Ronald Engert – Zwanghaftes Unterverdienen

Wie wir uns selbst in Armut halten und daraus befreien können

Geld wurde in der Geschichte der Menschheit zu einer Ursache für großes Leid, aber ideologiefrei betrachtet ist es Ausdruck von Wertschätzung. Der Beitrag untersucht, wie man Geld positiv sehen kann und welcher Mindset notwendig ist, um zu innerem und äußerem Wohlstand zu gelangen. Dafür muss der ideologische Schleier gelüftet und die spirituelle Sicht auf das Geld wiedergewonnen werden.

(Worte, die sowohl eine finanzielle als auch eine spirituelle Bedeutung haben können, sind kursiv gesetzt.)

Gerade Menschen, die eine hohe ethische Einstellung haben und sich in jeder Hinsicht für das Gute im Menschen, für Mitgefühl, die Umwelt, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und dergleichen einsetzen, haben oft finanzielle Probleme. Warum glauben die Menschen, dass es einen Widerspruch zwischen Ethik und Geld gebe? Warum glauben Menschen, dass sie keine guten Menschen sein und zugleich Geld verdienen können?

Fundamentale Glaubenssätze, die diesen Widerspruch etablieren, pflastern die Entwicklung unserer westlichen Kultur. »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich einkehrt« ist ein Beispiel dafür. Solche Glaubenssätze, zumal wenn sie im Kontext einer spirituellen Lehre geäußert werden, gehen tief ins Herz und prägen unser innerstes ethisches Gefühl. Dieser Satz ist von Jesus, und der unschuldige, fromme Mensch steht angesichts eines solchen Glaubenssatzes vor dem Dilemma, dass er Jesus ablehnen müsste, wenn er diesen Glaubenssatz ablehnte. Gerade gläubige, spirituelle Menschen, die ihrem Herzen folgen möchten, sind gutherzige Menschen, die in jedem das Gute sehen und voller Vertrauen sind, sich aber mit Kritik und Ablehnung schwertun.

Es ist nicht einfach, durch diesen geistigen Wirrwarr von richtig und falsch, gut und schlecht, ja und nein, Zustimmung und Ablehnung einen gangbaren Weg zu finden. 

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In Bezug auf Geld wäre generell zu fragen, wo und wie kann Geld gut sein? Geld ist eigentlich ein Ausdruck von Liebe, denn Geld ist Wertschätzung (dazu später mehr). Natürlich wird es missbraucht, so wie alle starken Energien missbraucht werden. Unbedeutende, wirkungslose Dinge werden nicht missbraucht, weil da nichts zu holen ist. Aber gerade so wertvolle Dinge wie Liebe und Geld werden missbraucht. Es ergibt aber keinen Sinn, die Liebe oder das Geld dafür zu bestrafen, dass sie missbraucht werden, indem man sie ablehnt.

Wie wir uns in Unterverdienen verstricken

Viele Menschen sind in einer Lage, in der sie zugeben müssen, dass bei ihnen Symptome des Unterverdienens sichtbar sind. Kennst du einige der folgenden Symptome?

  1. Zeitindifferenz – wir verschieben, was zu erledigen ist, und nutzen unsere Zeit nicht, um unsere Vision und unsere eigenen Ziele zu erreichen.
  2. Ideenabwehr – wir lehnen Ideen, die unser Leben oder unsere Karriere bereichern oder unsere Profitabilität erhöhen könnten, zwanghaft ab.
  3. Zwanghafter Drang, sich zu beweisen – auch wenn wir unsere berufliche Kompetenz schon bewiesen haben, sind wir getrieben, unseren Wert immer wieder neu zu beweisen.
  4. Hängen an nutzlosem Besitz – wir halten an nutzlosem Besitz, der uns nicht mehr dienlich ist, fest, wie an kaputten Geräten oder abgetragener Kleidung.
  5. Anstrengung/Erschöpfung – gewohnheitsmäßig überarbeiten wir uns, erschöpfen uns, dann ›unterarbeiten‹ wir oder hören gänzlich auf zu arbeiten.
  6. Verschenken unserer Zeit – zwanghaft bieten wir uns für verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten an oder verschenken unsere Dienste ohne klaren Nutzen.
  7. Unterschätzen und zu geringe Preise – wir unterschätzen unsere Fähigkeiten und Leistungen und haben Angst, nach Vergütungserhöhungen zu fragen oder nach dem, was der Markt trägt.
  8. Isolation – wir arbeiten alleine, auch wenn es uns besser täte, Kollegen, Partner oder Angestellte zu haben.
  9. Körperliche Beschwerden – manchmal, aus Angst, größer oder sichtbar zu sein, haben wir körperliche Beschwerden.
  10. Unpassende Schuld oder Scham – wir fühlen uns unwohl, wenn wir einfordern oder erhalten, was wir brauchen oder uns zusteht.
  11. Kein Follow-up – wir machen kein Follow-up bei Gelegenheiten, Angeboten oder Jobs, die profitabel sein könnten. Wir beginnen viele Projekte und Aufgaben und beenden sie oft nicht.
  12. Stabilitäts-Langeweile – wir schaffen unnötige Konflikte mit Kollegen, Vorgesetzten und Klienten und kreieren somit Probleme, die finanzielle Nöte auslösen können.

Falls eines oder mehrere dieser Symptome auf dich zutreffen, bist du möglicherweise ein/e Unterverdiener:in.

Selbstwert und Minderwert

Das Kernproblem bei allen diesen Symptomen ist tatsächlich ein Wertproblem. Und da sind wir auch schon mitten in der finanziellen Sphäre, wo es um Werte geht. Es gibt eine sehr tiefe Verbindung zwischen der finanziellen und der spirituellen Sphäre. Dies sieht man schon daran, dass viele Worte sowohl in der Wirtschaft als auch in der Spiritualität verwendet werden. Die Sphäre der Ökonomie ist direkt aus der inneren Dimension abgeleitet. Man nehme mal nur so ein Wort wie Kredit, das es in der Religion als Credo gibt. Der Kredit wird von einem Gläubiger gegeben. Das Credo ist das Glaubensbekenntnis zu Gott. Lateinisch credere heißt glauben/vertrauen. Und tatsächlich ist Vertrauen sowohl in der Finanzwelt als auch in der spirituellen Sphäre ein elementares Grundprinzip. Wenn man die Finanzwelt zu Ende denkt, stößt man auf den Begriff des Bankvertrauens. Obwohl jede Bank akribisch prüft, ob jemand zahlungsfähig ist, ist doch am Ende der Faktor des Vertrauens unreduzierbar und ausschlaggebend für die Vergabe des Kredits. Eine langjährige Beziehung zur Bank führt zu Bankvertrauen und zur Kreditwürdigkeit. Das Gleiche findet sich praktisch in jeder äußeren Sphäre, in der es um kollektive Verkehrsformen geht, in Geschäften, Verträgen, Rechtsprechung, Steuern, Politik. 

»Die Sphäre der Ökonomie ist direkt aus der inneren Dimension abgeleitet.«

Der Vertrag zum Beispiel ist ein Gewaltverhältnis, denn er führt bei Nichteinhaltung zur Gewalt in Form von Geldstrafen oder Freiheitsentzug. Rechtsstreitigkeiten in Bezug auf Verträge zeigen, dass ein Vertrag, auch wenn er noch so ausgefeilt ist, nicht davor schützt, gebrochen zu werden. Der Vertrag soll das Vertrauen ersetzen, aber es gelingt ihm nicht, weil die letztendliche Vereinbarung auf der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit der Vertragspartner beruht. Wenn ein Vertragspartner falsche Angaben macht oder seinen Zusagen nicht folgt, missbraucht er das Vertrauen des anderen und verrät seine eigene Wahrheit. Der Schaden liegt nicht nur beim Betrogenen, sondern auch beim Täter, der durch diese Unwahrheit seine eigene spirituelle Essenz beschädigt. Diese Beschädigung der eigenen spirituellen Essenz ist sehr folgenschwer, denn wenn jemand seine eigene innere Wahrheit verleugnet, verursacht das einen seelischen Schmerz, führt zur Abspaltung von sich selbst und dann zu Selbstablehnung.

»Indem ich Verantwortung für mein Tun übernehme, kann ich die Verbindung zu mir selbst wiederherstellen.«

Viele Minderwertigkeitskomplexe resultieren aus dieser Abspaltung von sich selbst. Nicht immer sind wir dafür selbst verantwortlich. Allzu oft wird uns diese innere Verbindung mit uns selbst auch von unseren Eltern, der Gesellschaft oder anderen Sorgeberechtigten ausgetrieben. Fast jeder Mensch hat mit diesem Minderwert mehr oder weniger zu tun. Es gibt aber eine besondere Möglichkeit, wie wir selbst unseren Selbstwert wiederaufbauen können: indem wir zu Tätern werden. Täter übernehmen die Verantwortung für ihr Tun und haben den Vorteil, dass sie, anders als Opfer, etwas tun können. Indem ich Verantwortung für mein Tun übernehme, kann ich die Verbindung zu mir selbst wiederherstellen.

»Aus dieser Annahme meiner selbst entstehen Selbstliebe und Selbstwert. Solange ich im Minderwert bin, wird es schwierig werden, Wohlstand zu erschaffen.«

Diese Verbindung mit mir selbst entsteht konkret, wenn ich eine ehrliche Selbsterforschung mache. Ich mache eine Liste meiner Taten und Untaten, ich schaue, wem ich Schaden zugefügt habe oder auf wen ich Groll habe, was meine Ängste sind und wie ich mich in der finanziellen und zwischenmenschlichen Sphäre verhalten habe. Ich schaue mir meine Vorzüge, aber auch insbesondere meine Charakterfehler an und gebe sie mir selbst, Gott und einem anderen Menschen gegenüber ehrlich zu. Indem ich mich damit ehrlich zeige, hebe ich die Abspaltung von mir selbst auf und werde wieder ganz. Aus dieser Annahme meiner selbst entstehen Selbstliebe und Selbstwert. Solange ich im Minderwert bin, wird es schwierig werden, Wohlstand zu erschaffen.

Meine eigenen destruktiven Glaubenssysteme

Für mich war Geld immer der Ausdruck des Bösen. Mein hohes Ideal und Vorbild war Robin Hood, der Rächer der Enterbten. Ich wurde Kommunist und lehnte materiellen Besitz immer ab. Meine Eltern hatten ein sehr großes Haus gebaut, zu dem auch ein Innenschwimmbad gehörte. Dieses Haus war so teuer, dass meine Eltern jahrelang sehr viel arbeiten mussten, um den Kredit abzubezahlen. Folgerichtig waren sie permanent gestresst und ließen ihre schlechte Laune an uns Kindern aus. Alleine der Leimbinder, der Balken, der das Dach vom Schwimmbad trug, hatte 1.600 DM gekostet. Ich dachte mir als Jugendlicher, von dem Geld hätten wir einen Monat ohne Stress leben können. Dieser Monat Lebenszeit und Qualitätszeit erschien mir wesentlich wertvoller als ein Schwimmbad. So schwor ich mir, materiellen Konsum und Geld zu boykottieren. 

»Für mich war Geld immer der Ausdruck des Bösen.«

Ich lebte dann den größten Teil meines Lebens extrem bescheiden und Geld interessierte mich nie. Das war eine Zeit lang auch gut, denn ich lebte ohne Arbeit und ohne Geld sehr frei und hatte diesen Reichtum an Zeit, der mir wichtiger war. Es ist eine meiner wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben, dass ich ohne Arbeit und ohne Geld keine Existenzangst hatte, wohl aber immer dann, wenn ich arbeitete und Geld verdiente. 

Das Nichtstun wurde mir aber irgendwann langweilig, und ich wollte etwas Sinnvolles und Kreatives tun. Das führte zur Gründung der Tattva Viveka. Seitdem habe ich viel zu tun und viele Jahre lang hatte ich weder Zeit noch Geld. Es dauerte lange, bis ich erkannte, dass es an meinem Mindset liegt, dass es mir so geht. Früher hatte ich kein Geld, aber dafür viel Zeit. Menschen, die Karriere machen, haben viel Geld, aber wenig Zeit. Mein Dilemma war, dass ich weder das eine noch das andere hatte. Ich startete also vor fünf Jahren zu einem neuen spirituellen Projekt: viel Geld und viel Zeit.

Warum ist Geld gut?

Wenn wir den ganzen negativen Überbau wegnehmen, der durch den Missbrauch des Geldes geschieht, stoßen wir auf das eigentliche Motiv von Geld. Geld ist eine Abstraktion, die erstaunlicherweise praktisch jeder Mensch versteht, egal wie gering seine Bildung oder sein intellektuelles Vermögen ausgeprägt ist. So ziemlich jeder erwachsene Mensch weltweit versteht unmittelbar, dass ein Geldstück oder ein Geldschein eine Sache ist, mit der man sich ein gutes Leben machen kann. Tatsächlich ist das Geld eine Abstraktion für den Wert, den man einer Sache beimisst. Je wertvoller ich etwas finde, umso teurer ist es. Man spricht von einem teuren Freund und gleichzeitig von einem teuren Auto. Diese Beurteilung, wie wertvoll etwas ist, wird durch die kollektive Praxis entschieden. Die Bewertung ist Gegenstand einer Verhandlung zwischen den Menschen. Je weniger Angebot oder je mehr Nachfrage da ist, umso wertvoller wird etwas. Es ist aber immer der Wert, den wir in eine Sache legen, der letztendlich ihren Preis ausmacht. Dieser Wert entsteht aus unserer Wertschätzung, aus unserer Zuneigung oder, in der Essenz, aus unserer Liebe.

»Nur materielle Dinge sind bezahlbar. Spirituelle Dinge sind unbezahlbar.«

Erstaunlicherweise spürt auch jeder intuitiv und instinktiv, dass man das Auto zwar verkaufen kann, den Freund aber nicht. Hier liegt natürlich der Unterschied zwischen der finanziellen und der spirituellen Sphäre. Nur materielle Dinge sind bezahlbar. Spirituelle Dinge sind unbezahlbar. Was aber beide verbindet, ist die Setzung des Wertes. So findet sich auch das Wort Vermögen in beiden Feldern. Finanziell gesehen ist das Vermögen die Menge unseres Kapitals, spirituell sprechen wir von Urteilsvermögen oder sogar Liebesvermögen. Vermögen kommt von mögen. Es hat also etwas mit Liebe zu tun. Vermögen bedeutet auch können. Man vermag es beispielsweise, mit Menschen gut auszukommen, ein Problem zu lösen, etwas zu tun. Geld ist ein Vermögen, denn mit Geld kann man etwas tun. Wenn wir unseren Selbstwert entwickeln, verstehen wir und fühlen wir, dass wir berechtigt sind, etwas zu vermögen. Wir sind dann in der Lage, unser Leben in Wohlstand, also in einem wohligen Zustand, zu leben. 

Wenn wir unseren Selbstwert entwickeln wollen, müssen und dürfen wir den finanziellen Wohlstand integrieren. Anders geht es nicht. Es sei denn, man entscheidet sich wirklich aus freien Stücken für ein einfaches Leben. Dies ist möglich. Es ist aber nicht möglich, sich aus einer negativen Besetzung von Wohlstand und einer Flucht vor dem eigenen Minderwert heraus für die Armut zu entscheiden und dann glücklich sein zu wollen.

Wenn wir diese destruktiven Manöver ausführen, wäre das halb so schlimm, wenn es nur uns selbst beträfe. Das tut es aber nicht. Es betrifft auch die anderen Menschen, die durch unser Beispiel und unser dysfunktionales Verhalten in Mitleidenschaft gezogen werden können. Auch das ist deshalb ein Grund, sich für den Wohlstand zu entscheiden.

Wir denken vielleicht, durch unsere eigene Armut sind wir solidarisch mit den anderen armen Menschen. Das Ziel einer glücklichen Menschheit besteht aber nicht darin, dass alle arm wie die Kirchenmäuse sind, sondern darin, dass alle im Wohlstand leben. Also müssen wir herausfinden, wie man zu Wohlstand kommt und wie es ist, wenn man im Wohlstand lebt. Es gibt somit keine Ausrede im Bereich der Ethik, um Armut zu rechtfertigen. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass kein anderer in Armut lebt. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass wir selbst nicht in Armut leben. Wir können unseren Wohlstand sehr wohl dafür einsetzen, anderen zu helfen. Das ist die ethische Messlatte für unseren Wohlstand: Sind wir bereit, unseren Wohlstand mit anderen zu teilen, oder werden wir umso egoistischer, je mehr Besitz wir haben? 

Ich musste mir selbst gegenüber eingestehen, dass mein erheblicher Wohlstand, den ich erreicht hatte, nachdem ich ca. fünf Jahre im Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Unterverdiener gearbeitet hatte, mich zwar einerseits zu einer Großzügigkeit veranlasste, anderen Menschen zu helfen, was sich unheimlich schön anfühlte, aber andererseits auch merkwürdige materielle Wünsche hervorbrachte, die nicht das betrafen, was ich brauchte, sondern darüber weit hinausgingen. So entwickelte sich bei mir plötzlich der Wunsch, einen Tesla zu kaufen, obwohl ich kein Auto brauche und auch seit zehn Jahren sehr gut ohne Auto lebe. Ich spürte, wie dieser Wunsch aus meinem Inneren aufstieg, ohne dass ich ihn kognitiv neutralisieren konnte. Das Bedürfnis wuchs und wurde zu einer Sehnsucht. Interessanterweise hat mir Gott genau zu diesem Zeitpunkt den Geldhahn zugedreht. Jetzt bin ich wieder in meinem normalen Modus und schaue interesselos auf die Autos. 

Es braucht wohl ein hohes spirituelles Vermögen, um mit einem finanziellen Vermögen selbstlos umzugehen. 

Falls jemand sich dem spirituellen Weg verpflichtet hat, ist es deshalb nicht unwahrscheinlich, dass ihm ein finanzielles Vermögen nicht zufallen wird, solange er oder sie sich mit diesem Reichtum der Gefahr eines Rückfalls in egoistische Konstrukte aussetzt. Hat so jemand dann auch noch negative Besetzungen in Bezug auf Geld und Finanzen, wird es ihr oder ihm nicht möglich sein, die Frage des materiellen Wohlstands in ein spirituelles Licht zu rücken. 

Die Aufgabe der Person kann der Verzicht sein. Das ist der Weg der alten Traditionen, wo spirituelle Praktiker:innen in der Regel die Armut wählten. Es kann aber auch sein, dass die Aufgabe darin besteht, das Geld aus seinem Missbrauch zu befreien und in seine ursprüngliche Bedeutung als Wertschätzung zurückzubringen, es also zu heilen und damit Wohlstand für alle zu erzeugen.

Am Ende des Tages haben wir mehr davon, wenn wir aufgrund eines veritablen Vermögens handlungsfähig sind. Es gibt keine Grenze für Wohlstand nach oben, denn dieser Wohlstand entspringt aus unserer Schöpferkraft. Materieller Wohlstand nach spirituellen Prinzipien ist Wohlstand für alle und nicht ein Wohlstand auf Kosten der anderen. Das ist der wahrhaft wohlige Zustand, in dem die Liebe den Wert schöpft.

Die Visionen

Um auf spirituelle Weise unseren Wohlstand zu verbessern und unsere finanzielle und spirituelle Solvenz herzustellen, kann es hilfreich sein, Gott, wie jeder Gott für sich versteht, als Arbeitgeber oder Geschäftsführer zu betrachten. Auf dem Weg der Genesung aus dem Minderwert und dem Unterverdienen manifestieren sich diese Visionen in unseren Leben (sie korrelieren mit den Symptomen des Unterverdienens):

  1. Wir tun, was getan werden muss, sofort und nutzen unsere Zeit konsequent, um unsere Vision zu unterstützen und unsere Ziele zu fördern.
  2. Wir fühlen uns zu Ideen hingezogen, die unser Leben und unsere Karriere erweitern und unsere Rentabilität steigern, und nehmen sie schnell an.
  3.  Wir handeln aus dem Bewusstsein unseres wahren Wertes.
  4. Wir geben Dinge weg, die uns nicht mehr dienen, und bleiben so im prosperierenden Fluss.
  5. Wir arbeiten ausgewogen, konsequent und selbstliebend.
  6. Wir wählen Maßnahmen und Verpflichtungen, die unseren Bedürfnissen dienen und zu unserem Wohlstand beitragen, gemäß dem Willen unserer Höheren Macht für uns.
  7. Wir fordern und erhalten eine Erhöhung der Vergütung und auch, was der Markt tragen wird.
  8. Wir freuen uns, mit anderen zusammenzuarbeiten, wenn es dienlich ist, Kooperationspartner, Kollegen oder Angestellte zu haben.
  9.  Wir erleben die körperliche Vitalität und Gesundheit, die unseren Selbstausdruck und unsere Expansion unterstützen.
  10. Wir fühlen uns wohl und freuen uns sogar, wenn wir darum bitten oder bekommen, was wir brauchen oder was uns geschuldet wird.
  11. Wir verfolgen Chancen, Leads oder Jobs, die rentabel sein könnten. Wir erledigen Projekte und Aufgaben, die wir beginnen.
  12. Wir arbeiten harmonisch und im Geiste des Dienstes mit Mitarbeitern, Vorgesetzten und Kunden zusammen und erzeugen einen guten Willen, der zu einem immer größeren finanziellen Wohlstand führt.

Der Mindset der Heilung

Wichtig sind zunächst Aufgeschlossenheit und Bereitschaft, um eine neue Haltung uns selbst und dem Geld gegenüber einzunehmen. Wir beginnen, unser Denken zu beobachten, aus dem die Probleme hervorgehen. Wir sind ehrlich zu uns selbst, ohne uns harsch zu verurteilen, aber wir fragen uns: Was ist mein Anteil an dem Problem? 

Wir werden uns unseres negativen Denkens bewusst und sehen viele Aspekte unseres Lebens durch eine neue Brille. Wir fragen uns, was uns das bringt, was wir gerade tun, und werden offen für neue Möglichkeiten. Wenn wir in Angst geraten oder überwältigt sind, isolieren wir uns nicht, sondern suchen Hilfe, gehen mit anderen Menschen in Kontakt und suchen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Aus der Bereitschaft folgt Selbstakzeptanz, und wir finden eine neue Wertschätzung für unsere Talente, egal ob wir sie schon für unseren Lebensunterhalt einsetzen können oder nicht. Wir fangen an, an unsere Talente und Fähigkeiten zu glauben, und es wird uns immer deutlicher, wie wichtig es ist, sie zu pflegen und zu entwickeln.

Aus der Selbstakzeptanz entsteht Dankbarkeit. Selbstakzeptanz und Dankbarkeit ersetzen unser altes negatives Denken, und wir werden immer offener für die Möglichkeiten, die das Leben uns bietet. Wir nehmen die Fülle wahr, die schon da ist und immer da war. Wir öffnen uns für den sinnvollen Gebrauch unseres Geldes und freuen uns darüber. Wir erlauben uns kleine Annehmlichkeiten, die wir uns vorher verboten haben. Talente entwickeln sich, Visionen offenbaren sich. Das Geld dient unseren höheren Zielen und beherrscht uns nicht mehr. Dankbarkeit und Wohlstand breiten sich aus. Wir bekommen immer bessere Ideen und positive Gewohnheiten ersetzen die alten schlechten Gewohnheiten. Eines Tages erkennen wir, dass wir uns mit unserem Wohlstand sogar wohlfühlen. Wir bekommen ein Gefühl dafür, dass wir dazu berechtigt sind, ein ausgeglichenes, gutes Leben zu haben. Wir fragen uns, wie wir großzügiger sein können. Unsere spirituelle Heilung führt uns dazu, uns selbst, Gott und unserer Gemeinschaft besser dienen zu können. 

Mein eigener Heilungsprozess

Mein Weg der Heilung vom Unterverdienen begann 2016, als ich das Zwölf-Schritte-Programm von Underearners Anonymous entdeckte. Dort lernte ich einen völlig neuen Mindset. Ich öffnete mich für die positive Einstellung zur Fülle. Ich gab mir selbst gegenüber zu, dass ich Geld haben möchte. Ich schämte mich und fühlte mich sehr schlecht dabei, diesen Wunsch zuzugeben, aber es war nun mal so. 

Wie das Leben so spielt, kam ein Angebot für ein Coaching von zwei spirituellen Menschen, die genau dieses Thema des Mindsets in Bezug auf Geld hatten und einen Kurs anboten, der einem beibringt, wie man einen Online-Kongress macht und damit Geld verdient. Der Kurs kostete 2.400 €, zahlbar in zwölf monatlichen Raten. Das war für mich damals unglaublich viel Geld. Ich hatte noch nie so viel Geld ausgegeben (außer für meine MacBooks, die ich auch immer auf Raten abstotterte), aber ich wusste, ich muss Geld in die Hand nehmen und investieren, um einen Erfolg zu erzielen. Ich wollte meine Angst vor großen Zahlen überwinden, denn ein Symptom meines Unterverdienens war auch ein sehr kleinteiliges Denken in diesen Angelegenheiten. Am liebsten wollte ich gar kein Geld ausgeben, und wenn, dann nur ganz wenig, 20 € oder so. Ich wagte also den Sprung. 200 € im Monat waren damals für mich keine Kleinigkeit. 

Mithilfe meiner Coaches war es mir möglich, den Online-Kongress auf die Beine zu stellen und daraus einen großen Erfolg zu machen, der mir auf Anhieb 25.000 € Gewinn einspielte. So viel Geld hatte ich noch nie auf einen Schlag verdient. Meine Maßstäbe verschoben sich dramatisch, und die 2.400 € waren plötzlich ein kleiner Betrag geworden. Der Kongress hatte auch noch viele weitere profitable Folgen, erweiterte sich doch unsere Interessentenkartei mal eben um 6.000 neue Kontakte, und ich konnte weitere Affiliate-Geschäfte machen. Außerdem wurden die Verkäufe und das Anzeigengeschäft, von dem die Tattva Viveka ihre Umsätze erzielt, dadurch gepusht. Ich hatte mich für die Möglichkeit des Geldverdienens geöffnet, und es wurde Wirklichkeit. Ich erlebte, dass die Umsätze doppelt so hoch, die Gewinne dreimal so hoch waren wie vorher. 

Eineinhalb Jahre später, Anfang 2019, bot sich eine Gelegenheit, ein anderes Geschäft zu beginnen. Normalerweise hätte ich das nie in Betracht gezogen und wäre mit der hochmütigen Verachtung des Rebellen darüber hinweggegangen, denn es war klar, dass es um viel Geld gehen würde. Aber diesmal wusste ich, dass hier eine große Chance bestand. Ich hatte die Möglichkeit, bei der Gründung eines (ethisch vertretbaren) Unternehmens von der ersten Stunde an dabei zu sein und durch eine überschaubare Beteiligung von dem initialen Wachstum des Unternehmens zu profitieren. Dies war so unternehmerisch und geschäftstüchtig gedacht, dass ich mich über mich selbst wunderte. Aber ich ergriff die Gelegenheit, und die Provisionszahlungen überstiegen alle meine Erwartungen und alles, was ich bisher verdient hatte. Zwei Jahre lang profitierte ich davon und sanierte meine Finanzen nachhaltig. Wie weiter oben schon angedeutet, ist es jetzt erst mal vorbei, und ich schaue nach neuen Gelegenheiten. Ich habe schon einige Ideen. Die Schönste von allen ist, dass ich gestern meinen ersten selbst geschriebenen Artikel an eine größere Zeitschrift verkauft habe. Mein Herzenswunsch für die nächsten 20 Jahre meines Lebens ist es, zu schreiben, und natürlich muss das auch Geld einbringen, sonst kann ich es nicht dauerhaft machen. 

Ich präzisiere meine Talente und Fähigkeiten sowie meine Bedürfnisse und Wünsche immer genauer und bringe meine Ziele auf diesen Punkt. Ich habe das Vertrauen, dass meine höhere Macht mich beschützt und unterstützt und dass alles zum Wohle des Ganzen, aber auch zum Wohle von mir geschehen wird. Ich lerne es, mir selbst zu vertrauen, mich anzunehmen und zu lieben. Mit dieser Selbstliebe können wir wirklich das erreichen, was wir verdient haben, inneren und äußeren Wohlstand.

Geld ist Liebe

Viele Menschen werden empört sein, wenn sie eine solche Aussage hören. Geld gilt im Allgemeinen als Ursache allen Übels der Welt: Ausbeutung, Verdinglichung, Korruption, Kriege, zerrüttete Freundschaften und vieles mehr. Dass das Geld einen so großen Schaden anrichten kann, zeigt vor allen Dingen, welch starke Kraft es ist. Geld ist so wie Liebe eine der stärksten Energien überhaupt, weil dahinter die Wertschätzung steckt. Wertschätzung ist ein spirituelles Prinzip. Wenn uns etwas lieb und teuer ist, dann, weil es eine große Bedeutung für uns hat und weil es uns etwas geben kann, das unsere Seele glücklich macht.

Ein einfaches Beispiel begegnete mir gerade gestern, als mir ein Freund ein kleines Kätzchen anbot, das ihm zugelaufen war und das er nicht behalten wollte, weil er schon vier Katzen hat. Ich war sehr begeistert und sagte zu, die kleine Katze in meine Obhut zu nehmen. Dann erklärte er mir noch, was es bedeutet, eine Katze zu haben, worum man sich kümmern muss usw., und schließlich meinte er, es gebe einen Vorgang, der in der Katzenszene üblich sei: das »Schwanzgeld«. Das bedeutet, dass man die Katze nicht umsonst hergibt, sondern dass der neue Katzenpapa oder die neue Katzenmama einen Betrag von ca. 50 € bezahlt, einerseits als Aufwandsentschädigung für den vorherigen Katzenversorger, aber andererseits insbesondere, damit der oder die neue Katzenbesitzer:in sich ihre Entscheidung nochmals gut überlegt und wirklich eine ernsthafte Entscheidung trifft, das Tier zu übernehmen und sich um es zu kümmern. Hier wird eine direkte Verbindung von Geld zu Liebe und Fürsorge deutlich. Ist es mir das Geld wert, diese Katze zu nehmen? Bei Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf, weil es jetzt ernst wird. Geld ist eine Verbindlichkeit, sie erzeugt Verbindung. Sie bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Das Schwanzgeld zeigt diesen Zusammenhang. Es macht dem Menschen, der die Katze nimmt, deutlich, dass es ernst wird. Geld ist eine existenzielle Energie, ohne die wir nicht leben können.1Es gibt Ausnahmen, die aber mehr oder weniger die Regel bestätigen. Zum Beispiel lebte Annemarie Schwermer mehrere Jahre in Deutschland bewusst ohne Geld, um zu zeigen, dass dies möglich ist. Stammesgesellschaften leben u. U. in einer reinen Tauschwirtschaft ohne Geld. Auch die Schenkökonomie von Genevieve Vaughan könnte potenziell ohne Geld auskommen. Es ist jedoch fraglich, ob dies in einer komplexen und sehr großen industriellen Gesellschaft wie der unsrigen praktizierbar wäre. Tatsache ist zumindest, dass es weit davon entfernt ist, realisiert zu werden. Andere alternative Wirtschaftsformen wie das bedingungslose Grundeinkommen wiederum funktionieren nur, weil es Geld gibt. Hier gewinnt das Geld eine positive, lebensfördernde Funktion.

Ein anderes Beispiel habe ich in meinem Aufsatz Die spirituelle Bedeutung von Geld geschildert. Auf einem Seminar, bei dem es unter anderem um die Bedeutung von Geld ging, machte der Seminarleiter ein Experiment. Er stellte eine Schüssel mit 4.000 € vor den Teilnehmer:innen auf einen Tisch und lud sie ein, sich eine beliebige Menge Geld aus der Schüssel zu nehmen. Die einzige Bedingung war, zu sagen, was man mit dem Geld vorhat. Es ging darum, tief sitzende Glaubenssätze und Verletzungen aus der Kindheit anzuschauen, und es wurde deutlich, wie tief das Geld mit dem eigenen Selbstwert verbunden ist. Wir waren ca. 70 Teilnehmer, und es war sehr erhellend, wie die Menschen reagierten. Ich will nur die eine Geschichte hier erzählen: Eine Frau trat vor und sagte, sie wolle sich Geld aus der Schüssel nehmen, einfach nur um einmal Geld zu bekommen, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Sie erzählte, dass ihr Vater sie als Kind für kleine Arbeiten bezahlte und sie damit wohl zu einer Art von puritanischer Arbeitsmoral erziehen wollte. Er zählte ihr die Groschen einzeln vor und gab ihr zu verstehen, dass sie nur etwas wert sei, wenn sie diese Leistung bringt. Sie wollte nun einfach nur um ihrer selbst willen Geld aus der Schüssel haben. Der Seminarleiter und alle Anwesenden fanden das sehr gut und ermutigten sie, sich einen Betrag ihrer Wahl aus der Schüssel zu nehmen. Sie stand dann eine ganze Weile vor der Schüssel und wurde immer unsicherer. Man merkte, dass sie nicht wusste, wie viel Geld sie herausnehmen sollte. Die Spannung im Saal stieg, alle warteten, aber sie tat nichts. Der Seminarleiter trat zu ihr, legte den Arm um sie und ermutigte sie. Sie solle sich nur trauen. Ihr inneres Ringen wurde noch stärker, und sie fing an zu weinen. Wie viel war sie wert? Schließlich griff sie in die Schüssel und nahm 20 € heraus – alle waren sofort bestürzt. Es war ein trauriger Anblick. Mehr war sie sich nicht wert? Der Seminarleiter griff dann in die Schüssel und gab ihr einen 500-€-Schein, der auch darin war. Da brach sie vollends in Tränen aus. Ihr ganzes lebenslanges Dilemma ihres Minderwertes und ihrer vom Vater verweigerten Liebe um ihrer selbst willen brach sich in diesem Moment Bahn. Es war für uns alle, die Zeugen dieses Vorgangs waren, so deutlich, wie tief und existenziell das Geld mit unserem Selbstwert, unserer Selbstliebe und auch unserer Beziehung zu anderen Menschen zusammenhängt.

Ein drittes Beispiel möchte ich aus der indischen Kultur erzählen. Dort ist es in den Tempeln üblich, Geld als Gabe für die Gottheit auf den Altar zu legen. Das ist dort völlig normal. Es gibt in der indischen Mentalität in diesem Sinne keine Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem. Das Geld ist genauso wie Blumen, Räucherwerk oder eine Ghee-Lampe Teil des Rituals. 

Fazit

Es ist essenziell wichtig, das Geld als die spirituelle Energie zu erkennen, die sie ist. Alle Verbrecher:innen und Unterdrücker:innen dieser Welt dürfen es nicht schaffen, uns lebende und liebende Menschen von diesem Wert zu trennen. Wenn wir uns aus den Ideologien, die das Geld zu einem Mittel der Unterdrückung und Entfremdung machen, befreien und das Geld wieder in seine ursprüngliche Bedeutung jenseits der Illusion zurückversetzen, erringen wir einen großen Sprung in Richtung Freiheit. Dann wird Geld zu einer unmittelbaren Manifestation unserer Liebe und Wertschätzung füreinander und ein Mittel der Fürsorge, der Zuwendung, der Verbundenheit und des wohligen Zustands.

Editorische Anmerkung: Die Symptome des Unterverdienens und die Visionen stammen von ©Underearners Anonymous. Das Kapitel »Mindset der Heilung« ist eine Zusammenfassung eines Textabschnitts aus »Underearning and our Thinking«, ©Underearners Anonymous.

Zum Autor

Ronald Engert, geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. 2017 Bachelorabschluss in Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seitdem Masterstudium. Arbeitet aktuell an seiner Masterarbeit zum Thema »Mystik der Sprache«. Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.
Blog:
ronaldengert.com
Zeitschrift: tattva.de 

Bildnachweis: © Adobe Photostock

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