Dr. Sylvester Walch

Dr. Sylvester Walch – Die transpersonale Dimension des Sterbens 

Selbst, Ich und Ego (Teil 2)

Dr. Sylvester Walch schildert uns, wie Meditation sein Leben verbesserte und wie genau unser Ego uns beeinträchtigt und beeinflusst. Um wirklich erkennen zu können, wer wir sind, müssen wir nach innen schauen und zur Stille zurückkehren. Dabei kommen wir zu mehr Klarheit, Wahrnehmungssensibilität und Verbundenheit mit uns selbst und der Welt.

Erlauben Sie mir, eine persönliche Geschichte zu erzählen: Als ich vor einigen Jahren von einem Seminar nach Hause fuhr, überkam mich eine große Müdigkeit und innere Unruhe. In den zurückliegenden Monaten hatte ich viele Seminar- und Vortragsreisen hinter mich gebracht. Plötzlich merkte ich, wie ich mir in dieser Zeit selber fremd geworden bin. Blockiert, ausgelaugt und überlastet, ohne Zugang zu meiner inneren Quelle. Ich fühlte mich in meiner Haut nicht mehr wohl, hatte keine Lust mehr zu denken und sehnte mich nach einem ganz einfachen Leben. Ein Schatten legte sich über mein Gemüt. Ich verlor das Vertrauen in meine Ressourcen und fragte mich: Wie viel Kraft habe ich noch? Wie lange werde ich noch leben? Auch hatte ich keine Energie mehr, meine spirituelle Übungsdisziplin aufrechtzuerhalten. 

Es erfasste mich eine große Sehnsucht, mich wieder auf das wirklich Wesentliche zu besinnen. So entschloss ich mich, ein Meditationsretreat zu besuchen. Dort war alles für den »Weg nach innen« vorbereitet. Doch was passierte? Als ich am Abend ankam, hatte ich heftige Zahnschmerzen, blieb im Zimmer und konnte die Abendveranstaltung nicht besuchen. Mir war elend zumute. Ich schlief frühzeitig ein, die Zahnschmerzen verschwanden allmählich und ich fühlte mich am Morgen überraschend gut. Mit mir war etwas passiert. Ich ging in den Meditationsraum, setzte mich nieder und lauschte einem Mantra. Dabei folgte ich meinem Atem und ließ ihn freier und tiefer werden. 

»Einfach innehalten, etwas tiefer atmen und die Öffnung nach innen geschehen lassen.«

Die Gedanken wurden stiller und meine inneren Räume weiteten sich. Ich fühlte mich von etwas Größerem getragen, frei von Belastungen und liebevoll mit der Welt verbunden. 

Es war ein mühevoller Weg, aber nur ein ganz kleiner Schritt: einfach innehalten, etwas tiefer atmen und die Öffnung nach innen geschehen lassen. 

Halte inne und höre, was aus der Stille deines Wesens kommt, das ist die Botschaft vieler spiritueller Lehrer, denn der Mensch kann trotz der fundamentalen Erfahrung seines »Geworfenseins«, trotz der unberechenbaren Wirren des Schicksals stets auf etwas vertrauen, das ihn trägt: sein Innerstes! 

Es gibt einen Begriff, der sowohl in der Psychologie als auch in der spirituellen Literatur für dieses Zentrum steht: das Selbst. Es ist sehr persönlich und gleichzeitig hebt es uns über den begrenzten Horizont der individuellen Strukturen hinaus. 

Nach allgemeiner Überzeugung unterschiedlicher psychologischer Richtungen steht das Selbst einerseits für den Gesamtumfang der Person, also alles, was ich als zu mir gehörig wahrnehme, und andererseits für den wesenhaften Kern, also das, was den Menschen im Innersten zusammenhält. 

»Die klinische Psychotherapie weiß, dass schwere psychische Störungen oft auf ein verletztes personales Selbst zurückgehen.«

Es gibt dem Individuum, durch seine beständigen Integrationsleistungen, die Sicherheit, bei allen Veränderungen, die es erfährt, gestern, heute, morgen das Gleiche zu sein, also eine unveränderte Subjektivität zu verkörpern. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn durch sichere Bindungserfahrungen in der Kindheit gute und stabile innere Strukturen aufgebaut wurden. Die klinische Psychotherapie weiß, dass schwere psychische Störungen oft auf ein verletztes personales Selbst zurückgehen. Wer etwa von seinen Eltern ständig abgewertet wurde, wird vielleicht mit tiefen Ängsten konfrontiert, wenn er Entscheidungen trifft oder seinen eigenen Weg gehen will. Durch frühe Erfahrungen von Gewalt, basale Defizite von Geborgenheit oder chronische Konflikte in der Familie zieht sich das entstehende Selbst zusammen und erzeugt eine vor der bedrohlichen Welt schützende Fassade, eine Scheinpersönlichkeit, hinter die es sich zurückziehen kann. Der innere Boden wird dabei als brüchig und instabil empfunden, sodass man auch in sich selbst keinen Halt finden kann. 

Davon betroffene Menschen erfahren sich als vom Leben abgeschnitten, innerlich leer und doch von ständiger Sorge und Angst umgetrieben. Deshalb ist die Fähigkeit, Liebe zu erfahren und zu vermitteln, verkümmert, was den Zustand weiter verschlimmert. 

Die Heilung eines in seinen Grundfesten erschütterten Menschen vollzieht sich, wie wir wissen, nur in kleinen Schritten. Ziel ist das gesunde Selbst. Es sorgt, wie es Karen Horney (1975, S. 176) schön beschreibt, »… für das pulsende innere Leben; … es ist jener Teil in uns, der sich ausdehnen, wachsen und selbst erfüllen will …«

Erst das von pathologischen Belastungen befreite Selbst vermag, jene Kräfte zu mobilisieren, die die persönliche Entwicklung vorantreiben und zur kreativen Auseinandersetzung mit den Lebensumständen befähigen. Es macht sich im Alltag als wegweisende innere Stimme, als Bauchgefühl bemerkbar. Auch befördert es jenes stabile Selbstvertrauen, das das Zutrauen zu anderen Menschen und damit die Verankerung im wirklichen Leben erst ermöglicht. 

Mit dieser Öffnung zur Mitwelt erweitert und vertieft sich auch der Raum der inneren Erfahrung. So werden wir auch durchlässiger für das größere Ganze oder das »Mehr« in uns, wie es Dorothee Sölle bezeichnet. 

Nicht zuletzt eröffnen sich dadurch auch Zugänge zu Ressourcen und Wirklichkeitsbereichen, die den begrenzten Rahmen der individuellen Persönlichkeit weit übersteigen. 

Gerade deshalb versuchen spirituelle Traditionen, wie auch die transpersonale Psychologie, das Selbst noch in einem größeren Zusammenhang zu verstehen. Es ist für sie also nicht, wie die klassische Psychologie nahelegt, allein auf die Persönlichkeit bezogen, sondern auch mit dem Seinsganzen verbunden und zum Überpersönlichen hin offen, zum Überbewussten, wie es der bekannte Psychopathologe Scharfetter definiert. Leibniz spricht von einem »Funken des Kosmos«, der uns innewohnt. 

»Im Wesenskern des Menschen wirkt also eine Kraft, die weit über die Person hinausgeht.«

Im Wesenskern des Menschen wirkt also eine Kraft, die weit über die Person hinausgeht. Sie stellt die Beziehung zu einer kosmischen Dynamik her, die nach C. G. Jung auch als »Gott in uns« (C. G. Jung, 1971, S. 134f) bezeichnet werden kann: »Dieses Etwas ist uns fremd und doch so nah, ganz uns selber und uns doch unerkennbar, ein virtueller Mittelpunkt von … geheimnisvoller Konstitution … Ich habe diesen Mittelpunkt als das Selbst bezeichnet … (Es) könnte ebenso wohl als ›Gott in uns‹ bezeichnet werden. Die Anfänge unseres ganzen seelischen Lebens scheinen unentwirrbar aus diesem Punkt zu entspringen, und alle höchsten und letzten Ziele scheinen auf ihn hinzulaufen.«

In uns selber können wir diese Ursprungsquelle unserer Identität entdecken, ohne sie jedoch mit unseren herkömmlichen Begriffen und Konzepten zureichend erfassen zu können. Erfahrbar ist sie jedoch an den Erscheinungsweisen ihrer unmittelbaren Präsenz, sei es als Erleben eines inneren Lichts, als Gewahrsein einer umfassenden Verbundenheit, als überströmende Gnadenfülle oder als eine Art vibrierender Energie, die den Menschen in außergewöhnlichen Augenblicken durchrieselt und strahlen lässt. 

Für den Benediktinermönch und spirituellen Lehrer David Steindl-Rast ist das Selbst ein unerschöpflicher Wesensgrund, der in jedem von uns und in allem existiert. Er sieht in dieser kulturübergreifenden religiösen Grunderfahrung die Wurzel jeglicher spirituellen Praxis. Den Zugang zu ihr bringt Meister Eckhart in unnachahmlicher Kürze auf den Punkt: »Ich will sitzen und will schweigen und will hören, was Gott in mir rede.« 

Diese stille Meditation ist die einfachste und von vielen Millionen Menschen praktizierte Übung. Und die nach Kulturtraditionen je unterschiedlichen spirituellen Wege sind sich in folgendem Punkt einig: Wenn wir erkennen wollen, wer wir wirklich sind, müssen wir beginnen, unsere Gedankenwelt ruhiger werden zu lassen, um tiefer nach innen spüren zu können. 

»Meditation führt generell zu mehr Wahrnehmungssensibilität, Klarheit und Verbundenheit.«

Das ist aber nur möglich, wenn wir das, was sich in uns zeigt, nicht ergreifen oder dem weiter nachgehen, sondern einfach nur geschehen lassen. 

Wer zu meditieren beginnt, wird freilich in der Anfangszeit auf größere Schwierigkeiten stoßen. Das frei schwebende Hineinhören in die Stille kann durch die Zerstreutheit des Bewusstseins zu erhöhten körperlichen Spannungen wie zu einem verstärkten Gedankenfluss führen. Gerade dann, wenn wir ruhig werden wollen, wird es zunächst lauter. Das ist normal, denn wenn wir innehalten, beginnen wir erst zu hören, wie viele Geräusche in uns sind. Es ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass die Sinne wach werden. Meditation führt generell zu mehr Wahrnehmungssensibilität, Klarheit und Verbundenheit. 

Wenn man nun die inneren Abläufe weder kommentiert noch bewertet, sie also einfach nur sein lässt, kann sich der Geist sammeln und tief in das Innerste seines Wesens versenken. Es kommt zunächst also darauf an, das, was uns 24 Stunden am Tag beschäftigt, loszulassen. Was gar nicht so einfach ist, denn wer bin ich dann eigentlich noch, wenn ich all das, dem ich sonst Bedeutung beimesse, beiseitelasse. Eine scheinbar bedrohliche Leere tut sich auf. 

Doch durch das Zurücktreten des identifizierenden Bewusstseins und seine ausschließliche Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick bemerken wir sehr bald, wie Sorgen, Pläne oder Frustrationen, die uns sonst intensiv beschäftigen, in den Hintergrund rücken. Somit entsteht in uns ein Ort der Stille, der frei ist von alltäglichen Konflikten, Bewertungen und Erwartungen. Unser Bewusstsein wird dadurch weiter und offener für das Hintergründige und Umgreifende.

Dr. Sylvester Walch

Der persische Mystiker Rumi fasst es in folgende Worte: »Hinter den Gedanken liegt ein Feld. Möchtest du mich dort treffen?« Er verweist auf das vom Vorstellen und Denken unberührte Sein, das sich nur durch Gewährenlassen entbirgt. 

Toshihiko Izutsu (1984, S. 32), ein Philosoph und Kenner des Zen Buddhismus, sieht dies als eine von begrenzenden Wahrnehmungsrastern befreite Realitätserfahrung, in der »… alle Dinge … vollständig frei sind. Sie sind füreinander offen, unendlich durchscheinend …«

In diesem Zustand erleben wir vielleicht auch, dass sich die Mannigfaltigkeit unserer Existenz zu einem Rhythmus, zu einer Schwingung und zu einem Gleichklang fügt. Alles darf so sein, wie es ist, und wir fühlen uns vollkommen in der Ordnung, eingebettet in das Ganze, tief verbunden mit dem Leben und der Mitwelt. 

Um im unmittelbaren Gewahrsein alles so erscheinen zu lassen, wie es ist, und die endlichen Dinge aus einer transzendenten Perspektive in ihrer Transparenz und Verbundenheit wahrnehmen zu können, müssen wir offener und durchlässiger werden. 

Das ist jedoch eine Zumutung für das Ego, das gern vom Zentrum des Bewusstseins aus das Leben bewertet, kontrolliert und beherrscht. Um nicht an Einfluss zu verlieren, muss es eine Front gegen Erfahrungen aufbauen, die es infrage stellen könnten. Daher geht es auch in den meisten spirituellen Richtungen stets um das Zurückdrängen und letztlich um die Befreiung vom Ego. 

Da ich in meinen Veröffentlichungen detailliert Phänomenologie und Struktur des Egos, insbesondere in seinen Unterschieden und Ähnlichkeiten zum psychologischen Ichbegriff, herausgearbeitet habe, beschränke ich mich hier auf die wichtigsten Aspekte.

Umgangssprachlich würden wir einem Menschen ein starkes Ich dann zuschreiben, wenn er weiß, was er will, sich seine Meinung zu sagen traut und tatkräftig für seine Ziele eintritt. Auch Toleranz und Dialogfähigkeit sind Ausdruck eines eigenständigen Ich. Das starke Ich wird jedoch zum Ego, wenn es seine Ziele gegen die berechtigten Ansprüche anderer durchsetzt, die Grenzen nicht respektiert, kontrolliert und manipuliert, um für sich selber das Beste herauszuholen. Es sind also vor allem jene Gedanken, Gefühle und Handlungen, die in Beziehungen eine unangenehme Atmosphäre hervorrufen und durch die wir anderen, aber auch uns selbst schaden.

Auf die Spur unseres Egos und unserer Egoverstrickung gelangen wir schon durch wenige und sehr einfache Fragen, wie zum Beispiel: Löst der Erfolg eines anderen in mir Neid aus oder erhöhen schlechte Nachrichten über andere mein Selbstwertgefühl? Manipuliere und kontrolliere ich Beziehungen, um Bestätigung zu erlangen? Reagiere ich gekränkt oder beleidigt, wenn mich jemand sachlich kritisiert? Lehne ich andere ab, wenn sie nicht so sind, wie ich sie gerne hätte? 

In Situationen, in denen wir vom Ego dominiert werden, erleben wir uns verbissen, gierig, eifersüchtig, unversöhnlich, hart und abwertend. Wir hören nicht zu, halten gern an unseren Vorurteilen fest und beziehen unsere Sicherheit eher aus materiellen Werten und äußerem Ansehen. 

»Das Ego blockiert unsere kreativen Kräfte und macht uns taub für Intuitionen.«

Das Ego deckt die innere Empfindsamkeit zu und lässt den natürlichen Strom anteilnehmender Gefühle versiegen. Die Folgen sind soziale Kälte, mangelnde Mitmenschlichkeit und fragmentierte Beziehungswelten, in denen keine verlässlichen und langfristigen Bindungen entstehen können. Das Ego blockiert unsere kreativen Kräfte und macht uns taub für Intuitionen. Vor allem aber zeigt es sich im tiefen Misstrauen gegen alles, was einfach passiert. Das hat zur Folge, dass wir uns einer kreativen Auseinandersetzung mit Lebensumständen, die uns voranbringen könnten, verweigern. Die Überbetonung des »Ich kann«, »Ich bin« und »Ich habe« führt früher oder später in eine Sackgasse. Dabei offenbart sich, dass vieles, was bisher wichtig war, wie etwa Prestige oder äußerliche Werte, auf Dauer nicht wirklich zufrieden macht, und wir beginnen, die Schieflage unserer Vorstellungen vom Leben zu erkennen. Das ist das, was spirituelle Richtungen des Ostens als Maya, als Täuschung bezeichnen, die die Notwendigkeit der Ent-täuschung herausfordert. 

Diese Krise, die meistens in der Mitte des Lebens einsetzt, ist dann oft der Ausgangspunkt des spirituellen Suchens, das von der Frage »Wer bin ich wirklich?« motiviert wird. Dabei wirkt das Ego oft als Barriere auf dem Weg zur Selbstfindung. 

Ähnlich wie bei der Arbeit an Widerständen in der Psychotherapie ist aber zu berücksichtigen, dass derjenige, der sich sich selber gegenüber mitfühlend und wertschätzend verhält, das Ego abbauen kann.

Wenn wir bereit sind, am Ego zu arbeiten, beginnt ein Prozess des Loslassens und Entdeckens, die innere Wahrnehmung wird intensiver, Fassaden beginnen, sich aufzulösen. Wir erfahren uns zunehmend lebendiger und wahrhaftiger. 

Es beginnt aber auch eine Zeit, in der das bisherige Leben in seinen Begrenzungen als zunehmend leidvoll erfahren wird. Das hat damit zu tun, dass sich das Ego mit seiner ganzen Kraft gegen diesen Transformationsprozess stemmt, um nicht an Einfluss zu verlieren. Dadurch kann es zu stürmischen Umbrüchen, radikalen Zweifeln und heftigen Krisen kommen, die manchmal mit Visionen von Vernichtungserfahrungen am eigenen Leib einhergehen können wie etwa Zerstückelt- oder Verbranntwerden. Sie erweisen sich als szenische Vergegenwärtigungen der stattfindenden Egotransformation bis hin zum sogenannten Egotod, ähnlich dem christlichen Mysterium des Kreuzestodes, wo das Sterben als Durchgang zum neuen Leben erfahren wird. Das kann sich zwar für den Suchenden in diesem Augenblick äußerst bedrohlich anfühlen, eröffnet jedoch die einmalige Chance, alte überkommene Persönlichkeitsstrukturen aufzulösen und eine neue stabilere innere Basis entstehen zu lassen. 

Ein solcher Perspektivwechsel öffnet den Übergang zu einer umfassenderen Sichtweise und Neuausrichtung des Lebens. Dadurch wird nämlich auch ein Prozess in Gang gebracht, den die mystische Literatur als Entfalten der Liebe Gottes in unserem Inneren beschreibt. Die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Nichtsein sitzt tief in uns. Das, was aber wirklich sterben muss, ist die Identifikation mit dem Ego und seiner Isolation. 

Der Todesschrecken wird damit zum Übergang in eine völlig neue Sphäre inneren Friedens. Gurumayi (1990, S. 44f), eine geistige Lehrmeisterin unserer Tage, schildert in ihren Erinnerungen diese Zustandsänderung sehr eindrucksvoll:

»Das Haus meines Ichs ging in Flammen auf. Alles, was ich besaß, wurde verbrannt. Ich wollte mein Haus retten. Aber ich konnte nicht entkommen. Auch die Tür meines Hauses stand in Flammen. Ich weiß nicht mehr, was dann geschah … Und alles verstummte in der endlosen Stille der Liebe.«

In diesem Moment gehen Erkenntnis und Liebe, Leere und Fülle ineinander über. 

Der erfahrene Zusammenbruch des Egos macht erst den Weg frei für eine neue und höchst intensive Form der Seinswahrnehmung und jenen Zustand umfassender Allverbundenheit, in der sich der Wahrnehmende als Sein in allem Seienden erfährt. So dürfen wir auch das Sterben des Egos als eine Transformationskrise auffassen, aus der wir erneuert hervorgehen. 

Ein zu seiner spirituellen Identität »erwachter« Mensch – um es mit einem Wort Eugen Herrigels (1992, S. 39) zu sagen – »fasst das Leben nicht nur anders auf, sondern auch anders an«. Er strahlt eine Art natürlicher Autorität aus und fühlt sich animiert, ja verpflichtet, das erlangte Geschenk seiner inneren Erfahrung weiterzugeben. Diese positive Hinwendung zum Mitmenschen ist so etwas wie ein Gütesiegel der inneren Verwandlung. 

Die intensive Erfahrung des gemeinsamen Lebensgrundes lässt Leid und Freude des anderen als eigenes Leid und eigene Freude erfahren. Die segensreiche Wirkung des Mitgefühls strahlt dann auf uns selbst zurück, da wir im Nächsten jenen spirituellen Grund würdigen, aus dem heraus wir selber existieren.

Darin eben besteht die spirituelle Qualität der Liebe, dass sie sich nicht ausschließend, sondern jeden Menschen, jedes Lebewesen, ja den Kosmos im Ganzen einbeziehend versteht. 

Von dieser Verbundenheit her wird uns auch klar, dass wir dem Leben, so wie es sich vollzieht, grundsätzlich vertrauen können, allen widrigen Umständen zum Trotz. Gerade im Leiden oder in Phasen der Dunkelheit lässt sich jene Tür finden, die nach innen aufgeht und damit den Zugang zu verborgenen Potenzialen und Lösungen eröffnet. Dann brauche ich auch nicht mehr abzuwehren oder kontrollierend einzugreifen, sondern kann mich mutig dem Leben mit seinen Herausforderungen stellen. Es konfrontiert uns immer wieder mit Situationen, in denen wir wachsen können, so schwierig sie auch erscheinen mögen. So gesehen wird jede Situation zum helfenden Freund und jedes Hindernis zum ermutigenden Lehrer. Keshab sagt: »Ich bin ein vollkommener Schüler. Ich lerne von allem.« (Haich, 1958, S. 41)

Es sind ungewohnte Wege, die sich auftun, wenn wir uns auf diese Einsichten einlassen. Wir dürfen aber fest darauf vertrauen, dass wir durch den Prozess der Bereitschaft zur inneren Verwandlung auch in unserem Alltag zu Furchtlosigkeit, Gelassenheit und tiefer Empathie befähigt werden. In diesem Offensein für Reifung und Wandel erfahren wir, dass das Leben mit seinen Krisen und Übergängen von einem sicheren überraumzeitlichen Wesensgrund getragen wird, der Sinnstiftung und Entwicklung erst möglich macht. So sind wir auch imstande, den Anruf jeden Augenblicks bewusst anzunehmen und auch unserem Ende versöhnt und gelassen entgegenzusehen.

Autor

Sylvester Walch, Dr., geb. 1950. Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie. Lehrtherapeut für Integrative Therapie und Integrative Gestalttherapie. Gesamtleiter der Curricula für Transpersonale Psychotherapie und Holotropes Atmen sowie körperbezogene Psychotherapie. Er leitete über viele Jahre eine stationäre psychotherapeutische Einrichtung und hat Lehraufträge an verschiedenen Universitäten. Er verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Bücher, u. a. Die ganze Fülle deines Lebens, Vom Ego zum Selbst, Dimensionen der menschlichen Seele sowie Subjekt und Realität. Sylvester Walch verfügt über eine langjährige Meditationspraxis und entwickelte einen kulturübergreifenden psychospirituellen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis verbunden werden. Ehrenvorsitzender des IHTP. 

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