Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist

Zwischen Meditation und Nicht-Meditation

Manchmal ist es ein ganz schlichter Moment, der uns daran erinnert, dass wir lebendig sind. Ein Moment des Staunens, in dem der Atem sich von selbst entfaltet und das Herz sich weitet: wenn das Licht durch die Blätter fällt, wenn das Lachen eines Kindes durch die Luft tanzt, eine Blaumeise neben uns landet, eine stille Zufriedenheit sich in uns ausbreitet und wir nichts mehr erreichen wollen. Wir lassen zu, dass das Leben uns berührt, und etwas in uns erkennt, dass hier etwas Wahres geschieht. Augenblicke spontaner Meditation, deren Tiefe und Einfachheit Menschen seit Jahrhunderten mit den verschiedensten formalen Meditationsmethoden nachahmen und manchmal auch nachjagen. Augenblicke, in denen sich die Einsicht einstellen kann, dass es oftmals gerade die Nicht-Meditation ist, die zur tiefsten Meditation wird.

Der Fluss windet sich durch die Landschaft, durch weite Steppe und durch enge Schluchten, fließt mal schnell und mal bedächtig, ist mal klar und dann wieder schlammig. Genauso erscheint dem Weisen, der am Ufer in stiller Betrachtung versunken ist, sein eigener Geist. Er greift zu Pinsel und Leinwand, bringt spontan einige Tuschestriche hervor, die Sinnbild des Augenblicks sind: einfach, klar, ohne Absicht und Ziel. Der gegenwärtige Moment wird durch das Bild nicht verändert, und der Weise lehnt sich zufrieden an einen kleinen krummen Baum, trinkt noch ein Glas Pflaumenwein und verweilt in der Zeitlosigkeit.

Er weiß nicht, dass irgendwann jemand behaupten wird, dieser Moment sei im siebten oder achten Jahrhundert vor Christus geschehen, und es wäre ihm auch gänzlich gleichgültig. Er weiß auch nicht, dass das, was er tut, Meditation genannt werden wird, dass die Menschen sich im Indus-Tal weit westlich in ähnlicher Weise versenken; er ruht im Tao … und der Taoismus kann ihm den Buckel herunterrutschen.

Dies ist kein Anfang von etwas Neuem, denn das absichtslose Staunen über das, was ist, hat Menschen wahrscheinlich schon immer berührt. Wer weiß schon, wie still der Geist des frühen Menschen war, als er am Feuer unter dem Sternenhimmel saß und die Weite der Nacht in sich aufsog? Wer weiß, wie tief die Meditation war, als es noch kein Wort für sie gab?

Illustrator silhouette of asian artist painting flower on scroll
Eine Ahnung vom Geheimnis des Lebens, das in der Dunkelheit atmete, sich im Wechsel der Jahreszeiten als Kreislauf von Geburt, Reife, Tod und Wiedergeburt offenbarte, und durch die stumme Weisheit der Tiere in einem heilsamen Schweigen gehalten wurde. Wenn Landschaft und Atem eins wurden, die eigenen Wurzeln tief in die Erde reichten und das Herz so weit wurde, dass alle Wesen, Geister und Ahnen darin Platz fanden. Seitdem ist viel passiert, aus dem Staunen und der Stille wurde eine Methode, wurden viele Methoden, wurden Systeme. Überall auf der Welt entwickelte sich etwas, das wir heute unter dem Sammelbegriff »Meditation« fassen. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Temperamente, aus denen sich verschiedenste Ziele, Erwartungen und Hoffnungen ergeben haben.
»Das absichtslose Staunen über das, was ist, hat Menschen wahrscheinlich schon immer berührt.«
Manche möchten sich mit dem Göttlichen vereinen, andere wollen unheilsame Begierden verstummen lassen, wieder andere fokussieren sich auf eine Gemütsruhe, die sie als Grundvoraussetzung für ein gelingendes Leben betrachten, und manch einer möchte magische Fähigkeiten erwecken, von denen ihm irgendjemand erzählt hat, dass es sie gebe. Die indischen Brahmanen empfingen den Klang der Schöpfung, setzten diesen in Mantras um und ließen ihren Geist auf den Schwingungen heiliger Worte in die Einheit von individueller Seele und Weltseele fliegen. Die chinesischen Taoisten saßen – wie wir schon gesehen haben – am Fluss und waren still. Der historische Buddha nutzte die Meditation, um das Leiden zu erkennen, es zu verstehen, zu umarmen und hinter sich zu lassen. Einer der frühesten buddhistischen Texte sagt ganz schlicht: »Wohne in deinem Herzen und strebe danach, deinen Geist zu kennen.«[1]

Ursprünge

Buddhas Meditation – auf Sanskrit dhyana genannt – erreichte China, verband sich dort mit dem Taoismus und wurde zu Chan, reiste weiter nach Japan und wurde zu Zen. In Tibet wiederum verband sich die buddhistische Lehre mit schamanischen Praktiken, mit einem ganzen Pantheon bunter Gottheiten und Kräften, aus denen etwas ganz Eigenes wurde. In Europa indes erkannten auch die griechischen und römischen Weisen den Wert des gegenwärtigen Moments. Innere Unruhe sahen sie als größten Hinderungsgrund für ein gutes und erfülltes Leben an, was Seneca sehr schön auf den Punkt brachte: »Nirgends ist, wer überall ist.«[2] Die Stoiker sprachen vom hic et nunc, das wir heute als viel beschworenes Hier und Jetzt kennen. Ihnen war bewusst, dass es nur dieses Jetzt gibt, in dem wir die Welt erfahren können, in dem wir handeln können und in dem wir bewusst sein können. »Vergiss auch nie, dass jeder nur diesen gegenwärtigen Moment lebt. Die übrige Zeit hat er entweder gelebt oder sie liegt im Ungewissen«,[3] sagte der sogenannte Philosophenkaiser Marc Aurel und nahm damit so manches moderne Selbsthilfebuch vorweg. Nahöstliche Religionen wie das Judentum und das Christentum entwickelten über Jahrhunderte ihre je eigenen Formen der Meditation, die von stiller Kontemplation, dem intensiven Lesen von heiligen Texten, wortreichen wie schweigenden Gebeten bis hin zu Visualisierungen, Körpergebeten und dem Rezitieren von Gottesnamen reichen, und bei allem Reichtum stets auch die Stille im Blick behielten. »Woran immer du denkst, es steht, solange du daran denkst, zwischen dir und deinem Gott«,[4] sagt der unbekannte Verfasser der mittelalterlichen Wolke des Nichtwissens. Der Islam übernahm viele dieser Methoden, ergänzte sie in seiner mystischen Ausprägung des Sufismus noch um Tanz und Ekstase.

Und auch im vorchristlichen West- und Nordeuropa gab es Meditationsformen, die heute nahezu vergessen sind. Die keltischen Druiden waren große Beobachter der Natur, versanken in ihrem Anblick oder ließen sich, in Tierfelle eingenäht, am Rande von Wasserfällen nieder, um sich vom rauschenden Klang in die Tiefe einer erweiterten Wahrnehmung führen zu lassen. Ebenso hatten die nordischen Völker eine Meditationsform, Utiseta genannt. Uti bedeutet draußen und seta einfach sitzen, wobei es auch hier um eine Versenkung in die Natur ging, in der sich die Götter und Göttinnen mitteilten – vielleicht zu vergleichen mit der Visionssuche der nordamerikanischen indigenen Völker, die ihrerseits auch mit Tanz und hypnotischen Rhythmen arbeiteten wie ihre zentralasiatischen Verwandten in der Mongolei.

Meditation heute

All diese Methoden und Techniken, all die Absichten und Wünsche gibt es auch heute noch. Menschen auf der ganzen Welt spüren, dass ihr Geist zu mehr gedacht ist als zu denken, To-do-Listen zu erstellen oder sich einfach nur betäuben zu lassen. Irgendetwas ist da am Rande unserer Wahrnehmung. Eine Ahnung von etwas Tieferem, das uns lockt, und das wir in jeder Kultur mit zahlreichen Versprechungen belegt haben.

Wir wollen ruhiger sein, glücklicher, effizienter, wir wollen uns in unserem Leben zu Hause fühlen, wollen die Erkenntnis Gottes, ein Einssein mit der Welt oder die große, immer vor uns her baumelnde Mohrrübe der Erleuchtung erhaschen, auch wenn wir nicht so genau wissen, was das eigentlich bedeuten soll. Und manche Menschen träumen auch heute noch von magischen Fähigkeiten, die sie endlich aus der Masse hervorheben sollen.

»Menschen auf der ganzen Welt spüren, dass ihr Geist zu mehr gedacht ist als zu denken, To-do-Listen zu erstellen oder sich einfach nur betäuben zu lassen.«

Wir spüren, dass die innere Unruhe wie zu Zeiten der Antike auch heute noch ein großes Problem darstellt. Die Informationsflut der Sozialen Medien und alle fünf Minuten aktualisierter Nachrichtensendungen strömt ungebremst in unser Leben und reißt uns mit sich fort, ohne dass wir ihr Nennenswertes entgegenzusetzen hätten. Dazu noch die allgegenwärtige Werbung, die uns zuerst ausführlich erklärt, welchen Mangel wir erleiden, um uns dann Pseudo-Lösungen anzubieten, die das Rad des Konsums in Schwung halten.

So werden wir mit einer Mischung aus neuen Sorgen und neuen imaginären Bedürfnissen von dem abgelenkt, um was es wirklich geht: Ein gutes, erfülltes Leben, in dem wir mit den Menschen und den anderen Lebewesen in Berührung sind und gemeinsam mit ihnen die Freude am Leben erfahren können.

Vielen Menschen werden diese Mechanismen immer bewusster, doch weil unser Geist nun einmal so funktioniert wie er funktioniert, wird aus diesem Empfinden der Unruhe ein Suchen nach Ruhe, das selbst rastlos bleibt und damit die menschliche Neigung zu Erklärungen, zu Analysen, Systemen und Regeln auch in so etwas grundlegend Freies wie die Meditation überträgt. Wir wollen dies und wollen jenes, hüpfen mithilfe der Meditation durch die große Falltür der Selbstoptimierung und finden am Boden der Grube oft das Gegenteil von Meditation.

Meditation als Konsum?

Jeder Tradition ist jedoch bewusst, dass wahre Meditation immer auch ein Zurücknehmen des Egos bedeutet – auch des spirituellen Egos, das so gerne noch eine letzte Einsicht, ein letztes Ziel erreichen möchte, und sich so selbst Stolpersteine in den Weg legt. Und so entwickelten alle spirituellen Wege Methoden, um diesen Stolpersteinen auszuweichen: Im Zen spricht man von mushotoku, der Haltung der Absichtslosigkeit, und von shoshin, dem Anfängergeist, der dem Moment stets offen begegnet. In der christlichen Mystik spricht die schon erwähnte Wolke des Nichtwissens vom Sich-Einlassen auf das Unerkennbar-Göttliche, ohne Konzept, ohne Kontrolle. Und auch im Sufismus, im tibetischen Dzogchen oder im säkularen Buddhismus ist immer wieder die Rede davon, dass Methoden zur Sackgasse werden können, wenn sie nicht in die Gegenwärtigkeit führen. Denn wie Absichtslosigkeit zur Technik werden kann, so kann auch Loslassen zum Ziel werden – und damit stehen wir genau dort, wo wir begonnen haben.

Ink pen drawing with Buddhist monk sitting under the tree. Hand

Vielleicht müssen wir hier radikaler vorgehen und uns fragen, wann aus dem Ruhen im gegenwärtigen Augenblick eine Methode wurde, die selbst Hinderungsgrund oder auch Konsumartikel ist.

Ist in der Anwendung von etwas nicht schon ein Ziel enthalten? Ist eine Methode nicht immer etwas, das einem Wollen entspringt – und ist dieses Wollen nicht selbst schon eine Form der Anhaftung? Eine bestimmte Technik beinhaltet stets auch die Gefahr, uns in einer bestimmten Weise zu konditionieren: Wir fokussieren uns mit einem Mantra, dem Bild eines Bodhisattvas, einer Gottheit oder was auch immer auf eine von anderen festgelegte Qualität des Erlebens und streben damit in eine bestimmte Richtung. Wir nutzen eine Technik, um »voranzukommen« – aber kann diese Technik oder das, was daraus entsteht, Wahrheit sein? Jiddu Krishnamurti, der sich Zeit seines Lebens Methoden und Konzepten verweigerte, ließ an diesen Formen der Meditation kein gutes Haar:

»Vielleicht haben Sie von anderen gehört, dass Sie nach einem bestimmten System meditieren müssen, dass Sie üben müssen, damit der Geist still wird, und dass Sie Stille erlangen müssen, um erleuchtet zu werden. Das wird als Meditation bezeichnet, aber diese Art von Meditation ist reiner Unsinn, denn wenn Sie üben, ist dieses Etwas da, das übt, und dabei immer mechanischer wird, und dadurch eingeschränkt, unsensibel, abgestumpft.«[5]

»Wie Absichtslosigkeit zur Technik werden kann, so kann auch Loslassen zum Ziel werden.«

Für Krishnamurti war Meditation Freiheit. Ein Licht, das in uns leuchtet, nicht eine »abstrakte Idee, nichts vom Denken Fabriziertes«.[6] Für ihn war eine Methode ein Weg der Aufspaltung: Wenn wir die Meditation zu etwas Technischem machen, dann gibt es einen Beobachter, der sich mit einer gewissen Technik dem Beobachteten annähert. Doch der »Beobachter ist ein Produkt des Denkens, das niemals neu ist, niemals frei. Es gibt kein Wie, kein System, keine Methode. Es gibt nur das Sehen, welches das Handeln ist«.[7]

Dass Krishnamurti damit ernst machte und tatsächlich nirgends einen gangbaren, nachvollziehbaren Pfad dargelegt hat, macht vielen Menschen den Zugang zu seinen Schriften so schwer. Doch genau darum geht es: Eben keinen Zugang zu suchen, keinen Weg, dem wir folgen könnten, sondern darum, dass wir uns beginnen zu öffnen und aufhören, uns zu formen.  Was also ist diese Freiheit, von der er spricht? Wie entdeckt der Geist seine eigene Weite – und mit ihr die Weite der Welt? Wie kann ein Geist zur Ruhe kommen und dabei beweglich bleiben? Krishnamurti sagt: »Wenn Sie sagen, Sie müssen meditieren, Sie müssen einem bestimmten Weg folgen oder eine bestimmte Technik praktizieren, dann konditionieren Sie sich ganz offensichtlich im Sinne dieses Systems oder dieser Technik. Vielleicht erreichen Sie das, was die Methode verspricht, aber es wird Asche in Ihren Händen sein, denn das dahinterstehende Motiv ist das Streben nach Erfolg, und dieses Streben entspringt der Angst.«[8]

Wir streben fort von der Angst, anstatt sie anzusehen und ihr wirklich zu begegnen. Doch in der echten Begegnung lebt und atmet die Freiheit.

Die Nicht-Meditation

Eine der größten Nicht-Meditationslehrerinnen in dieser Hinsicht war sicherlich Toni Packer, die als Zen-Schülerin von Philip Kapleau immer mehr feststellte, dass dieser Weg nicht ihr Weg war, und die daraufhin nach der intensiven Auseinandersetzung mit den Worten Jiddu Krishnamurtis etwas wirklich Eigenständiges in die Welt brachte – ein meditatives Fragen, das den Moment nicht verdeckt, sondern offenlegt; ein behutsames Vortasten in die Wirklichkeit, das Eintauchen in den Augenblick jenseits von jeder Tradition, jeder Lehre, jeder festgelegten Methode.

In einer ihrer Fragen ist der gesamte Inhalt dieses Artikels und auch Toni Packers gesamtes Wirken zusammengefasst. Eine Frage, die wir uns jeden Tag stellen können und die unseren Geist in eine gänzlich neue Weite führen kann: »Warum dem, was ist, einen Namen geben?«[9]

Braucht der jetzige Moment wirklich einen Kommentar? Kann er nicht einfach dieses Heft in unseren Händen sein, unsere Fähigkeit zu lesen und aus den Worten Sinn zu schöpfen? Möglicherweise besteht dieser Moment aber auch aus auftauchendem Unbehagen, weil wir unsere liebgewonnene Methode in Frage gestellt sehen. Oder aus dem unschönen Gefühl, dass die Dinge nicht so sicher sind, wie wir dachten. Die Frage ist immer, ob das, was ist, nicht auch einfach so sein kann, wie es ist, ohne dass wir versuchen, eine Änderung oder Verbesserung herbeizuführen.

»Toni Packer brachte etwas Eigenständiges in die Welt – sondern offenlegt; ein behutsames Vortasten in die von jeder Tradition, jeder Lehre,«

Toni Packer meint: »Um mit dem Rohmaterial dieses Augenblicks wirklich in Berührung zu sein, braucht es kein Identifizieren oder Etikettieren. Wir müssen es nicht gedanklich erfassen. Einfach dasein hat nichts mit Erwartung zu tun. Es hat nichts mit einem Ziel zu tun. Ein Ziel haben ist schon ein Schritt weg. Wovon? Wovon wollen wir weg?«[10]

Erwartungen

Und wo wollen wir hin, möchte man hinzufügen. Die spirituelle Szene ist voller Erwartungen. Glückseligkeit, Erleuchtung, ein immerwährendes Feuerwerk der guten Laune, geheimes Geheimwissen aus geheimen Geheimschriften, Weisheit. Kurz gesagt: das Besondere. Doch das, wovon wir hier die ganze Zeit sprechen, ist nicht besonders, sondern sehr, sehr einfach. In ihrer wohltuend zurückhaltenden Art sagt Toni Packer: »Erwarten wir, im Kontakt mit der Wirklichkeit etwas Großartiges zu erleben, etwas, das aus dem Rahmen des Gewohnten fällt? So gelingt es uns nicht, mit den Füßen auf ganz gewöhnlichem Boden zu stehen, auf einem nassen Weg, einem hölzernen Fußboden, einer rauen Matte.«[11]

Meditation als Nicht-Meditation ist einfach und schlicht. Sie macht uns nicht zu etwas Besonderem, sondern zu etwas Gewöhnlichem. Zu einem Menschen, der am Fluss sitzt und den gegenwärtigen Moment einatmet, oder der sich über den Spatzen am Vogelfutterhäuschen freut. Ein Mensch, der in das Jetzt hineinsinkt, ohne an ihm herumzuschrauben, und der seinen Geist nicht konditioniert, um etwas wahrzunehmen, von dem andere ihm nur berichtet haben.

»Das, wovon wir hier sprechen, ist nicht besonders, sondern sehr, sehr einfach.«

Der Dichter David Whyte spricht auf ergreifende Art von einer Einladung, die die Wirklichkeit an uns richtet und für die wir einen gewissen Mut aufbringen müssen: »Die Einladung, eine zutiefst menschliche Welt von robuster Verletzlichkeit zu betreten, die mit einer manchmal fröhlichen, öfter jedoch schwierigen Hilflosigkeit durchsetzt ist, wird uns jeden Tag unterbreitet, ob wir es uns wünschen oder nicht – eine Einladung, uns selbst in der bedingten Welt, in der wir leben, aufs Spiel zu setzen und anzuerkennen, dass uns kein anderer begehbarer Pfad offensteht, auf dem wir von Herzschmerz, den Schwierigkeiten und Freuden, die uns bewegen und die sich durch uns bewegen, unberührt bleiben würden. Der einzig mögliche Weg scheint der zu sein, uns selbst bedingungslos der Bedingtheit einer jeglichen überwältigenden, verstörenden und belohnenden Gestalt von Liebe hinzugeben.«[12]

Können wir unsere Unruhe sehen, ohne sie gleich mit irgendetwas beruhigen zu müssen? Können wir die Schönheit unserer Menschlichkeit entdecken, ohne auf etwas vermeintlich Besseres, Reineres, Höheres zuzustreben?

Können wir einfach den Fluss sehen und lieben … und das Ufer, an dem wir schon immer gesessen haben?

Das könnte genug sein.

Endnoten

  1. Dhammapada 185.↩︎
  2. Seneca: Briefe an Lucilius, 2, 2 (Dieser Satz findet sich nicht in allen Übersetzungen. Hier stammt er aus der Übersetzung von Otto Apelt.)↩︎
  3. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen, III 10.↩︎
  4. Willi Massa (Hg.): Wolke des Nichtwissens, S. 41.↩︎
  5. Jiddu Krishnamurti: Das Licht in uns, S. 140.↩︎
  6. Jiddu Krishnamurti: Das Licht in uns, S. 10.↩︎
  7. Jiddu Krishnamurti: Das Licht in uns, S. 11.↩︎
  8. Jiddu Krishnamurti: Das Licht in uns, S. 33.↩︎
  9. Toni Packer: Der Moment der Erfahrung ist unendlich, S. 30.↩︎
  10. Toni Packer: Der Moment der Erfahrung ist unendlich, S. 25.↩︎
  11. Toni Packer: Der Moment der Erfahrung ist unendlich, S. 51.↩︎
  12. David Whyte: Zuwendungen, S. 18/19.↩︎

Zum Autor

Dirk Grosser geb. 1971 machte sich 2013 nach langjähriger Tätigkeit als Programmleiter in Verlagen als freier Autor und Seminarleiter selbstständig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu seinen Hauptthemen Mystik, Mythologie und Meditation, u. a. »Am Sonntag geht Gott angeln« und »Möge dein Weg gesegnet sein«. Seit Mitte 2025 Chefredakteur der Tattva Viveka, seit Beginn seines Lebens Hundefreund und Waldmensch.

Webseite: dirk-grosser.de

Bildnachweis: © Adobe Stock, Dirk Grosser

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