Bewegung als Weltprinzip bei Heraklit und im Daoismus
Körperlichkeit und Bewegung spielten in der Antike aufgrund der Lebensverhältnisse, der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen der Zeit und auch aufgrund des Selbstverständnisses vieler Philosophen eine gänzlich andere Rolle. So war Sokrates vor seiner Karriere als vermeintlicher »Wortverdreher« und »Verderber der Jugend« ein hartgesottener Bürger-Soldat (hoplit) und zeichnete sich in mehreren Schlachten durch seine Tapferkeit aus. Sein Schüler Platon indes bekam seinen Namen aufgrund seiner muskulösen Statur (plato bedeutet breit), die ihm als Ringer einige Erfolge bescherte. Kleanthes (ein Stoiker und Nachfolger des Zenon) war ursprünglich Boxer und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit der anstrengenden Tätigkeit des Wasserträgers. Und Xenophon war nicht nur ein großer Denker, sondern auch Soldat, Kriegsberichterstatter und Feldherr, der am berühmten »Zug der 10.000« teilnahm.
Die praktische Ausrichtung ihrer Philosophie, die sich vor allem im Alltag beweisen musste, veranlasste den US-amerikanischen Stoa-Experten Donald Robertson zu der schönen Aussage: »Wenn die Philosophen der Antike Krieger des Geistes waren, waren ihre modernen Entsprechungen wohl eher so etwas wie Bibliothekare des Geistes.« [1]
Panta rhei
Über Heraklit, den eher opaken und dunklen Philosophen des 5. Jahrhunderts v. Chr., ist nicht viel Biografisches bekannt – als Abkömmling eines Königsgeschlechts von Ephesos lässt sich aber vermuten, dass er um eine Ausbildung mit Schwert, Schild und Speer nicht herumgekommen sein dürfte.
Sein panta rhei aber, sein »Alles fließt, nichts besteht«, ist dagegen mehr als bekannt, auch wenn es interessanterweise nirgends in den Fragmenten auftaucht, die noch von ihm erhalten sind, sondern ihm nur einhellig sowohl von antiken als auch modernen Kollegen zugeschrieben wird. Hier taucht die Bewegung explizit als Weltprinzip auf, als Prozess eines ewigen Werdens, Entstehens und Vergehens. Eine Philosophie des Wandels, der sich auf die Welt ebenso wie auf uns Menschen bezieht. Berühmt sind seine sogenannten Fluss-Beispiele geworden: »Denen, die in dieselben Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu.« [2]
Nichts bleibt, alles verändert sich – es gibt kein starres Gefüge, sondern das Strömen der Dinge. Was bei diesen oft zitierten Bildern gern übersehen wird – und was die eigentliche Leistung Heraklits darstellt –, ist jedoch sein Verständnis von der Quelle dieses Fließens. Wie kaum ein anderer hat er den Begriff des logos geprägt, des allem und jedem zugrunde liegenden Weltgesetzes, welches all dieses Fließen leitet und dessen weitere Bedeutungsebenen wie »vernünftige Rede« oder »Formel« auf ein – wie später in der Stoa – ordnendes Vernunftprinzip hinweist, also einen ruhenden Ursprung, der sich in die Welt hinein entfaltet.
Am Anfang war die Entfaltung
Und so ist es kein Wunder, dass dieser Begriff des logos dann auch als Weltgeist beziehungsweise denkender Geist Gottes im Judentum (als memra, das Denken Gottes) und Christentum auftaucht. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott«, sagt der Prolog des Johannesevangeliums[3] , wobei das Wort für Gott hier im griechischen Original des Textes genau dieser logos ist. Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, aber ich würde auch Aristoteles’ Idee des »unbewegten Bewegers« (oder genauer übersetzt: »des unbewegt Bewegenden«[4] ) mit dem logos gleichsetzen.
»Nichts bleibt, alles verändert sich – es gibt kein starres Gefüge, sondern das Strömen der Dinge.«
Und noch eine Idee würde ich gern in diese Zusammenschau mit einbeziehen: das Dao (oder Tao), auch wenn in unserem heutigen eurozentristischen und hauptsächlich universitär geprägten Philosophiebetrieb ein Vergleich mit chinesischem Denken oftmals verpönt scheint. Hier herrscht noch die Meinung vor, dass die Dichterphilosophen Chinas wie Zhuangzi, Yang Zhu oder Wang Bi hauptsächlich der Spiritualität zugeordnet werden können.
»Es gab etwas Formloses und Vollkommenes, bevor das Universum entstand. Gelassen ist es und leer. Einzig und unverständlich. Grenzenlos und ewig verfügbar. Es ist die Mutter des Universums. In Ermangelung eines besseren Namens nenne ich es das Tao. Es fließt durch alle Dinge, innen und außen.«[5]
Es gibt sicherlich Unterschiede in den Denkansätzen, die man nicht so ohne Weiteres verwischen sollte, doch glaube ich, dass all die hier erwähnten Begrifflichkeiten wie »das unbewegt Bewegende«, der »logos« und das »Dao« dennoch etwas gemeinsam haben: Sie stellen eine Entfaltung des Einen in das Viele dar, eine Kraft, die dunkel und nicht wirklich nennbar ist, die sich nicht fixieren und wirklich definieren lässt, und die zugleich alles durchwirkt und überhaupt erst möglich macht, dass wir über sie nachdenken. Es ist die Bewegung von einem in sich ruhenden Innen hinein in ein sich in unzähligen Formen ausdrückendes Außen, das sich – um die Vergleiche auf die Spitze zu treiben – ebenfalls in der dynamischen Entwicklungsphilosophie von Herbert Spencer wiederfindet, der diese in der Mitte des 19. Jahrhunderts formuliert hat: »Die Entwicklung ist eine Integration der Materie, die von einem Aufwand an Bewegung begleitet wird; während ihres Verlaufs geht die Materie aus unbestimmter, zusammenhangloser Homogenität in bestimmte, zusammenhangvolle Heterogenität über, und die aufgewendete Bewegung erleidet eine gleichlaufende Umformung.«[6]
Aus dem Einen, über das man kaum eine konkrete Aussage treffen kann, geht das Viele hervor, welches sinnlich erfassbar, begreifbar und ansprechbar ist, und durch welches wir – christlich-theologisch betrachtet – wiederum Rückschlüsse auf das Eine gewinnen können. So kann man die Formulierung St. Columbans aus dem 6. Jahrhundert auffassen: »Verstehe die Schöpfung, wenn du den Schöpfer kennen willst… Denn diejenigen, die die weite Tiefe zu kennen wünschen, müssen zuerst die Natur überdenken.«[7] (Dem Agnostiker Spencer würde es wahrscheinlich gar nicht gefallen, dass ich zur Erklärung seiner Thesen einen irischen Mönch heranziehe, aber die Welt ist ein seltsamer Ort – und damit muss sich auch Spencer arrangieren.)
Unsere Wege in einer fließenden Welt
Die antike Philosophie Griechenlands und Roms war wie gesagt äußerst praktisch orientiert und stets bestrebt zu ergründen, wie der Mensch in der Welt, die ihn umgibt, ein gutes und gelingendes Leben führen könne. Den gleichen Pragmatismus legten auch die frühen, philosophisch orientierten Daoisten an den Tag, bevor der Daoismus zu einer Religion mit obskuren Vorstellungen und noch obskureren Ritualen wurde.
Daher mag es erlaubt sein, aus all dem bisher Gesagten, einen Weg abzuleiten, der als Tuschezeichner im alten China ebenso wie als hoplit im antiken Griechenland gangbar war und auch für (dem Christentum nahen und fernen) Menschen des 21. Jahrhunderts Orientierung bieten kann. Das Dao bietet hier einen guten Ansatz, da es nicht nur wie von Richard Wilhelm mit »Sinn«, sondern ebenso mit »Weg« übersetzt werden kann (auch wenn ich persönlich es vorziehe, es gar nicht zu übersetzen und so seinen undurchschaubaren Charakter schon im Wort zu erhalten). Es ist der Weg der Entfaltung und der Erschaffung, und zugleich ein Weg, der durch diese Welt hindurchführt – ein Weg, dem man folgen kann. Noch besser gesagt: Ein Fluss, mit dem man mitfließen kann.
»Das Dao selbst ist ein Beispiel für die Philosophie des wu wei, des Handelns ohne zu handeln, des anstrengungslosen, einfachen Seins.«
Wasser war schon immer eine Metapher, mit der der Daoismus gespielt hat. Es ist weich, doch unaufhaltsam, es besiegt den Felsen, indem es ihn aushöhlt oder ihn einfach umfließt. Bilder wie diese finden sich zuhauf in daoistischen Schriften, wobei immer wieder darauf hingewiesen wird, dass das Wasser sich nicht in seinem Tun bemüht, sondern der Schwerkraft folgt und so stets dorthin fließt, wo es sein soll, dabei alles erreicht, was gut und richtig ist. Das Dao selbst ist sozusagen ein Beispiel für die Philosophie des wu wei, des Handelns ohne zu handeln, des anstrengungslosen, einfachen Seins. Eva Wong, international anerkannte Expertin für den Daoismus, beschreibt das Dao wie folgt: »Das Tao hat keine Form und Gestalt, aber seine Kraft ist unendlich. Alle Dinge sind aus ihm entstanden, aber beim Erschaffen und Nähren der unzähligen Dinge wird seine Energie nicht erschöpft.«[8] Es tut, und tut zugleich nicht. Es folgt einfach seiner Natur – und genau so sieht der Weg des Dao auch für uns Menschen aus.
»Daher handelt der Meister, ohne irgendetwas zu tun, und lehrt, ohne irgendetwas zu sagen. Die Dinge erscheinen, und er lässt sie kommen; die Dinge verschwinden, und er lässt sie gehen. Er hat, besitzt aber nicht, handelt, erwartet aber nicht. Wenn sein Werk getan ist, vergisst er es. Ebendarum währt es ewig.«<[9]
Auf diesem Weg lassen wir los, werden leer, um Neues zuzulassen, und wach, den Wandel zu sehen. Durch unseren Tanz mit dem Fluss des Dao kehren wir zurück zur Wirklichkeit unserer Natur und werden durchlässig für das, was sich zeigen mag.
Auch unser eigenes Sein, unseren eigenen Körper sehen wir in diesem Fluss – unsere Veränderung durch unterschiedliche Lebensphasen, Alterungsprozesse und Auflösungserscheinungen werden einfach als naturgemäßer Wandel interpretiert. Wobei Interpretation schon zu viel ist, denn das ist wohl der große Unterschied zwischen dieser frühen chinesischen Weisheitslehre und unserem westlichen Erbe: Während europäische Philosophie in großen Teilen »Begriffslehre« ist, die möglichst genau zu definieren sucht, lässt der daoistische Geist die Dinge im Dunklen, von wo aus sie schlicht geschehen.
Heraklit hätte diesem Ansatz vielleicht positiver gegenübergestanden als spätere westliche Philosophen dies getan haben. Auch er hatte nicht den Anspruch, glasklare Definitionen abzugeben, was ihm dann auch von Aristoteles vorgeworfen wurde. Die Textfragmente, die wir heute noch von ihm haben, sind voller Doppeldeutigkeiten, Anspielungen, seltsamer Metaphern und dunkler Wortspiele. So bleibt auch sein Begriff des logos letztlich vage und interpretationsoffen: Eine Quelle, die als inhärentes Gesetz das Sein leitet und dabei Widersprüche in einer größeren Einheit umfasst. Eine Einheit, in der auch Götter und Menschen in einer gewissen Spannung ihrer Unterschiedlichkeit leben, in der die Menschen ihre Sterblichkeit im Angesicht der Götter verstehen, während die Götter ihre Unsterblichkeit erst durch die Sterblichkeit der Menschen begreifen. Von hier ist es nicht so weit zum bewussten Loslassen und zur Akzeptanz der Gesetzmäßigkeiten beziehungsweise des logos.
»Hier wird Gott zur Welt und zu den Geschöpfen, hier ist alles, was ist, in seiner Grundstruktur göttlich und von logos erfüllt.«
Der stoische Kaiser Marc Aurel bringt diese Akzeptanz etwa 650 Jahre nach Heraklit auf den Punkt: »Universum: Was immer im Einklang mit dir steht, steht im Einklang mit mir.«[10] Eine Einstellung, die auch einem Daoisten entspräche, und die aus einer anderen für die Stoa berühmten Einsicht hervorgeht, welche Epiktet formuliert hat: »Von den Dingen stehen die einen in unserer Gewalt, die anderen nicht.«[11] Sich um die Dinge zu bekümmern, die nicht in unserer Gewalt stehen, ist wie gegen den Strom des Dao zu schwimmen oder sich dem Wandel des Universums entgegenzustemmen. Wer dies mit aller Härte versucht, wird letztlich zerbrechen, denn er wehrt sich gegen die fließende Grundstruktur des Daseins und lebt nicht in Harmonie mit dem Naturgesetz, dem Dao oder dem logos.
Zhuangzi schreibt: »Wenn die Fische den schattigen Grund des Teiches aufsuchen, fehlt ihnen nichts mehr. Wenn der Mensch in den schattigen Grund des Nicht-Handelns hinabsinkt, um Aggression und Sorge zu vergessen, dann hat er alles, und sein Leben ist sicher.«[12]
Das Loslassen der vermeintlichen Kontrolle spielt also sowohl in der daoistischen wie auch in der antiken europäischen Philosophie eine gewichtige Rolle.
Dein Wille geschehe
Und wenn der logos schließlich im Christentum als Gott auftaucht, als das Wort, das zur Schöpfung wird, so geht es auch hier oft darum, dem Willen dieses Gesetzes den Vorrang vor den eigenen Bestrebungen zu geben. Der logos durchdringt die Schöpfung wie das Dao es tut, wobei jedoch der logos als Gott einen Willen hat, der geschehen soll, während das Dao über keinerlei Willen oder Absicht im eigentlichen Sinne verfügt.
Hier stoßen wir auf eine bedeutende Schwierigkeit im Vergleich von Gott und Dao. Sie einfach nebeneinander zu stellen, ist ein wenig gewagt, da die Vorstellungen doch recht unterschiedlich sind, aber das sind sie nur so lange, wie wir eine personale Gottesidee vertreten. Fokussieren wir uns auf den Bereich moderner Prozesstheologie, die den Schwerpunkt der Schöpfung eher auf Entfaltung denn auf Gestaltung legt, sieht die Sache ganz anders aus. Die US-amerikanische Professorin für »Constructive Theology« Catherine Keller beschreibt die Durchdringung der Welt durch das Göttliche mit einem sehr schönen Bild:
»Der ursprüngliche Rhythmus von Ruf und Antwort, Eros und Agape ist wie der Rhythmus unseres Atems (…) Wir können uns eine unendliche Intimität vorstellen: Das Göttliche atmet aus und entfaltet sich so in die Welt hinein, in uns hinein, in einer Leidenschaft für das Werden; und atmet ein, nimmt uns wieder zurück in Gott selbst hinein, in einem kosmischen Mitgefühl für alle Geschöpfe.«[13]
Hier wird Gott zur Welt und zu den Geschöpfen, hier ist alles, was ist, in seiner Grundstruktur göttlich und von logos erfüllt.
»Gott im Prozess wahrzunehmen, bedeutet zugleich, auch unsere eigene Teilhabe an diesem Prozess wahrzunehmen. Unsere Teilhabe als soziale Individuen, das heißt, als Individuen, die aneinander und an Gott teilhaben.«[14]
Es ist vielleicht lohnenswert, diese Aspekte zu kontemplieren und Dao und göttlichen logos als unterschiedliche Verständnisansätze der Weltbeschaffenheit zu verstehen. Hier besteht die Chance, dass Philosophie lebendig wird und sich uns eine Ethik offenbart, die auf einer grundsätzlichen Verbundenheit von allem aufbaut. Aus dieser Ethik heraus können wir einen Weg beschreiten, der auf Einklang mit dem der Welt innewohnenden Gesetz abzielt, und so vielleicht eine gewisse Demut hervorbringt. Keine Demut, die uns selbst schlecht redet, sondern eine, die sich der gesunden Unsicherheit anschließt, die Sokrates in Platons Phaidon bekundet, nachdem er versucht hatte, das Wesen unserer Welt zu beschreiben. Dieses Wesen scheint mir Bewegung zu sein, die natürlicherweise eine gewisse Unschärfe mit sich bringt. Die Bewegung der Entfaltung, in der das EINE in seinen vielen Ausdrucksformen verschwimmt, aber immer noch wahrnehmbar ist – und im VIELEN ganz konkret von uns geliebt werden kann.
Endnoten
-
- Donald Robertson: Denke wie ein römischer Herrscher, Finanzbuch Verlag, München 2019, S. 14↩︎
- Heraklit, Fragment 12↩︎
- Joh 1,1↩︎
- Vgl. Aristoteles: Physik VIII↩︎
- Tao Te King 25, hier in der Übersetzung von Stephen Mitchell↩︎
- Zitiert nach Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2016, S. 487↩︎
- Zitiert nach Adam: Tides and Seasons, Society for the Protection of Christian Knowledge, London 1989, S↩︎
- Eva Wong: Being Taoist, Shambhala Publications, Boulder 2015, S. 17↩︎
- Tao Te King 2 (Mitchell)↩︎
- Marc Aurel: Selbstbetrachtungen, IV 23↩︎
- Epiktet: Handbüchlein der Moral, Abschnitt 1↩︎
- Zhuangzi in Thomas Merton: Sinfonie für einen Seevogel, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 1996, S. 42↩︎
- Catherine Keller: Über das Geheimnis, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2013, S. 186↩︎
- Ebd., S. 53↩︎
Zum Autor
Dirk Grosser ist Chefredakteur der Tattva Viveka sowie freier Autor und Seminarleiter, der seine Hauptthemen Mystik, Philosophie und Meditation in zahlreichen Büchern und Artikeln publiziert hat. Sein neues Buch »Die Kunst des Lebens auf acht Pfoten« über die Philosophie der Stoa im Vergleich zu Epikur, Diogenes und dem frühen Buddhismus erscheint im Mai 2026.
Webseite: dirk-grosser.de
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