Vom Selbstverständnis zur Selbsterkenntnis

Über die tiefgründige Bedeutung von Heilung im Ayurveda

Autor: Michael Rohrschneider

Die ayurvedische Wissenschaft zeigt uns eine Lebensweise in Einklang und Harmonie mit der Natur auf. Wenn wir ihre Gesetzmäßigkeiten beachten, verhilft sie uns nicht nur zu körperlicher Heilung, sondern zu wahrer innerer Selbsterkenntnis. Dass dazu mehr gehört als das Anhäufen von Wissen, weiß Michael Rohrschneider.

Ayurveda behandelt gutes und schlechtes,
glückliches und unglückliches Leben,
seine Förderer und Nichtförderer,
sein Maß und seine Natur.

Hitahitam sukham duhkam-
ayustasyahiahitam Manam ca tacca
yatroktam ayurvedam sa ucyate.

Charaka Samhita

Ayurveda, die Wissenschaft vom Leben – Ayur das Leben und Veda das Wissen. »Die uralte, 3000 Jahre existierende Heilkunde vom langen, gesunden Leben«, so beginnen unzählige Bücher und Artikel. Sind die Begriffe Wissenschaft, Leben, Heilkunde für sich selbst redend oder geben wir ihnen eine vorgefertigte Bedeutung? Was ist das Leben, was ist Wissenschaft und was ist Heilung? Um Ayurveda wirklich zu verstehen, sollten wir uns vielleicht erst einmal diesen Begriffen auf eine andere Weise annähern und nicht einfach die gängigen Erklärungen aus der anerkannten, modernen Wissenschaft, mögen sie biochemisch, philosophisch, mechanistisch oder atomisch sein, anwenden. In den später erwähnten Shad Darshana (sechs philosophischen Systemen) finden wir einige Parallelen. In der folgenden kleinen Geschichte wird deutlich, dass eine wissenschaftliche Betrachtungsweise nicht die allein gültige sein kann und stets nur bis an die Grenze des Denkbaren führt.

Ein Zen-Meister und ein Biologe wandern durch die Berge und finden eine äußerst seltene Pflanze, die der Biologe ausgräbt, um sie im Labor zu untersuchen und zu analysieren. Der Zen-Meister lächelt und sagt: Du wirst das Wesen der Pflanze nie verstehen.

Das Leben

Diese Geschichte zeigt die Grenzen der Wissenschaft, des Wissens auf und weist gleichzeitig auf einen Weg zu tieferer Erkenntnis hin. Wir versuchen, das Leben zu erklären, und müssen anerkennen, dass wir über Erklärungen nicht hinauskommen. Die oben genannten Herangehensweisen bleiben eine wirkliche Erkenntnis schuldig. Wir können das Leben an sich ebenso wenig verstehen wie Gott. Was wissen wir also über das Leben? Eben nur das, was das Leben uns offenbart. Welchen Aspekt des Lebens wir auch anschauen, wir sehen nur die Auswirkungen des Lebens. Wie können wir dann aber Ayurveda, die Wissenschaft vom Leben, verstehen? Nur durch das Leben selbst.

Ayurveda lehrt uns, den Gesetzmäßigkeiten des Lebens, die in uns und in unserer Umwelt wirken, zu folgen, im Einklang mit ihnen zu sein.

In meiner über 20-jährigen Lehrtätigkeit im Ayurveda dient ayurvedisches Wissen auch dazu, den Ayurveda in dir zu finden, Erkenntnis vom Leben zu erlangen. Erlernbares Wissen ist eine Wegbeschreibung zum nicht erklärbaren Leben. Leben will nicht erklärt, sondern gelebt werden. Wir haben nicht ein Leben, schon deshalb, weil es nicht mehrere Leben gibt, sondern nur das Leben an sich, wir sind das Leben wie alle anderen lebenden Spezies in dieser Welt. Ayurveda lehrt uns, den Gesetzmäßigkeiten des Lebens, die in uns und in unserer Umwelt wirken, zu folgen, im Einklang mit ihnen zu sein. Leben ist die Harmonie der Vielfalt mit dem Ursprung aus der Einheit. Deshalb hat auch jedes Lebewesen seine ganz individuellen Lebensäußerungen und repräsentiert einen Teil der unendlichen Vielfalt, die der Einheit des Lebens entspringt. Diese Vielfalt offenbart sich in Form der sich entfaltenden Natur, der Prakruti.

Ayurveda lehrt uns, die Vorgänge und Interaktionen der Natur zu verstehen und mittels unserer Intelligenz auf jedes Individuum anzuwenden. Sozusagen unser begrenztes Verstehen intelligent anzuwenden. Das Leben verstehen heißt, das Leben zu lieben, sich dem Leben hinzugeben. Erlebnisse und Erfahrungen sind Inhalte, Auswirkungen des Lebens, die sich in unserem Denken und Fühlen ansammeln, nicht das Leben selbst. Sie füllen nur die Zeitspanne der körperlichen Existenz und geben uns das Gefühl eines mit Ereignissen angehäuften Lebens, eines angefüllten Lebens. Ein erfülltes Leben zu haben, bedeutet, vom Leben aus sich selbst heraus erfüllt zu sein. Dies ist ein Leben auf dem Weg zur Selbsterkenntnis.

Die Wissenschaft

Die Erkenntnis, dass unser Verstehen begrenzt ist, ist die Voraussetzung für einen intelligenten Umgang mit unserem Wissen. Wir brauchen mehr Erkenntnis und weniger Wissen. Wissen wird von außen aufgenommen, erworben und kann verloren gehen, muss belegt werden, kann aber eben wie alles, was bewiesen werden muss, auch widerlegt werden. Die Wissenschaft sucht nach Beweisen, das Leben ist sich selbst Beweis. Wissen kann definiert werden als intersubjektiv überprüfbare Kenntnis von Tatsachen, als Handlungswissen. Erkenntnis offenbart sich von innen aus dem Fundus der Evolution, der Weisheit des Lebens, muss nicht propagiert (lateinisch propagare = (weiter) ausbreiten, fortpflanzen) werden und ist nicht widerlegbar, kann nicht verloren gehen. Das Leben, die Natur müssen nicht bewiesen werden. Niemand muss beweisen, dass er existiert. Wissen reicht nie bis zum Wesentlichen. Die moderne Wissenschaft hat erkannt, dass wir vielleicht eines Tages die Entstehung des Universums verstehen, aber niemals wissen werden, was dem vorausgegangen ist. Das liegt an der Tatsache, im wahrsten Sinne des Wortes, dass Entstehen ein Vorgang ist, der geschieht oder getan wird, von wem auch immer. Verstehen ist ebenso ein Vorgang, ein Geschehen, weshalb das Seiende, das Nicht-Geschehene, nicht verstanden werden kann. Selbsterkenntnis heißt nicht, das Selbst zu erkennen oder zu verstehen, sondern schlicht, es zu sein, wie Ramana Maharshi es formulierte.

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Kreativität ist die Intelligenz der Natur, wie sie sich in der natürlichen Vielfalt und Wandlungsfähigkeit zeigt, also auch die menschliche Intelligenz, die allerdings immer nur auf der Basis der Prakruti (Natur) aufbaut. Ein unintelligentes Leben im Sinne des Ayurveda zu führen, bedeutet, das Wissen zu ignorieren, den Gesetzmäßigkeiten der Natur zuwider zu handeln, was aktuell zunehmend in großem Umfang geschieht. Die Folgen davon erleben wir in Form von Umweltverschmutzung, Nebenwirkungen von Arzneimitteln, Müllhalden und Epidemien in unserer Umwelt und in Form von Ama (nicht verstoffwechselte Substanzen), Krankheiten und Egoismus in uns, um nur einige zu nennen.

Was nicht der Natur entwächst, ist ohne Wurzel und nicht vollständig integrierbar in natürliche Prozesse, die Natur kennt keinen Abfall. Hieraus wird schon erkennbar, dass Ayurveda keine Heilkunde ist, sondern eine naturorientierte Lebensweise mit Möglichkeiten, bis zu einem gewissen Grade entstandene Ungleichgewichte auszugleichen, aus sich selbst heraus oder mit Unterstützung von Ayurveda-Kundigen durch unterstützende Maßnahmen. Gleichgewicht und Ungleichgewicht, Werden und Vergehen sind der Rhythmus der Natur, sind Entwicklung, sind Lebensäußerung auf der Basis des Seins. Ayurveda, die Wissenschaft vom Leben, erklärt uns also die Vorgänge und Zusammenhänge des Lebens, aber nicht das Leben selbst. Denn das Seiende ist jenseits der Wahrnehmung und des Wissens, folglich kann Ayurveda nur ein Wegweiser zum Seienden, zum Selbst sein. 

Die Heilung, das Heil-Sein, Heilig-Sein

Die klassischen Ayurveda-Schriften, wie die Charaka Samhita, beginnen mit Aussagen zur Gesunderhaltung und beinhalten erst später heilkundliche Vorgehensweisen. Der Begriff Heilung wird in der Schulmedizin meist mit Symptomfreiheit gleichgesetzt. Im Zusammenhang mit Ayurveda wird immer wieder der Begriff »ganzheitlich« verwendet. Was bedeutet »ganzheitlich«? Es bedeutet, den Menschen nicht nur in seiner Komplexität zu betrachten, sondern auch zu verstehen und zu begleiten. Zuerst muss uns klar sein, dass niemand heilen kann, nur die Natur selbst. Krankheit und Heilung sind dem Organismus inhärent. 

Ayurveda bedeutet, aus dem Körper das zu entfernen, auszuleiten, was im Übermaß da ist (Panchakarma), und das zu geben, was in zu geringem Maße vorhanden ist (Rasayana).

Auch der beste Arzt oder Therapeut kann durch therapeutische Intervention nur das innere Milieu beeinflussen, um den Organismus zu unterstützen, das individuelle Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellen zu können. Ayurveda bedeutet, aus dem Körper das zu entfernen, auszuleiten, was im Übermaß da ist (Panchakarma), und das zu geben, was in zu geringem Maße vorhanden ist (Rasayana). Gesundheit ist kein Zustand, Gesundheit ist ein Prozess im Sinne der Homöostase, sowohl in uns als auch im erweiterten Sinne in Bezug auf die Umwelt, in Form einer natürlichen Interaktion im geschlossenen System Universum.

Ayurvedische Heilkunde setzt Wissen, Erfahrung, Empathie und Erkenntnis voraus. In diesem Zusammenhang verwende ich den Begriff Therapeut in seiner altgriechischen Bedeutung: Diener. Ein Diener des Ayurveda, unserem Herrn, dem Leben selbst dienen. Ein guter Diener folgt den Anweisungen des Herrn, weiß, was notwendig ist, um diese Vorgaben zu erfüllen, übt sich in Hingabe an seine Aufgaben und kennt sich in allen Belangen bestens aus. In der Charaka Samhita gibt es Aussagen über die Eigenschaften eines Ayurveda-Lehrers, hier von mir etwas modernisiert, die auch auf einen Ayurveda-Therapeuten mit entsprechend abgeänderten Begrifflichkeiten angewendet werden können. 

  • Ein Ayurveda-Lehrer oder ein Ayurveda-Arzt und -Therapeut sollte die entsprechenden Schriften gut kennen; 
  • er sollte praktische Erfahrung besitzen, sollte weise und spirituell sein; 
  • sollte gesund und rein, frei von Neid, Zorn, Gier und Betrug sein; 
  • sollte alle notwendigen Dinge zur Behandlung von Krankheiten besitzen; 
  • sollte sich den Menschen gegenüber väterlich verhalten und Zuneigung für sie empfinden; 
  • und er sollte fähig sein, Ayurveda verständlich zu vermitteln.

Heilung ist ein Prozess der Annäherung an den ausgewogenen Zustand einer Spezies körperlich, psychisch, mental und spirituell.

Heil-Sein ist der Prozess des erfolgreichen Ausgleichens von lebensbedingten Intervallen des Gleichgewichts und Ungleichgewichts durch eine natürliche Eigenregulation.

Heilig-Sein ist die Erkenntnis der wahren Existenz, des Selbst, jenseits des Wandelbaren.

Gesundheit ist der dem Alter angemessene natürliche Prozess des Werdens und Vergehens der Körperlichkeit, einer anpassungsfähigen Eigenregulation der Psyche, eines intelligenten Umgangs mit dem Denkvermögen und fortschreitender spiritueller Erkenntnis in Bezug auf die individuelle und universelle Existenz.

Ayurveda – eine biochemische, philosophische, mechanistische und atomische Wissenschaft

Shad Darshana sind die sechs philosophischen Systeme des Ayurveda: Shamkya, Nyaya, Vaisheshika, Mimamsa, Yoga und Vedanta. In diesen sechs Systemen finden wir wesentliche Grundlagen des Ayurveda wieder. Wege, um Wissen zu erlangen und dieses im Leben umzusetzen, Modelle vom Aufbau des Universums, Schulung der Unterscheidung und Wege zur Selbsterkenntnis. Hieraus ist deutlich zu ersehen, dass Ayurveda weitaus mehr als eine Heilkunde im üblichen Sinne ist, sondern eine wirkliche Wissenschaft vom Leben, nicht nur im Sinne von Theorien, sondern auch mit klaren Hinweisen auf die praktische Umsetzung im Leben, als eine entwicklungsfördernde Lebensweise.

Shamkya, Nyaya und Vaisheshika befassen sich hauptsächlich mit der materiellen Welt,

Mimamsa, Yoga und Vedanta beschäftigen sich mit der inneren Welt, um die äußere Welt besser zu verstehen, als Basis geistiger Entwicklungsmöglichkeiten.

Philosophie der Schöpfung

Die Shamkya-Philosophie hat den Ayurveda wohl am stärksten beeinflusst. Dort unterscheidet man die folgenden Begriffe:

Purusha ist reines, nicht aktives Bewusstsein. Pur bedeutet Stadt und Sheta bedeutet so viel wie Existenz. Also die Existenz in der Stadt. Die Stadt der neun Tore und der Sinne ist das Synonym für den Körper. Purusha ist Wahrheit, Erleuchtung, reine Existenz, eigenschaftslos, ohne Anfang und Ende aus sich selbst heraus existierend, göttlich.

Prakruti ist ursprünglicher Wille und Ursache, kreatives Potenzial. Prakruti ist aktives Bewusstsein. Das Universum ist geboren aus Prakruti. Prakruti ist die göttliche Mutter, göttlicher Wille, der Wunsch nach Vielfalt. Purusha ist der Zeuge der Schöpfung. Prakruti kann nicht ohne Purusha, aber Purusha ohne Prakruti existieren.

Mahat (kreative Intelligenz): Purusha und Prakruti wirken zusammen zum Zweck der Schöpfung. Durch Purusha bekommt Prakruti Bewusstsein vom Bewusstsein und schafft dadurch Mahat, die kosmische Intelligenz. Mahat ist sich selbst bewusst, es ist die höchste Intelligenz, die alles lenkt und gestaltet. In jeder Körperzelle existiert Intelligenz, die sich zum Beispiel genau bewusst ist, welche Substanzen sie benötigt und welche Funktionen sie erfüllen soll. Die Kommunikationsintelligenz der Zellen ist Prana, die Lebensenergie.

Ahamkara ist durch Mahat geschaffen. Ahamkara, das Ich-Bewusstsein, das Zentrum der Ichhaftigkeit, das Ego. In Mahat gibt es noch keine Differenzierung. Ahamkara ist der Ausgangspunkt der Individualisierung, die Vielfältigkeit.

Sattva, Rajas, Tamasdie drei Gunas – entstehen durch die Individualisierung, durch die kosmische Schöpferkraft, die das Bewusstsein in Bewegung versetzt. Durch die Individualisierung (Ego) sind die Gunas verschieden, getrennt und definierbar.

Sattva ist das reine Licht, rechtes Handeln und spirituelles Ziel.

Rajas ist das Prinzip von Bewegung, Veränderung und Erregbarkeit.

Tamas ist Trägheit, Dunkelheit und Unterscheidungslosigkeit.

Aus dieser Individualisierung entstehen die Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, die Handlungsorgane Mund, Hände, Füße, Fortpflanzungs- und Ausscheidungsorgane sowie die Wahrnehmungsorgane Augen, Ohren, Zunge, Haut und Nase. Der Geist wird sowohl als Wahrnehmungs- als auch als Tätigkeitsorgan betrachtet.

Innere und äußere Welt

Vaisheshika ist mehr ein physikalisches Modell als eine Philosophie. Es geht um die Umwandlung der grobstofflichen Materie durch Hitze. Dieses Prinzip finden wir im Ayurveda in der Lehre vom Agni (Verdauungsfeuer) wieder. Nach Vaisheshika besteht das gesamte Universum aus Atomen. Vaisheshika geht von neun ursächlichen Substanzen des Universums aus, Narna karva dravya: Narna bedeutet neun, Karva meint die Ursache und Dravya die Substanz. Narna karva dravya beinhaltet die Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde sowie die Seele (Atman), den Geist (Manas), die Zeit (Kala) und den Ort (Dik).

Nyaya beschäftigt sich mit der Ursächlichkeit dieser Substanzen. Nyaya und Vaisheshika ähneln den modernen Wissenschaften, da sie sich mit dem Erlangen von Wissen durch Logik und Beobachtung beschäftigen.

Mimamsa ist eine Philosophie, die durch Analyse die Wahrheit zu verstehen versucht. Durch rechtschaffenes Leben (Dharma) zur Freiheit zu gelangen. Gott ist in jedem Menschen inkarniert, um Frieden, Liebe und Gesetz zu bringen. Gott ist allgegenwärtig. Um uns selbst zu verstehen, müssen wir Gott erkennen. Es werden das niedere Selbst Jivatman und das höhere Selbst Paramatman unterschieden.

Yoga ist die fünfte Philosophie. Yoga heißt Vereinigung. Die Vereinigung des niederen mit dem höheren Selbst, die Vereinigung mit Gott. Es werden viele verschiedene Yoga-Formen unterschieden. Bhakti-Yoga ist der Yoga der Hingabe, Jnana-Yoga ist der Yoga der Erkenntnis, Karma-Yoga ist der Yoga der Entsagung der Früchte durch Arbeit. Patanjalis Yoga-System handelt von der Beherrschung und Beruhigung des Geistes, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Yoga bringt die Achtsamkeit zurück zum Selbst. Die Asanas (Körperübungen) werden in Südindien in Verbindung mit Ayurveda zu Heilungszwecken eingesetzt.

Vedanta, eine Philosophie, die ihren Ursprung in den Veden hat. Veda bedeutet Wissen und anta das Ende des Wissens. Wissen ist wichtig für das tägliche Leben, aber auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ist Wissen ab einem gewissen Zeitpunkt ein Hindernis. Niemand kann das Selbst oder Gott verwirklichen, indem er Bücher liest. Wir müssen uns selbst studieren in unserem eigenen Lebensbuch des Bewusstseins. Wir müssen unsere eigenen Gedanken, Gefühle, Handlungen in jedem Aspekt des Lebens lesen und uns akzeptieren, wie wir sind. 

Der Körper und sein subtiler Aufbau

Körperliche Existenz und Heilung stehen aus meiner Erfahrung meist im Vordergrund einer ayurvedischen Behandlung oder Beratung. Körperliche Beschwerden zu beseitigen oder die körperliche Unversehrtheit zu erhalten, sind die häufigsten Anlässe, sich ayurvedisch betreuen oder behandeln zu lassen. Die prominente Identifikation mit der Körperlichkeit darf nicht über komplexere Zusammenhänge hinwegtäuschen. Den Körper als Fahrzeug für unser jetziges irdisches Dasein zu betrachten, wirft natürlich die Frage nach dem Fahrer, seinen Fähigkeiten und dem Verhältnis zum Fahrzeug auf, worauf ich noch später zurückkommen werde. Unser Fahrzeug, der Körper, will ebenso gepflegt sein, in der rechten Weise belastet und mit gutem Betriebs- und Baustoff versorgt sein. Die von der Natur vorgegebene Konstitution gibt uns die nötigen Hinweise auf Maß, Zeitpunkt, Umstände und Dauer.

Ayurveda ist eine Elemente-Lehre, nach der alles Materielle in diesem Universum aus den fünf Elementen, den Pancha Maha Bhutas (fünf großen Elementen) Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, zusammengesetzt ist. Maßgeblich für unsere körperliche Verfassung ist das individuelle Gleichgewicht der drei Doshas Vata, Pitta und Kapha, die von Geburt an unveränderbar festgelegt sind; sie bestimmen die Konstitution, die Prakruti. Jedes dieser Doshas besteht ebenfalls aus den fünf Elementen, nur in unterschiedlichem Proporz. Das optimale Zusammenspiel dieser drei Wirkungsprinzipien ist abhängig vom Zustand des Agni, unserer Verdauungs- und Stoffwechselfunktion. Vata ist das Bewegungsprinzip, Pitta das Stoffwechselprinzip und Kapha das Struktur gebende Prinzip. Ist durch falsche Lebensweise, Denkweise, Ernährungsweise, emotionale Störungen oder spirituelles Fehlverhalten die Interaktion der Doshas untereinander belastet oder gestört, hat das Krankheit, ein Ungleichgewicht der Doshas (Vikruti) zur Folge.

Der Begriff Dosha kann mit »Verderber« übersetzt werden, was daher rührt, dass die aus dem Gleichgewicht geratenen Doshas krank machend, zerstörerisch wirken. Ziel einer ayurvedischen Behandlung ist es, das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen, zum Beispiel den Körper von Ama zu befreien (Amapacan), das Agni zu stärken (Agnideepan) und die Doshas zu optimieren, die Lebensweise und die Ernährung entsprechend der Konstitution und dem Alter anzupassen, um das erreichte Gleichgewicht zu erhalten. Die Empfehlungen für die Dinacharya, die tägliche Routine, und die Rutacharya, die jahreszeitliche Routine, geben konkrete Hinweise auf den Tagesrhythmus beziehungsweise auf den jahreszeitlichen Rhythmus.

Die drei Gunas Tamas, Rajas und Sattva werden in diesem Zusammenhang als geistige Doshas bezeichnet. Negative und krank machende Denkmuster durch lebensbejahende Gedanken zu ersetzen, die Psyche zu stabilisieren und die Spiritualität zu fördern. Tamas steht dabei in Beziehung zu Kapha und Rajas zu Vata und Pitta. Sattva hat keine Entsprechung auf der körperlichen Ebene, da es sich hauptsächlich auf die spirituelle Entwicklung bezieht. Alle drei Gunas machen ihren Einfluss auf der körperlichen Ebene, in der psychischen Verfassung, der geistigen und spirituellen Entwicklung, wie schon oben erwähnt, geltend.

Emotionales, geistiges Leben und Heilung

Emotionen entstehen durch Wahrnehmungen, deren Wertung und den daraus folgenden psychophysischen Reaktionen. Die Wahrnehmungen und deren Wertung können bewusst oder unbewusst sein. Das emotionale Leben läuft dabei in Zyklen ab.

Gibt es eine Störung, sodass am Ende des Zyklus der Ausgleich nicht erreicht wird, bleibt ein Ungleichgewicht bestehen, so lange, bis ein Weg zur Regulation gefunden ist und es final zum Ausgleich kommt. Dabei spielen die drei Gunas (geistige Doshas) eine wesentliche Rolle. Mithilfe der Aktivität und Zielstrebigkeit von Rajas kann die Trägheit und Interesselosigkeit von Tamas überwunden werden, um letztendlich in die Ruhe, den Frieden und das Mitgefühl von Sattva zu kommen. Überwinden bedeutet, die sattvischen Qualitäten zu optimieren, die dann dominierend für Lebensweise und Weltbild sind.

Jeder Mensch hat zu jeder Zeit alle drei Gunas; entscheidend ist, welches Guna das dominierende ist.

Im Gegensatz zur unveränderlichen körperlichen Konstitution, der Prakruti, kann die geistige Konstitution optimiert werden. Dabei sollte die Ausrichtung auf Sattva sein, um auch das menschliche Potenzial der Spiritualität zu entfalten. Gleichzeitig sollte nicht übersehen werden, dass Sattva ein Teil der Individualität (durch Ahamkara geschaffen) ist, also zum Beispiel gewisse Grundbedürfnisse und Sicherheit erfüllt sein müssen, um in eine funktionierende emotionale Eigenregulation zu kommen. Wenn wir diese in Bezug zu den einzelnen Gunas setzen, ist zu erkennen, wie die Dominanz der einzelnen Gunas andere Auswirkungen hat. Tamas findet seine Existenz- und Grundbedürfnisse in einer bequemen, konsumorientierten, ignoranten Lebensweise erfüllt. Rajas braucht Ziele, Erfolg und Bewunderung, ist zielstrebig und durchsetzungsstark. Der sattvisch dominierte Mensch ist zufrieden, bescheiden, friedvoll, spirituell und mitfühlend. Jeder Mensch hat zu jeder Zeit alle drei Gunas; entscheidend ist, welches Guna das dominierende ist. Wir brauchen die Aktivität von Rajas für den Antrieb, aber auch die Trägheit von Tamas zur Entschleunigung.

In Pfeilrichtung ist eine Entwicklung von einer ausgeprägten Ichhaftigkeit des Tamas-dominierten Menschen, über die aktive, erfolgsorientierte Rajas-Phase zu einem sattvischen Menschen zu erkennen. Es beschreibt einen Heilungsprozess von einem isolierten tamasischen Dasein zu einem liebenden, hingebungsvollen Menschen. 

Die geistigen Fähigkeiten können wir in weitere drei Bereiche einteilen:

  1. Emotionen und Denken sind begrenzt.
  2. Individuelle Intelligenz zeigt sich in Form von Kreativität.
  3. Kosmische Intelligenz (Buddhi) zeigt sich in Form von Intuition.

Während die individuelle Denkfähigkeit und die individuelle Kreativität entwickelt werden können, ist die kosmische Intelligenz, Buddhi, die einem jeden Menschen innewohnende Weisheit, die sich dem Menschen mehr oder weniger offenbart. Buddhi ist nicht verfügbar, sie wird gewährt. Hingabe durch Mantren und Gebet lässt Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen und öffnet das Herz. Hierbei spielt Sadhaka Pitta eine wesentliche Rolle, das wir im Gehirn als Unterscheidungskraft, Verständnis und logisches Denken finden und im Herzen als Zugang zur höheren Intelligenz der Buddhi. Deshalb sollte das Herz sich des Verstandes bedienen.

Spirituelles Leben und Heilung

Ein spirituelles Leben ist ein bodenständiges Leben, in dem wir uns als Schöpfer dieser Welt begreifen, um mittels dieser selbst geschaffenen Welt zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Unterscheidungsvermögen (Viveka) ist notwendig, um Nichterkenntnis (Avidya) mithilfe von Erkenntnis (Vidya) zu überwinden. »Wer bin ich?« ist die Frage des Lebens. Der Weg der Bewusstwerdung, von der äußeren Welt der Sinne und Handlungen, über unmittelbare Wahrnehmung bis hin zur Selbsterkenntnis. Wem wird bewusst, wer handelt und wer erkennt was oder wen? Im Sinne des Vedanta ist Atman, der identisch mit Brahman (reines Bewusstsein) ist, der Erkennende. Atman erkennt sich selbst als Brahman, als alleinige Wirklichkeit. Die Welt ist eine Projektion des Geistes, der nichts weiter ist als die Ansammlung von Gedanken, bewegtes Bewusstsein. Deshalb empfahl Ramana Maharshi: Suche nach dem Ursprung deiner Gedanken. Die Einheit in der Vielfalt zu erkennen, ich bin nicht der Handelnde, sondern der ewige stille Beobachter, Atman. Es ist die Prakruti, die Natur, die handelt.

Brahma: das universelle Bewusstsein ist identisch mit Atman, dem individuellen Bewusstsein. Wie der Raum um ein Gefäß herum (Brahman) und der Raum in einem Gefäß (Atman) ist beides ein und derselbe Raum.

Jiva: der sogenannte Genießer, der Teil von Atman, der sich mit der Individualität und Körperlichkeit identifiziert. 

Chitta: wird auf unterschiedliche Weise verstanden, hier als der Teil des Bewusstseins, den wir auch das Unbewusste nennen, der hinter der Bewusstseinsgrenze liegt, aber meditativ erfahren werden kann.

Buddhi: die kosmische Intelligenz, durch die alles Gedachte, Erlebte und Gewünschte läuft, erkennt im großen Zusammenhang weit über die Grenzen des Verstandes hinaus.

Ahamkara: die Ichhaftigkeit und Individualität.

Manas hat viele Bedeutungen, hier sind die Denkfähigkeit und Gefühle im weiteren Sinne gemeint.

Die Wahrnehmungsorgane: Augen, Nase, Haut, Ohren und Zunge.

Die Tätigkeitsorgane: Mund, Hände, Füße, Fortpflanzungs- und Ausscheidungsorgane. 

Solange wir in der Illusion des Ahamkara als alleinige Realität leben, erleben wir uns als begrenzt und vergänglich. Die geistige Projektion dieser individuellen Welt entspringt dem Ahamkara, der das Eine in der Vielfalt erscheinen lässt. Selbsterkenntnis ist kein anzustrebendes Ziel, sie ist das Aufleuchten, das Bewusstwerden des Seins, die Erkenntnis der Einheit in der Vielfalt. Das Bewusstsein wird sich selbst bewusst. Streben und Ziel setzen einen Strebenden und ein Ziel voraus, da aber Ziel und der Strebende identisch sind, gibt es nichts zu erreichen. Spirituelle Erkenntnis in diesem Sinne ist das Heil-Sein. Viveka (Unterscheidungsvermögen) ermöglicht die Unterscheidung zwischen der in Erscheinung tretenden, seienden und vergehenden Welt und dem aus sich selbst heraus existierenden, unvergänglichen Brahman. Das Sein, die allgegenwärtige, ewige Stille, jenseits aller geistigen Projektionen. Ich bin, der Ich bin! Selbsterkenntnis ist spirituelle Heilung.

Es ist die Natur, die sich in Indien den Menschen als Ayurveda offenbart hat und mehr und mehr auch außerhalb Indiens als Wissenschaft anerkannt, praktiziert und gelebt wird.

Ayurveda kann ein solcher Lebensweg sein, ein Weg von einem tiefgreifenden Selbstverständnis zur Selbsterkenntnis. Der Mensch mit seiner gottgegebenen Fähigkeit zur Selbstverwirklichung, körperlich, geistig und psychisch, ein Teil der Natur, spirituell das reine Bewusstsein (Brahman/Atman). Ayurveda, die Wissenschaft vom Leben, vom körperlichen, geistigen, psycho-emotionalen und spirituellen Leben, eben weitaus mehr als eine Heilkunde oder theoretische Wissenschaft. Ayurveda erklärt uns die Vorgänge und Zusammenhänge der Natur, ist nichts vom Menschen Geschaffenes. Es ist die Natur, die sich in Indien den Menschen als Ayurveda offenbart hat und mehr und mehr auch außerhalb Indiens als Wissenschaft anerkannt, praktiziert und gelebt wird. Kulturelle, klimatische Prägungen und natürlich vorhandene Ressourcen, die indientypisch sind, und die daraus resultierenden Unterschiede sind natürlich vorhanden. Die Grundprinzipien der Natur sind aber weltweit die gleichen, nur die Offenbarung ist unterschiedlich. Ayurveda in Europa heißt, uns geprägt und getragen als einen Teil der Natur in ihrer europäischen Ausprägung zu verstehen, ihr Angebot intelligent zu nutzen, inkludiert zu leben für ein gesundes, erfülltes Leben.

Zum Autor

Michael Rohrschneider ist Heilpraktiker in eigener Praxis seit 1989, mit den Schwerpunkten Psychotherapie, Ayurveda und Panchakarma-Therapie. Seit 2004 ist er Referent und Leiter von Ayurveda Aus- und Weiterbildungen in kleinen Gruppen. Er ist Autor für Fachzeitschriften und Referent an verschiedenen Ayurveda-Ausbildungsstätten.

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