Werner Heussinger & Heike Görner – Digitalisierung & Künstliche Intelligenz

Chancen und Herausforderungen in einer sich rasant wandelnden Welt

Die fortschreitende Digitalisierung und das rasante Aufkommen der Künstlichen Intelligenz durchdringen zunehmend alle Lebensbereiche, wodurch die Zukunft gleichermaßen fantastisch und potenziell bedrohlich erscheint. Infolgedessen stellt sich die Frage, wie wir es schaffen können, uns angesichts dieser Entwicklungen unsere Menschlichkeit zu bewahren und unsere grundlegenden Bedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie zu erfüllen. Ein entscheidender erster Schritt in diese Richtung besteht darin, sich bewusst zu werden, dass es wichtiger denn je ist, unsere Freiheit und die Erforschung unseres Inneren zu kultivieren.

Noch vor ein paar Tausend Jahren war der Mensch als Jäger und Sammler mit Holzspeeren unterwegs. Heute verändern Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und der Digitalkapitalismus das Menschsein in Rekordzeit. Der französische Schriftsteller und Mitbegründer der Science-Fiction-Literatur Jules Verne brachte es bereits vor 150 Jahren auf den Punkt: »Alles, was ein Mensch sich vorstellen kann, werden andere Menschen verwirklichen.« Man kann es auch so ausdrücken: »Alles, was technisch möglich ist, erscheint uns sinnvoll und wir tun es, weil es technisch möglich ist.« Aber was wollen wir damit erreichen? Wo wollen wir als Gesellschaft hin und welche Werkzeuge helfen uns dabei und welche nicht? Diese Fragen werden viel zu selten gestellt. Die Zukunft ist fantastisch und bedrohlich zugleich. Wir sind zum Mond geflogen, wir haben den Code unserer Gene geknackt und wir haben mit dem Internet ein weltumspannendes Informationsnetz geschaffen, das jeden mit jedem und gleichzeitig mit allen zur Verfügung stehenden Informationen verbindet. Wie hat die Menschheit das alles und dazu noch in einer atemberaubenden Geschwindigkeit geschafft? Von Holzspeeren und der Entdeckung des Feuers bis hin zur Landung auf dem Mond ist beachtlich wenig Zeit vergangen. Je weiter der Weg führt, desto mehr wird er uns verändern und offenbaren, was in der Menschheit noch alles veranlagt ist. Offensichtlich ist es tief in uns verwurzelt, nicht auf der Stelle zu verharren.

Eine Herausforderung jagt die nächste. Die kommenden Jahre werden sicher eine Bewährungsprobe: Wie gehen wir mit all diesen Herausforderungen, die zugleich auch Chancen sind, um? Verlieren wir uns dabei selbst? Wie können wir Freiheit und Individualität bewahren? Es liegt an uns, dass daraus keine Zerreißprobe wird.

Die Unterwerfung unter Computer und Algorithmen

In der Gegenwart geht es nicht mehr primär um die Industrialisierung und den Ersatz des Menschen als Arbeitskraft durch die Maschine, sondern immer mehr um den vermeintlichen Ersatz des Individuums, des Denkens selbst durch Künstliche Intelligenz. Der Mensch wird natürlich nicht von Computern oder Algorithmen unterworfen, sondern er unterwirft sich ihnen freiwillig. Wir vertrauen immer mehr auf eine Technik, die wir als Einzelne immer weniger verstehen.

Irgendwie hat man dabei das Gefühl, dass sich der Mensch seiner Selbst schämt angesichts der Technik, die er für maßlos überlegen hält. Das kann im äußersten Fall sogar so weit gehen, dass dies den Wunsch begründet, selbst so perfekt wie eine Maschine zu sein. Ein neuer Glaube an Götter, die wir selbst erschaffen, scheint zu entstehen – so könnte man das etwas ketzerisch zum Ausdruck bringen. Wir sollten uns selbst ernst nehmen, aufrecht stehen und selbstbewusst Gestalter des Geschehens bleiben. Der Mensch mit seiner Willensfreiheit ist Mittelpunkt seines Seins und nicht eine ominöse Vorstellung von Technik.

»Mehr denn je ist es nötig, dass wir unser Innerstes erforschen.«

Von der Industriezivilisation mit Erdöl als Triebfeder – mit dem Auffinden der ersten ergiebigen Ölquelle im Jahre 1859 – bis hin zur Informationszivilisation mit der ersten funktionstüchtigen programmgesteuerten binären Rechenmaschine 1941 und dem Start des Internets als Arpanet 1969 war es nur ein kurzer Zeitsprung. Von der Entdeckung der Kernspaltung im Jahre 1938, die auf einem Labortisch stattfand, der eher einem Küchentisch glich, bis zur Zündung der ersten Atombombe lagen gerade einmal sieben Jahre. Den strukturellen Aufbau der DNA zu entschlüsseln und im Modell nachzubilden, gelang im Jahre 1953. Und 1969 setzte der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond. Bereits seit Jahren fahren Fahrzeuge auf dem Mars hin und her und erkunden ihn. Bemannte Marsflüge rücken in greifbare Nähe. Im Jahr 2008 ging die größte jemals von Menschen gebaute Maschine in Betrieb, der Large Hadron Collider am schweizerischen CERN. Die Raumsonde Voyager 1 verließ am 25. August 2012 als erstes menschengeschaffenes Objekt die Heliosphäre und sendet noch immer Messdaten zur Erde.

Und wie geht es weiter? Die Menschheit bereitet sich auf den nächsten Sprung vor. Mit der Digitalisierung erweitert sich der Wissensschatz täglich um ungeheure Mengen an Daten, Texten und Ideen. Es entsteht Stück für Stück eine digitale Weltkultur. Diese ist jedoch kein Ersatz für den eigentlichen Kulturbegriff und die eigentliche Identitätsbildung durch Kultur. Vielmehr bekommen wir einen stärkeren Zugriff auf das, was sich das »Kulturelle Gedächtnis« nennen lässt. Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Schon immer war die Wirtschaft im Wandel. Doch die echte tiefgreifende Revolution der Wirtschaft kam erst mit dem Öl auf: Produktion, Landwirtschaft, Handel, Transportindustrie, Bankenwesen, Finanzmärkte, Währungssysteme – alles veränderte sich. Früher sprach man beinahe ehrfürchtig vom »Schwarzen Gold« – gemeint war damit das Erdöl als Triebfeder für einen fundamentalen Strukturwandel in den Industrieländern. Dieser Strukturwandel war schnell, radikal und hat unser Leben dramatisch verändert. Und dieser Strukturwandel hält in gewisser Weise noch immer an – allerdings auf eine dramatisch negative Art und Weise.

Das »Schwarze Gold« löste eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte aus – alles, womit wir heute leben und arbeiten, steht auf irgendeine Weise mit Erdöl in Zusammenhang. Das Öl hat eine neue Weltordnung geschaffen, die bis heute anhält. Die exzessive Nutzung von Erdöl wird als einer der Hauptgründe für den Klimawandel angesehen, weil der damit verbundene Ausstoß von CO2 so wirkt, als würden pausenlos Vulkane ausbrechen und Rauchsäulen in die Atmosphäre aufsteigen lassen. Es ist scheinbar typisch für uns Menschen, dass wir Maß und Balance nur schwierig einhalten können.

Die Datenkrake

Die Massenproduktion im Industriekapitalismus auf Kosten der Natur gipfelt nun in der Ausbeutung persönlicher Daten, dem regelrechten Ausschlachten privater Daten und den daraus erwachsenden Bedrohungen für die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Man muss sich wirklich fragen, ob die Digitalisierung das Menschsein auf eine ganz neue Weise bedroht.

Unser persönlicher Datensatz, also das neue »Schwarze Gold«, welches Google, Facebook und Co. gar so emsig an allen Ecken und Enden aufsaugen, wird zur existenziellen Bedrohung unserer individuellen Einheit, unserer personalen Integrität und damit zur Gefahr für unser Ich, für den Kern unseres Menschseins. Wir haben mittlerweile einen zweiten Schatten, er ist digital. Er ist so messerscharf in der Darstellung unserer Persönlichkeit durch unser Nutzerverhalten, dass nicht selten inzwischen von einer digitalen Identität gesprochen wird. Die aktuelle industriell-digitale Revolution hat uns dabei selbst als Produkte entdeckt. Unsere digitale Identität ist als Massenprodukt geschaffen worden, von Google, Facebook, Amazon und Konsorten. Wir sind die Kunden; und die Produkte sind – wir selbst.

Der Kapitalismus hat sich verändert. Zunächst ging es um Profite aus dem Handel mit Produkten, dann aus Dienstleistungen, schließlich aus Spekulationen,L und jetzt geht es um Profite aus der Überwachung oder Analyse unserer persönlichen Daten. Heutzutage stehen wir vor abstrakten Gefahren. Im sogenannten Überwachungs- beziehungsweise Datenkapitalismus werden menschliche Erfahrungen zu Marktgütern gemacht. Das hört sich erst einmal harmlos an – das Gegenteil aber ist der Fall. Der Datenrohstoff daraus führt nämlich in gewisser Weise zur Kontrolle unserer Zukunft – Verhaltensdaten der Nutzer werden auf vorhersagekräftige Muster analysiert.

Dabei ist das Phänomen des Überwachungskapitalismus kein Selbstläufer, sondern hausgemacht. Die Nutzer haben sich dazu entschieden. Als im Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte, sahen sich nicht wenige Unternehmen und Investoren einem Scherbenhaufen gegenüber. Auch Google hatte damals zu kämpfen. Es ging um alles oder nichts. Die Idee war, mit Daten Geld zu machen, also Daten und Werbung irgendwie miteinander zu verknüpfen. Deshalb entschied sich Google dafür, den Nutzern ihr wertvollstes Etwas aus der Tasche zu ziehen: die persönlichen Daten. Die Verhaltensweisen der Nutzer werden analysiert und Muster werden erstellt, was wiederum wichtig für den Einsatz von personalisierter Werbung ist. Es geht darum, an jene Daten zu kommen, welche die Nutzer eigentlich nicht preisgeben möchten. Mit dem Börsengang von 2004 zeigte Google der Welt: Mit Daten verdient man das große Geld. Und: Persönlichkeitsrechte und Daten werden nicht mehr beste Freunde werden. Heute können wir das Internet gar nicht mehr anders nutzen, als dass wir dadurch mehr von uns preisgeben, als wir möchten. Die Gesetzgeber reagierten besonders in Europa zu spät, zu unkoordiniert und hilflos. Inzwischen sind wir gläsern, was nicht zuletzt durch den Siegeszug der Smartphones zu begründen ist, die beinahe schon ein Körperteil von uns geworden sind.

Die Schattenseiten des Informationszeitalters

Die gigantischen Kräfte der Künstlichen Intelligenz, des Datenkapitalismus und des Digitalismus müssen gezähmt werden. Sie müssen auf eine Art und Weise gezähmt werden, dass sie die menschliche Freiheit unterstützen und fördern. Ohne irgendeine Form der Zähmung wird am Ende alles, was digitalisiert werden kann, auch tatsächlich digitalisiert, alles, was registriert werden kann, wird gespeichert, alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert, und jede Technologie, die zum Zweck der Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann – was auch immer ihre ursprüngliche Bedeutung war –, wird zum Zweck der Überwachung und Kontrolle genutzt. Es geht schlussendlich um den Grundsatz, vom Individuum her auf das Kollektiv zu denken, und nicht umgekehrt. Insbesondere Individualrechte, Partikularrechte und – nicht zu vergessen – die Privatheit sind die Wiege der Demokratie, der Freiheit und der Zivilisation. Eine schrittweise Auflösung der Individualrechte, indem wir die Kontrolle über uns abgeben, weil es bequem ist, birgt die Gefahr des Verlusts von dem, was uns als Zivilisation ausmacht: freie und selbstbestimmte Menschen in kooperativer Verantwortung zu sein. Niemand konnte ahnen, was die Digitalisierung zur Folge haben würde, dass wir heute, knapp 70 Jahre später, mit unseren Smartphones und dem Internet geradezu verwachsen sind. Heutzutage ist es in vielen Regionen der Welt einfacher, an ein Smartphone zu kommen als an sauberes Trinkwasser.

Die unglaubliche Erhöhung der Rechen- und Leistungskapazität hat es der Digitalisierung ermöglicht, sich in jeden Aspekt unseres Lebens einzuschleichen. Es ist ein Merkmal dessen, was der digitale Fortschritt bedeutet: Einerseits werden für das Individuum unglaubliche Kräfte freigesetzt, die Leben und Arbeiten vollkommen verändern; gleichzeitig ist unsere Abhängigkeit von der Digitalisierung inzwischen so absolut, dass wir nur noch die wenigsten Tätigkeiten im Leben ohne diese Technik ausüben wollen oder können. Die Softwarelösungen der letzten zehn Jahre sind so weitreichend und umfangreich, dass es schlichtweg nicht mehr möglich ist, ihnen hinterherzukommen. Sie übertreffen an Leistungskraft bei Weitem das, was in den 70 Jahren zuvor zusammengenommen in diesem Bereich entwickelt worden ist. Natürlich wird uns die Künstliche Intelligenz Türen öffnen, die wir jetzt noch gar nicht sehen können. Die Menschheit wird ihr eigenes Potenzial vervielfachen. Der Mensch muss dabei aber stets selbstbestimmt und frei bleiben. Technologie muss als Gehilfin des Menschseins verstanden werden. Wir müssen Technologie so einsetzen, dass wir sie meistern, ohne uns vom Menschsein loszulösen.

Im »Informationszeitalter« laufen wir zudem Gefahr, von Informationen so gefesselt zu werden – »wir informieren uns zu Tode« –, dass sie, statt uns zu bereichern, Lebenszeit wegnehmen, wenn wir meinen, alles wissen zu müssen, was uns dargeboten wird. Es braucht einige Zeit, um sich von solchen Gewohnheiten zu lösen, die zu Zwängen geworden sind, und ferner zu erkennen, dass Informationen per se nicht dasselbe sind wie heilsames Wissen oder gar Weisheit. Heute suchen viele Menschen wieder dieses verlorene Verweilen, die Zeit der Muße, die zugunsten einer angeblichen »schöpferischen Unruhe« aufgegeben worden ist. Diese endet, wenn sie nicht weiß, was sie tun soll, im Aktionismus. Da das Getane nicht sinnvoll ist und nur dafür sorgt, in Bewegung zu bleiben, ist es lediglich ein Rennen, ein Davonrennen, ein Rasen.

Für ein menschlicheres Weltverständnis

Es sind viel weniger die Sachzwänge als wir selbst, die uns hetzen und uns zum Fortschritt zwingen. Fortschritt ist ein verkanntes und verräterisches Wort, denn hier wird nicht auf ein Ziel zugeschritten, sondern von etwas – wohl von der Mitte, die der Mensch im Grunde wieder sucht – »fort« geschritten. Die Ambivalenz dieses »Fortschritts« ist uns trotz aller hilfreichen Erfindungen langsam klar geworden. Aber die Ursachen, besser der Verlust jener Mitte, jenes Grundes, von dem wir uns dabei entfernen, sind noch lange nicht erkannt – und auch in der Tat schwer zu erkennen, wenn man sie zu Wort bringen will.

Unsere eigene Eingebundenheit in diese Welt dürfen wir nicht nur kognitiv verstehen, sondern wir müssen sie auch seelisch erfahrbar machen.

Sie liegen auch tief in der Wahrnehmung des technisch-naturwissenschaftlichen Denkens verborgen, das uns so viele Erfolge auf einer bestimmten Ebene gebracht hat, aber die Welt oft in einer Weise als vergegenständlicht, entseelt und entmenschlicht darstellt, dass sie als leer und öde erscheint. So erfahren wir die Welt nicht nur als gottlos, sondern als »tote Materie«, eine Summe von »Stoffen und Kräften«, die wir glauben durch Erkenntnis der Ursachenketten nach Belieben berechnen und manipulieren zu können, sodass sie uns außer Zahlen und Fakten »nichts mehr zu sagen« haben und die Dichter[1] , die sie einst besangen, vermeintlich im Unwirklichen herumfantasieren, welt- und realitätsfremd sind. Unsere eigene Eingebundenheit in diese Welt dürfen wir nicht nur kognitiv verstehen, sondern wir müssen sie auch seelisch erfahrbar machen. Wir sollten unseren eigenen Erfahrungen trauen dürfen und uns dabei in unserem Inneren berühren lassen können. Auf diese Weise stillen wir auch unsere menschlichen Grundbedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit.

Um dem Geheimnis des Lebens und der Schönheit auf die Spur zu kommen, ist es bei Weitem nicht ausreichend, die Welt ständig weiter ohne »Geistiges Band« in ihre Einzelteile zerlegen zu können. Es gilt, auch unser Denken, Fühlen und Handeln wieder miteinander zu verbinden und in Einklang miteinander zu bringen. Goethe äußerte sich zum Mysterium des Schönen einmal mit den Worten: »Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.«[2]

Der Preis für die großartigen Erfolge und all die Macht, die wir heute durch Technik und Naturwissenschaft haben, ist hoch, sehr hoch. Jedenfalls, solange nicht auch die Grenzen dieser Errungenschaften gesehen werden, sodass man sie wieder in ein menschlicheres, nicht nur kausales und funktionales Weltverständnis von der »großen Weltmaschine« einbetten kann. Wir sollten sie nicht leugnen oder »abschaffen« wollen, was letztlich auch gar nicht möglich ist – wir brauchen sie –, aber im Hegel’schen Sinne sollten wir sie »aufheben«, das heißt zugleich überwinden und bewahren.

Die Persönlichkeit als Konsumware

»An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.« So soll es Charlie Chaplin einmal formuliert haben. Unsere Überfluss- und Informationsgesellschaft bringt uns eine Vielzahl an Möglichkeiten mit, die in vielen von uns den Schein trügerischer Freiheit auslösen. Heute werden wir mit immer mehr Informationen, Nachrichten, Kommentaren und Kolumnen konfrontiert und sind dabei kaum noch in der Lage, Wichtiges von Unbedeutendem zu unterscheiden. Es ist nicht übertrieben, von einem digitalen und kognitiven Overflow zu sprechen. Angefangen hat es mit Zeitungen, Radio und Fernsehen, durch die sich Meldungen massenhaft verbreiten konnten.

Und im digitalen Informationszeitalter werden wir regelrecht überflutet mit widersprüchlichen Nachrichten, die uns oftmals den Mut rauben, eine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch offen zu vertreten. Leichter ist es natürlich, eine andere Meinung zu »liken« oder eben einfach nur stumm und »erschlagen« dazusitzen. Hinzu kommt noch das Dauerfeuer aus banalem Unsinn – online jede einzelne Sekunde. Alle wollen unsere Aufmerksamkeit wie auf einem billigen Jahrmarkt erheischen und das in einer Taktung, die uns krank zu machen scheint. Insbesondere Fake News und ihre inflationäre Verbreitung gefährden zunehmend auch unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität unserer Demokratie. Es ist dabei sicherlich auch nicht hilfreich, dass viele Menschen heutzutage allein vor ihren technischen Geräten wie Smartphone oder Laptop sitzen und in den Sozialen Medien eine vermeintlich optimierte Version ihrer Selbst kreieren – und sich dabei abgekapselt in digitalen Echokammern und Filterblasen »gemütlich« wie zu Hause fühlen – in einer zweifelhaften Ersatzheimat. Die Lösung für die Informationsflut wird erst recht die Digitalisierung sein, indem mit Künstlicher Intelligenz und Filtern noch stärker gearbeitet werden muss als bisher. Wer aber die Algorithmen und die Filter beherrscht, beherrscht letztendlich das Geschehen, da er in gewisser Weise das Denken steuert.

Es ist nicht übertrieben, von einem digitalen und kognitiven Overflow zu sprechen.

Wenn man die Geschichte der Wissenschaften näher betrachtet, dann waren zu Beginn viele Dinge erlaubt, die heute unter strengster Kontrolle stehen: So durften beispielsweise berühmte Wissenschaftler mit unerprobten Impfmethoden Menschen behandeln. Physiker konnten mit einer großen Menge von radioaktivem Radium in der Tasche spazieren gehen, und Chemiker durften auf ihrem Labortisch den Urankern spalten. All das ist heute schlicht und ergreifend undenkbar. Zumindest müsste man davon ausgehen. Eigentlich. Und doch: Auch in neuerer Zeit gibt es Fälle, in denen zum Beispiel Molekularbiologen in allgemein zugänglichen Fachzeitschriften im Detail (und in bester wissenschaftlicher Absicht) erläutern, wie man gefährliche Virenvarianten herstellen könnte, wobei die dazu nötigen Reagenzien im freien Handel bezogen werden können, oder junge Harvard-Studenten unter dem Namen »Facebook« ein weltumspannendes Ausspionierungssystem persönlicher Daten errichten, das alles in den Schatten stellt, was das Wahrheitsministerium in George Orwells dystopischem Roman 1984 jemals realisieren konnte.[3]

Die Sehnsucht nach der Einheit

Kein Wunder, wenn der Ruf nach staatlicher Kontrolle immer lauter wird. »Ich glaube, das Hauptproblem ist die Transparenz. Die Menschen erfahren im Nachhinein: ›Moment! Meine Daten sind an irgendjemanden verkauft worden, der was gemacht hat?‹ Und zweitens sagen viele: ›Diese großen Internet-Unternehmen machen einen Haufen Kohle. Die haben meine Daten. Die zahlen keine Steuern und die meinen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, weil sie an eine private Stiftung spenden.‹ Und das ist für die Menschen nicht mehr nachvollziehbar«,[4] sagt Alex Karp. Und er muss es wissen. Karp ist Co-Gründer von Palantir und CEO des Unternehmens, ursprünglich aus Palo Alto im Silicon Valley, »einem der geheimnisvollsten Unternehmen der Welt«, wie es das Manager Magazin ausdrückt. Palantir analysiert Daten für das FBI, die CIA und auch für deutsche Behörden sowie für Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Weiter sagt er: »Ich glaube, erst muss man sich stark machen dafür, dass der Primat des Staates reguliert, wem die Daten gehören! […] Die Menschen wissen nicht ganz genau, wie man mit Daten umgehen kann, weil es häufig so ist mit Daten, dass derjenige, der die Daten hat, viel mehr weiß über das, was du zu verbergen hast, als du selbst. […] Wenn alle wissen, wohin mein Auto fährt, da kann ich aus meiner Sicht kein normales Privatleben haben.«
Es gibt keinen Bereich des Lebens mehr, der nicht mit dem Internet verbunden ist. Es wird alles archiviert und nichts vergessen. Dadurch ist aber auch vielleicht nichts mehr wirklich von Wert. Die Digitalisierung der Persönlichkeit als Konsumware ist längst Realität geworden. Mehr denn je ist es nötig, dass wir unsere Freiheit (wieder) entdecken. Mehr denn je ist es nötig, dass wir unser Innerstes erforschen. Perspektivenwechsel fanden schon immer in der Menschheitsgeschichte statt, die Herausforderung heute ist allerdings, nicht eine Perspektive die vorherige ablösen zu lassen, sondern alle möglichen Perspektiven einnehmen zu können, um dann durch Zusammenschau die richtige Lösung zu erkennen. Die Menschen nahmen im Laufe der Zeit ihr Schicksal selbst in die Hand, indem sie mittels Vernunft, die jedem Menschen innewohnt, sich ihre eigene Existenz und die Welt erklären. Mit dem Schritt der Objektivierung und der rationalen Reflexion war zwar die Eigenverantwortung geboren, aber sie stellte auch eine Trennung von einer Ganzheit dar. Und seit dieser Trennung, die im Laufe der Jahrtausende immer größer wurde, entwickelte sich bei den Menschen die Sehnsucht nach Einheit. Dieser Vorgang allerdings trug zur Entwicklung des Bewusstseins bei. Karl Jaspers beschreibt ihn als geistigen Entwicklungsprozess, der den bewussten und reflektierten Menschen hervorbrachte, mit dem wir bis heute leben. Die rationale Welt- und Seinsdeutung ist dabei die philosophische Methode, denn dabei wird versucht, die Welt und ihre Ursache zu erklären. Die Mystik hingegen stellt einen überrationalen, deshalb geheimnisvollen Weg dar, die Ursache des Seins zu erfahren. »Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.« So hat es Albert Einstein ausgedrückt. Kann die Auflösung aller Perspektiven erfahren werden? Das Staunen beschreibt das Ergriffensein, das Zurücktreten vor etwas rational Ungreifbarem, es geht einher mit Affektivität, und in diesem Moment, wo scheinbar die Zeit stillsteht, findet Erfahrung statt. Das Staunen steht am Anfang jeglicher Erkenntnis.

Zu den Autoren

Werner H. Heussinger hat als Mitgründer und Vorstand einer börsennotierten Unternehmensgruppe, als Bestsellerautor und Lehrbeauftragter die Finanzmärkte aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Er ist Landesgroßredner der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Freimaurerorden / christliche Freimaurer seit 1770) und stv. Vorsitzender des Stiftungsrates der Suchthilfestiftung.

Heike Görner beschäftigte sich während längerer Auslandsaufenthalte in den USA, Kanada und China intensiv mit den kulturellen Eigenheiten bei der Wissensvermittlung. Als Lehrerin und Pädagogin hat Heike Görner am Aufbau und in der Schulleitung von Privatschulen mit alternativen pädagogischen Konzepten gestaltend mitgewirkt. Heike Görner publiziert als Sachbuchautorin schwerpunktmäßig zu den Themenfeldern Philosophie, Theologie und Mystik.

Cremer, Heussinger, Görner & Wilk

Revolution des Denkens

300 Seiten, geb.
Preis: 25 €

FBV, 2023

Endnoten

  1. Im Sinne von »Dichter und Denker« als eine stehende Wendung, die die Verbindung von Kunst und Wissenschaft in einer Person oder Gruppe bezeichnet.↩︎
  2. Goethe: Maximen und Reflexionen, 1823.↩︎
  3. Vgl. Christoph Cremer: Heidelberger Gespräche Gesellschaft, Humanismus-Tage im Hockenheimer Wasserturm, November 2020 (www.heidelberger-gespraeche.de).↩︎
  4. In: Dinner Berlin – Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner und OMR-Gründer Philipp Westermeyer im Gespräch bei einem Abendessen mit der ehemaligen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, Palantir-Gründer Alex Karp, Grünen-Politiker Cem Özdemir und anderen (https://omr.com/de/dinner-berlin-podcast/ vom 26.01.2019).↩︎

Bildnachweis: © Adobe Stock, Werner Heussinger, Heike Görner

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