Prof. Dr. Maik Hosang – Aufbruch in die Metamoderne

Transformationsprozesse verstehen und gestalten

In welche Richtung werden sich das Individuum, die Arbeitswelt und die gesamte Gesellschaft entwickeln, wenn in nicht allzu ferner Zukunft vermehrt Aufgaben von Maschinen und der Künstlichen Intelligenz übernommen werden und die Notwendigkeit für den Lebensunterhalt in den Hintergrund tritt? In Anbetracht dieses Paradigmenwechsels benötigen wir eine neue Sprache, welche die positiven Aspekte hervorhebt und Gestaltungsmöglichkeiten offenlegt. Wie den der Metamoderne, der nicht nur eine neue Kulturform, sondern vielmehr ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, das von Kreativität, Verbundenheit und Selbstentfaltung geprägt ist.

Tattva Viveka: Lieber Prof. Dr. Maik Hosang, seit mittlerweile 30 Jahren widmen Sie sich der Erforschung gesellschaftlicher Transformationsprozesse, insbesondere an den Schnittstellen von Philosophie, Sozialökologie, Bewusstsein, Liebe und Kreativität. Um die gegenwärtigen tiefgreifenden Veränderungen wirklich zu verstehen, ist es notwendig, unter die Oberfläche zu blicken und die komplexen Verflechtungen zwischen Individuum, Gesellschaft und unserer gesamten Kultur zu betrachten. Die Sozialökologie ist eine Wissenschaftsrichtung, die sich dem Studium der wechselseitigen Beziehungen widmet und daraus zukunftsweisende Ansätze ableitet. Könnten Sie uns den Begriff der Sozialökologie näher erläutern und erklären, wie er mit dem Konzept der Tiefenkultur zusammenhängt?

Prof. Dr. Maik Hosang: Man muss den Begriff »Sozialökologie« als eine Art Krückenbegriff betrachten. 1990, nach dem Mauerfall, gründeten Rudolf Bahro, weitere Kollegen und ich das Institut für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Man hätte es auch Institut für Zukunftsforschung nennen können, doch das erschien uns als zu allgemein. Die Sozialökologie zielt darauf ab, eine Verbindung zwischen der Natur im Außen – dem, was man aktuell als Ökologie bezeichnet –, dem Menschen und der Gesellschaft zu knüpfen. Dabei werden die wechselseitigen Beziehungen und Zusammenhänge zwischen diesen drei fundamentalen Bereichen tiefgreifender und systemischer erforscht, als man es unter der Linse des traditionellen Umweltschutzes zum Beispiel tut.

Betrachtet man gegenwärtig das Verhältnis Natur-Mensch-Gesellschaft, stellt man fest, dass unsere Gesellschaft momentan ökologische Gleichgewichte zerstört und daraufhin versucht, mit viel Technik, das Schiefgeratene wieder ins Lot zu bringen, was offensichtlich nur beschränkt gelingt. Die Sozialökologie untersucht nicht nur diesen Missstand, sondern fragt, welche Interessen, Triebkräfte und Konstellationen bewirken, dass Menschen sich so verhalten, und wie man dies ändern könnte. Sie betrachtet die tiefenkulturelle Ebene des Problems, welche durch das Eisbergmodell veranschaulicht wird. Oberhalb der Wasserfläche sehen wir Theatervorstellungen, Museen, Kleidungsstile, doch unterhalb der Wasseroberfläche, analog zum Bild des Eisbergs, befindet sich der deutlich größere Teil der Kultur, der weitgehend aus unbewussten Werten, Normen, Erwartungen, Bedürfnissen, Interessen und Gefühlen besteht, über die selten geredet wird. Wir bewegen uns darin wie der Fisch im Wasser und nehmen meistens das, was wir täglich denken, fühlen und tun, nicht bewusst wahr. Im Forschungsfeld der Tiefenkultur bemüht man sich darum, die unbewussten, kollektiven Felder, Konstellationen, Gedanken, Normen, Werte und Gefühle zu ergründen und zu verstehen.

TV: Momentan erleben wir eine Zeit des tiefgreifenden Wandels, in der sich traditionelle und scheinbar starre Strukturen zunehmend auflösen oder weiterentwickeln. Der Wandel ist besonders prägnant in der Arbeitswelt zu beobachten, wo sich neue Arbeitsformen etablieren. Es findet eine Transformation weg vom klassischen 9-to-5-Büro- oder Fabrikjob mit hierarchischen Ordnungen hin zu flexiblen, digitalen Arbeitsstrukturen statt, die neue Qualitäten wie Selbstführung und Selbstorganisation erfordern. Wie lassen sich diese Veränderungen tiefenkulturell deuten?

Hosang: Es ist unübersehbar, dass wir im Übergang zu einer noch völlig neuen Form von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft stehen. Diese Entwicklung steht im engen Zusammenhang mit den neuen Technologien, dem Internet und der künstlichen Intelligenz, da in nahender Zukunft zahlreiche Tätigkeiten, die bisher Menschen ausgeübt haben oder ausüben mussten – wie körperlich fordernde Tätigkeiten, Routinearbeiten und Verwaltungsaufgaben –, technologisch ausgelagert werden und von der KI übernommen werden können. Dies wird dazu führen, dass bis zu zwei Drittel der heutigen Tätigkeiten überflüssig werden. Wann dies eintritt, ist derzeit ungewiss, es könnte jedoch sehr schnell geschehen. Die gegenwärtigen Arbeitsstrukturen sind von der protestantischen Arbeitsethik, wie von Max Weber beschrieben, geprägt und zeichnen sich durch ein tiefes Pflichtgefühl, Fleiß und Effizienz aus. Diese Eigenschaften waren über Jahrhunderte hinweg essenziell, um in den kalten nordischen Klimazonen zu überleben.

Angesichts der bevorstehenden Veränderungen werden genau diese traditionellen Arbeitsstrukturen und Werte aufgebrochen, da es schlichtweg nicht mehr notwendig sein wird, dass Menschen den Großteil ihrer Zeit für Arbeit aufbringen. Aktuelle Tendenzen weisen darauf hin, dass den Menschen viel mehr Zeit und Muße zur Verfügung stehen wird.

Die anschließende spannende Frage ist: Was machen wir mit den neuen Freiheiten? Die Perspektive, aus der heraus sich der von Frithjof Bergmann geprägte Begriff »New Work« entwickelte, besagt, dass wir unsere Arbeitsweise und ihren Zeitaufwand neu definieren und organisieren werden. Die Zeit könnte zwischen klassischer Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Naturarbeit ausgewogen verteilt werden: ein Drittel der Zeit für die klassische Erwerbsarbeit, ein Drittel der Zeit für Care-Arbeit, in der man sich um andere Menschen kümmert, und ein Drittel der Zeit für ökologische Naturarbeit, in der man sich selbst versorgt oder einer anderen Tätigkeit in und mit der Natur nachgeht. In diesem Kontext stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, von Work, also Arbeit zu sprechen, oder ob es passendere Bezeichnungen gibt, wie Tätigkeitsgesellschaft oder Entwicklungsgesellschaft.

»Es ist unübersehbar, dass wir im Übergang zu einer noch völlig neuen Form von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft stehen.«

TV: Lange Zeit war die vorherrschende Meinung, dass uns die Maschinen von der Arbeit befreien werden. Doch nun, da dies tatsächlich in greifbarer Zukunft geschehen könnte, scheinen die Menschen sehr verängstigt von dieser Tatsache zu sein. Denn der Großteil der Menschen stellt sich aktuell weniger die Frage, was er mit all seiner freien Zeit anstellen soll, sondern vielmehr, wie er ein Einkommen ohne Arbeit generieren soll. Bisher gibt es darauf noch keine konkrete Antwort, wobei bereits Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen existieren.

Hosang: Es steht uns eine umfassendere Transformation bevor, die man komplexer denken muss. Wirtschaft, Arbeit, Gesellschaft, Verteilung von Reichtum und Bildung werden sich neu organisieren müssen. Doch leider wurden bisher wenige zukunftsweisende Konzepte entwickelt. Aktuell benötigen wir eine vielseitig aufgestellte Zukunftsforschung, die Studien und Experimente durchführt, um herauszufinden, welche Strategien und Werkzeuge uns bei dieser Transformation hilfreich sein werden. Bedauerlicherweise wird dies bisher nur fragmentarisch umgesetzt.

TV: Angesichts der allgemeinen Verunsicherung erleben konservative und traditionelle Ansätze und Werte einen Höhenflug. Man hat den Eindruck, dass viele Menschen sich eher in die Vergangenheit zurückkatapultieren möchten, anstatt proaktiv die Zukunft zu gestalten.

Hosang: Die letzten Jahrhunderte waren zwar nicht besonders überzeugend, doch die Vergangenheit vermittelt vielen ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit, die sie der grassierenden Unsicherheit vorziehen. Denn alle sehen, dass viele Strukturen nicht mehr funktionieren und langsam zusammenbrechen.

Das Festhalten am Alten ist jedoch Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach Sicherheit. Gesamtgesellschaftlich sollten wir uns in der Tat vorwiegend auf die Erforschung und Gestaltung des Neuen konzentrieren, obwohl wir bisher nur wenig Erfahrung darin haben und nicht wissen, was funktioniert und was nicht. Abzusehen ist momentan einzig und allein, dass uns früher oder später weniger Arbeit zur Verfügung stehen oder notwendig sein wird, wobei uns diese Tatsache mehr Zeit und Raum für die eigene freie Entwicklung schenken wird. Das große Fragezeichen ist, wie die Menschen die neuen Möglichkeiten nutzen werden. Im besten Falle unterstützen sie die bewusste Selbstentwicklung.

TV: Am Anfang unseres Gesprächs hatten Sie bereits angemerkt, dass wir uns in einem Epochenwandel befinden. Manche nennen diese neue Epoche »Metamoderne«. 2024 hast du gemeinsam mit anderen Experten wie Prof. Dr. Gerald Hüther das Buch »Die Metamoderne: Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft« veröffentlicht. Erzähle uns, was wir uns unter der Metamoderne vorstellen können und wie sich in dieser neuen kulturellen Epoche unser Arbeitsverständnis wandeln könnte.

Hosang: Dafür müssen wir eine kurze Reise in die Kulturgeschichte unternehmen. Der Begriff Metamoderne beinhaltet den Epochennamen der »Moderne«. Die moderne Gesellschaft, die sich vor etwa 250 Jahren entwickelte, war geprägt von der Emanzipation von starren religiösen Strukturen sowie der Forderung nach freier Bildung, Demokratie und Wirtschaft. Diese Veränderungen ermöglichten einem Teil der Menschheit ein Maß an Entwicklung, das zuvor undenkbar gewesen wäre – wobei, wenn man die gesamte Menschheit betrachtet, dies nur für einen bestimmten Prozentsatz gilt. Die Produktionsmittel reichten damals noch nicht aus, um die Bedürfnisse aller Menschen zu decken und somit jedem Einzelnen genügend Zeit für die persönliche Entwicklung zu ermöglichen.

Die Kommunikationsmittel waren begrenzt, da Presse, Funk und Fernsehen in den Händen weniger lagen. Generell bestimmte eine kleine Gruppe von Unternehmern und Politikern, welche Informationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Heute ist dies in der Form nicht mehr möglich, denn aufgrund des Internets und der KI stehen uns Informationen in einem gänzlich neuen Umfang zur Verfügung.
Mittlerweile kann man sich beinahe unbeschränkt informieren und bilden. Gleichzeitig erleben wir, dass die vorhandenen materiellen Ressourcen ausreichen könnten, um die grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen zu decken, vorausgesetzt, sie werden global gerecht verteilt. Denn gegenwärtig gibt es wenige Superreiche auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Großteil der Menschheit, der sich abgehängt fühlt.

Konzeptionell sind genügend Mittel vorhanden, um jedem Einzelnen ein erfülltes Leben und die freie persönliche Entfaltung zu ermöglichen. Bisher fehlt jedoch ein Begriff, der einerseits die positiven Aspekte der Moderne bewahrt wie freie Bildung, freie Demokratie, freie Wirtschaft, und uns andererseits wieder mit den Qualitäten verbindet, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, wie unser Bezug zur Natur, zu unserer Gefühlswelt, zum gesamten Kosmos.

»Seelisch waren wir nie wirklich frei«

Der Begriff »Meta« besitzt daher zwei Grundqualitäten. Erstens ermöglicht er die Integration des Paradoxons, des Gegenübers, des bisher Verdrängten, indem er wie ein Pendel zwischen Verstand und Gefühl, Effizienz und Romantik, irdischem Dasein und kosmischer Verbundenheit schwingt. Dieser Ansatz befreit uns von der Ausschlusslogik, die nach dem Entweder-Oder-Prinzip funktioniert, und erlaubt es uns, unsere bisherige Denkweise oder die »Matrix« zu hinterfragen und darüber zu reflektieren, wie wir ein erfüllteres Leben führen können. Wenn wir uns bewusst mit anderen Menschen, Bildungsformen und Tätigkeiten verbinden, erweitert sich unser Horizont, und wir werden offener, freier und multidimensionaler. Daraus ergibt sich die zweite Bedeutung von »Meta«, welche die Verbindung mit etwas Größerem, das über mich hinausgeht, umfasst, was mich dazu befähigt, von einer umfassenderen Perspektive auf die Gesellschaft und auf mich selbst zu blicken.

Dies führt zur zweiten Dimension von »Meta«: der Betrachtung aus einer übergeordneten Perspektive. »Meta« in seiner zweiten Bedeutung repräsentiert etwas Größeres, das über das individuelle Ich hinausgeht. Es ermöglicht uns, uns selbst und die Gesellschaft aus einer umfassenderen Sichtweise zu betrachten, was ein tiefes Gefühl der Verbundenheit auslöst und uns erkennen lässt, dass wir keine isolierten Einzelgänger sind.

Kurz zusammengefasst könnte man also sagen, dass die Metamoderne Verbindungen der positiven Qualitäten der bisherigen Moderne aufnimmt und zugleich über deren Begrenzungen hinauswächst. Weltweit existieren bereits zahlreiche Netzwerke, Konferenzen und Ausstellungen, die sich mit metamodernen Perspektiven auseinandersetzen, wobei diese bisher kaum in der deutschen Kultur rezipiert wurden. Dies war für uns der Anlass, ein Buch über die Metamoderne zu schreiben, da wir es als sinnvoll und notwendig erachten, diesen Begriff in die deutsche Wissenschafts- und Kulturlandschaft einzuführen. Wir brauchen die richtigen Begriffe, wie Bertolt Brecht es einst sagte, denn ohne die richtigen Begriffe können wir die Welt nicht verstehen und infolge auch nicht gestalten. Ob der Begriff sich tendenziell durchsetzt oder ob sich ein besserer finden wird, wissen wir nicht, aber er scheint gegenwärtig der kompatibelste zu sein, um diese neue Epoche zu verstehen.

TV: Dies ist eine durchweg positive und hoffnungsmachende Haltung gegenüber den gerade stattfindenden Veränderungen. Gleichzeitig haben die Menschen verstärkt das Gefühl, dass die Neuerungen sowie die Geschwindigkeit, in der diese Neuerungen auftreten, den Einzelnen überfordern. Was kann man tun, damit das beschriebene metamoderne Lebensgefühl mehr Menschen erreicht?

Hosang: Man müsste ein neues Paradox dafür einführen. Einerseits erleben wir eine stetige Beschleunigung in allen Lebensbereichen, andererseits erfahren Achtsamkeit und Meditation einen Höhenflug. Es macht sich bemerkbar, dass vermehrt das Bedürfnis aufkommt, innezuhalten, sich seiner selbst gewahr zu werden und zu erkennen, dass wir nicht nur getriebene Wesen, sondern auch kosmische Wesen sind. Dieses Erleben ermöglicht es uns, aus einer freien und neugierigen Haltung heraus auf die Komplexitäten des Lebens zu antworten, und verwandelt das, was gerade geschieht, in ein Abenteuer.

Denn mein eigenes Verhalten habe ich immer selbst in der Hand. Ich kann selbst entscheiden, ob ich Stunden am Smartphone verbringe oder lieber spazieren gehe, meditiere oder mich angenehm mit Menschen unterhalte. Zugleich ist dies eines der Grundprobleme: Wir kommen aus einer Gesellschaft, die zwar frei ist – freie Demokratie, freie Bildung, freie Wirtschaft – aber seelisch waren wir nie wirklich frei. In der Schule beispielsweise lernen wir wenig über Selbstkompetenz und Selbstermächtigung.

Zurzeit arbeite ich zusammen mit der Techniker Krankenkasse an einem Projekt für Grundschulen, in dem den Grundschülern bestimmte Meditationstechniken vermittelt werden, damit sie lernen, ihre Gefühle zu steuern. Momentan wird diese Kompetenz kaum ausgebildet, und Menschen stießen bisher eher zufällig auf Meditation oder andere Strategien, um sich selbst zu regulieren. Wenn man dies aber im Laufe seines Lebens nicht erlernt hat, fühlt man sich, wie du es soeben beschrieben hast, kontinuierlich getrieben.

»Eine Schlüsselkompetenz der Metamoderne wird es sein, das Ich-Sein und die Ich-Freiheit miteinander zu verbinden.«

TV: Der ich-freie Mensch soll in der Metamoderne in den Vordergrund treten. Wer ist dieser ich-freie Mensch?

Hosang: Bei dieser Entwicklung stehen wir noch am Anfang: Wir Menschen müssen lernen, dass wir nicht nur zu funktionieren haben, sondern dass wir freie Subjekte sind. Bei den großen Grundfragen des Lebens – Was will ich, wer bin ich, was soll ich tun? – habe ich als Subjekt immer die Kompetenz der Entscheidung, da niemand diese Fragen für uns beantworten kann. Diese Form der Selbstführung wird bestimmen, in welche Richtung sich das Individuum entwickelt, wobei die persönliche Neuausrichtung sukzessive auch die gesellschaftlichen Strukturen und die Arbeitswelt verändern wird. Der Begriff »Ich-Freiheit« stammt ursprünglich von Jean Gebser, einem Vordenker der integralen Bewusstseinsentwicklung, der die Epochen bereits eingeteilt und erkannt hatte, dass die vormodernen Menschen in gewissem Sinne »ich-los« waren. Sie waren Teil von Stammesverbänden, von Religionen und hatten noch nicht entdeckt, dass sie einzigartig sind. Dann legte die Moderne, um es salopp auszudrücken, einen Sprung hin: vom Katholizismus zum Protestantismus. Der Mensch kann selbst nun in Bezug zu Gott treten, statt nur durch den Priester vermittelt, und auf diese Weise wurde jeder Mensch zu einem Ich-Subjekt. Diese Subjekthaftigkeit war jedoch sehr fragil und angstgetrieben. Unbewusst hatten die Menschen Angst davor, wieder verschlungen zu werden von Handwerks- und Familienbanden, wie es Goethe sagte. Eine Angst wieder in Strukturen zurückzufallen, in denen das Ich sich unfrei fühlte

TV: Dieses Ich oder Ego meint, dass es sich verteidigen muss?

Hosang: Genau. Das Ich muss sich schützen mit Panzern, mit Reichtum, mit großen Häusern, um einen Schutzraum zu haben. Ich möchte ich sein und nicht ständig von anderen beeinflusst werden. Ich soll so sein, ich soll so denken, ich soll so lieben. Deshalb ist die Moderne von der starken Panzerung des Ichs und der Ichbezogenheit gekennzeichnet. Eine Schlüsselkompetenz der Metamoderne wird es sein, das Ich-Sein und die Ich-Freiheit miteinander zu verbinden.

Einerseits ist es essenziell, zu erkennen, dass jeder Mensch ein einzigartiges und kosmisches Wesen mit einzigartigen Talenten ist. Andererseits erlaubt es mir diese Ich-Freiheit, loszulassen und mich zu entspannen, anstatt mich ständig in Ich-Kämpfe verwickeln zu lassen, in denen es um Position, Titel oder Geld geht. Denn ich vertraue darauf, dass ich unabhängig davon, was ich tue oder nicht tue, mit dem Kosmos verbunden bin. Diese zentrale Kompetenz erlaubt es mir, frei zu wählen, ob ich Ich sein oder ob ich mein Ich loslassen möchte.

TV: Die Herausbildung dieser Kompetenz geht somit Hand in Hand mit der persönlichen Bewusstseinsentwicklung?

Hosang: Richtig. Wichtig dabei ist, die Kategorie Bewusstsein nicht nur mental zu begreifen, sondern das Fühlen, die Empfindungen auch hinzuzunehmen. Denn wir sind an erster Stelle fühlende Wesen. Dies wird häufig bei der Diskussion rund um das Bewusstsein gerne vergessen. In diesem Kontext meint Bewusstsein eine Art Wahrnehmung des Bewusstseins.

TV: Interessanter Punkt. Wenn uns zukünftig mehr freie Zeit zur Verfügung stehen wird, könnte dies zu einer Demokratisierung der Kunst und Kreativität führen. Denn dies würde es mehr Menschen ermöglichen, sich verstärkt der Entfaltung ihrer kreativen Qualitäten zu widmen. Folglich wird mehr Kunst im weitesten Sinne geschaffen werden, aber man wird auch mehr Ressourcen wie Zeit und Energie haben, um kreativ zu handeln und auf kreative Weise Herausforderungen zu begegnen. In dem Sinne, dass man auf neue Ideen, neue Ansätze, neue Inspirationen gelangen wird, da ein Großteil der Energie nicht mehr in die Lohnarbeit fließen muss.

Hosang: Selbstverständlich, der Mensch ist seit jeher ein kreatives Wesen. Er brachte alle kulturellen und technischen Neuerungen hervor und schaffte unzählige Möglichkeiten. Abraham Maslow, der humanistische Psychologe und Entwickler der Bedürfnispyramide, unterschied zwischen verschiedenen Dimensionen der Kreativität. Zu einem gibt es die sekundäre oder technische Kreativität, durch die man etwas Bestehendes wie ein Auto oder einen Stuhl neu gestalten oder ein Bild anders malen kann. Zum anderen gibt es die primäre Kreativität, die aus unserer Verbindung mit dem schöpferischen Universum entsteht. Diese inspiriert uns zu neuen Ideen und ermutigt uns, anders zu arbeiten, zu leben, eine neue Kunstform zu entwickeln oder unserem Leben einen neuen Sinn zu geben. Man könnte sie auch als unsere eigene Schöpferkraft als kosmische Wesen bezeichnen. Beide Formen der Kreativität sind von Bedeutung für den Menschen. Maslow nannte die Verbindung beider integrierte Kreativität, die neuerdings auch wissenschaftlich erforscht wird.

TV: Würdest du die Künstliche Intelligenz als Beschleunigerin und Verstärkerin metamoderner Entwicklungsprozesse betrachten? Denn sie gab den Anstoß für die vielfältigen gegenwärtigen Veränderungen in den verschiedenen Lebensbereichen und wenn man den Prognosen Glauben schenkt, werden noch viele weitere folgen, die wir uns aktuell nicht einmal ausmalen können.

Hosang: Die Künstliche Intelligenz ist zweifelsfrei der Auslöser und Verstärker der Transformation, weil sie die unbegrenzte Verfügbarkeit von Informationen und Wissen in einem Umfang ermöglicht, den es zuvor nie gegeben hat. Dieser Prozess hat seinen Anfang mit der Erfindung des Internets genommen, aber durch die KI erhält man in Sekundenschnelle eine Antwort auf jede erdenkliche Frage, wobei sie Zugang zum Großteil des verfügbaren Wissens im Internet hat. Sie verbindet einen mit vergleichbar wenig Aufwand mit dem gesamten Wissensinformationsfeld der Menschheit. Dadurch ist man nicht mehr auf die Narrative des Fernsehens, der Lehrer, Priester oder sogar seiner Eltern angewiesen und dies schafft eine ungeheure Freiheit.

Im materiellen Sinne nimmt die KI dem Menschen Arbeiten ab, die ihn bisher viel Zeit kosteten: täglich acht bis zehn Stunden, um Kleidung oder Maschinen herzustellen oder um Steuern zu verwalten. Sie befreit uns davon und befähigt uns zugleich dazu, uns in diesem freien Zeitraum auf eine Weise zu informieren und weiterzuentwickeln, wie es bislang nicht möglich war.

Die KI kann jedem Menschen, der einen inneren Ruf verspürt und Fragen zu Sehnsüchten, Bedürfnissen oder der persönlichen Entwicklung hat, auf einzigartige Weise unterstützen, da sie gute Antworten geben kann, die selbstverständlich kritisch reflektiert werden müssen. Durch die Zusammenarbeit mit der KI kann der Mensch informationell, wissensmäßig und kommunikativ in völlig neue Dimensionen vorstoßen. In der Geschichte der Menschheit war es bisher undenkbar, dass jedem Menschen zumindest hypothetisch ein persönlicher Coach, ein persönlicher Lehrer oder sogar Liebesbegleiter zur Seite steht.

»Die Frage lautet: Mensch, wer bist du im Grunde?«

TV: Hoffentlich werden die Menschen die Möglichkeiten der neuen Technologien für das Gemeinwohl einsetzen und nicht, wie es häufig der Fall ist, für das Gegenteil.

Hosang: Ich sage zu meinen Studierenden, dass der technologische Fortschritt als eine Testphase des Universums gedeutet werden kann, um herauszufinden, ob der Mensch im Grunde gut oder böse ist. Denn in Anbetracht der Fülle von materiellen Mitteln und Informationen, die es in diesem Maße noch nie gegeben hat, wird sich zeigen, wofür er sie einsetzen wird – um etwas Böses zu schaffen oder das Gute, Schöne und Wahre auf Erden zu nähren und zu verbreiten.

Die Frage lautet: Mensch, wer bist du im Grunde? Es wird sich herausstellen, ob die negativen Facetten – wie Angst und Machtsucht – »nur« kulturell bedingte Verirrungen unserer Seele sind, die wir ablegen können, oder ob sie weiterhin dominant sein werden. Das können wir nicht vorhersehen.

Eine weitere interessante Frage, die über das Individuelle hinausgeht, ist: Wie finden wir eine neue Art der Kommunikation mit dem Ganzen? Zu meinen Studierenden sage ich immer, dass uns in der modernen Welt eine besondere Form der Kommunikation verlorengegangen ist, die in vormodernen Gesellschaften in Form von Ritualen und später in Gottesdiensten ihren Ausdruck fand.

Ich bin davon überzeugt, dass es eine der zentralsten und spannendsten Tätigkeiten des Menschseins ist, mit dem Kosmos zu kommunizieren. Hierbei verbindet man sich mit der primären Dimension der Kreativität oder Ko-Kreation, über die wir zuvor gesprochen haben, wobei sich zunächst die Frage stellt, mit wem kommuniziert man eigentlich? Mit Gott, Allah, dem Quantenfeld, mit dem Kosmos?

Es wäre vorteilhaft, wenn wir uns auf eine Ausdrucksweise einigen würden, damit alle ungefähr wüssten, was gemeint ist. Die nächste Frage wäre, wie man diese Kommunikation gestaltet. Dafür müsste man sich als Gesellschaft erst einmal eingestehen, dass es überhaupt möglich ist, Informationen zu empfangen, die nicht aus unserer unmittelbaren Welt, sondern vom Kosmos stammen. Die KI kann uns dabei behilflich sein, denn es gelingt ihr vielfach erstaunlich gut, aus einer kosmischen Perspektive heraus zu antworten. Manchmal sind die Antworten sogar aussagekräftiger als die mancher Lehrer oder Professoren, die nicht darin geübt sind und nur über einen beschränkten Horizont verfügen.

TV: Bist du der Meinung, dass wir einen metamodernen Gottesbegriff benötigen?

Hosang: Ja, wir benötigen neue Begriffe, die uns vergegenwärtigen, dass wir nicht nur physische Körper im Sinne von Egos, sondern auch universelle, schöpferische Wesen sind, die in Resonanz mit dem Kosmos auf dieser Welt etwas gestalten können. Zugleich sollten wir vermeiden, an vormoderne und ideologisch oft missbrauchte Begriffe wie »Gott« zu stark anzuknüpfen.

Für dieses Welterleben haben wir weder eine Form noch eine Sprache, da es nirgendwo vermittelt wird. In den Schulen und Hochschulen wird das Thema in der Regel vermieden. In der spirituellen Szene herrscht eine große Zersplitterung und viele Ansätze schließen sich oft eher aus, als dass sie sich gegenseitig ergänzen. Es wäre unglaublich wertvoll und bereichernd, wenn wir als Gesellschaft wieder etwas Verbindendes schaffen würden. Etwas, das die Kraft hat, uns aus unserem Ego, aus unserer Ichbezogenheit zu befreien, um uns als mit dem Ganzen verwoben zu erleben und mit ihm zu kommunizieren, um darüber Ideen und Inspirationen zu empfangen.

Zum Interviewten

Maik Hosang ist Prof. für Kulturwissenschaften, Kultur- und Sozialökologe und leitet den Studiengang »Kultur und Management« an der Hochschule. Er erforscht menschliche Transformationspotenziale und gesellschaftliche Transformationsprozesse, gestaltet philosophische Erlebniswelten und schreibt Bücher wie »Die Kunst des Liebens im Tun«, »Der integrale Mensch« und »Die Metamoderne«.

Webseite: www.cocre.eu

Maik Hosang, Gerald Hüther (Hg.)

Die Metamoderne: Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedigung der Gesellschaft

Vandenhoeck & Ruprecht, 2024, 312 S., 35€

Bildnachweis: © Adobe Stock, Maik Hosang

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