Bild einer Gruppe in der Natur während einer Sufi-Meditation

Susanna Boldi-Labusga – Praxis der Sufi-Meditation

Ein Weg zur mystischen Einheitserfahrung

Die interreligiöse Sufibewegung »Universeller Sufismus« begreift Meditation als Weg, um die Göttlichkeit im Menschen zu erwecken. Um dies zu erlangen, kennt die sufische Meditationspraxis verschiedene Methoden von der ehrlichen Selbsterforschung, Muhasaba, Konzentrations- und Atemübungen bis hin zur Rezitation von Mantren. Diese Praktiken, auch Dikhr genannt, sollen dazu beitragen, dass der Übende an die Einheit des Seins erinnert wird und auch demgemäß lebt.

Wozu meditieren? Für den Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan ging es darum, eines zu erreichen: das Erwachen zur Göttlichkeit im Menschen, in jedem Menschen, in sich selber. Seine Original-Worte dazu: »The message is: The Awakening of Humanity to the divinity of men.« (Dt. Übersetzung: Das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen.)

Dafür wurde er von seinem Lehrer in Indien Anfang des 20. Jahrhunderts in den Westen geschickt. Der in Indien hochgeschätzte Musiker Hazrat Inayat Khan ging zuerst in die USA und später nach Europa, wo er eine westliche Sufibewegung gründete und einen interreligiösen »Universellen Sufismus« lehrte, der im Gegensatz zu anderen Sufiorden nicht an den Islam als einzige Religion gebunden ist. In seiner Nachfolge entstanden weitere Schulen, deren Gemeinsamkeit die Botschaft der Göttlichkeit der menschlichen Seele ist, die Einheit aller Religionen und Wege sowie der Auftrag, die mystische Erfahrung der Einheit allen Seins im Alltagsleben umzusetzen.

Eine Anrufung verbindet uns

Meditation ist ein Weg, um in der Tiefe des eigenen Wesens zur mystischen Einheitserfahrung zu finden. Neben der reinen Meditationspraxis sind auch Rituale, Gebete, Gottesdienste, Selbsterforschung, Besinnung auf menschliche Werte, die Pflege guter zwischenmenschlicher Beziehungen und sehr wesentlich Musik weitere Formen der Praxis auf dem Weg des Universellen Sufismus. Bei allen Nachfolgern von Hazrat Inayat Khan beginnt die bewusste Praxis, also auch jede Meditation, mit der von ihm verfassten Anrufung:

»Dem Einen entgegen, der Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit, dem einzigen Sein, vereint mit all den erleuchteten Seelen, die die Botschaft verkörpern, den Geist der Führung.«

Mit dieser Anrufung wird die Verbundenheit mit der göttlichen Vollkommenheit ebenso wie die Verbundenheit mit allen Meisterinnen und Meistern in der Geschichte der Menschheit ausgedrückt und gestärkt, und auch der Geist der Führung, der uns alle durchdringt, bewusst gemacht.

Gruppe in einer Halle bei einer Sufi-Meditation

Atem als Vehikel

So wie in den meisten Traditionen beginnt Meditation im Universellen Sufismus mit der Atemwahrnehmung und mit Atemübungen. In der Art, wie wir atmen, und darin, wie wir uns unseres Atmens bewusst sind, liegt alle Kraft, die wir in unserem Leben zur Entfaltung bringen können. Denn – und das ist nicht nur für die Atemtherapie klar – unser Atem hat eine große Wirkung auf unseren physiologischen Zustand, unseren psychischen Zustand und unseren geistigen Magnetismus.

»Normalerweise stellen wir uns den Atem vor als das bisschen Luft, das wir durch die Nasenlöcher kommen und gehen spüren; aber wir haben von ihm nicht die Vorstellung jener ungeheuren Strömung, die durch alles hindurchzieht, jener Strömung, die aus dem göttlichen Bewusstsein kommt und bis in das äußerliche Sein, die physische Welt hineingeht.«

Mit diesen Worten erläuterte der Begründer des Universellen Sufismus Hazrat Inayat Khan die Kraft des Atems gegenüber seinen Schülern. Die Herrschaft über den Atem bedeutet Meisterschaft im Leben und Sanftheit des Atems bedeutet Sanftheit im Leben. Der Atem, verbunden mit Bewusstheit, ist zudem das Vehikel für die innere Erfahrung. Bei den Sufis heißt es: Jeder Atemzug, den du ohne Gedenken an das Eine tust, ist ein vergeudeter Atemzug.

»Die Botschaft ist: Das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen.«

Die Atemübungen umfassen sowohl wahrnehmende Übungen, bei denen der Atem nicht manipuliert wird, sondern zum Fokus der Konzentration wird, als auch kontrollierende Übungen, bei denen die Beherrschung des Atems im Vordergrund steht. Beide Übungsarten stärken die Verankerung in der Gegenwart und die Konzentrationskraft.

Die Atemübungen werden des Weiteren als Reinigungsübung eingesetzt. Denn durch den Atem können wir uns von blockierenden Eindrücken befreien. Der Atem ist nicht nur physiologisch eine Körperfunktion der Entgiftung, sondern auch emotional und mental. Die Übung Reinigung durch den »Elemente-Atem« empfahl Hazrat Inayat Khan ausdrücklich jedem Menschen.

Der Elemente-Reinigungs-Atem

Ein- und ausatmen durch die Nase – ERDE
Beim Einatmen nehmen Sie den Magnetismus der Erde auf, der Sie energetisch aufbaut.

Beim Ausatmen geben Sie in der Vorstellung durch die Basis der Wirbelsäule allen Ballast an die Erde ab. Sie kann ihn kompostieren.

Einatmen durch die Nase – ausatmen durch den Mund – WASSER
Beim Einatmen können Sie spüren, wie alles Gestaute in Ihnen in Fluss kommt. Beim Ausatmen stellen Sie sich einen reinigenden Wasserstrom vor, in den Sie sich stellen können.

Einatmen durch den Mund – ausatmen durch die Nase – FEUER
Beim Einatmen wird das Feuer geschürt, das emporstrebt. Beim Ausatmen stellen Sie sich vor, wie alle Schlacken verbrannt und in Licht umgewandelt werden.

Ein- und ausatmen durch den Mund – LUFT
Beim Einatmen spüren Sie den unermesslichen, freien Raum zwischen Ihren Zellen und um Sie herum. Beim Ausatmen weht eine sanfte Brise alle Hindernisse weg.

Ein- und ausatmen durch Nase und Mund – ÄTHER
Beim Einatmen spüren Sie, wie Sie mit allem verbunden sind. Beim Ausatmen spüren Sie, wie Energie Ihr ganzes Sein durchdringt.

Lichtübungen

Auf den verschiedenen spirituellen Wegen wird Erleuchtung gesucht. Wir sprechen vom Licht der Wahrheit. Für die Religion Zarathustras war der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit das Ziel. »Es werde Licht«, heißt es in der biblischen Genesis. Engel, Heilige, Meister und Meisterinnen erscheinen uns als Lichtgestalten. In unseren »lichten Momenten« erleben wir uns, als wären wir von Licht durchflutet. Unser Weg ist ein Weg des Lichtes.

»Wie wunderbar wäre es, wenn wir leuchtend und strahlend wären!«, stellte Pir Vilayat Inayat Khan, ein Sohn und Nachfolger von Hazrat Inayat Khan fest. Er ermunterte und unterrichtete seine Schüler und Schülerinnen, sich dessen bewusst zu sein, dass wir wie alle Materie aus Licht entstanden sind: »Während Sie also ein Gespräch mit jemanden führen, könnten Sie sich einfach dessen bewusst sein, dass Sie ein Wesen von Licht sind. Ich finde, der Schlüssel besteht wirklich nur darin, sich zu erinnern, dass man ein Lichtwesen ist. Das bewirkt sofort etwas in einem. Denken Sie außerdem daran, dass die Person, mit der sie sprechen, auch ein Wesen von Licht ist; das ist es, was die Kommunikation begründet. Das bedeutet, dass sie die Stärke haben müssen, den Lichtaspekt jener Person zu sehen, obwohl er vielleicht nicht durchkommt.«

»Der Atem, der Herzschlag und das Pulsieren des Universums stehen miteinander in Beziehung.«

Das Bewusstsein für das Licht aufrechtzuerhalten, ist eine Übung im Alltag. Über das Licht der Seele zu meditieren, stärkt uns dafür. Zum Aspekt unseres Lichtwesens gehört das Studium der Licht- beziehungsweise Energiezentren in uns. Auch diese können mithilfe des Atems und der Imagination gereinigt und aktiviert werden. Diese subtilen Zentren heißen in der Sufi-Sprache Lata’if. Sie sind ähnlich, aber doch anders als die Chakren. Wie die Chakren entsprechen sie verschiedenen Ebenen des Seins und verschiedenen Einstimmungen. Sie sind jedoch nicht nur senkrecht übereinander lokalisiert, sondern bilden ein Kreuz, dessen Mittelachse beim Herz liegt.

Der Weg des Herzens

Sufismus ist keine Religion, obwohl er oft die Religion des Herzens oder der Weg des Herzens genannt wird. »Es gibt keine Tür, die das Herz nicht öffnen kann, wenn dein Herz so lebendig geworden ist, dass es sich verwandelt hat in den göttlichen Ozean«, schrieb der Sufi-Lehrer Pir Vilayat Inayat Khan in seinem Buch »Toward the One«.

Die Reinigung des Herzens und die Entwicklung seiner Qualitäten werden als ein Kern und Ziel der Praxis angesehen. Dazu dient eine kontinuierliche, ehrliche Selbsterforschung, Muhasaba genannt, um die Schleier zu lüften, die das Ego vor das Licht hängt. So ist die Betrachtung dessen, was in einem selbst ist, eine essenzielle Übung.

BIld von Pir Zia bei einem Vortrag

Hilfreich ist die Übung der Selbstwahrnehmung, beginnend auf der körperlichen Ebene. Um das Herz überhaupt besser zu spüren, wird sein Rhythmus zusammen mit dem Atemrhythmus ins Bewusstsein genommen – eine Methode, die Herz-Rhythmus-Meditation genannt wird. Der Atem, der Herzschlag und das Pulsieren des Universums stehen miteinander in Beziehung. Die Wahrnehmung des Einklangs dieser Qualitäten auf verschiedenen Ebenen sowie das Bemühen darum fördern das Erleben der Einheit hinter allen scheinbaren Trennungen. So gilt es auch im Leben, Gefühle, Gedanken, Worte und Handlungen in Übereinstimmung zu bringen.

Die Sehnsucht, deren Sitz das Herz ist, ist der Motor für Entwicklung und Verfeinerung. Die Konzentration auf die Qualitäten, nach denen das Herz sich sehnt, und die das göttliche Ideal beschreiben, weckt und fördert ein liebendes Herz. Dabei ist mit dem Herzen nicht das Organ gemeint, sondern sein tiefster Grund. Wenn dieses von den irdischen Wunden und dem angesammelten Ballast geheilt wird und sich darüber erheben kann, dann wird es wahrhaft frei sein, um die göttlichen Qualitäten zu leben. Deshalb ist das Symbol des Universellen Sufismus das geflügelte Herz.

Die Anrufung der göttlichen Qualitäten

Eine weitere Ausrichtung neben der wahrhaftigen und ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Ego-Begrenzungen ist die Betrachtung der Unbegrenztheit idealer Qualitäten und Potenziale, die sogenannte Muraqaba. Die Konzentration auf die idealen, göttlichen Qualitäten wird gemeinsam mit der Anrufung, der lauten Rezitation und der stillen Kontemplation der Gottesnamen geübt. Diese Namen werden vor allem, aber nicht nur in arabischer Sprache rezitiert. Und auch wenn der Universelle Sufismus nicht an den Islam gebunden ist, werden in diesem Kontext die 99 schönen Namen Gottes aus dem Koran angerufen und weitere ebenso wichtige Qualitäten. Sie werden Waza‘if genannt, welche die Mehrzahl von Wazifa ist – sozusagen die sufische Bezeichnung eines göttlichen Mantra. Diese Namen und Ideale findet man in den heiligen Schriften aller Religionen die Barmherzigkeit, die Wahrhaftigkeit, die Schöpferkraft, die Vergebung, die Gerechtigkeit, die Ewigkeit, die Einheit.

»Sufismus ist keine Religion, obwohl er oft die Religion des Herzens oder der Weg des Herzens genannt wird.«

Manche dieser Namen beschreiben transzendente Qualitäten, die in unserem Leben so nicht auftreten, die unser Herz aber dennoch kennt. Andere dieser Namen beziehen sich auf Qualitäten, auf die wir uns einstimmen können, um sie zu spüren und auch zu erleben. Denn jede Meditationsübung des Universellen Sufismus dient dazu, unsere Fähigkeit, das heilige Ideal ins Leben zu bringen. Die sufische Meditationspraxis kann als ein stufenweiser Prozess verstanden werden, wobei dieser letzte Schritt, die Verwirklichung der Qualitäten, als genauso wichtig wie die Rezitation oder Meditationsübung, wenn nicht sogar als ihre Krönung erachtet wird.

Konzentration – Kontemplation – Meditation – Realisation

Um überhaupt in der Lage zu sein, sich in einen meditativen Zustand zu begeben, braucht es erst einmal Übung, die Konzentration für eine Zeit auf einen Gegenstand zu halten. Die schweifenden Gedanken dürfen zur Ruhe kommen, sie dürfen verblassen und einem bewusst gewählten Thema den Vortritt geben. Sich konzentrieren zu können, ist eine Frage der Disziplin und der Willenskraft. Ohne diese Qualitäten ist Meditation höchstens als Gnadenzustand möglich. Doch Konzentration lässt sich üben, etwa durch die Betrachtung eines Gegenstands wie eines Kerzenlichtes oder einer Rose, durch die Betrachtung eines Wortes oder eines Satzes, oder durch die Betrachtung einer körperlichen Wahrnehmung wie des Atems oder des Herzschlages. All dies wird in der Sufi-Meditationspraxis geübt.

Wenn der Geist bereit ist, ein Objekt allein festzuhalten, dann folgt als nächster Schritt die Kontemplation. Hier öffnen sich die tieferen Sinne für das Fühlen und Empfinden der Qualitäten des Objektes, auf das die Konzentration gerichtet ist. Das Denken lässt dem Spüren Raum. Das Objekt nehmen wir auf diese Weise in uns selber auf. Danach kann auch dieses Objekt losgelassen werden, um in einem Zustand der tiefen Meditation keine Trennung mehr zwischen dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt zu erfahren. Aus diesem Zustand der Einheit fällt man immer wieder heraus und der Weg beginnt von vorne. Genau genommen, nennen wir Sufis viele Übungen Meditation, obwohl sie eigentlich Vorübungen und Hinführungen zu einem Zustand der Meditation sind.

»So gilt es auch im Leben, Gefühle, Gedanken, Worte und Handlungen in Übereinstimmung zu bringen.«

Hat sich die Erfahrung des Zustands der Einheit aber einmal eingegraben, geht sie in unsere Seelen-DNS ein und aktiviert die dort bereits angelegten Qualitäten, sodass sie beginnen, sich mehr und mehr im Leben zu manifestieren. Dies ist die Realisation, die Verwirklichung, gewissermaßen die höchste Stufe der Meditation. Das ist mehr als ein »guter Mensch« mit guten Handlungen zu sein. Es wird zur Einstimmung, zur Melodie, zur Ausstrahlung in dem, wie wir sind und handeln. Es ist das, was wir bei großen Seelen, bei inspirierenden Lehrern in hohem Maße erleben.

Erinnerung – Dhikr

Als übender Mensch fallen wir immer wieder aus dieser Einheit heraus und beginnen immer wieder von vorne, indem wir uns erinnern. Alles beginnt mit der Erinnerung an das Eine. Vom Atem über die Konzentration, Kontemplation, Meditation bis hin zur Realisation geht es immer wieder um das Erinnern, das Er-Innern, das Hervorholen dessen, was in unserem Inneren bereits angelegt ist, doch durch das Leben verschleiert wird. In der Weltsicht des universellen Sufismus ist der Mensch göttlich und vollkommen in seiner Anlage, aber er lebt die göttliche Vollkommenheit mit Begrenzungen. Die Erlangung des Gottesbewusstseins ist das Ziel. Christlich gesprochen: Der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen. Im Verständnis des Sufismus gibt es keine wirkliche Trennung: hier die menschliche Erde und dort der göttliche Himmel. Es ist das Bewusstsein und die Erinnerung an unser göttliches Erbe, der Perspektivwechsel, der den Unterschied ausmacht. Deshalb wird die Sufi-Praxis auch Dhikr, was Erinnerung heißt, genannt.

Gruppe im in den Natur bei einem Sufi-Treffen

Die Rezitation der göttlichen Namen ist ein Dhikr. Ein alle Qualitäten umfassender Dhikr ist die Rezitation eines Satzes in Verbindung mit einer Körperbewegung. Denn Denken, Sprechen und Handeln sollen im Einklang sein. Der klassische Satz des Dhikr lautet: Es gibt keinen Gott außer Gott. Dieser Satz drückt die Einheit allen Seins aus. Er beginnt mit einer Verneinung – Nein, das alles ist nicht Gott. Denn, was wir sehen, sind Schleier, Begrenzungen, Täuschungen, doch darauf folgt eine Bejahung:  Ja, alles ist Gott. Denn es gibt nur Gott und nichts anderes. So gesehen ist dieser Satz wie ein Koan, da er vom Verstand nicht erfasst werden kann. Der scheinbare Widerspruch löst sich erst beim Rezitieren und Bewegen auf. »Diese Rezitation erinnert uns daran, dass all unsere subjektiven Konzepte hinsichtlich unserer selbst, hinsichtlich der Natur des Universums, relativ sind. Die eine Realität schließt all solche relativen Begriffsbildungen mit ein, aber sie übersteigt sie zugleich und lässt sie hinter sich zurück. Das ist es, was wir ›Allah‹ nennen, die eine Wirklichkeit, das wahre Wesen, das Absolute.« So erläutert das gegenwärtige Oberhaupt der Inayatiyya, Dr. Zia Inayat Khan, die Bedeutung des Dhikr.

»So können wir anhand der Rhythmen und Prozesse der Natur lernen, unsere eigenen Prozesse zu erkennen.«

In den verschiedenen Sufiorden hat der Dhikr unterschiedlichen Charakter, mal wird er sitzend, mal stehend praktiziert, mal sehr kraftvoll und rhythmisch, mal sanft und singend. Darüber hinaus werden weitere verschiedene Sätze als Dhikr praktiziert. Im Universellen Sufismus wird etwa auch das Kyrie eleison – Christe eleison als Erinnerung an Vergebung rezitiert oder der Satz: Mache diesen Körper zu Deinem Tempel, oh Gott.  Und lass mein Herz Dein Heiligtum sein.

Guidance-System für persönliche Übungen

Die vielfältigen Übungen der Meditationsschulung werden in gemeinsamen Meditationen von geschulten »Repräsentanten« angeleitet. In Deutschland und der ganzen Welt gibt es Meditationszentren der Inayatiyya, und auch online findet man heutzutage eine große Vielfalt an Angeboten. Im deutschsprachigen Raum gibt es jedes Jahr über Ostern ein Retreat mit dem derzeitigen Oberhaupt der Inayatiyya, Dr. Zia Inayat Khan, und ein mehrwöchiges Sommercamp mit einer Vielzahl von Lehrern und Lehrerinnen.

Neben den gemeinsamen Meditationen üben die Eingeweihten persönliche Übungen, die sie von ihren sogenannten Guides erhalten. Diese Guides sind Menschen, die bereits länger auf dem Sufiweg sind und eine spezielle Schulung durchlaufen haben, damit sie mit ihrer Erfahrung andere Menschen auf dem Weg unterstützen und ihnen zur jeweiligen Lebenssituation und zu den persönlichen Themen passende Übungen empfehlen können.

Innere Schulung und weitere Aktivitäten

Die Schulung der Wendung nach innen als Meditation ist nicht die einzige Aktivität des Universellen Sufismus und nicht der einzige Entwicklungsweg. In der Inayatiyya, einer der Organisationen in der Nachfolge von Inayat Khan, dessen Namen sie trägt, werden sieben verschiedene Aktivitäten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die einander ergänzen, weitergegeben. Eine ist die »Innere Schule«, welche intensiv in den beschriebenen Meditationsübungen schult.

Der »Weg der Ritterlichkeit« beschäftigt sich mit der Kontemplation von Grundsätzen für menschliches Verhalten, das aus einer Haltung von Respekt und Liebe erwächst. In der Aktivität von »Kinship« wird dies umgesetzt in tätiger Nächstenliebe. Im »Heilorden« stehen Gebete und Rituale für Heilung im Mittelpunkt. Auf Wunsch können Menschen, die sich Unterstützung wünschen, für sich beten lassen.

»Mache diesen Körper zu Deinem Tempel, oh Gott. Und lass mein Herz Dein Heiligtum sein.«

Darüber hinaus gibt es einen Musik-Zweig, in dem die Verbundenheit mit dem Göttlichen durch das Hören von Musik und das eigene Musizieren geweckt wird. Hazrat Inayat Khan war selber ein gefeierter Musiker in Indien. Musik spielt in vielen Sufiorden eine besondere Rolle, denn sie ist eine Sprache des Herzens jenseits des Intellekts. In der Nachfolge von Hazrat Inayat Khan sind auch die »Tänze des Universellen Friedens« entstanden. Dabei handelt es sich um Kreistänze mit Liedern aus verschiedenen religiösen Traditionen, die miteinander gesungen werden. Aus anderen Sufilinien sind die drehenden Derwische bekannt, in denen ebenfalls Musik und Bewegung in die Meditation führen. Auch Poesie wie die wunderbaren Gedichte von Dschalal ad-Din Rumi gehört zum Erbe der Sufis, ebenso wie heitere Lehrgeschichten etwa von Mullah Nasruddin.

Ein Gebet von Hazrat Inayat Khan

O Du, die Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit,
Dein sind Himmel und Erde.
Öffne unser Herz, damit wir Deine Stimme vernehmen,
die ständig in unserem Innern erklingt.
Enthülle uns Dein göttliches Licht,
verborgen in unserer Seele,
damit wir das Leben besser erkennen und verstehen.

O Du, reich an Gnade und Barmherzigkeit,
gib uns Deine große Güte,
lehre uns Dein liebendes Verzeihen,
hebe uns über die Unterschiede und Grenzen,
die uns Menschen voneinander trennen;
sende uns den Frieden Deines göttlichen Geistes
und vereinige uns alle in Deinem vollkommenen Sein.

Amen

Ebenfalls auf direktem Wege wie die Musik spricht uns die Natur an. So sagte Hazrat Inayat Khan, nachzulesen im Buch »Der Weg der Erleuchtung«: »Es gibt ein einziges heiliges Buch, das heilige Manuskript der Natur, die einzige Schrift, die den Leser erleuchten kann.« So können wir anhand der Rhythmen und Prozesse der Natur lernen, unsere eigenen Prozesse zu erkennen. Eine Aktivität der Inayatiyya beschäftigt sich deshalb mit Ritualen, die den Naturzyklen entsprechen und dazu dienen, die Persönlichkeitsentwicklung zu klären.

Trotz der zitierten Aussage zum Heiligen Buch der Natur respektiert und schätzt der Universelle Sufismus alle Heiligen Schriften. »Der Sufi hat zu allen Zeiten alle diese Bücher respektiert und hat in der Vedanta, im Zend-Avesta, in der Kabbala, in der Bibel, im Koran und in allen anderen heiligen Schriften dieselbe Wahrheit gefunden, die er auch in dem unverfälschten Manuskript der Natur liest…« Demgemäß entwickelte Hazrat Inayat Khan einen »Universellen Gottesdienst«, in welchem auf einem gemeinsamen Altar die Heiligen Schriften der Religionen liegen. Für jede dieser Religionen wird eine Kerze entzündet mit dem Feuer einer größeren Kerze, die das göttliche beziehungsweise das Eine Licht symbolisiert. Die Lesung aus den heiligen Schriften zu einem Thema offenbart deutlich, wie die Texte sich wunderbar ergänzen.

Von Hazrat Inayat Khan sind beachtliche Gebete überliefert worden, welche diesen inkludierenden Ansatz formulieren. Diese können in Gemeinschaft oder für sich gesprochen werden. An dieser Stelle soll außerdem hervorgehoben werden, dass der Begründer des Universellen Sufismus den Reinigungsatem und das Sprechen der Gebete allen Menschen, ob als Sufis eingeweiht oder nicht, empfahl.

Zur Autorin

Susanna Azima Boldi-Labusga ist Schülerin, Meditations-Lehrerin und Guide in der Tradition des Universellen Sufismus von Hazrat Inayat Khan.

Webseiten:

Zu den Aktivitäten der Inayatiyya Deutschland: inayatiyya.de

Zu den internationalen Aktivitäten der Inayatiyya:  inayatiyya.org

Zu den Tänzen des Universellen Friedens: friedenstaenze.de

Bücher über den Universellen Sufismus:
verlag-heilbronn.de

Bildnachweis: © Adobe Stock, Susanna Azima Boldi-Labusga

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