraft, die dann auch das Gemeintum am Leben erhält und mehrt, nicht mindert. Es ist wichtig, dass man das auch so versteht, denn in der Regel denken die Leute, es gehört allen und dann kann ich von allem nehmen. Das ist immer der Vektor von dort zu mir. Wir kehren den bewusst um. Ich glaube, das ist ein kleiner mentaler Trick, den man auch ganz bewusst einsetzen kann, auch mal um die Beziehungsfrage umzudrehen. Beziehung ist nicht immer auf mich gemünzt, sondern auch auf die andere Perspektive: Wie bin denn ich bezogen auf andere? Dann sind wir wieder bei der Frage: Was empfehlen wir Leuten, wenn sie Gemeinschaften gründen? Unsere Antwort: Beziehe dich doch einmal auf den anderen, die anderen oder die mehr als menschliche Welt und so fort.

Klassisches Konzert im Klanghaus

TV: Genau, und das ist, was ich mit der Intersubjektivität meinte: das Du, der andere, sich auf ihn zu beziehen. Das ist dann Beziehung. Und da ist der andere relevant. Der macht dann was mit mir.

Johannes: Ja, sie machen etwas miteinander. Und das ist die Idee des Commoning oder des Gemeinschaffens.

Lara: Das ist dieses Prozesshafte. Das ist immer dieses Dazwischen, das du intersubjektiv genannt hast.

TV: Ja, es entsteht etwas Drittes oder eine gemeinsame Realität, weil die zwei Subjekte, also nicht Subjekt und Objekt, sondern zwei Subjekte interagieren – Inter-Subjekt.

Johannes: Ja, inter-agieren.

TV: Dazwischen ist dann etwas. Und das könnte auch diese ominöse Mitte sein.

Johannes: Ja, erinnerst du dich an die Definition, die wir zu Zeiten unserer Mediengruppe KulturKreative gemacht haben, wie das Beziehungsgefüge eigentlich ausschaut? Damals Aristoteles: Wenn A richtig ist, kann B nur falsch sein, also Entweder-oder. Dann Heisenberg: Es kommt darauf an, es kann sowohl das eine als auch das andere wahr sein, das hängt von den Umständen ab. Damals sagten wir drittens: Es ist völlig egal, was A und B sind, interessant ist, wie sie sich aufeinander beziehen. Das ist das kulturkreative Element darin. Das hat mich über all die Jahre immer weiter begleitet. Letzten Endes ist unser Verständnis, Allmende-Verständnis, genau dieses. Wie ich vorhin sagte, wir sind ein diverses Biotop. Entscheidend sind nicht die Gegensätze oder die Eigenarten, sondern die Beziehung, die daraus entsteht. Mehr kann man gar nicht sagen.

»Entscheidend sind nicht die Gegensätze oder die Eigenarten, sondern die Beziehung, die daraus entsteht. Mehr kann man gar nicht sagen.«

TV: Na ja, es ist eine ganz andere Herangehensweise, wo man sich wahrscheinlich als Neuling auf dem Gebiet erst einmal reinfühlen und reindenken darf. Das ist nicht ohne Weiteres zu adaptieren, schätze ich mal. Ihr habt Jahrzehnte an Erfahrung und das Thema sehr tief immer wieder bewegt. Das merke ich, das kommt rüber. Ihr habt das sehr gut durchwirkt.

Lara: Wobei ich es auch gar nicht so hochhängen würde, sondern es ist ja auf eine Art etwas ganz Einfaches, sich normal und entspannt in die Welt einzubringen. Das kann man jetzt in der Tiefe so anschauen, aber wir sprechen in Klein Jasedow nicht dauernd in dieser theoretischen Tiefe miteinander. In unserem Alltag versuchen wir, ganz normal miteinander Prozesse und Dinge zu gestalten. Zum Beispiel kommen morgen Abend Leute von einem befreundeten Projekt in der Nähe von Potsdam, die 130 Esskastanien mitbringen, um sie mit uns auf einen Acker in der Nähe des Dorfs zu pflanzen. Wir haben das gemeinsam vorbereitet: Wo können die Freunde übernachten, wer kocht wann, wer ist bei den Ackereinsätzen dabei – ich finde es immer schön, so eine recht komplexe Aktion gemeinschaftlich zu organisieren. Alle tragen das bei, was sie gut können. Das ist gelebtes Commoning.

Johannes: Aber damit das nicht so klingt, als wären wir nur in unserer Blase zu Hause: Ganz viel Kommunikation findet mit den Menschen statt, die uns hier umgeben, mit unseren Nachbarn. Ich habe jetzt mehr als 20 Jahre Kommunalpolitik hinter mir. Ich war zehn Jahre lang stellvertretender Bürgermeister der kleinen Gemeinde Pulow, bevor wir dann zu Lassan gekommen sind. Dann war ich dort zehn Jahre lang im Stadtrat. Jetzt bin ich Bauausschuss-Vorsitzender. Ich kann nicht auf all diesen Ebenen so intellektuell und verquast, wie wir gerade miteinander geredet haben, kommunizieren. Ich muss mit den Menschen auch ganz einfach sprechen können. Das, was ich kommuniziere, sollte den Menschen genauso einleuchten wie das, was Nachbar XY jetzt sagt. Wenn ich überhaupt etwas bewegen möchte, muss eine Ebene gefunden werden, die einfach und klar und den Menschen so natürlich wie möglich erscheint, so naheliegend wie möglich – und das ist das Ergebnis eines langen Nachdenkens.

Das ist dann das, was zum Schluss Gemeinwohl und Gemeinsinn bedeutet. Das ist mir noch wichtig zu sagen, dass nicht der Eindruck entsteht, wir sind hier so eine Intellektuellen-Insel. Nein, wir sind hier in einen ganz normalen Gemeindezusammenhang eingebunden, sonst wären wir überhaupt nicht wirksam, und haben ja doch ziemlich viel ausgelöst hier im Lassaner Winkel. Da muss man auch mal eine Sprache sprechen, die unser lieber Freund Konni, unser Hausmeister, versteht. Das war für uns ein ganz wichtiger Faktor. Also versteht er, wie wir denken und wie wir fühlen, obwohl er nicht über diesen intellektuellen Apparat verfügt? Nicht, weil er nicht denken könnte, sondern, weil er völlig anders sozialisiert ist. Das hat auch mit gemeinsamem Lernen zu tun.

Lara: Er sagte mal am Tisch, als über das Gute, Schöne und Wahre philosophiert wurde: »Wenn alle ordentlich miteinander umgehen, dann ist das gut und schön.« Das war einfach hundertpro. Der weiß übers Leben Bescheid.

Johannes: Das kann man als abschließende Botschaft an die Gemeinschaftssucher noch mal sagen: Wenn alle ordentlich miteinander umgehen, dann ist das gut und schön.

Das Interview führte Ronald Engert.

Zu den Interviewten

Lara Mallien, Jahrgang 1973, widmet sich dem Aufbau des »Lernorts Subsistenz« Klein Jasedow. In dem vorpommerschen Dörfchen lebt sie seit 1997 in einer heute etwa 30-köpfigen Gemeinschaft. Dort engagiert sie sich unter anderem für den Verein Europäische Akademie der Heilenden Künste und das Landwirtschaftsprojekt »Allmendhof Klein Jasedow«. Sie ist Mitbegründerin der Zeitschrift Oya. Enkeltauglich leben!

Johannes Heimrath, Jahrgang 1953, ist Pionier auf vielen kulturkreativen Gebieten. Ursprünglich Komponist und Musiker, fand er seine praktischen Lebensthemen in der Ökologie, der Bildung und der gemeinschaftlichen Lebens- und Wirtschaftsweise. Er war zehn Jahre lang Herausgeber der Zeitschrift Oya. Enkeltauglich leben! und widmet sein nächstes Lebensjahrzehnt als Bauer dem Aufbau des landwirtschaftlichen Pionierprojekts »Allmendhof Klein Jasedow«.

© Alle Bilder: Lara Mallien u.a.

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