Prometheus als zweifelhafter Held der Silicon-Valley-Elite
Prometheus aus der griechischen Sage gilt eigentlich als Held, der von den Menschen bewundert wird. Hier nun erscheint er in einem anderen Licht, nämlich als Dieb von Wissen und Erkenntnis, das er der Pandora, der Großen Göttin geraubt hat – eine ungerechte kulturelle Aneignung und ein Missbrauch dieses Wissens für egomanische Zwecke.
Prometheus ist ein Held der griechischen Mythologie. Er wird in zahlreichen klassischen Dramen als selbstloser Wohltäter gefeiert, der den Göttern das Feuer stahl und der Menschheit so die Zivilisation brachte. Feuer ist hier nicht wörtlich zu nehmen, sondern steht symbolisch für Erkenntnis und Macht, für den göttlichen Funken. Da im Olymp des klassischen Griechenlands Zeus der Herrscher war, wurde selbstverständlich angenommen, dass Prometheus das Feuer von einem ungerechten tyrannischen Vatergott in heldenhafter Auflehnung und Emanzipation errungen hat. Das gelang ihm mit einer List, also mithilfe seines Verstandes und strategischen Denkens.
Dieses Heldennarrativ ist bis heute wirksam, die führenden Köpfe der Digitalisierung im Silicon Valley beziehen sich auf ihn, wenn sie Flow-States zur Leistungssteigerung instrumentalisieren. Das Buch »Stealing Fire. How Silicon Valley, the Navy SEALs, and Maverick Scientists Are Revolutionizing the Way We Live and Work« berichtet davon.
Es werden bewusst psychoaktive Drogen zur Selbstoptimierung eingesetzt. Leider werden diese Mittel allzu oft lediglich als Tool für egomane Zwecke benutzt, viele Silicon-Valley-Neohippie-CEOs scheinen von Transhumanismus und digitaler Weltherrschaft zu träumen. Der Untertitel des erwähnten Bestsellers sollte aufhorchen lassen: Wird das göttliche Feuer für militärische Zwecke missbraucht?!? Was für ein Bullshit, ist die Menschheit noch zu retten?
Prometheus, dieser gefesselte Pseudo-Titan mit der zerfressenen Leber – dem Drogenproblem –, ist ein elender Dieb und alles andere als die Art Held*innen, die wir heute so dringend zur Rettung von Mutter Erde brauchen!
Elon Musk, einer der Protagonisten dieses neuen Prometheus-Kultes, hat die kommerzielle Raumfahrt zu seinem Megageschäftsmodell auserkoren. Ich kann nur noch fassungslos mit dem Kopf schütteln, wenn Milliarden verschleudert werden bei Versuchen, Raketen heil wieder landen zu lassen, und es als Erfolg bejubelt wird, wenn es eine mal bis fast auf den Boden zurückgeschafft hat, bevor sie explodiert.
Patriarchatskritische Kulturgeschichte
Wie komme ich dazu?
Nun, dazu habe ich den verfemten Bruder des Prometheus, den Epimetheus – nicht den Vorausdenkenden, den Vordenker, den Fortschrittsfanatiker, sondern den besonnenen Nachdenker – konsultiert. Ich müsste weit ausholen und einen Abriss der Kulturgeschichte aus patriarchatskritischer Sicht liefern, der die Erkenntnisse der Matriarchatsforschung einschließt. Das habe ich bereits oft getan und bin es langsam leid, weil ich den Eindruck habe, Frauen wird nicht zugehört.
»Unbequeme Frauen werden mit Ignoranz und Missachtung gestraft, ihre Inspirationen werden abgeschöpft.«
Das gehört auch zum Stealing-Fire-Programm: Unbequeme Frauen werden von Männern mit Ignoranz und Missachtung gestraft, ihre Inspirationen werden abgeschöpft – so macht das der männliche Möchtegern-Schöpfergott nur allzu oft mit dem Schöpfen – es wird sich mit fremden Federn geschmückt, und die Lorbeeren dafür werden selbst eingeheimst. Es handelt sich um die seit Jahrtausenden praktizierte und überlieferte Methode der Patrix: die geistige und emotionale Enteignung von Frauen. Wir leben in einer Missbrauchsgesellschaft. Aber ich gebe nicht auf, mich um Aufklärung dieser kollektiven un- oder halbbewussten Mechanismen zu bemühen – es geht um zu viel. Meine kulturpsychologischen Veröffentlichungen verlinke ich im Anschluss dieses Essays, sie enthalten auch weiterführende Bibliografien.
Hier nur so viel: Wo die Schöpfergöttin geehrt wird, werden psychoaktive Pflanzen und Pilze als heilig verehrt und in religiösen Zeremonien zur Bewusstseinserweiterung und zur Heilung der Gemeinschaft eingesetzt. Sie dienen dem Gemeinwohl und werden niemals zur Erreichung egoistischer Ziele eingesetzt. Das ist Missbrauch und Schändung von Pandora.
Seit unverbundene Männer sich zu alleinigen Schöpfergöttern erklärt haben, seit sie es ablehnen, der Heros der Großen Göttin zu sein, deren Liebe sie sich als würdig erweisen müssen, um durch sie zum Ursprung in heiliger sexueller Vereinigung rückverbunden zu werden, und glauben, Frauen ein für alle Mal als Besitz beanspruchen zu dürfen, ist die Menschheit in einem Teufelskreis von Trauma und Gewalt gefangen. Seitdem läuft alles schief …
Toxischer Heldenmythos
Das Mysterium tremendum et fascinans, das zugleich Erschreckende und Anziehende des Göttlichen, früher der Großen Göttin, die sowohl die heilige Schöpferin, die Erhalterin, als auch die Zerstörerin war und immer sein wird, ist im patriarchalen Paradigma in egomane männliche Faszination von sich selbst mutiert, die nur allzu oft in rücksichtsloser Gewalttätigkeit gipfelt. Wenn Männer, die nicht verbunden sind, mit dem Feuer spielen, kommt Ausbeutung dabei heraus – und Missbrauch von Frauen, Kindern und der Natur. Und allzu oft auch Krieg.
»Wenn Männer, die nicht verbunden sind, mit dem Feuer spielen, kommt Ausbeutung dabei heraus – und Missbrauch von Frauen, Kindern und der Natur. Und allzu oft auch Krieg.«
Bis heute prägt der toxische Heldenmythos vom reinen Guten, der gegen das Böse im Außen kämpft, unsere Kultur. Das Fatale daran ist, dass in diesem simplifizierenden und verführerischen, weil das Individuum entlastenden Dualismus von Gut und Böse eine Schattenprojektion stattfindet, die zu Sündenbock- und Feindbildkonstruktionen und in der Folge zu Gewalt, Mord und Krieg führt.
»Echte Archetypen kommen aus der Tiefe der Seele.«
Dieser toxische Held ist allgegenwärtig in der Popkultur, aber auch in der Hochkultur und Kunst, und wird zu Unrecht als Archetyp bezeichnet. Echte Archetypen kommen aus der Tiefe der Seele, aus unseren frühesten vorgeburtlichen, geburtlichen und nachgeburtlichen Erfahrungen, während diese Bilder kulturelle Konditionierungen des kindlichen Egos darstellen. Dabei setzt sich der toxische patriarchale Heros, der reine Gute, der gegen das Böse kämpft, auf den echten Archetyp des Heros, der ein Urbild des vorgeburtlichen Kindes ist, das geboren wird. Die Heldenreise mit ihren Stationen, mit ihrem Motiv des Stirb-und-Werde wurde pränatalpsychologisch vielfach als Analogie zum Geburtsprozess analysiert. Geburt ist die Matrix für Transformation, für die Heldenreise, die Mut und Opferbereitschaft erfordert. Leider wird die Heldenreise in der Popkultur meist simplifiziert dargestellt mit einem Protagonisten, der gut ist und die Welt vor dem Bösen rettet. Diese schlechte und unrealistische Story wird unseren Kindern in Bildern und Geschichten, in Filmen, Videogames und durch Spielzeuge eingeimpft. Sie ist sogar gefährlich, toxisch, da sie ein realistisches Selbstbild vereitelt, Schattenprojektion begünstigt und Feindbildkonstruktionen befördert. Besonders kleine Jungen sind von diesen Superhelden fatalerweise sehr fasziniert, es wirkt wie eine Gehirnwäsche.
Stirb-und-Werde
Es gibt einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen der Zerstörung von weiblicher Seite und der von männlicher: Die Göttin fordert vom Heros den Ego-Tod. Es geht um das Stirb-und-Werde als Urbild der Transformation – ja des Lebens an sich. Der Tod ist integraler notwendiger Bestandteil des Lebens. Diese Transformations-Matrix in unserer Psyche ist unser inhärentes Lebensprinzip, von dem wir als Lebewesen eine implizite Kenntnis haben und das stark durch unsere Geburt geprägt wurde. Je traumatischer die Geburtserfahrung des Individuums ist, desto größer ist die innere Abwehr aus Angst vor der heilsamen inneren Stirb-und-werde-Reise, die zur psychischen Reifung und Persönlichkeitsentwicklung gehört. Deshalb verharren in unserer Zivilisation so viele auf einer psychisch sehr unreifen, egozentrischen Entwicklungsstufe. Die Weisheit von Frauen wird nicht geachtet, sondern abgelehnt, Männer und auch Frauen können und wollen sich nicht auf die Transformation, die echte Nähe und Beziehung bedeuten, einlassen.
»Die Göttin fordert vom Heros den Ego-Tod. Es geht um das Stirb-und-Werde als Urbild der Transformation – ja des Lebens an sich.«
In vorpatriarchalen schamanischen Kulturen sind geburtsregressive Initiations- und Heilungszeremonien zentraler Bestandteil des kulturellen Lebens. Alle hochkulturellen Künste haben sich aus zeremoniellen Praktiken entwickelt: die Musik, der Tanz, die bildenden Künste, das Theater, die Dichtung, das Erzählen. Sie dienten der Gemeinschaft, der Heilung und der Entwicklung aller Individuen darin. Im Patriarchat sind die schamanischen Praktiken und Traditionen unterdrückt und mit Gewalt nahezu ausgerottet worden – oder man hat sie sich für die eigenen Zwecke angeeignet und missbraucht. Bis heute sind wir von schlechten kulturellen Machwerken gebrainwashed. Es ist wie schwarze Magie. Und es ist keine ominöse böse Elite, die das verzapft. Das steht im Zentrum unserer Kultur, das hat ein Eigenleben, das sind die Traditionen, die unreflektiert reproduziert werden, das ist unsere Unterhaltungsindustrie, Star Wars, Ballerspiele und Co. Dabei kommen sich die Macher auch noch so fortschrittlich und innovativ vor! Aber sie bewegen sich im Gefängnis eines jahrtausendealten Teufelskreises. Es ist unverbundene Männlichkeit, die sich in einem Machtrausch ergeht – Stealing Fire eben.
»Es ist unverbundene Männlichkeit, die sich in einem Machtrausch ergeht – Stealing Fire eben.«
Das ist lebensfeindlich und destruktiv. Die spirituelle Weisheit und Kraft von Frauen, ihre Genialität, ihre Inspirationen, ihre Leidenschaft und Liebesfähigkeit werden gewohnheitsmäßig von Männern ausgebeutet. Sie werden als Musen und Freundinnen in Warteschleifen gehalten … Man(n) lässt sich gerne inspirieren, das Buch aus diesen Kontakten schreibt man aber selbstverständlich allein. Oder die wissenschaftliche Arbeit, für die man den Nobelpreis erhält, wie im Fall von Albert Einstein, der seine erste Frau Mileva Marić derartig ausgebeutet hat. Er hat die Relativitätstheorie mit ihr gemeinsam in einem Liebesrausch entwickelt. Obwohl er die Anerkennung, die Lorbeeren des Weltruhms allein eingeheimst hat und Mileva vollständig in die Mutterrolle gedrängt wurde, worüber sie verbitterte, hat Albert ihr immerhin das Preisgeld des Nobelpreises überwiesen, womit sie nach der Scheidung die Unterkunft des gemeinsamen, an Schizophrenie erkrankten Sohnes finanzieren konnte.
Der toxische Held ist ein schleichendes Gift, das die Psychostruktur lebenslang prägt – so lange, bis man sich auf den Weg macht, die Ketten dieser Prägungen durch Selbstreflexion und Einüben anderer Denk- und Handlungsweisen zu sprengen.
Das ist die Heldenreise, die die Welt nun wirklich braucht, um gerettet zu werden. Es gilt zu verhindern, dass wir angesichts von Ökozid und Klimakatastrophe in verzweifelte Verteilungskämpfe einer völlig demoralisierten Menschheit verfallen, die sich selbst dezimiert, um das ewig gleiche Spiel von vorn beginnen zu können …
Wahre Genialität ist nichts, was eine Person an sich auszeichnet, sondern sie ist immer ein kommunikativer Prozess, Co-Kreativität, Liebe. Genialität ist ein anderes Wort für Liebe.
Wir werden alle genial, wenn wir zu Getreuen der Liebe werden!
Zur Autorin
Johanna Schacht, Studium der Diplom-Heilpädagogik mit Schwerpunkt Kunsttherapie an der Universität zu Köln. Thema der Diplomarbeit: »Der Garten – gestaltete Paradieserinnerung. Kunsttherapeutische Potenziale eines archetypischen Topos« (2005), freiberufliche Tätigkeit, kunst- und naturpädagogische Projekte, Inklusionslehrkraft an einer Privatschule. Seit 2010 Vorstandsmitglied der International Society of Pre- and Perinatal Psychology and Medicine (ISPPM), Veröffentlichungen zum freien Download: independent.academia.edu/JohannaSchacht
Weiterführende Literatur:
Zu Mileva Marić: Schacht, Johanna (2016): Bindung und Geburt im transgenerationalen Kontext. Mattes Verlage Heidelberg.
Schacht, Johanna (2019): Die pränatalpsychologischen und matriarchatsgeschichtlichen Dimensionen des Geldes. In: Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 20. Mattes.
Schacht, Johanna (2017): Otto Gross und die Erbsünde in der Psychoanalyse. In: Bindung und Geburt im transgenerationalen Kontext. Mattes.
Schacht, Johanna (2015): Von der Schöpfungsmacht der Muttergöttinnen zu fötalen omnipotenten Göttern: Entwicklungsgeschichte früher Hochkulturen in Mesopotamien. In: Schwangerschaft und Geburt prägen das Leben, Mattes.
Schacht, Johanna (Hg.) (2012): Europa heißt Die Weitblickende. Kindle.
Schacht, Johanna (2012): Wurzeln der Menschheit. Die Wiederentdeckung der mütterlichen Kulturstufe. In: Wurzeln des Lebens. Die pränatale Psychologie im Kontext von Wissenschaft, Heilkunde, Geburtshilfe und Seelsorge. Mattes.
Schacht, Johanna (2012): Die Schlange. Zentraler Archetyp im schamanisch-matriarchalen Weltbild
Connection Schamanismus Nr. 10.
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