Stephen Reid – »Es geht um eine Werteverschiebung in der Gesellschaft«

Genossenschaften und Teal-Organisationen als vielversprechende Zukunftsunternehmen

Unsere Arbeitswelt verändert sich: Ehemals starre Unternehmensstrukturen werden zunehmend aufgebrochen, was den Menschen mehr Flexibilität und Individualität gestattet. Doch wie können wir uns angesichts des stetigen Wandels in der modernen Arbeitswelt ein Zugehörigkeitsgefühl bewahren und zugleich einen tieferen Sinn in unserem Tun finden? Wir sprachen mit dem Genossenschaftsexperten und Technologie-Enthusiasten Stephen Reid, der eine metamoderne Perspektive vertritt, über ein neues Verhältnis zur Arbeit.

Tattva Viveka: Bei der Diskussion rund um »New Work« lassen sich zwei bedeutende Trends erkennen: Zum einen möchte eine immer größere Anzahl von Menschen aus den Strukturen ihres 9-to-5-Jobs ausbrechen, weil sie sich Freiheiten wie orts- und zeitunabhängiges Arbeiten wünschen. Zum anderen sehen wir, dass Menschen, die remote und allein für sich arbeiten, zunehmend in die Isolation gleiten. Inwiefern kann die Organisationsform der Genossenschaften (der Co-ops) dazu beitragen, beides miteinander zu verbinden, die Freiheit des Freiberuflers sowie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem Unternehmen?

Stephen Reid: Im Idealfall tragen Co-ops dazu bei, Freiheit und Zugehörigkeit miteinander zu vereinen. Eine der Organisationen, mit der ich zusammenarbeite, Symbiota, ist seit 2020 eine Arbeitergenossenschaft, wobei die Arbeit von Frederic Laloux, sein Buch »Reinventing Organizations« und die Idee der Teal-Organisationen uns dazu inspiriert haben. Eines der Prinzipien von Teal-Organisationen ist die Ganzheit. Daher bestärken wir jeden Mitarbeiter darin, sein ganzes Selbst zur Arbeit mitzubringen. Vielleicht lenken ihn gerade Umstände aus seinem Privatleben von seiner Arbeit ab. Vielleicht ist es sogar etwas Positives und es gibt einen Grund zum Feiern. In solchen Situationen ermutigen wir die Menschen dazu, das, was sie bewegt, zu teilen. Unsere Genossenschaft ist auf der Grundlage der gegenseitigen Fürsorge aufgebaut. Wir als Individuen sind füreinander da, deshalb fühlt sich einerseits die Co-op wirklich wie eine Familie an, und andererseits kann von diesem Ort aus großartige Arbeit geleistet werden.

Was die Freiheit betrifft: Bei Symbiota arbeiten derzeit sieben Menschen, die gleiche Rechte und Pflichten in Bezug auf das Geschäft und seinen Erfolg innehaben. Als Genossenschaft sind wir sowohl ein Unternehmen als auch unsere eigenen Chefs. Wir entscheiden selbst, was wir erreichen wollen, und verbringen im Allgemeinen nicht viel Zeit damit, Strategien zu entwickeln oder zu planen. Wir arbeiten intuitiv und lassen uns von dem, was aufregend und lebendig ist, leiten. Verschiedene Teile der Organisation verfügen über große Autonomie. Wir folgen in etwa dem Teal-Advice-Prozess, der besagt, dass die Menschen nur dann verpflichtet sind, andere zu konsultieren, wenn ihre Entscheidung die Arbeit dieser Menschen beeinflussen wird. Wenn man sich sicher ist, dass andere Menschen von der eigenen Entscheidung nicht betroffen sein werden, führt man einfach seine Aufgabe aus.

Ein weiterer wichtiger Teil der Arbeit in einer erfolgreichen Genossenschaft sind die persönlichen Treffen, die wir ein- bis zweimal im Jahr veranstalten, vor allem, weil wir remote arbeiten. Ich lebe zum Beispiel gerade in Stockholm. Die meisten meiner Kollegen in Großbritannien. In dieser Welt von Google-Kalendern, Zooms und Slack ist es besonders wichtig, die Menschen zusammenzubringen. Menschen miteinander zu verbinden und eine gute Zeit miteinander zu verbringen, ist bei diesen Treffen deshalb genauso eine Priorität wie Strategie oder Planung. Der größte Teil der geschäftsbezogenen Arbeit kann remote erledigt werden, und das oftmals effektiver, wenn die Menschen tatsächlich vor ihren Computern sitzen.

TV: Erzähle uns bitte mehr über die Genossenschaften, mit denen du arbeitest oder die du selbst gegründet hast.

Reid: Die Organisation Symbiota, die ich bereits erwähnte, hat ihre Wurzeln in einer Organisation namens The Psychedelic Society, die ich 2014 gründete. Sie setzte sich für die legale Regulierung von Psychedelika in Großbritannien ein. Damals war ich im Aktivismus und Kampagnenbereich tätig und versuchte, meine bereits vorhandenen Fähigkeiten auf einen damals ungewöhnlichen Bereich anzuwenden. Schnell wurde jedoch klar, dass die Menschen, die von dieser Organisation angezogen wurden, weniger an Kampagnen interessiert waren, sondern viel mehr daran, Zeit miteinander zu verbringen. So verschob sich der Schwerpunkt dieser Organisation bereits in den ersten Jahren von der Kampagnenarbeit hin zur Veranstaltung von Kunst- und Kultur-Events, was bis heute der Fall ist. Die Psychedelic Society ist aktuell einer der größten Veranstalter im Bereich des ganzheitlichen Wohlbefindens in Großbritannien. Natürlich sind Psychedelika dort immer noch nicht legal, und wir können bei unseren Veranstaltungen keine psychedelischen Substanzen verwenden, aber es gibt viele Angebote im Bereich der psychedelischen Kultur wie Meditationen, Debatten, Diskussionen, Filmvorführungen und Klangbäder.

Symbiota wurde, nachdem sie bereits 2014 angefangen hatte, als Organisation kooperativ zu arbeiten, im Jahr 2020 formell zu einer Genossenschaft. Parallel dazu durfte ich auch viel von anderen Organisationen, die nie formell als Genossenschaft registriert wurden, im Kontext des Community Organizing lernen.

Bevor ich nach Stockholm zog, lebte ich in Totnes in Devon im Südwesten Englands, wo es eine Gemeinschaft gibt, die wir die »Tottenianer« nennen. Das ist ein Wortspiel mit dem Namen des Otters, der für diese Gruppe von Menschen seit einiger Zeit wichtig ist. Obwohl das keine formell registrierte Organisation ist, herrscht dort ein starkes Gefühl der Solidarität und gegenseitigen Fürsorge. Etwa alle drei Monate werden persönliche Treffen organisiert. Die Wurzeln dieser Organisation sind Menschen, die sich über die Psychedelic Society in London kennenlernten.

Darüber hinaus gibt es in Berlin eine Gruppe, die von dieser Gemeinschaft in Totnes inspiriert wurde, die etwas namens »The Beehive« erschaffen hat. Demnach haben wir die Otter in Totnes, die Bienen in Berlin, und seit Kurzem die Starlings (Stare) in Stockholm, die meine Partnerin und ich erschaffen haben. Alle drei Gemeinschaften waren mir an verschiedenen Zeitpunkten in meinem Leben sehr wichtig. Ein weiterer wesentlicher Aspekt dieser Gemeinschaften sind die europäischen Burning Man Festivals. Es gibt Nowhere in Spanien, Kiez Burn in Deutschland und Borderland in Schweden. Das sind bunte, kreative und freie Orte, um Zeit miteinander zu verbringen, und sie gelten zugleich als Inspirationsquelle für zahlreiche Mitglieder dieser Gemeinschaften.

»Ich denke, dass eine Organisationsform am besten und stärksten ist, wenn diese beiden Ideen kombiniert werden.«

Das neueste Projekt, an dem ich beteiligt bin, nennt sich Futurecraft. Futurecraft veranstaltet Residencies1 und Retreats, und wir beschreiben die Organisation als einen »Spielplatz für eine neue Kultur der Ganzheit«. Wenn wir von Spielplatz sprechen, bedeutet das, dass diese Retreats Spaß machen sollen. Bei Kultur denken wir normalerweise an Normen und Verhaltensweisen und daran, wie wir uns verhalten sollen oder wie wir erwarten, dass sich andere zu verhalten haben. Unserer Meinung nach sind viele Normen der Mainstream-Kultur ziemlich dysfunktional. Wir möchten experimentieren, wie wir auf eine alternative Weise miteinander umgehen und wie wir uns authentischer zeigen könnten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, den wir in unseren Veranstaltungen aufgreifen, ist die Ganzheit. Dabei orientieren wir uns an drei Themenkreisen, die jeweils aus drei Stichwörtern bestehen: Wir sprechen von Technologie, Menschheit, Natur – Körper, Geist, Seele – und Selbst, Andere und natürliche Umgebung. Diese drei Dreiergruppen bestimmen die Inhalte der Retreats.

Futurecraft ist noch keine formelle Genossenschaft, wird jedoch auf kooperative Weise geführt und wurde ebenfalls von der Idee der Teal-Organisationen inspiriert, die ursprünglich aus der Integralen Theorie stammt. Eine modernere Version der Integralen Theorie ist der Metamodernismus. Deshalb ließe sich auch sagen, dass es eine Art metamoderne Organisation ist. Die Verbindung zwischen Teal- oder metamodernen Organisationen und Genossenschaften finde ich hoch spannend. Mit Sicherheit können die beiden Strukturen getrennt voneinander existieren. Es gibt also Genossenschaften, die nicht Teal sind, und es gibt Teal-Organisationen, die keine Genossenschaften sind. Aber ich denke, dass eine Organisationsform am besten und stärksten ist, wenn diese beiden Ideen kombiniert werden. Der Genossenschaftsaspekt dreht sich um die formale Eigentümerstruktur, also letztendlich darum, wer die Entscheidungen treffen darf. Wohingegen sich der Teal- oder metamoderne Aspekt damit befasst, wie wir uns in der Organisation verhalten und wie Entscheidungen getroffen werden. Hier steht die »Fluidität« der Organisation im Vordergrund. Einige Genossenschaften sind trotz ihrer dezentralen Eigentümerstruktur auf eine altmodische Weise noch immer relativ starr. Die Genossenschaftsbewegung ist jetzt 150 Jahre alt. Ich meine, Genossenschaften waren ihrer Zeit voraus, da es schwer zu glauben ist, dass sie bereits so lange existieren. Es fühlt sich an, als würde der Rest der Gesellschaft immer noch dabei sein, aufzuholen, wie visionär die Genossenschaftsbewegung damals war.

TV: Du hast den Metamodernismus erwähnt. Was genau versteht man darunter?

Reid: Metamodernismus ist ein Begriff, der zuerst im Kontext der Künste verwendet wurde, um aufkommende Kunstbewegungen in den 1980er und 1990er Jahren zu beschreiben, und seitdem von einer Reihe verschiedener Philosophen und Kritiker aufgegriffen wurde. Der metamoderne Philosoph, mit dem ich am vertrautesten bin und von dem die meisten meiner Erkenntnisse zu diesem Thema stammen, ist der fiktive Hanzi Freinacht. Er ist eine Kreation zweier realer Menschen, Emil und Daniel, die in Schweden und Dänemark leben. Hanzi präsentierte den Metamodernismus im Wesentlichen als einen neuen Blick auf die Integrale Theorie, die eine Entwicklungstheorie ist. Um es in einfachen Worten auszudrücken: Metamodernismus ist Post-Postmodernismus. Es ist die Stufe der menschlichen und kulturellen Entwicklung, die nach dem Postmodernismus folgt.

»Metamodernismus ist Post-Postmodernismus.«

Demnach sprechen wir von der Vormoderne, der Moderne, der Postmoderne und der Metamoderne. Zunächst zur Moderne: Die Moderne ist gekennzeichnet durch Neuerungen wie die wissenschaftliche Revolution, rationales Denken, die Geburt des Unternehmertums sowie die Überzeugung, dass Organisationen wie gut geölte Maschinen funktionieren sollten. Die postmoderne Entwicklungsstufe handelt vom Infragestellen und der Kritik der Moderne. Sie wird oft mit der Geburt vieler moderner sozialer Gerechtigkeitsbewegungen wie der Schwulenrechtsbewegung oder der Bürgerrechtsbewegung in Verbindung gebracht. Kapitalismus und Konzerne werden hinterfragt. Auf dieser Entwicklungsstufe reflektiert man, dass nicht alle Konzerne gemeinwohlorientiert sind, und wird sich der Umweltzerstörung bewusst, die durch die Verbreitung dieser gigantischen Unternehmen entstanden ist. Die Metamoderne ist die Synthese dieser beiden Entwicklungsstufen. Das Konzept der Synthese ist sehr wichtig im Metamodernismus, zusammen mit der Idee des »Transzendierens und Miteinbeziehens«. Es geht darum, wie wir das Beste aus der Moderne und der Postmoderne synthetisieren und ein neues und größeres Ganzes erschaffen können. Auf dieser Ebene stellt sich die Frage, wie wir den erstaunlichen Fortschritt und die Entwicklungen anerkennen können, die aus dem Kapitalismus und den Konzernen hervorgegangen sind, während wir gleichzeitig sehen, dass wir uns auf diese Weise eine wirklich schwere ökologische Krise geschaffen haben. Zahlreiche Menschen führen ein bequemes Leben auf Kosten der Unterdrückung vieler anderer auf der Welt – und der Metamodernismus scheut nicht davor zurück, die negativen Seiten unseres modernen Lebensstils anzuprangern. Sein Fokus liegt sowohl auf dem, was wir erschaffen haben, als auch auf dem Zukünftigen, auf dem, was als Nächstes kommen wird. Daraus ergibt sich die große Frage: Welche Arten von Systemen, seien es wirtschaftliche, politische oder soziale, können wir schaffen, die das Beste aus beiden, der Moderne und der Postmoderne, und darüber hinaus allen früheren Entwicklungsstufen aufnehmen?

In diesem Zusammenhang kann man außerdem fragen, was gut, wahr und schön an der Vormoderne wie den schamanistischen Gesellschaften war. Welche Aspekte dieser Gesellschaften könnten hilfreich sein und sollten mit Respekt wieder in unsere aufstrebende metamoderne Entwicklungsstufe integriert werden?

TV: Das ist wie eine Kritik am Alten und ein Blick in die Zukunft, um etwas Neues zu entwickeln.

Reid: Genau. Wir sind in den letzten Jahrzehnten aufgrund dieser Art postmoderner Kritik in eine Sackgasse geraten, da der Fokus verstärkt darauf lag, was falsch läuft oder wer falsch liegt. Es ging vor allem um das Zuweisen von Schuld und Scham an verschiedene Individuen. Die metamoderne Sensibilität besagt stattdessen, dass wir nicht ewig in der Kritik und der Schuld verharren können, sondern darüber hinausgehen und auch all die guten Aspekte anerkennen müssen, die aus den vorangehenden Systemen stammen und von denen wir profitiert haben.

TV: Wie müssten sich Unternehmen verändern, um den Sprung in die Metamoderne zu schaffen?

Reid: Hier kommt das Buch »Reinventing Organizations«, das ich bereits erwähnt habe, ins Spiel. Ich sprach darüber, dass Konzerne wie gut geölte Maschinen funktionieren. Nun, die Gefahr – oder der Nachteil – für Menschen, die in einem dieser multinationalen Konzerne arbeiten, ist, dass sie sich am Ende wie Zahnräder in einer Maschine fühlen können. Da kein Raum zur Verfügung gestellt wird, in dem die Mitarbeiter ihre eigene Kreativität entfalten können, geraten viele in die allgegenwärtige Langeweile an der modernen Arbeit.

In dem Buch werden einige Organisationen beispielhaft vorgestellt. Eine davon ist »Ben and Jerry’s«. Sie sollen sich bereits auf dieser postmodernen Entwicklungsebene befinden. Solche Organisationen behandeln ihre Mitarbeiter oft sehr gut, und es liegt ein großer Fokus auf Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion im Unternehmen. Gleichzeitig herrschen vielfach noch immer recht traditionelle Eigentümerstrukturen. Genau das ist der springende Punkt, den ich »Tealwashing«, analog zu »Greenwashing«, nenne. Während Konzerne bei Greenwashing vortäuschen, sie würden etwas Gutes für die Umwelt tun, was aber, wenn man genauer hinsieht, nicht der Wahrheit entspricht, weist Tealwashing auf die Art und Weise hin, in der einige Organisationen vortäuschen, sie würden Beteiligung und Demokratie am Arbeitsplatz wertschätzen. Das mag der Fall sein, solange die Zeiten gut sind. Wenn es jedoch schwierig wird oder beispielsweise ein neuer Präsident gewählt wird, ändern sich die Dinge sehr schnell. Oftmals stellt sich dann heraus, dass all dieses Gerede über Beteiligung und Gleichheit im Grunde nur eine Show war. Die Konditionen können sich schnell ändern, weil die Eigentümersituation eine außerordentlich wichtige Rolle spielt, womit wir wieder bei den Genossenschaften wären.

Genau deshalb liegt in der Verbindung von Genossenschaften und Teal-Organisationen ein besonderes Potenzial. Ich schätze die Vorgehensweise von Teal-Organisationen, in denen Beteiligung, Ganzheit und das Hineinfühlen in das, was die Organisation tatsächlich wünscht, tief verwurzelt sind. In ihnen herrscht die Grundannahme, dass eine Organisation über ein Eigenleben verfügt, das über die einzelnen Kollegen oder Arbeiter in der Organisation hinausgeht. Solche Organisationen können, wenn sie in genossenschaftlichem Besitz sind, ihre Werte und Prinzipien nicht einfach über Bord werfen, wenn die Zeiten schwierig werden.

Ich bin zudem sehr beeindruckt von der spanischen Mondragón-Genossenschaft, welche die größte Genossenschaft der Welt mit 80.000 Mitarbeitern ist. Dieses Beispiel ist sehr inspirierend, weil häufig gesagt wird: Das klingt alles sehr schön, wenn Sie mit fünf oder zehn Menschen zusammenarbeiten. Aber kann diese Organisationsform wirklich skaliert werden? Ist es überhaupt möglich, dass Tausende von Menschen die gleiche Verantwortung für ein Unternehmen innehaben? Und siehe da, es existieren sehr große Genossenschaften, obwohl es nicht viele sind. Die Tatsache, dass es nur wenige gibt, lässt mich vermuten, dass es viel mehr geben könnte. Die Frage ist nun, was verhindert diese Entwicklung? Nun, es erfordert eine Werteverschiebung in der gesamten Gesellschaft. Niemand wird reich von einer Genossenschaft – das ist die Wahrheit. Denn wenn es überschüssige Gewinne gibt, dann werden diese gleichmäßig oder zumindest gerecht unter allen Arbeitern in der Genossenschaft verteilt und nicht nur einer Person oder wenigen Personen gutgeschrieben. Die Tatsache, dass es nicht mehr große Genossenschaften gibt, ist eng mit der Verehrung des Geldes in unserer Gesellschaft oder unserer Zivilisation verbunden, mit dieser Idee, dass Gier gut ist. Viele würden sagen, dass jemand, der für eine Genossenschaft arbeitet, ein naiver Trottel sei. Warum sollte man für eine solche Organisation arbeiten, wenn man ein Gründer sein und sein Start-up später für Milliarden von Dollar verkaufen könnte? Wenn die Genossenschaftsbewegung irgendwann wirklich anfangen würde, zu wachsen, wäre dies ein hoffnungsvolles Zeichen für die Menschheit. Denn es würde darauf hindeuten, dass der Beginn einer tieferen Werteverschiebung stattfindet, bei der die Menschen von mehr als nur von Geld motiviert sind.

TV: Ich würde gern noch über etwas anderes mit dir sprechen als Organisationsformen, und zwar über dein breites Wissen sowohl in Bezug auf Spiritualität als auch auf Technologie und wie du beide Sphären in einem positiven Zukunftsszenario miteinander verwebst – als Gegenentwurf zu allgemein geläufigen Weltuntergangs-Prophezeiungen.

Reid: Die gegenwärtigen technologischen Entwicklungen sind eng mit spirituellen Fragestellungen verbunden, und zwar dahingehend, ob die Menschen sich dafür entscheiden werden, Technologien zu bauen, die wirklich im Dienste des Lebens stehen. Diese Ausrichtung ist mit dem Grad der spirituellen Entwicklung verknüpft, die wiederum aus einer spirituellen Praxis resultiert.

Ich selbst verfolge seit Jahren einen buddhistischen Weg. Die buddhistischen Tugenden und die Ethiklehre empfinde ich als tief inspirierend und sie haben mich oftmals bei Lebensfragen unterstützt. Entscheidend ist, auf welchen Ideen sich unsere Werte in Zukunft gründen werden. Der Buddhismus bietet, wie viele andere spirituelle Traditionen auch, zukunftsweisende und nützliche Perspektiven in diesem Zusammenhang.

Ein weiteres Thema, das an Aktualität gewinnen wird, ist die Unterscheidung zwischen Weisheit und Intelligenz. Wir waren noch nie intelligenter als heute, insbesondere wenn man die Künstliche Intelligenz miteinbezieht, die unsere Intelligenz und unsere Fähigkeiten multipliziert. Zugleich lässt sich argumentieren, dass Intelligenz ohne Weisheit bedeutungslos ist. Man könnte auch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass Intelligenz ohne Weisheit sogar gefährlich sein kann. Der Grund hierfür ist, dass Intelligenz ohne Weisheit dazu führen kann, dass man bedenkenlos Objekte baut oder Tendenzen verstärkt, die nicht im Dienste des Lebens stehen. Ausgehend davon wird die Frage, wie wir einen globalen Paradigmenwechsel erreichen können, in dem die Weisheit mit dem beobachteten Anstieg der Intelligenz Schritt halten kann, immer dringlicher.

Darüber hinaus werden viele weitere Arbeitsprozesse durch die KI deutlich vereinfacht werden. Zum Beispiel eine Software mithilfe von KI zu erstellen, wird in naher Zukunft genauso einfach sein, wie heute mit ihr zu schreiben. In Konsequenz dessen wird die Frage nicht lauten: Bauen wir etwas? Sondern: Was ist es wert, gebaut zu werden? Aus diesen Fragen erwächst die noch schwieriger zu beantwortende Frage: Was wird in diesen Zeiten überhaupt wert sein, verwirklicht zu werden?

Wir befinden uns derzeit in einer Art Welle der Möglichkeiten dieser Technologien. Deshalb werden die Menschen, bis diese Welle bricht, von den Möglichkeiten, welche die KI beispielsweise bietet, fasziniert sein. Doch meine Hoffnung ist es, dass ab einem gewissen Punkt diese Faszination für die Technologie nachlassen wird und die Menschen sich vermehrt dafür interessieren werden, was man tatsächlich Neues mit diesen Technologien auslösen kann. Ich würde gerne denken, dass dieser Übergang in den kommenden Jahren stattfinden wird.

»Entscheidend ist, auf welchen Ideen sich unsere Werte in Zukunft gründen werden.«

TV: In der Vergangenheit war eine der Hauptmotivationen einer Arbeit nachzugehen, dass die Menschen Geld verdienen mussten. Wie werden Menschen in Zukunft mehr Sinn und Bedeutung in ihrem Tun finden?

Reid: Ein mögliches Szenario wäre, dass es in den nächsten zehn Jahren Massenarbeitslosigkeit durch KI und KI-gesteuerte Robotik geben wird, sodass die Regierungen der Welt keine Alternative haben werden, als so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen anzubieten, weil es einfach nicht genug Arbeitsplätze geben wird.

Es ist interessant, dass wir gegenwärtig darauf zurückkommen, denn zu der Zeit, in der ich für eine Denkfabrik namens New Economics Foundation arbeitete, beschäftigte ich mich intensiv mit dem Ansatz des bedingungslosen Grundeinkommens. Später verließ ich diese Denkfabrik mit dem Gedanken, eine Kampagne für das bedingungslose Grundeinkommen zu starten, und gründete daraufhin die Psychedelic Society. Ich stellte mir eine Welt vor, in der jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält, von dem er gut leben kann. Mich ließ jedoch das Gefühl nicht los, dass es für zahlreiche Menschen immer noch nicht einfach wäre, Sinn und Bedeutung in ihrem Leben zu finden. Eine wachsende Anzahl von Menschen ist relativ unglücklich im Ruhestand, weil ihnen ihre Arbeit – selbst wenn es harte Arbeit war – ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gab, und ihnen nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben etwas fehlt. Wenn wir so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen, wird es sehr interessante Fragen und Gespräche in der Gesellschaft über Sinn und Bedeutung geben, und wie wir sinnvolle Leben in Abwesenheit von Arbeit, die wir verrichten müssen, schaffen. Es scheint, als hätten wir vergessen, wie man ein sinnvolles Leben führt, weil wir alle nur unseren Jobs nachgehen, um Rechnungen zu bezahlen. Das ist unsere Quelle des Sinns geworden. Doch es wird eine Zeit des Erinnerns kommen, in der wir dazu aufgerufen sein werden, unseren eigenen Sinn zu schaffen, ohne dass ein Job diesen Sinn für uns vorgibt.

TV: Vielleicht wird Spiritualität in dieser Art von Gesellschaft deutlich wichtiger sein, weil die Menschen anfangen werden, Fragen zu stellen.

Reid: Zumindest in den Kreisen, in denen ich mich bewege, geschieht das bereits.

Das Interview führten Stefanie Aue und Nicolas Marchioni.

Zum Interviewten

Stephen Reid ist ein Vordenker einer technologischen Metamoderne. Er veranstaltet Kurse und Residencies als Gründer von Futurecraft und die Leitung der Entwicklung der Plattform Dandelion innerhalb der Arbeitergenossenschaft Symbiota.

Webseite: stephenreid.net

Bildnachweis: © Adobe Stock, Stephen Reid

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen