Musikalische Ökologie

Eine denkerisch-spielende Einführung

Autor: Hannes Heyne

Unter Musik verstehen wir meistens das gezielte Abspielen und Anhören eines Musikstückes, den Besuch eines Konzertes oder das Musizieren auf einem Instrument. Jedoch verbirgt sich in unserer Umwelt mit Natur und Menschen und so auch in unserem Alltag ständig die Musik des Daseins und des Lebens. Der Autor bringt uns sein Verständnis von musikalischer Ökologie näher und lädt uns mit praktischen Übungen dazu ein, das Grundnahrungsmittel »Klang « mit seinen Lebens- und Heilkräften spielerisch und neugierig zu erforschen und in unseren Alltag zu integrieren. 

Der Doppelbegriff »Musikalische Ökologie« erscheint auf den ersten Blick aus verschiedenen Welten zusammengedacht: Musik als die Kunst, mit Tönen, Rhythmen und Akkorden umzugehen – etwas, was mensch können muss: Noten lernen, Instrumente üben, um dann – wenn dies als gut und richtig befunden wurde – etwas aufzuführen und andere damit zu erfreuen. Moderner und sehr freilassend ist dagegen der Musikbegriff von R. Murray Schafer, der sich auf John Cage bezieht: »Alles, was wir hören, ist Musik.« (1) Ökologie gilt als eine Wissenschaft, die die Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt untersucht und beschreibt, die ebenso studiert werden muss und gerade rasant an Bedeutung gewinnt durch »Klimawandel«, »Artensterben« und »Ressourcenknappheit«. 

Auf die »Akustische Ökologie« Murray Schafers, die dem Begriff der Musikalischen Ökologie nahekommt, wird weiter unten ausführlicher eingegangen.

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Bild 1: Lauschen am Summstein © Hannes Heyne

Wenn ich genauer hinhöre, existieren einige elementare Zusammenhänge zwischen Musik und Ökologie. Ich erlebe und beschreibe Musik als das Geschehen, was entstehen kann, wenn ich oder wir dem aufmerksam zuhören, was um uns, in uns oder zwischen uns hörbar ist. Das können »natürliche« oder »technische« Geräusche sein oder auch allein oder gemeinsam gespielte »Musik«-Instrumente wie Steine, Hölzer, Zäune, Hände, Stimmen oder Geigen. 

(Bild 1 Lauschen am Summstein) Es geht also um ein Spiel in und mit der akustischen Welt, ein Aufeinander-, aber auch Zusammen(ge)Hören. Wenn ich in diesem Spiel die Wertung »richtig – falsch« oder »musikalisch – unmusikalisch« weitgehend weglasse, beginnt ein spannender Austausch: Das Gefühl, durch Lauschen oder eigenes Tun gesund genährt zu werden, entsteht.

Hier am Beginn soll die These stehen, dass »Musik« im Allgemeinen ein Grundnahrungsmittel für alle sein kann.

Durch die nonverbalen Formen unserer Kommunikation, die ohnehin über 70 bis 90 Prozent ausmachen, komme ich in einen wesentlichen Kontakt mit anderen Menschen, Lebewesen und Dingen, aber auch mit Wesen im ganz ursprünglichen Sinne wie Elementarwesen, Engeln und Geistern. Hier am Beginn soll die These stehen, dass »Musik« im Allgemeinen ein Grundnahrungsmittel für alle sein kann. (Bild 2: Musik ist Grundnahrungsmittel– Kinder spielen in Estland) Ökologie in der Bedeutung des Wortes im Griechischen heißt »Lehre des Haushaltens«.

Bild 2: Musik ist Grundnahrungsmittel – Kinder spielen in Estland © Hannes Heyne

Auch anders definiert: das Wissen oder die Erfahrung des Zusammenspiels von allem mit allem, und das in einem Bezugsrahmen (Haus). Im hier neu gefundenen Doppelbegriff wird durch die »Musik« das Spielerisch-Praktische, durch den Begriff der Ökologie das reflexiv und denkend Gefundene beschrieben. Um dies unmittelbar umzusetzen, gibt es neben dem Text Anleitungen für Spiele und Übungen sowie für den Bau eines einfachen Monochordes, um die Zusammenhänge mit allen Sinnen zu erfahren. Diese sind kursiv geschrieben. Viele weitere Übungen und Spiele finden sich in H. Heyne. (2)

Akustische Ökologie

In der Akustischen Ökologie, wie sie der kanadische Forscher Murray Schafer in den 70er-Jahren entwickelte und umfassend im Grundlagenwerk »The Tuning of the World« (1) darlegte, wird der Zusammenhang zwischen Mensch und Welt im akustischen Bereich beschrieben. Wir sind Klängen ausgesetzt, zunächst denen der Natur, dann zunehmend denen der Technik. Künstliche Geräusche können als Lärm störend bis krank machend wirken, künstlerische Klänge in der Musik und deren Lautstärke sind »Geschmacksfrage« und zunehmend in die Vorliebe verschiedener Kulturen, Traditionen und Generationen gestellt.

Wir erzeugen ebensolche Klänge und Geräusche, die wiederum auf die »Natur« zurückwirken, auf unsere eigene Natur und »die da draußen«.

Wir erzeugen ebensolche Klänge und Geräusche, die wiederum auf die »Natur« zurückwirken, auf unsere eigene Natur und »die da draußen«. Inzwischen wird der Begriff »Umwelt« immer mehr infrage gestellt, da er mich als Mensch genuin nicht miteinbezieht: Ich beschreibe damit lediglich die Welt um mich herum. In der »Mitwelt« oder »mehr als menschlichen Welt« sind wir stärker einbezogen. Genau dieses Phänomen ist über den Hörsinn erlebbar: Als sozialer Sinn verbindet er mich mit dem »anderen«, den ich »draußen« oder in mir höre. Diese Wechselwirkungen beschreibt die Akustische Ökologie weitgehend als interdisziplinäre Wissenschaft. 

Als 1996 in der Schweiz ein europäischer Ableger »Forum Klanglandschaft« des »World Forum for Acoustic Ecology« (WFAE) gegründet wurde, begann diese Kongressreihe mit dem Thema »Sprachlandschaft hören«. Denn auch Sprache, Tönen und Singen fallen unter das Forschungsfeld der Akustischen Ökologie. Meine Erfahrung auf den jährlichen Kongressen des WFAE oder des »Forum Klanglandschaft« war allerdings eine zunehmende Verkopfung und »Verwissenschaftlichung« des Themas. Einzelne Professoren bzw. für die Treffen Verantwortliche wie in Hirosaki (Japan) oder Korfu (Griechenland) zeigten sich offen und luden mich ein, praktische Workshops zum spielerischen Erkunden der Klangwelt mit Musikinstrumenten der Weltkulturen durchzuführen, die jedes Mal etwas sehr Belebendes in die internationale Wissenschaftlergilde hineinbrachten. Daher beschloss ich, eine »spielerische Wissenschaft« zu entwickeln. Es geht dabei um Spiel und Beobachtung gleichzeitig. Klang entsteht – allein oder in der Gruppe – und kann in seinen Wirkungen untersucht werden. Das Forschungsfeld ist im weitesten Sinne interdisziplinär und interkulturell. Mit den verschiedensten Zielgruppen wurden Erfahrungen gesammelt, ob Vorschulkinder, Grundschule, Hort, Mittelschulen, Gymnasien, Jugendliche in FÖJ und FSJ, BerufsschülerInnen der Ergotherapie, MusiklehrerInnen, Behinderteneinrichtungen, im Gefängnis und in der Rehabilitierung. Alle Menschen waren begeistert oder ließen sich zumindest seelisch anregen und berühren. Die Themenfelder sind weit gesteckt: Elementare Musik, Geologie und Botanik (Material der Instrumente), Geografie und Ethnologie (ihre Herkunft), Handwerk (ihre Bauweise), Kunst und Ästhetik (Bemalung, Formgebung), Mathematik und Physik (Zahlenrelationen, Schwingungsgesetze), Sprache (Kurse in Englisch, Russisch, Rumänisch u. a.) und Religion (Mythen und Überlieferungen zur tieferen Bedeutung von Instrumenten und Klängen) bilden ein »ökologisches Netzwerk« an Vielfalt und Phänomenen. Der interkulturelle Ansatz ergab sich durch meine Reisen in über 30 Länder, bei denen ich den früheren Abenteurerrucksack gegen das Tragwerk für Instrumente, Werkzeuge und Materialien eintauschte. 

Dazu wurde die KlangHütte 1998 geschaffen. Seit 2018 bezeichne ich die Synthese aus Spiel und Forschung am Klang als Musikalische Ökologie.

Musikalische Ökologie

Der Begriff kann mindestens in zwei Richtungen verstanden werden: Zum einen beschreibt er den bereits bestehenden inhärenten Zusammenhang von Musik und Ökologie, der gemeinsam spielerisch-forschend erkundet werden kann, zum anderen verweist er auf eine mögliche und notwendige Musikalisierung der Ökologie, die dadurch um die sinnlich zugängliche, emotionale und geistige Dimension erweitert wird. 

Die musikalisch-ökologische Basisarbeit der KlangHütte ist, Menschen aller Altersklassen und Couleur an das Spiel mit einfachen, ethnischen oder selbst gebauten Musikinstrumenten, Spielen, Gesängen und Rhythmen heranzuführen. In den »reichen« Ländern der Erde ist eine solche natürliche Spielqualität, die im unmittelbaren Kontakt mit der Natur liegt, kaum noch zu finden. Diesbezüglich kann man diese als »Entwicklungsländer« bezeichnen. Der Fokus, was Lebensqualität bedeutet und was mensch hier wirklich zum Leben braucht, kehrt sich um.

Bild 3: Wassertrommeln aus Afrika © Hannes Heyne

Welche Qualitäten können wir von den »Armen« und »Nativen« lernen? Mit Materialien der Natur (Steine, heimische Hölzer, Nüsse, Muscheln, Wasser, Luft …) werden im gemeinsamen Spiel oder Experiment wesentliche ökologische Zusammenhänge erfahrbar. (Bild 3 Wassertrommel aus Afrika) Musikalische Gruppenprozesse haben viele Gemeinsamkeiten mit Naturprozessen, zum Beispiel Stauen und Fließen, Chaos und Ordnung, Dominanz und Anpassung, lebendige Diversität versus Artenarmut, Ansteigen und Abschwellen. Aufeinander-Hören und Nicht-Hören sind Basisphänomene, die unmittelbar erlebt und reflektiert werden können. Im Spiel kann zum Beispiel Führen und Folgen so geschehen, dass die unmittelbare Verantwortung des Führenden (politische Dimension) als sinnvollste Lösung des Ganzen erlebt wird und nicht als persönliche Willkür des Einzelnen. Den Teilnehmern wird – altersspezifisch unterschiedlich – ihr Zusammenhängen mit anderen Kulturen und ihre ökologische Verantwortung bewusst. (Bild 4 Stockspiel im KlangCamp Litauen)

Bild 4: Stockspiel im KlangCamp Litauen ​​© Hannes Heyne

Weglassen des Zuviels

Zum Thema Ökologie gehörte für mich bereits in der DDR die Frage, wie wir mit weniger Ressourcen und Energie auskommen können. Die Reduktion des Zuviels und das Weglassen standen also als Forschungs- und Lebensfrage an, was sich im ab 1990 hereinbrechenden Kapitalismus nochmals potenzierte. Weglassen lässt sich auch anders lesen: WEG-Lassen. Als freud- und humorvoller Weg zeigte sich das gemeinsame Spielen von Instrumenten. Das Teilen wird als evidenter Gewinn erlebt, Askese oder Verzicht ist dadurch nicht mehr negativ besetzt. 

Die Reduktion des Zuviels und das Weglassen standen also als Forschungs- und Lebensfrage an.

In der musikalischen Improvisation geht es um das Tun (Spielen) im richtigen Moment – oder auch das Nicht-Tun (Schweigen, Sich-Zurücknehmen). Wesentlich ist, dass durch das Weniger-Werden und die Reduktion an Quantität von Geräusch und Klang ein Gewinn des Musikalischen erfahren wird.

Das Spielerisch-Kreative setzt sich im Selbstbauen von Musikinstrumenten aus Naturmaterialien fort und bietet die Chance, fächerübergreifend zu lernen. 

Zum Beispiel kann man beim Bau des australischen Didgeridoos vieles über den Bambus/Eukalyptus, die Geschichte und Befreiungsbewegung der Aborigines, die Rolle des Instrumentes in der traditionellen Musik und den Ritualen, die Spielweise und Bemalung erfahren.

Bild 5: Bauseminar Didgeridoo © Hannes Heyne

Musikinstrumente aus fairem Handel sind eine Chance, die Lebensbedingungen der Menschen kennenzulernen, die die Instrumente herstellen und spielen. Jedes Instrument ist ein Kompendium geronnenen Kulturwissens, das uns in anderer Weise als bis jetzt üblich ermöglicht, Zusammenhänge zwischen Sozialem, Ökologischem und Kulturgeschichtlichem praktisch zu vermitteln und durch das gemeinsame Spielen ins Hier und Jetzt zu holen. 

Im Einklang mit der Schöpfung leben

Bereits in den 80er-Jahren war ich in der DDR in »Umweltgruppen« aktiv. Oft waren wir nach »außen« orientiert, kämpften zum Beispiel gegen einen Autobahnbau. Die Gruppe flog sofort auseinander, als innere Themen und Unterschiede sichtbar wurden. Mit der Einladung zu »Spiel mit Farbe, Klang und Ton« versuchte ich einen Brückenbau. Die Wissenschaftler und Spezialisten lernten, aufeinander zu hören und Gefühle zu beschreiben, die beim gemeinsamen Spiel auftraten. Ökologie wurde emotionaler und »anfassbar«. Im Einklang zu sein, meint das Streben nach Harmonie mit der Natur und dem Seienden. Harmonie ist im Musikalischen zum Beispiel für unsere westlichen Ohren in der (chinesischen) Pentatonik zu finden. Du hörst sie, wenn du nur die schwarzen Tasten am Klavier oder Keyboard spielst. 

Während viele Menschen ein Harmoniebedürfnis haben, trauen sich weitaus weniger zu, qualifiziert laut zu sein.

Soll eine Gruppe in Harmonie miteinander kommen, sind Instrumente geeignet, die sich gut miteinander vertragen und in Skalen und Klang »stimmig« miteinander sind. Apollinische Instrumente regen zum Lauschen an (Leiern, Harfen, leise Windspiele) – fordern aber auch genaues Stimmen. Apollon als Gott der Ordnung und des Lichts ist ihr »Schirmherr«. Schon Grundschüler wissen aber, dass Dauerharmonie langweilig ist. Es braucht auch den Widerstreit, die Qualität des Aufbegehrens, des Nein-Sagens, wenn es notwendig ist. Dazu eignen sich Instrumente mit Ruf-Charakter (zum Beispiel das Muschelhorn) oder laute, trötende Instrumente (Schalmei, Zurna, Naturklarinetten). Menschlich-musikalisch gehören diese zu den dionysischen Klängen. Politisch-ökologisch geht es um Hör- und Sichtbar-Werden, wenn etwas in der Gesellschaft schiefläuft. Es geht um geeignete Protestformen, die durchaus auch nonverbal Inhalte transportieren, zum Beispiel auf Demonstrationen. Während viele Menschen ein Harmoniebedürfnis haben, trauen sich weitaus weniger zu, qualifiziert laut zu sein. Dies üben wir im Musikalischen Spiel. Erst die Balance zwischen beiden Kräften führt zu Ausgeglichenheit und Einklang mit der Schöpfung. Apollon und Dionysos waren im späteren Orakel von Delphi (Griechenland) gleichberechtigte Gottheiten.

Praktische Beispiele und Übungen

Einige konkrete Beispiele aus dieser Arbeit sollen dies verständlicher machen. Im seit 2004 durchgeführten Camp »Natur-Musik-Spiel«, zunächst direkt in der freien Natur, an der Nordküste Estlands, später an Naturplätzen in ganz Europa und Russland, ging es um die Vertiefung des Kontaktes als Mensch – einzeln und als Gruppe – zur Natur. Das Meer, die rhythmischen Klänge der Wellen, aber auch vom Wind geformte Dünen und Sandstrukturen, Pflanzengemeinschaften und Versteinerungen am Kalksteinkliff luden zum Lauschen und Bewegen ein. Die mitgebrachten und dort gebauten Musikinstrumente regten an, miteinander und mit der Natur in Kontakt zu kommen. In einer Übung beispielsweise suchte sich jede(r) einen größeren Findling im Wasser, auf dem man auch sitzen oder stehen konnte, und verbrachte eine Stunde in Kontakt mit ihm mit Schweigen, Geräuschen, Tönen und Tanzen. Im Gespräch danach war es spannend zu erfahren, wie viel die sonst schweigsamen Steine doch zu uns gesprochen hatten. Aber auch kleinere Steine klingen: Ihre »farbigen Geräusche« lassen sich mit der Veränderung der Handformen modulieren. Dadurch entsteht eine neue Sprache, die auch Menschen aus verschiedenen Kulturen nutzen können. 

Sucht euch jeder ein Paar harte und gerundete Kieselsteine (am Meer oder aus dem Fluss, rund und flach). Zunächst die Aufgabe: Wie lassen sich die Klänge Stein an Stein durch das Ändern der Handformen verändern? In Analogie zur Vokalbildung gibt es Formen, die mehr ein »O« und andere die mehr ein »I« hervorrufen. Im Anreiben der Steine ergibt sich Ähnliches mit »farbigen Frequenzen«. Allein sprachfähig, lassen sich die MitspielerInnen nun problemlos ins Steingespräch verwickeln. Die »Steinsprache« ist geboren. Ans »Eingemachte« geht es dagegen, wenn jeder einen Stein ablegen muss (nur noch 50 Prozent des sonst Gehabten sind verfügbar). Was tun, um weiterhin zu sprechen? Mit dem Nachbarn und der Nachbarin ausprobieren und viel lachen … und schickt dann den Steinklang fließend im Kreis herum. Traditionelle Steinspiele wie Navajo Stonegame oder Obwisanna bewirken eine Erweiterung der Perspektive aus Sicht anderer Völker. (Bild 6 Steinspiel mit Kindern)

Bild 6: Steinspiel mit Kindern © Hannes Heyne

Ein anderes Spiel nahm die Silhouette oder die selbst in den Sand gesetzten Dinge und Formen als Partitur, um solistisch oder in Gruppen dazu zu musizieren. 

Im Hochgebirge der Karpaten saßen wir im KlangCamp bei Regen und Sturm drei Tage in den Zelten fest. Was noch möglich war, war, Klangstöcke zu schnitzen und darauf zu spielen zur Begleitung von erfundenen Regen- und Sonnengesängen. Lithophone, klingende Steine, gibt es in den vielfältigsten Formen und geologischen Formationen. Diese Klänge unter den Füßen auf der Geröllhalde aufzuspüren, war mir immer wieder eine große Freude. Auch hier ist die wesentliche Botschaft: Es ist eine elementare Musizierform, die jeder bereits »kann« und die keines Übens und keiner Bewertung bedarf. Das vielleicht Schwierigste und eine echte pädagogische Kunst ist es, Jugendliche und Erwachsene so zum Spielen einzuladen, dass sie ihre Glaubenssätze vergessen, was und wie Musik zu sein hat.

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Bild 7: Astxylophon in Rumänien © Hannes Heyne

Mit Klangobjekten auf Klangkunstausstellungen wie der Arbonale (Schweiz) werden auch Erwachsene mit allen Sinnen wieder spielend zu Kindern.

Kleine Kinder sind in der Hinsicht oft die besseren LehrerInnen. Allerdings sage ihnen bitte niemand »Sing nicht so schräg« oder »Lern das erst mal richtig«. 

Bild 8: KreuzKlangWippe am Bodensee © Hannes Heyne

Traditionelle Musikkulturen versus eigenes Experiment

In den Musikkulturen der Welt besteht ein Zusammenhang zwischen den in den Landschaften wachsenden Pflanzen und den dort lebenden Tieren: Wo Bambus wächst, sind die verschiedensten einfachen Flöten zu finden, Kalebassen laden zum Trommeln und Trompeten ein. (siehe Wassertrommel Bild 4) Beschrieben wird dies unter anderem im Artikel »Wassermusik« in der Zeitschrift »Grundschule Musik« (4). Die australischen Aborigines bauten die durch Termiten ausgehöhlten Eukalyptusäste zum Didgeridoo weiter, das in den 90er-Jahren bei Jugendlichen sehr angesagt war.

Die Laute, arabisch al-ud (ein Holz), verweist als Vorläuferin der Gitarre auf die Verwendung heimischer Hölzer. Klanghölzer kennt jedes Kind, und im Kindergarten oder in der Musikschule werden sie bei der Aufführung der Stücke von Carl Orff bis heute gespielt. Warum aber dafür Geld im Musikladen ausgeben? Sie sind oft aus Tropenholz gedrechselt und gleich lang. Es ist auch spannend, in den heimischen Wald zu gehen oder in Großvaters Garten zu stöbern: Welches Holz klingt wie? Hier gibt es noch eine Anregung zum praktischen Tun: Suchen und Bauen von Xylophonen.

Nehmt eine Frischholzsäge und eine Säge für trockenes Holz mit. Dazu ein Taschen- oder Schnitzmesser. Am besten klingen Hölzer, die nicht mehr leben. Doch dürfen sie auch nicht zu vermodert oder weich sein. Wenn sich bereits Insekten oder Pilze einnisteten, lassen wir sie liegen. Im Frühling sieht man Bäume und Sträucher, an denen keine Blätter mehr wachsen wollen. 

Beim Ansägen erklingt ein trocken-raspliges Geräusch. Man sägt verschiedene Längen und Durchmesser. Im Experiment lässt sich herausfinden: Was klingt höher, was tiefer? (kürzer höher, tiefer länger, dünner tiefer, dicker höher) Wodurch hat ein einzelner Stock zwei Töne in sich? (ovaler statt kreisrunder Querschnitt) An welchem Punkt vom Ganzen der jeweiligen Stocklänge muss man das Holz festhalten, damit der Ton klar klingt? (ca. 1/5)

Klingt das Holz mit Rinde anders als ohne? Stellt euch ein XyloPhon zusammen (griechisch: »klingendes Holz«). Welche Tonleiter soll es erhalten? Diatonisch wie die weißen Tasten auf dem Klavier oder pentatonisch wie die schwarzen? Oder vielleicht ist eine »Phantasieskala«, die viel interessanter und fremdländisch klingt und nicht »temperiert« und an europäische Ohren angepasst ist, die richtige?

Dazu weiterführende Literatur in »Musik 5–10« (5) und »Grundschule Musik«: Unsere Erde (6) 

Musik und Mathematik

Musik und Mathematik stehen in einem unmittelbaren und phänomenologisch wesentlichen Zusammenhang. Einer der ersten Forscher und Eingeweihten, der sich damit beschäftigte, war Pythagoras im alten Griechenland. Aber auch Goethes Tonlehre, die zum Beispiel in Tattva Viveka Nr. 85 von Dietlinde Küpper beschrieben wurde, ist ein Zeugnis der Weiterführung des Wissens über essenzielle Zusammenhänge. (7) Im heutigen Lernbetrieb wird der Mathematik schon von der Anzahl der Stunden her eine höhere Bedeutung als der Musik zugestanden. Im alten Griechenland gehörten beide gleichwertig zu den Sieben »Freien Künsten«. Um eines der Basisexperimente praktisch selbst zu erfahren, lade ich ein, sich zunächst ein einfaches Monochord zu bauen und die entsprechenden Experimente zu machen. Da dies hier den Rahmen des Artikels sprengen würde, bitte ich darum, es online bei TV abzurufen. (Link: https://www.tattva.de/musikalisch-oekologie-monochord/)

In der Arbeit mit Jugendlichen in der Schule brachten Bau und Spiel des Monochordes für die siebte und achte Klasse die erhellendsten Momente.

Bild 9: Monochordbau Litauen © Hannes Heyne

Mehrere Monochorde können, auf verschiedene Töne/Saitenteilungen eingestellt, gut zum freien Improvisieren genutzt werden.

Bild 10: Monochordspiel © Hannes Heyne

Friedensklänge

In der Ökologie der Gegenwart wird oft betont, dass eine solche ohne Mitberücksichtigung der sozialen, kulturellen und emotionalen Qualitäten zum Scheitern verurteilt ist. Im elementaren musikalischen Tun werden alle Bereiche verbunden. 

Das gemeinsame Spielen konnte oft Grenzen überwinden und einen Beitrag zur Verständigung der Kulturen leisten. Ob Ende der 90er-Jahre in Sarajevo nach dem Krieg in einer Freizeitschule, beim Idriart Festival oder dem internationalen Camp NaturMusikSpiel in den verschiedensten Ländern

 Bild 11: NaturMusikSpiel in Estland © Hannes Heyne

In der Musikalischen Ökologie liegen Potenziale, welche die gemeinsamen Quellen wieder freilegen und uns im Spiel real begegnen lassen. Es geht um wirklich wesentliche Begegnung, die durch Online-Formate und virtuelle Welten nicht erreichbar ist. Instrumente und Klänge wirken dann heilend, wenn sie von Mensch zu Mensch oder Mensch – Natur erlauscht und ausgetauscht werden.

Heilende und ausgleichende Klänge

Zur Musikalischen Ökologie gehört ebenso die heilsame Wirkung von Klängen. Nicht im Sinne einer medizinischen Indikation oder von dem, was in der Musikmedizin praktiziert wird, sondern allgemeiner: das Fehlende ergänzen – das Zuviel abdämpfen. Mit dem »verborgenen Heilwissen der Musikinstrumente« (Link: https://youtu.be/V5WmFFYAcgw) können für Einzelne und Gruppen gezielt Spielregeln und Übungen angewandt werden, die zum entsprechenden Ausgleich führen. Ein praktisches Beispiel: Komme ich in eine völlig überdrehte Kindergruppe, kann ich entweder noch mehr vom gleichen hineingeben (Trommeln, Tanzen, Toben), um dann ins Gegenteil zu gleiten, oder ich führe mit dem Spiel einer Klangschale selbst das Gegenteil ein und schaffe einen Ausgleich durch Polarisierung. Ist eine Gruppe scheu oder wirkt antriebslos, lassen sich durch entsprechende instrumentale Interventionen Belebung und Aktivität wecken. Am Ende geht es um ein zunächst temporäres Ganz- und Heil-Werden. Bei Erwachsenen ist dabei die (Selbst-)Reflexion ein wichtiger Anteil. 

Im Selbst-Erzeugen von Klängen liegen auch Selbstermächtigung und Weltwirksamkeit, beschrieben im Resonanzprinzip von Hartmut Rosa (9). Bereits Friedrich Schiller beschrieb »Spiel« als ein Menschheitsideal, das sich zwischen den beiden Polen »Form« und »Bewegung« abspielt. (10) Zunächst kennzeichnet er die polaren Triebe als miteinander unvereinbar, bis eine Brücke sichtbar wird. Was im Gang der Zahlen von EINS, ZWEI, DREI musikalisch als Prim, Oktav und Quint aufscheint, kann bei jeglicher Versöhnung einer entgegengesetzten Position erlebt werden: Das zunächst Festgefahrene, das besonders durch den »Zwie-Spalt« gesteigert wird, wird durch die atmende Quint in Bewegung gebracht und im »dialektischen Sinne« aufgehoben. 

Seit 1999 entwickeln wir in der KlangHütte Objekte für den öffentlichen Raum, die einerseits Naturmaterialien verwenden (Hölzer in Xylophonen, Steine in Lithophonen, Wasser), aber auch Kunst-Stoffe wie Metall, Glas u. a. Die aufgestellten Objekte sind so gebaut, dass sie zum Spiel einladen, unabhängig davon, ob Mensch glaubt, musikalisch zu sein oder nicht. Sie können in Gemeinschaft von Familien, Kollegien und Schulklassen gemeinsam gebaut und gespielt werden. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig: kurzlebig aus Ästen, die bald wieder Natur werden, oder langlebig, ästhetisch und funktional hochwertig gebaut. Beispiele sind auf der Webseite der KlangHütte zu finden. Die Musikalische Ökologie wurde konkret in über 20 Jahren praktischer Arbeit mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt als Module zum Thema »Auf unsere Natur hören« oder als Weiterbildung für in der Umweltbildung Tätige erprobt.

Aushör und Vision

Als Pedant zum »Ausblick« versuche ich hier, ein »Aushör« zu formulieren. Ein Lauschen auf das, was kommen will. Welche Stimmen sprechen in mir aus der Quelle? Welche Töne und Konsonanten singen zunächst still, später aber laut heraus? »Freie Stimme«, ein 2020 aus gegebenem Anlass begonnenes Projekt, erkennt an, dass gemeinsames freies Singen und Tönen uns im Menschsein stärken und gesund sein lassen. Wer Singen und Tanzen verbietet, hat nichts von den uns eigentlich gesund erhaltenden Grundlagen begriffen. 

Mit der großen Sammlung von originalen, natürlichen und selbst erfundenen Musikinstrumenten, einem »Museum zum Berühren und Spielen«, ist das Potenzial zum Forschen, Praktizieren und Weitergeben des Erfahrenen gegeben. Zur Vision der KlangHütte für die nächsten 20 Jahre gehört es, das Wissen weiterzugeben und als Lernort zur Verfügung zu stehen. Für das Thema offene und interessierte Menschen können durch das Begleiten der Arbeit im In- und Ausland und das Teilnehmen an Spiel- und Baukursen das Erfahrungswissen aufnehmen und auf eigene Weise in die Welt tragen. 

Weitere uns bewegende Themen sind: 

  • Was/Wer ist der Mensch im Zusammenhang mit der »mehr als menschlichen Welt«? 
  • Klang und Eros – sich gegenseitig berührende Lebenskräfte
  • künftige interdisziplinäre und interkulturelle Lernformen und Spielweisen
  • Klang, Pflanzenwachstum und Gartenbau
  • Klang und Gemeinschaftsbildung
  • alternative Wirtschafts- und Währungsformen (Klang als Tausch- und Schenkwährung)
  • ein Thema eurer Wahl: Wir sind neugierig – schreibt uns.

Weder Musik noch Ökologie im traditionellen Verständnis reichen für sich allein aus, um eine Bewusstseinsveränderung im Menschen dahin gehend zu bewirken, dass die Erde/Welt in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit friedlich weiterexistieren kann. Die vielen Eingriffe des Menschen lenken seit vielen Jahren auf ein Umkippen des Ganzen hin. Mit der hier praktisch gelebten Ökologie ist ein persönlicher Weg beschrieben, der ohne großen Aufwand in den Alltag integriert werden kann. Wir unterhalten uns frei singend und tönend entsprechend den Stimmungen des Tages, spielen mit Trommeln und Geschirr, legen Saiteninstrumente auf die Haut und spüren der Resonanz nach. Erwachsene und Kinder aller Altersgruppen können frei angesprochen werden. Das gemeinsame elementare Musizieren hilft bei feierlichen, streitbaren, aber auch traurigen Anlässen. Insbesondere schafft es Brücken zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen. Es braucht keine Noten, kein Ton-Halten, kein Üben von Mechanik. Für jene, die so etwas nie erlebten, bedarf es etwas Mut, zu beginnen und das, was passiert, vom gewöhnlich als »schräg«, dilettantisch oder albern Benannten loszulösen. »Ich traue mir das zu« wäre ein Satz, der weit in die Gesellschaft zur Veränderung beitragen kann. Das zunächst Ungewöhnliche wagen und tun. Auch wenn es nicht der Norm oder unseren bisherigen Denkmustern entspricht. Um sich ein klareres Hörbild zu machen, ist es auch gut, eine solche Erfahrung zunächst mit Menschen zu machen, die dies bereits praktizieren. 

Die Vision ist, dieses allen quasi »kostenlos« zur Verfügung stehende Grundnahrungsmittel mit Lebens- und Heilkräften vielen zugänglich zu machen und damit immun zu werden gegen etliche Krankheiten, insbesondere gegen jene von Obrigkeitshörigkeit und vorauseilendem Gehorsam. Der Wandel der Gesellschaft braucht Mut und die Erfahrung eigener Wirksamkeit. Neue Kommunikationsformen, persönliches und soziales Wachstum, Teilen und gemeinsames Wirtschaften und Schenken, auf die Bedürfnisse der Natur hören – sind jetzt und künftig gebrauchte Qualitäten, die mit der hier vorgestellten Musikalischen Ökologie geübt und gelebt werden können. 

Zum Autor

Hannes Heyne, Jg. 1958. Als Dipl.-Hydrologe im Osten Deutschlands vor der Wende ökologisch engagiert. Seit 1986 Beschäftigung mit erweiterten Improvisationsformen und Bewusstseinswandel. Freies Musikstudium mit Instrumentenbau. Entwickelt seit 1993 Ideen und Methoden zur Musikalischen Ökologie. Klangforschung, Workshops, KlangCamps, interdisziplinäre und interkulturelle Projekte in 25 Ländern. 

KlangHuette.de

Literatur: 

(1) R Murray Schafer: The Tuning of the World, Vancouver 1977, übersetzt und herausgegeben in deutscher Version von Sabine Breitsameter 2010 

(2) Hannes Heyne: Klänge aus der Natur, Akustische Ökologie und Spiel mit elementaren Musikinstrumenten, Drachen Verlag 2009

(3) Peter Sloterdijk: Im selben Boot, Suhrkamp TB 2447, Frankfurt 1995

(4) Hannes Heyne: Artikel Wassermusik in Grundschule Musik 98/2021

(5) Hannes Heyne: Artikel Klingende summende Hölzer in Musik 5–10, 3. Quartal 2014

(6) Hannes Heyne: Artikel Klänge aus der Natur in Grundschule Musik, Unsere Erde, Nr. 93/2020

(7) Dietlinde Küpper: Artikel »Die Lebendigkeit in allem sehen« in Tattva Viveka Nr. 85, Dezember 2020

(8) Heiner Ruland: Ein Weg zur Erweiterung des Tonerlebens, Die Pforte, Basel 1981

(9) Hartmut Rosa: Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehungen, Suhrkamp 2016

(10) Friedrich Schiller, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen

Weiterführende Informationen: 

Mc Luhan
Ernst Häckel
Hannes Heyne in Improfil


Zum Instrumentenbau:

Hannes Heyne in
Musik 5–10 Thema Holz
Grundschule Musik, Heft Erde

Bildnachweis: © Hannes Heyne

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