Von Sinn und Sinnlichkeit der Arbeit
Seit es Menschen gibt, begleitet uns Arbeit. Die Bibel spricht von einer Verurteilung, nach der wir im Schweiße unseres Angesichts und unter Mühsal unser Brot essen sollen[1] , Karl Marx sah die Arbeit als »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur«[2] , der in großen Teilen jedoch entfremdet und pervertiert sei, und die neuesten KI-Entwicklungen versprechen uns ein Ende der bloßen Erwerbstätigkeit und eine immerwährende Freizeit, bei der wir uns nur noch überlegen müssen, wofür wir die viele Muße nutzen könnten. Arbeit kann offensichtlich vieles sein: Freude, lästige Störung, kapitalistische Knechtschaft, sinnstiftende Entfaltung oder auch abstumpfende Routine. Vielleicht ist sie eine Mischung aus all diesen Elementen – und ganz bestimmt kann sie auch viel mehr sein.
In irgendeiner Form arbeiten wir alle. Auch wenn wir in einer Welt der Fülle leben, wachsen uns die Trauben nicht in den Mund, und die Flüsse aus Milch und Honig scheinen auch seit langer Zeit versiegt zu sein. Schon die ersten unserer Vorfahren mussten entweder jagen oder sammeln – bei der Berufswahl stand man vor der entscheidenden Frage, ob man Brombeeren in einen Weidenkorb legen oder mit einem Feuerstein-Speer auf ein fünf Tonnen schweres Mammut losgehen wollte. Zumindest aber widerstand man mangels Kühlschranks und Scheunen der Versuchung, sich selbst einen Vorrat anzulegen, mehr als andere zu haben und dann zum richtigen Zeitpunkt Macht mittels Verteilung auszuüben. Der frühe Mensch sammelte, erlegte ein Tier und aß sich im besten Fall daran satt. Daher vermuten Historiker heute, dass die frühen Menschen im Schnitt vier Stunden am Tag diesen Tätigkeiten nachgingen und den Rest der Zeit mit Ausruhen, Spiel, den ersten Formen von Kunst und wahrscheinlich grenzenlosem Staunen über die Welt, in der sie lebten, verbrachten.
Die neolithische Revolution brachte später neben der Sesshaftigkeit vor allem gezüchtete Getreidesorten und Hülsenfrüchte hervor, wir erfanden den Pflug und die Sichel, folgten nicht mehr den Tierherden, sondern domestizierten sie gleich hinter dem Haus. Jetzt – bleiben wir beim Positiven! – konnten wir Vorräte für schlechte Zeiten anlegen und unsere Überschüsse mit anderen Dörfern tauschen. Arbeitsteilung verschaffte uns den Freiraum, die eigenen Talente zu entdecken, und ein paar kosmische Sekunden später entstanden die ersten Hochkulturen, mit ihnen die Geldwirtschaft und somit auch entsprechende Hierarchien von Habenden und Nicht-Habenden.
Darf’s ein bisschen mehr sein?
Wenn wir uns die Geschichte der Arbeit anschauen, fällt unser Blick wie bei nahezu jeder Rückschau auf die großen, auffälligen Aspekte – und es mag der Eindruck entstehen, dass es in dieser Geschichte hauptsächlich um das Abringen eines Lebensunterhaltes, die Verzweckung der Umwelt und nicht viel später schon um den Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung gehe. Die großen Entwicklungen und Umwälzungen fallen zuerst ins Auge, wobei die subtileren Strömungen und die Einzelpersonen, die keine »Geschichte geschrieben haben« oft vergessen werden.
Aber natürlich gab es schon immer Menschen, für die ihre Arbeit mehr war als der Erwerb der Ressourcen, die sie für ein menschenwürdiges Leben brauchten. Für viele, viele Menschen war das, was der libanesische Dichter Khalil Gibran in seinem Meisterwerk »Der Prophet« schrieb, eine innere Wahrheit: Für sie war ihre Arbeit sichtbar gemachte Liebe[4] , mit der sie ihr je einzigartiges Talent in die Welt brachten und großzügig teilten. Zum einen, um sich selbst und ihre Fähigkeiten immer weiter zu entfalten, und zum anderen, um schöpferisch an dieser Welt teilzuhaben und auf diese Weise ihren Dank für das Geschenk des Lebens auszudrücken sowie der menschlichen Gemeinschaft etwas zurückzugeben.
Es gab immer schon den Tischler, der ein besonderes Gefühl für das Holz besaß, der Maserung folgend echte Schönheit erschuf und sich daran erfreute, dass eine Familie allabendlich an einem Tisch zusammenkam, der seiner Hände Arbeit entsprungen war. Es gab immer schon den Bäcker, für den sein Brot eine Verbindung von Himmel und Erde bedeutete, von Getreidesamen, Sonne, Regen und geheimnisvollem Wachstum – ein Bäcker, dessen Brot auch die Seele nährte. Es gab immer schon die Gärtnerin mit dem grünen Daumen, unter deren liebevollem Blick die Pflanzen gediehen und ihre Heilkräfte für Mensch und Tier entfalteten; immer schon die Lehrerin, die nicht einfach Fakten zum Auswendiglernen präsentierte, sondern Kindern achtsam den Raum für die Entwicklung ihrer eigenen Weisheit öffnete.
»Für sie war ihre Arbeit sichtbar gemachte Liebe, mit der sie ihr je einzigartiges Talent in die Welt brachten und großzügig teilten.«
All diese Menschen gibt es auch heute noch. Engagierte, mutige und mitfühlende Zeitgenossen, die ihr Talent in den Dienst einer größeren Sache stellen und die ihre eigene zutiefst empfundene Menschlichkeit in ihre Arbeit einbringen: Rettungskräfte, denen das Wohl anderer so sehr am Herzen liegt, dass auch Beschimpfungen und Gewaltandrohungen sie nicht davon abhalten, zu helfen; Hundetrainerinnen, die Hunde wirklich lieben und daher eher die Menschen als die Tiere erziehen; Köche, die sorgsam ihre Zutaten wählen und kulinarische Sinfonien komponieren, um Freude im Gaumen und in den Herzen zu erzeugen; und ebenso die Kassiererin im Discounter um die Ecke, die für jeden Kunden ein freundliches Wort übrig hat, das auch schlechte Tage zu besseren macht.
Vielen Menschen – mehr als wir meinen – ist dieses größere Ganze ein Anliegen. Es ist eingepflanzt in das eigene Innere, manchmal bewusst und manchmal unbewusst, und jedes Tun ist Teilhabe an ihm, ist Mitgestaltung eines Aspektes dieser Welt, der den eigenen Fähigkeiten sowie Interessen entspricht. Unser kleines Projekt, das uns am Herzen liegt und dem wir vielleicht allzu oft gar nicht so viel zutrauen, ist ein Mosaiksteinchen in einem weit größeren Bild, dessen Buntheit und Vollständigkeit von unserem Beitrag abhängt.
Ganz deutlich und greifbar wird das, wenn wir uns Projekte der Menschheitsgeschichte vor Augen führen, die offenkundig auf etwas anderes als den Broterwerb abzielten. Den Arbeitern, die vor mindestens 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bis zu 200 Kilometer über Land transportierten, um ein Monument zu errichten, das wir heute Stonehenge nennen, ging es sicherlich nicht um die Erhöhung des Bruttosozialproduktes.
Auch die Steinmetze, die im Jahr 1248 mit dem Neubau des Kölner Doms begannen, dachten nicht nur an das Füllen ihrer eigenen Taschen, sondern waren an etwas Größerem beteiligt, das letztlich erst mehr als 600 Jahre später fertiggestellt werden sollte. Bereit zu sein, an etwas mitzuwirken, dessen Vollendung man sicher nicht mehr erleben wird, entspricht der Zuversicht und dem Grundvertrauen, das sich in dem Martin Luther zugeschriebenen Wort »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«[5] wiederfindet. Eine Einstellung, die sich gut als Fanal gegen den Zynismus und die Resignation unserer Zeit eignet.
Das große werk und seine Teile
Man könnte nun einwenden, dass solche Großprojekte einen starken Glauben als Antrieb hatten – ein Glaube, zu dem wir modernen Menschen nach der Aufklärung nicht mehr fähig sind. Doch Glaube muss nicht unbedingt der Glaube an einen Gott oder eine nicht näher bestimmbare höhere Macht sein. Es kann auch der Glaube an die Würde des Menschen sein, das Vertrauen in das grundlegende Gutsein der Welt, und ebenso die Zuversicht, dass sich das wahrhaft Menschliche letztlich behaupten wird. Aus dieser Überzeugung heraus geben wir etwas in die Welt hinein, sind Teil von etwas, das sowohl unseren Horizont als auch ganz gewiss unsere Lebenserwartung überschreitet.
Der amerikanische Theologe und Kulturhistoriker Thomas Berry spricht von einem weiteren großen Projekt, das sich ebenfalls in längeren Zeiträumen entfaltet und an dem wir alle miteinander beteiligt sind. Er nennt es »The Great Work« – das große Werk, und es umfasst Ökologie, soziales Engagement und zugleich eine tiefe Spiritualität:
»Das große Werk, das wir jetzt, da wir in ein neues Jahrtausend eintreten, vollbringen müssen, besteht im Übergang von einer Periode der Verwüstung der Erde durch den Menschen zu einem Zeitalter, in der die Menschen dem Planeten in einer für beide Seiten nützlichen Weise gegenwärtig sind.«[6]
»Überall ist die sichtbar gemachte Liebe wirksam und begleitet uns auf einem Weg in eine lebenswerte Zukunft.«
Auch hier geht es um kleine Mosaiksteinchen, die gemeinsam das ganze Bild ergeben. Wenn wir Bio-Gemüse in unserem Garten ziehen und dies auf dem Wochenmarkt anbieten, ist das genauso ein Baustein für das große Werk wie das Bauen von Brunnen in Afrika oder der journalistische Einsatz für Frauenrechte. Unsere Tätigkeit in der Suppenküche des Obdachlosenheims ist ebenfalls ein Baustein des großen Werks wie das Entwickeln effizienterer Solarpanels oder das Schmieren der Pausenbrote für unsere Kinder, auf dass diese in gesunder Weise genährt sind, damit sie das, was wichtig für sie ist, in der Schule aufnehmen können. In jedem Feld menschlicher Arbeit können wir diese Bausteine entdecken – sie finden sich in der Kunst, im Erziehungswesen, in der Landwirtschaft, in Wissenschaft und Forschung, in der Pflege und in zig anderen Berufen, von denen manche wohl erst noch erfunden werden müssen. Überall ist die sichtbar gemachte Liebe wirksam und begleitet uns auf einem Weg in eine lebenswerte Zukunft. Auch auf die Gefahr hin, dass es etwas religiös überhöht klingen mag, soll hier dennoch an die Worte des jüdischen Religionswissenschaftlers Martin Buber erinnert werden: »Pflegen wir heiligen Umgang mit der uns anvertrauten kleinen Welt, helfen wir in dem Bezirk der Schöpfung, mit der wir leben, der heiligen Seelensubstanz zur Vollendung zu gelangen.«[7]
Unter Umständen machen es uns solche Gedanken über die Einbindung unserer Arbeit in größere Zusammenhänge leichter, unsere eigenen Bemühungen stärker wertzuschätzen und ihren Sinn zu verinnerlichen, den wir möglicherweise nicht immer erkennen können oder der uns durch die einzig auf wirtschaftliches Wachstum gedrillte Gesellschaft abgesprochen wird.
Arbeit als gelebte Antwort
Sinn wird zumeist mehr erschaffen, als dass er einfach gefunden wird. Sinn liegt nicht irgendwo herum und wartet nur darauf, dass wir ihn aufheben, ihm den Staub abklopfen und fortan freudig Hand in Hand mit ihm über eine Blumenwiese hüpfen. Sinn muss häufig erarbeitet werden – und zwar mit lebendiger Tätigkeit, die nonverbal Fragen beantwortet, die unser eigenes Leben an uns richtet.
Auch die Erstellung eines Magazins wie der Tattva Viveka ist daher immer mit Fragen verbunden, die auf den Sinn abzielen: Welche Botschaft senden wir mit unserem Tun in die Welt? Was ist uns so wichtig, dass wir dafür bereit sind, unsere Arbeitskraft zu investieren? Ist dieser oder jener Artikel so bedeutsam, dass sich die Nutzung von Ressourcen wie Papier, also Holz und Wasser, dafür rechtfertigen lässt? Was ist das höhere Ziel, auf das wir unsere einzelnen Schritte ausrichten? Ist unsere Botschaft nur jetzt in diesem Augenblick wertvoll oder hat sie über die Gegenwart hinaus Bestand? Steht unser innerstes Sein in Einklang mit dem, was wir schreiben oder redigieren? Ergibt das alles nur für uns einen Sinn oder kann es auch für andere heilsam sein? Oder um es kurzzufassen: Ist unsere Arbeit hier sichtbar gemachte Liebe oder nicht?
Sinnliches und sinnvolles Tun
Gegen Ende dieses Artikels müssen wir uns nun noch einer wichtigen Sache zuwenden, ohne die alle Sinnstiftung und jede noch so idealistische Auffassung von Arbeit letztlich zum Scheitern verurteilt ist: der schlichten Freude an unserem Tun.
Oft erwächst diese aus dem sinnlichen Erleben. Wir berühren unseren Werkstoff – das Holz, den Teig, die Ölfarbe oder die Wolle. Unsere Hände streichen über das, mit dem wir gerne umgehen, und wir geben dem, was wir lieben, Form. Aus Dingen, die zu Beginn unseres Tuns zusammenhanglos erscheinen, wird ein neuer Kontext gebildet und etwas Neues entsteht, was es zuvor noch nicht gab. Das Gelingen dieses Vorgangs bringt eine tiefe Befriedigung mit sich, die mit zunehmendem Können weiterwächst. Wir erfreuen uns an dem, was wird, an dem Prozess des In-die-Welt-Kommens und an der Einzigartigkeit des Erschaffenen. Wir sind in gesunder Weise stolz auf das, was wir hervorbringen.
In gleicher Weise können wir Worte formen oder Noten zusammenfügen, wir genießen das sinnvolle Füllen einer leeren Seite oder das Spielen eines Instruments, das unter unseren Fingern zum Leben erwacht. Im Zusammenhang mit dem Schreiben oder dem Musikmachen kann sogar unser Schmerz in Freude umgewandelt werden. Wir kanalisieren negative Emotionen in einen positiven, kreativen Prozess, indem wir uns Dinge von der Seele schreiben, spielen oder singen, und initiieren auf diese Weise unsere eigene Katharsis. Das ist übrigens auch der Grund, warum eine KI – die weder Verlust noch Trauer kennt – niemals echte Kunst erzeugen, sondern immer nur eine raffinierte Imitation bleiben wird. Menschlichkeit kann in letzter Konsequenz nicht simuliert werden.
»Viel interessanter ist jedoch, welche Frage das Leben an mich stellt. Wo bin ich aufgerufen, eine Antwort zu geben?«
Natürlich kann auch die Freude derjenigen Menschen, welche die Nutznießer unserer Arbeit sind, wiederum uns selbst erfreuen. Wer, der nicht gerade ein völliger Soziopath ist, mag nicht für fröhliche oder gelöste Gesichter sorgen?
Freude kann uns in den Sinn hineintragen und hält uns dort auch, wenn unsere Bemühungen scheinbar vergeblich waren. Wir können unsere Arbeit kontrollieren, nicht aber ihr Ergebnis oder ihre Wirkung. Als allerletzter Punkt sei hier darum mit den Worten Laotses das Loslassen angesprochen: »Verrichte dein Werk, tritt dann zurück.«[8] Ein kurzer und guter Rat. Wir geben etwas in die Welt – und auf das Eigenleben, das dieses Etwas dann entwickelt, haben wir keinerlei Einfluss. Wir entlassen es aus unserem Bereich, nachdem wir unser Bestes gegeben haben, schauen ihm vielleicht noch eine Weile hinterher und wünschen ihm dann einen guten Weg, um uns der nächsten Sache zuzuwenden, die wir mit Freude, Sinn und Seele verbinden. Wir spitzen unseren Bleistift, rühren neuen Beton an, holen uns ein schönes Stück Holz aus der Scheune, heizen den Backofen vor, spannen eine neue Leinwand auf, denken Dinge, die wir noch nie gedacht haben, und machen weiter. Als Mitschöpfer einer Entfaltung voller Wunder.
Zum Autor
Dirk Grosser, geb. 1971 machte sich 2013 nach langjähriger Tätigkeit als Programmleiter in Verlagen als freier Autor und Seminarleiter selbstständig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu seinen Hauptthemen Mystik, Mythologie und Meditation, u. a. »Am Sonntag geht Gott angeln« und »Möge dein Weg gesegnet sein«. Seit Mitte 2025 Chefredakteur der Tattva Viveka, seit Beginn seines Lebens Hundefreund und Waldmensch.
Webseite: www.dirk-grosser.de
Endnoten
- Genesis 3,19 ↩︎
- Marx-Engels-Werke, Band 23, Karl Dietz Verlag, S. 57 ↩︎
- »Moderne Zeiten«, Drehbuch und Regie: Charlie Chaplin, Erscheinungsjahr 1936 ↩︎
- Vgl. Khalil Gibran: Sämtliche Werke, Patmos Verlag, S. 896 ↩︎
- Dies ist kein authentisches Luther-Zitat, sondern ein Satz, der erst im 19. Jahrhundert Luther in den Mund gelegt wurde und in schriftlicher Form in der Bekennenden Kirche auftaucht. ↩︎
- Thomas Berry: The Great Work, Bell Tower Publ., S. 3 ↩︎
- Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Gütersloher Verlagshaus, S. 57 ↩︎
- Laotse: Tao Te King, Vers 9 (in der Übersetzung von Stephen Mitchell) ↩︎
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