Prof. Dr. Niko Kohls – Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität

Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft Teil 1

Die Frage nach dem Bewusstseinsstand der heutigen Gesellschaft wird umso wichtiger, je mehr wir uns vor Augen führen, wie sehr sich unser Leben nach dem Entwicklungsgrad unseres Bewusstseins formt. Wie wichtig Emotionalität, Empathie, Achtsamkeit und Spiritualität in einer auf Effizienz und Leistung basierenden Gesellschaft sind, erklärt Niko Kohls im Interview. Achtsamkeit und Spiritualität erhalten Bedeutung, sobald sich Menschen die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen.

Tattva Viveka: Wir möchten über die Bedeutung der Spiritualität für den Menschen sprechen, und zudem über die Beziehung zwischen Wissenschaft und Spiritualität – die durchaus angespannt ist, bis hin zu beidseitiger Feindseligkeit. Du beschäftigst dich bereits seit langer Zeit mit dem Thema Achtsamkeit, das ein Teilbereich dieser Ebenen – Spiritualität und Wissenschaft – ist, und hast eine Reihe von Forschungen zu Meditation und Achtsamkeit veröffentlicht, gemeinsam mit anderen fachkundigen Wissenschaftlern wie Harald Walach oder Tilo Hinterberger.

Sinnhaftigkeit und Verbundenheit können vor allem als Resultat von spirituellen Erfahrungen und Überzeugungen angesehen werden.

Du gehst davon aus, dass etwa Anfang bzw. Mitte der 2000er-Jahre die Demarkationslinie [Grenze] der gesellschaftlichen Akzeptanz bei dem Begriff der Achtsamkeit lag, d.h., es war umstritten, ob diese überhaupt wissenschaftlich erfasst werden könne und seriös sei. In den letzten Jahren hat sich jedoch einiges geändert. Die Themen Achtsamkeit und Meditation sind salonfähig geworden. Sie wurden oft Gegenstand von Studien, bahnten sich ihren Weg in breitere Schichten der Gesellschaft, auch in Unternehmen beispielsweise, die entsprechende Kurse und Programme für ihre Mitarbeitenden anbieten. Der Begriff Spiritualität ist demgegenüber nach wie vor umstritten.

Trotzdem würdest du sagen, dass Spiritualität eine essenzielle Rolle im menschlichen Leben spielt. Am Anfang deines Buches ›Mehr Lebensfreude durch Achtsamkeit und Resilienz‹ trittst du sehr wissenschaftlich auf und gehst von der Physis aus: von der Gehirnphysiologie der Hormone beziehungsweise der Neurotransmitter, der körperlichen Symptomatik von Stress und dergleichen. Dann gehst du zur Komplementarität Achtsamkeit und Spiritualität über und schreibst am Ende des Buches: »Um den Zustand von Kohärenz zu erklären, muss man dabei eine andere, möglicherweise transzendente Dimension von Spiritualität berücksichtigen. Denn Sinnhaftigkeit und Verbundenheit können vor allem als Resultat von spirituellen Erfahrungen und Überzeugungen angesehen werden.« (S. 329)

Wie begreifst du Spiritualität? Wie wichtig ist sie für den Menschen? Wie kann man sie wissenschaftlich aufarbeiten und woran arbeitet die Wissenschaft in der Hinsicht momentan?

Prof. Dr. Niko Kohls: Vielen Dank erst mal, nun sind wir bereits mitten im Thema. Ich ging 2005 nach England, kam 2008 nach Deutschland zurück und gewann dann den Eindruck, dass die Gesellschaft in Deutschland deutlich offener für das Thema Achtsamkeit geworden ist und was in deren Kielwasser schwimmt. Achtsamkeitsbasierte Programme wurden sukzessive nicht nur im klinischen Bereich eingesetzt, sondern auch in Schulen, im Bildungsbereich. Sie wurden von Unternehmen angefragt, und ich hatte das Gefühl, dass sich etwas in der Wahrnehmung und Einstellung gewandelt hat. Man muss hinzufügen, dass in der angelsächsischen Welt die Themen Achtsamkeit und Spiritualität von der Wissenschaft und der Gesellschaft seit jeher offener betrachtet worden sind. Man kann sicherlich darüber spekulieren, woran das liegt.

Ich glaube, dieses implizierte Verbotsschild, das um die Themen Bewusstsein, Achtsamkeit, Spiritualität gehangen wurde, zumindest in wissenschaftlich/intellektuellen/akademischen Kreisen, hängt stark damit zusammen, dass wir eine spezielle deutsche Vergangenheit haben.

Ich glaube, dieses implizierte Verbotsschild, das um die Themen Bewusstsein, Achtsamkeit, Spiritualität gehangen wurde, zumindest in wissenschaftlich/intellektuellen/akademischen Kreisen, hängt stark damit zusammen, dass wir eine spezielle deutsche Vergangenheit haben. Gerade im Dritten Reich – vor allem auch bezogen auf die Pädagogik und Erziehungswissenschaft der Nationalsozialisten – sieht es nach folgendem Narrativ aus: Ein Individuum gibt sich dem großen Ganzen hin, und das große Ganze ist als Volkskörper gedacht, durchaus in einem metaphysisch aufgeladenen, aber gleichzeitig biologisierten Sinne. Das hat, wie wir alle wissen, eine ziemliche Sprengkraft, und da liegt meines Erachtens ein großer Stolperstein, der es daraufhin in Nachkriegszeiten mit seiner historischen Diskontinuität sehr schwierig gemacht hat, die genannten Themen – zumindest innerhalb des deutschen akademischen Systems – weiter zu bearbeiten.

Man kann etwas vereinfacht sagen, dass mit der Frankfurter Schule diese Aussage aufkam: Jede Theorie oder jedes Konzept, das für sich in Anspruch nimmt, universalistisch gültig zu sein, ist per Definition faschistoid, und das kann man ganz klar auch der Spiritualität (was auch immer das ist, darüber ist sich die Wissenschaft ebenfalls uneinig) überstülpen. Damit ist das Thema sofort vom Tisch. Der nächste Punkt ist, dass Spiritualität schwierig zu definieren ist. Ich fing vor vielen Jahren damit an, Definitionen zu sammeln, und hörte bei der etwa 380. Definition auf. Eine sinnvolle Unterscheidung ist die einer vertikalen und einer horizontalen Form der Spiritualität. Die horizontale Spiritualität ist eine humanistische, empathisch-mitfühlend-fürsorgliche, mit der Welt verbundene. Da wäre keine metaphysisch-transzendentale Komponente enthalten. Die Geister scheiden sich stark, ob ein säkularer Humanismus oder ein naturalistisch getragener ethischer Humanismus schon als spirituell zu bezeichnen wäre.

Wer beispielsweise die Diskussionen in Amerika um Steve Pinker, Sam Harris oder Jordan Peterson und weitere Protagonisten verfolgt, der sieht, dass gegenwärtig viele Fragen rund um das Thema »Was ist eigentlich Spiritualität?« und die Sinnhaftigkeit der Existenz bzw. die Frage nach den Kriterien eines erfüllten Lebens kreisen. Ein Stück weit ist Spiritualität auch ein Black-Box-Thema. Wir können einfach nicht behaupten, eine Definition von Spiritualität gefunden zu haben, über die sich alle einigen könnten und über die menschenbild- und weltanschauungsübergreifend Konsens bestünde.

Fairerweise muss man hinzufügen, dass es selten in der Wissenschaft einen allgemeinverbindlichen Konsens gibt, dem fast alle zustimmen. Dieser besteht ab und zu, beispielsweise in der Medizin, wo es eine feststehende Definition dessen gibt, was ein normaler Blutdruck ist; die Frage, wie viel Abweichung davon hinnehmbar ist, also normative Grenzwerte für den systolischen bzw. diastolischen Blutdruck, wird schon deutlich kontroverser diskutiert.

Aber bei einem so komplexen und facettenreichen Thema wie Spiritualität ist dies äußerst schwierig. Bei der Achtsamkeit ist es ein Stück einfacher, weil sie prägnanter als ein spezifischer Bewusstseinszustand beschrieben werden kann. Deshalb fallen hier zumindest die Deutung und die Definition ein wenig leichter, wobei es nicht unumstritten ist, aus wie vielen Faktoren die Achtsamkeit tatsächlich besteht. Die psychometrischen Messinstrumente gehen von unterschiedlichen Konstrukten mit spezifischen Faktoren aus – im Fall des von unserer Arbeitsgruppe entwickelten Freiburg Mindfulness Inventory (FMI) sind das etwa Präsenz oder Akzeptanz. Der Begriff »Spiritualität« ist jedoch weitaus facettenreicher.

TV: Du fragst auch in deinem Buch, was Spiritualität genau ist. Obwohl es keine allgemeingültige Definition von Spiritualität – lat. spiritus (Geist, Hauch) – gibt, besteht doch weitestgehend ein Konsens darüber, dass darunter die erfahrungsbasierte Kenntnis einer Dimension verstanden werden kann, durch die die objektive Alltags- und individuelle Lernwelt transzendiert wird und sich dabei aus Sicht der Erlebenden häufig ein universales, sinnvoll, schöpferisch tätiges Prinzip offenbart. Spiritualität ist also erfahrungsbasiert. Es ist die individuelle, eigene empirische Erfahrung einer Transzendenz.

Kohls: Ja, die darauffolgende Frage ist dann natürlich: Was ist Transzendenz? Wenn man das als etwas auffasst, was unsere Alltags- oder Lebenswirklichkeit verlässt, dann ist damit gemeint, dass die Grenze dieser Welt überschritten wird. Ich denke, dass ein wichtiges Kernelement von spirituellen Erfahrungen die erfahrungsbasierte Dimension ist. Ein lediglich von Überzeugungen und axiomatischen Glaubenssätzen getragenes theoretisches Gerüst ist nicht vorstellbar, weil dort die essenzielle Komponente des eigenen Erlebens, die Menschen schlicht brauchen, fehlt. Wir sind äußerst sinnliche Wesen. Neunzig Prozent von dem, was wir verarbeiten, ist visuell und akustisch und stammt aus der äußeren und dann natürlich auch nach innen projizierten Erfahrungswelt, und weitere Ebenen wie der Geruchs- und Tastsinn kommen dazu. Diese erfahrungsbasierte Dimension erscheint mir zentral zu sein. Unsere neuronale Architektur ist ebenso aufgebaut.

TV: Erfahrung bedeutet eben auch, ein Gefühl sowie ein persönliches Erleben zu erfahren, zum Beispiel Glückszustände.

Kohls: Eine Erfahrung kann sowohl eine äußere als auch eine innere Erfahrung sein. Es können sensorische Erfahrungen sein, die wir mit den physiologischen Sinnen machen, es können aber auch innere, phänomenologische Erlebniszustände mit einer gewissen ästhetischen Qualität sein. Häufig sind diese spirituellen Erfahrungen innere Erlebniszustände, manchmal ist es eine Mischung aus beidem. In einem gewissen Sinne führt eine bestimmte äußere Erfahrungsqualität immer auch zu einem inneren Erlebnis. Bei naturmystischen Erfahrungen erleben Menschen die Schönheit und Ästhetik, die in dieser Situation enthalten ist und sich offenbart, als so überbordend und so gewaltig, dass sie diese als spirituelles Erlebnis klassifizieren.

TV: Hast du dich ebenfalls mit der erkenntnistheoretischen Ebene beschäftigt? Mir scheint, dass aus dieser Erfahrung eine besondere Art von Erkenntnis entsteht, die anders als in der kognitiven, rationalen Überlegung gewonnen wird. Manche nennen es Intuition, ich nenne es ein ›Geistiges Sehen‹. Damit ist auch Erkenntnis möglich, die wissenschaftlich beschreibbar sein müsste.

Kohls: Ich glaube, dass vieles damit zusammenhängt, dass die moderne Erkenntnistheorie auf den einen großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant zurückgeht, der diese praktisch in zwei Aspekte unterteilt. Die Kant‘sche Erkenntnistheorie kann deswegen von zwei Seiten betrachten werden: zum einen vom Menschen, vom Subjekt her, welches wahrnimmt. Hierbei ist die Frage: Was nimmt er wahr? Warum sehen und interpretieren Menschen beispielsweise Farben so unterschiedlich, obwohl sie denselben Stimulus wahrnehmen? Das impliziert immer diese subjektivistische Komponente, welche die frühen Psychophysiker wie den bekannten Hermann von Helmholtz fast in den Wahnsinn getrieben hätten.

Zum anderen, das sagt auch Kant, existieren bestimmte Dinge a priori, wie die Mathematik oder bestimmte logische Gesetzmäßigkeiten, die scheinbar fest und stabil und nicht von der Wahrnehmung abhängig sind, sondern vielmehr als deren Voraussetzung betrachtet werden müssen. Diese a priori-Setzungen betreffen auch Dimensionen wie Raum und Zeit, also Faktoren, die man als gesetzt annehmen muss, um überhaupt Erfahrungen machen zu können, denn Erfahrungen, wie wir sie kennen und ein Leben lang machen, sind an Konzepte von Raum und Zeit gebunden, und man kann sich deswegen fragen, ob eine Erfahrung jenseits von Singularitäten in einem schwarzen Loch – wo die Krümmung der Raumzeit umgangssprachlich unendlich ist – möglich ist und wie diese dann qualitativ geartet ist.

Nun die interessante Frage: Wo in dem Wahrnehmungsprozess entfalten sich all diese Emotionen sowie die verleiblichten Sensationen und Erlebnisspuren? Worunter fällt das, was keine reine Kognition mehr ist, aber auch keine Emotionen darstellt – das, was so ein Stück weit das Intuitiv-Fühlende/Spürende betrifft? Carl Gustav Jung beschrieb das sehr schön, unter anderem in seiner Persönlichkeitsklassifikation. Also beispielsweise: Existieren Synchronizitäten wirklich, oder sind das Interpretationen im Sinne von überinterpretierter subjektiv konstruierter Koinzidenz? Die nächste Frage ist dann, was ist wirklich? Ist beispielsweise Schmerz genauso real wie mein Auto oder Haus, oder vielleicht sogar realer, weil er meiner Lebenswelt näher ist und diese auch stärker betrifft? Wenn ich den Schmerz durch Bewusstseinskultivierung in Form von Spiritualität, Meditation oder Gebet lindern kann, muss ich dann – wie William James bereits ausführte – diesen »mystischen Dimensionen« nicht aufgrund ihrer Wirksamkeit unter pragmatischen Gesichtspunkten eine gewisse Wirklichkeit zusprechen? Was genau und wie wirklich ist eine Halluzination, ein Traum oder eine Drogenerfahrung?

Man kann sagen, dass um diese phänomenologischen Ebenen in den akademischen Feldern (Bewusstseinsforschung im Sinne der akademischen Psychologie und Medizin) ein großer blinder Fleck erzeugt wurde. Man hat sich jahrzehntelang, wenn nicht jahrhundertelang, nicht wirklich mit diesen Themen beschäftigt.

Reine, nackte Kognition ist nicht denkbar, auch wenn so getan wird.

Ich begann Anfang der 1990er-Jahre Psychologie zu studieren, und damals brachte mir mein Professor an der Universität Jena, an der ich mein Vordiplom absolvierte, noch bei: »Was wollen Sie denn mit all den Emotionen, das ist doch nur kognitive Abwärme.« Das ist ein schöner und glatter Satz, den mein Professor sagte, ich habe ihn in guter Erinnerung behalten. Aber stimmt er wirklich? Die Idee war damals, dass man sich nicht mit diesen komischen emotionalen Phänomenen beschäftigen braucht, aber in der Hinsicht hat sich in den letzten 20-30 Jahren einiges verändert. Wir wissen nun um die Komplementarität von Kognition und Emotion, und zwar dass jede Kognition emotional eingebettet ist und umgekehrt. Reine, nackte Kognition ist nicht denkbar, auch wenn so getan wird. In der Erkenntnistheorie ist das ebenfalls der Fall. Ich glaube, dass es dort einen großen blinden Fleck gab.

Wenn man ein Lehrbuch aus den 1960er oder 1970er-Jahren zur Einführung in die Psychologie zur Hand nimmt, findet man 300 Seiten kognitionspsychologische Konzepte und Theorien, und wenn man Glück hat, im Appendix 10-20 Seiten zu Emotionen. Aber dies wurde nicht richtig im Buch behandelt, sondern eher ein wenig verschämt im Anhang.

Es zieht sich durch unser Bildungssystem hindurch, dass die Themen Emotionalität und auch Körperorientierung keine Faktoren sind, die in diesem klassisch habermasianisch hyperrationalisierten Bildungskosmos einen Stellenwert hatten. Gehe mal in eine moderne Hochschule und schaue dir die Architektur an. Es sind graue, unverputzte, kalte Wände, und häufig zieht die Architektur irgendwie Energie von einem. Alles ist steril, und alle Türen, Vorlesungsräume und Büros sehen beinahe gleich aus, irgendwie genormt. Auf keinen Fall lädt dieses Ambiente dazu ein, über emotionale und subjektiv-existenzielle Themen zu sprechen, wie die eigene Befindlichkeit oder das energetische Level, vielleicht sogar über existentielle Fragen und Bedeutsamkeit.

Das rächt sich natürlich irgendwann. In einer organisierten, effizienzorientierten Gesellschaft, die darauf setzt, unglaublich viel und schnell immer billiger zu produzieren, werden Menschen wie sich stetig schneller drehende Zahnrädchen im Getriebe immer schneller durchgetaktet, und wenn sie irgendwann nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu sagen: »Jetzt ist Schluss«, laufen sie Gefahr, zu überdrehen und in einen Zustand zu geraten, der als Burn-Out bezeichnet wird, also psychische, mentale und somit auch psychosomatische Be- und Überlastungszustände. Die Frage nach dem Sinn dahinter stellt man sich ebenfalls irgendwann: »Warum mache ich das eigentlich, warum laufe ich so schnell?«, und unser System hat keine gute Antwort darauf. Die psychischen Probleme nehmen in modernen, hoch ausdifferenzierten Wissensgesellschaften zu, es reicht ein Blick auf die Statistik.

Genau das Gegenteil sollte doch der Fall sein, wenn uns all unser Wissen in die Lage versetzt, besser mit uns und der Umwelt umzugehen. Aber die Art und Weise, wie wir leben, scheint auf Kosten unserer Psyche oder unseres ganzheitlichen Empfindungsvermögens zu gehen, und hier scheint eine große Inkongruenz vorzuliegen. Das mag erklären, warum Achtsamkeit auf einmal so interessant wurde. Denn es handelt sich um einen Bewusstseinszustand, den man dieser Vereinnahmung durch die Effizienz entgegensetzen kann – und das Schöne ist, dass jeder das tun kann, sofort und überall, man braucht keine Joggingschuhe dafür. Erstmal ist es als individuell gedachte Maßnahme interessant, um den Einzelnen zu helfen, sich selbst zu regulieren, Introspektion und Selbstreflexion zu betreiben und zu lernen, besser mit Stress und Belastung umzugehen, meinetwegen auch um Resilienz aufzubauen. Doch darauf folgt die nächste spannende Frage: Bleibt es dabei, oder kommt an irgendeiner Stelle etwas wie Spiritualität ins Spiel? Ein Punkt, an dem die Sinnfrage gestellt wird: Was mache ich hier eigentlich, was soll das Ganze? Ist das Weltbild, das wir haben, gut? Dieses Wachsen, Wachsen, Wachsen um jeden Preis, ist es wirklich erfüllend, oder fehlt mir vielleicht etwas?

An dieser Stelle ist ersichtlich, dass hier der Punkt vollzogen ist, wo das Ganze gesellschaftspolitisch, also gesamtgesellschaftlich hochrelevant wird. Die eigentliche Frage ist: Was leiten wir daraus ab? Was für eine Gesellschaft, welche Relationen und Interaktionen möchten wir eigentlich miteinander, zwischeneinander und untereinander haben? Und das hat absolut konkrete Implikationen: Genau aus dem Grund haben mein Freund und Kollege Michael Heinrich und ich übrigens auch gerade zusammen mit den Kollegen von der Uni Bamberg das Institut Mensch & Ästhetik (institutaesthetik.de) gegründet. Hier gehen wir der Frage nach, inwieweit künstliche Umwelten – seien es Städte, Häuser oder Innenräume – nicht nur innerhalb ihrer Nutzfunktionen, sondern auch in ihrer ästhetischen Erscheinung eine harmonisierende, psychisch und physisch stabilisierende Wirkung auf uns ausüben können.

TV: Wie würdest du einen Menschen definieren? Woraus besteht ein Mensch? Ich will auf die Körper-Geist-Seele-Ebenen hinaus. Was macht uns als Mensch aus?

Kohls: Entscheidend ist, dass wir als Mensch ein Selbstbewusstsein haben, was uns als menschlich identifiziert. Wir können damit in der Zeit reisen, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft; das machen wir gerne und häufig und nur selten sind wir mit all unserer Aufmerksamkeit in der Gegenwart. Dies macht unsere menschliche Identität aus.

Wenn wir uns selbst existenziell tief in die Augen sehen, stellen wir fest: Was uns menschlich macht, ist das stetige Ringen mit uns selbst.

Der Preis dafür ist das Wissen um die Verletzlichkeit und letztlich auch Sterblichkeit. In die Waagschale können wir jedoch werfen, dass wir – und alle unsere Mitmenschen und auch andere Lebewesen – einmalige Singularitäten mit einer einmaligen Lebenstrajektorie [Flugbahn] sind, die es noch nie gegeben hat und in dieser Form nie wieder geben wird. Wenn wir uns selbst existenziell tief in die Augen sehen, stellen wir fest: Was uns menschlich macht, ist das stetige Ringen mit uns selbst. Das bedeutet, unser psychobiologisches System mithilfe von Selbstregulationskompetenz in eine Balance zu bringen und diese als Basis für erfüllende Weiterentwicklung zu nutzen. Dies setzt naturgemäß die konstruktive Auseinandersetzung mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen voraus, aber auch die Abgrenzung von diesen, mit anderen Worten, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und diese auch bereitwillig zu (er)tragen.

Gleichzeitig heißt das auch, unsere Potenziale zur Anwendung bringen, beispielsweise auf der Grundlage von angeborenen Fähigkeiten wie Sehen eine Fertigkeit wie Lesen zu entwickeln. Wenn Fertigkeiten zu Kompetenzen werden – sich beispielsweise eine geschliffene sprachliche und schriftliche Ausdrucksweise zu erarbeiten –, haben wir unsere Potenziale durch stetes Lernen und Probieren fördern und gedeihen lassen. Nicht umsonst heißen die psychologischen Konstrukte »flourishing« und »striving«. Da ist nicht die Rede von Wachsen. Wenn, dann spreche ich, vielleicht metaphorisch, in meinem Buch deswegen von »Ent-Wicklung«. Durch diesen kontinuierlichen Prozess kann eine verkörperte Identität entstehen, die keine rational entstandene, sondern eine durch kontinuierliche Handlungen entwickelte Kompetenz ist.

Diese Form der Identitätsbildung ist extrem wichtig, denke ich. Im Grunde zeigt das, dass der Mensch ein Wesen ist, das immer versucht ist, Versuchungen nachzugehen und letztlich auch diesen nachzugeben: zu viel zu essen, zu trinken, zu wenig Sport, zu bequem zu sein. Auf der einen Seite steht immer der Kampf mit dem inneren Schweinehund, auf der anderen Seite setzt man sich aber moralische Standards und versucht, diese Ebenen auch in wechselnden Kontexten aufrechtzuerhalten und zu entwickeln. Man ist dauerhaft darum bemüht, ein Stück weiter in Richtung der Identität zu wachsen und Erfüllung zu finden. Ich glaube, das ist die menschliche Aufgabe.

Dies geschieht häufig durch die Auseinandersetzung mit Anomalien und Krisen. Die Möglichkeiten, die wir haben, sind dabei zweierlei:

Wenn wir auf Veränderungen reagieren, sind wir nah am Resilienz-Begriff dran – entweder zu „adaptieren“, das heißt, unsere Verhaltensweise zu verändern, oder zu „habituieren“, das heißt, unsere inneren Einstellungs-, Werte- und Bedürfnislandkarten und somit auch unsere Wahrnehmung sowie das zugrundeliegende Welt- und Menschenbild zu verändern. Ich denke, dass wir als Gesellschaft auf Adaption fokussiert sind: Wir müssen deswegen mit Verhaltensänderung reagieren, also aktiv unser „objektives“ Verhalten so verändern, dass es wahrnehmbar ist. Wir fokussieren uns auf wahrnehmbare, objektive Verhaltensweisen. Genau das, was der Behaviorismus proklamiert hat: Zwar war Psychologie ursprünglich als Lehre vom Erleben und Verhalten definiert, doch das soll jetzt auf objektiv-empirisch Messbares reduziert werden, auf das Sichtbare, Unleugbare, Faktische. Es soll keine Probleme mit Interpretationskorridoren geben, und die ganzen matschigen, subjektiven Erlebnisdimensionen kommen mal weg.

Diese Einstellung führte zu einer Psychologie, die meines Erachtens eine ziemliche Schlagseite hat. Sie ist stark auf objektive, messbare, sichtbare Bereiche fokussiert, und dies hat natürlich auch auf die klinische Psychologie Wirkung, zum Beispiel auf die Frage nach Coping-Methoden, also wie wir mit Stress umgehen. Dann stellt sich immer die Frage, was ein Mensch aktiv tun muss, um seine Verhaltensweisen zu verändern.

Was man weniger betrachtet hat, ist, ob der Mensch sein Erleben und seine Wahrnehmung und damit auch seinen Resonanzkorridor verändern kann. Aus heutiger Sicht würde man vermutlich sagen, dass das in vielen Bereichen ein richtig großer Hebel ist. Das eigene Erleben und die zugrundeliegenden Wahrnehmungsschablonen sind, was die phänomenologische Erfahrungsqualität angeht, nicht nur dominierender als die äußere Verhaltensdimension, sondern auch häufig schwieriger und nur durch kontinuierliche innere Arbeit zu verändern. So kann ich mir selbst vornehmen, einmal im Monat mit einer fremd oder ausländisch wirkenden Person zu sprechen oder einem Bettler Geld zu geben, meine tiefe Angst vor Überfremdung oder meine Fähigkeit zur Empathie wird dies nicht verändern.

Die eigene Wahrnehmung zu reflektieren und dann langsam aber kontinuierlich auch seine Einstellung zu verändern, beispielsweise um mit schwierigen oder ambivalenten Situationen klarzukommen, ist aber nahe dran an der Achtsamkeit und Spiritualität. Diese wirken sich auf die Verhaltensdimension aus, aber sie setzen stark an unserer Wahrnehmung und inneren Einstellung an. Deswegen haben sie ein ungeheures Potenzial.

Vermutlich ist das der Grund, warum Spiritualität in allen Kulturen, zu allen Zeiten Thema war. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Es sind kulturanthropologische Konstanten, die sicherlich über Kulturen variieren, aber eine gemeinsame phänomenologische Tiefen- oder Urdimension innehaben: Menschen beschäftigten sich zu allen Zeiten mit Sinnfragen und Möglichkeiten zur Linderung von Schmerz, Leid und Sinnlosigkeit, denn sie mussten immer mit Veränderungen und schwierigen Lebensumständen umgehen. Die Welt ist immerwährend im Wandel. Das wissen alle, nicht nur die, die Heraklit und die ihm nachfolgenden Philosophen gelesen haben.

Die ewige Frage ist: Was ist der Fels in der Brandung, wenn alles vergeht? Die Antwort könnte lauten: Nur die Frage, wie Menschen mit der Vergänglichkeit umgehen und versuchen, sich selber Sinn zu geben, besteht, solange es (Selbst)Bewusstsein gibt. Auch die Tatsache, dass Identität immer auf Wachsen und Größerwerden aus ist, unser Menschenleben aber zu einem biologischen Ende kommt, lässt uns gesamtgesellschaftlich, in unserer materialistischen Gesellschaft, ratlos, ohne vernünftige Antwort. So sind wir nicht nur individuell überfragt, wie mit dem Tod umzugehen sei, sondern sind auch gesellschaftlich häufig damit überfordert, alten und dementen Menschen ein würdiges Lebensende zu ermöglichen.

Carl Gustav Jung: Es gibt keinen meiner Patienten über 35, bei dem das religiöse Problem keine Rolle spielt.

Deswegen glaube ich auch, dass das Thema Spiritualität – 2008 war in meinen Augen solch eine Demarkationslinie für Achtsamkeit – gerade ein Thema ist, das durch den demografischen Wandel an Bedeutung gewinnt. Je älter Menschen werden, umso mehr stellen sie sich die großen W-Fragen: Warum, Wieso, Weshalb? Der große Schweizer Psychiater und Bewusstseinsforscher Carl Gustav Jung sprach damals einen unglaublichen Satz aus, in dem für mich viel Erkenntnis liegt. Er sagte sinngemäß: Es gibt keinen meiner Patienten über 35, bei dem das religiöse Problem (damit meinte er die Sterblichkeit und die Frage, was danach kommt, sowie die Frage nach dem Sinn) keine Rolle spielt. Es ist überall ein Thema, man muss nur lange genug graben. Jeder Mensch hat damit ein Thema, bewusst oder eben unbewusst. Menschen versuchen Antwort zu finden, warum ihre Zeit hier begrenzt ist und sie sowie ihre Mitmenschen, Geschöpfe und das Ökosystem so vulnerabel sind.

Darauf folgt die nächste große Frage: Wenn meine Zeit nun einmal begrenzt ist, kann ich sie möglicherweise gerade deshalb wertschätzen und in diesem begrenzten Zeitraum und Bewusstseinsraum auch irgendwie Erfüllung finden? Die Antwort, die man darauf geben kann, ist nicht einfach. Jeder muss sie für sich selber finden, aber der Weg geht immer über das Bewusstsein, über die Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein und über die Selbstreflexion. Natürlich auch über Reflexion der Wahrnehmung, über seine Verortung in der Welt. Das ist der Rahmen, der uns allen gegeben ist, die conditio humana. Wir brauchen dazu eine Haltung, einen Standpunkt, explizit oder implizit.

Wenn man an dieser Stelle weiterdenkt, ist das stark mit dem Begriff der Spiritualität verbunden. Es geht um das multikomplexe Phänomen: Wie stehe ich zur Welt? Wie stehe ich zur Existenz als solcher? Nicht nur zu meinen Mitmenschen und Mitgeschöpfen, sondern zu der Tatsache, dass ich bin. Wie stehe ich dazu? Wenn man das auf den Punkt bringt, machen viele Kulturtechniken und spirituelle Praktiken wie Yoga, Tai-Chi, Chi Gong auf einmal Sinn. Diese Praktiken sind durchaus körperorientiert und versuchen über die Körperorientierung ein Alignment, eine Ausrichtung des Körpers und damit des Bewusstseins in der Welt und damit zur Existenz als solcher zu finden. Dabei geht es nicht mehr um humanistische Werte und Fragen der Ethik und Moral, sondern um eine existenzielle Haltung. In den theistischen Traditionen nennt man diese existenzielle Ausrichtung mitunter „Mit Gott gehen“.

Dies war der erste Teil des Interviews. Den zweiten findest du hier. Darin mehr zur Resilienz des Menschen und zum spirituellen Faktor in der Wissenschaft.

Das Interview führte Ronald Engert.

Zum Interviewten

Der Medizinpsychologe Prof. Dr. Niko Kohls beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren wissenschaftlich mit Achtsamkeit, Spiritualität und ihrem Zusammenhang mit Selbstregulationsfähigkeit, Resilienz und Gesundheit. Seit 2013 ist der gebürtige Münchner an der Hochschule Coburg als Professor für Gesundheitswissenschaften mit dem Schwerpunkt Gesundheitsförderung tätig. Im Sommer 2022 ist sein Buch Mehr Lebensfreude durch Achtsamkeit und Resilienz – Gelassener und stärker durch die richtige Balance erschienen. Er unterrichtet seit über 25 Jahren als Dozent an Universitäten und Hochschulen, hat mehr als 100 wissenschaftliche Publikationen verfasst sowie mittlerweile über 500 Keynotes, Vorträge, Seminare und Workshops für Schulen, Hochschulen und Unternehmen abgehalten. Im Jahr 2019 wurde er in die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste zu Salzburg berufen. 2023 hat er mit seinen Kollegen das Institut für Mensch & Ästhetik gegründet (https://www.institutaesthetik.de/).

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