Das Grundaxiom der Existenz
Ausgehend von der Definition des Subjekts, das als ewiges individuelles Selbst mit Göttin-Gott in einer liebevollen Beziehung steht, offenbaren sich auch die Beziehungen zwischen den Menschen, denn jedes Lebewesen ist immer ein Subjekt. Durch unsere Bedingtheit durch die Raumzeit lernen wir, den anderen als Subjekt zu respektieren, anstatt ihn als Objekt auszubeuten. Daraus entstehen erst wahre Menschlichkeit und die Qualifikation für Erleuchtung.
Advaita und Bhakti
ANDREA GILLERT: Kann man sagen, dass wir als Menschen im Grunde ein Subjekt im Sinne einer nicht weiter reduzierbaren Wahrheit sind?
RONALD ENGERT: Eine sehr schöne Frage, die, glaube ich, sehr den Kern unserer Existenz trifft, die – du sagtest es – eine nicht weiter reduzierbare Größe ist. Wenn ich die Frage stelle ›Wer bin ich?‹ und alles entferne, was nur zeitweilige Identifikationen sind – die materiellen Identifizierungen, die Etiketten, die man sich aufklebt, die Konventionen, die Zuschreibungen, die man von außen bekommt, zum Beispiel ›ich bin Deutscher, ich bin Mann, ich bin weiß, ich bin soundso alt, ich bin ein Wissenschaftler‹ –, wenn man also dem auf den Grund geht und das immer weiter reduziert und fragt ›Wer bin ich wirklich?‹, bleibt dann am Ende noch ein individueller Kern übrig, ein Subjekt, ein Ich? Dies ist eine sehr tiefe Frage, die in den verschiedenen spirituellen Traditionen unterschiedlich beantwortet wird.
In der indischen Tradition des Veda, der alten Yoga-Tradition und der vedischen Schriften, wie der Bhagavad Gita, gibt es zwei grundsätzliche Schulen, den advaita vedanta und den bhakti vedanta. Der advaita vedanta ist im Westen sehr bekannt geworden. Er sagt, dass das individuelle Ich eine Illusion sei. Wir sind am Ende nur eine große Einheit, eine große Seele, das brahman. Die Identifizierungen, die wir haben – als Ich, Subjekt, abgegrenztes Individuum –, sind eine Illusion. Diese Trennung von der Einheit ist gemäß dem advaita vedanta die Hauptursache von Schmerz. Der Urschmerz unseres Wesens besteht darin, dass wir nicht mehr eins mit allem sind. Diese große Einheit wird auch als non-duales Bewusstsein beschrieben. Ich gehe davon aus, dass es diesen Zustand gibt. Es ist ein bestimmter Bewusstseinszustand, in dem dieses Gefühl von ›Ich bin jemand‹ aufhört.
»Vedanta ist »das Ende des Wissens«, also die letztendliche Schlussfolgerung.«
Außer dem advaita vedanta gibt es auch den bhakti vedanta. Bhakti heißt Liebe. Vedanta kommt von veda anta, wobei veda das »Wissen« und anta das »Ende« bedeutet. Vedanta ist »das Ende des Wissens«, also die letztendliche Schlussfolgerung. Was ist die letztendliche Schlussfolgerung? Im advaita vedanta ist es das non-duale Einssein a-dvaita (nicht zwei), und im bhakti vedanta ist es bhakti – die Liebe zu Gott, wobei hier eine bestimmte Form der Liebe gemeint ist. Es gibt im Sanskrit ungefähr hundert Worte für Liebe, die alle bestimmte Formen von Liebe beschreiben: die Liebe zu bestimmten Wesenheiten, dann bestimmte Arten der Liebe und bestimmte Zustandsformen, Grade der Intensität usw. Für die Liebe zu Gott, allein schon für dieses Objekt der Liebe, gibt es etliche Begriffe. Gegenstand des bhakti vedanta ist die ewige liebevolle Beziehung der Seele zur höchsten Seele, zu Gott.
Im bhakti vedanta wird gesagt, dass wir individuelle Personen sind. Nityo nityanam cetanas cetananam heißt das in der Katha Unpanishad: »Wir sind alle ewige Personen, und Gott ist die höchste ewige Person.«
Warum sind wir Personen?
Jetzt ist die Frage: Was ist der Vorteil davon, wenn wir ewige Personen sind? Wenn die Individualität erhalten bleibt: ›Ich bin ich, ich bin ein unique self‹? Das Ich ist hier etwas Unverwechselbares, denn es gibt keinen Zweiten so wie mich. Im bhakti vedanta gibt es Verschiedenheit, aber sie ist nicht negativ oder schmerzhaft, sondern eine Quelle der Freude, weil ich mich dann mit einem anderen Wesen (einem Menschen oder mit Göttin-Gott) verbinde. Das Gegenüber wird auch als Person gesehen, mit der man eine liebevolle Beziehung eingeht. In dieser Beziehung geschehen ganz viele Dinge. Darin finden wir eine unendliche Vielfalt an erfahrbaren Ereignissen. Jede Person hat einen Namen, sanskrit: nama, und eine Form, rupa. Man bleibt also ansprechbar und sichtbar in einer bestimmten Form, die meistens auch menschlich aussieht, auch auf der göttlichen Ebene. Dann hat das Wesen bestimmte Eigenschaften, guna. Das beschreibt, wie zum Beispiel diese Gottheit aussieht, welchen Ton sie macht, wie sie spricht. Diese Entität führt außerdem Handlungen aus, lila. Diese sind bekannt als das göttliche Spiel. In all diesen Beziehungen und Spielen manifestieren sich sodann noch Gefühle, rasa.
Das sind Merkmale der spirituellen Welt, die sich in der Beziehung zwischen Gott und Göttin und auch zwischen ihnen und uns als ewige spirituelle Seelen im ewigen, göttlichen Spiel abspielen. Das lila findet permanent in der spirituellen Welt statt, und diese Vorgänge gibt es gespiegelt auch auf der materiellen Ebene, hier im Diesseits. In unserer materiellen Welt auf der Erde, in unserem irdischen Körper, in den Beziehungen mit unseren Verwandten, Freunden und Gefährten finden wir Gefühle, Handlungen, Eigenschaften, Namen und Formen, egal ob wir in einem menschlichen Körper oder dem eines Tieres oder einer Pflanze sind.
Wenn man jetzt den bhakti vedanta als Axiom, als »Kern der Wahrheit«, zugrunde legt, erschließt sich alles hier in der relativen, materiellen Welt. Dann verstehen wir, wie es hier funktioniert. In diesem Paradigma muss man nicht mehr zugrunde legen, dass hier alles Illusion ist.
»Das ganze Problem fällt weg, und ich kann erkennen, ich kann fühlen, ich kann sehen, was hier passiert.«
Wenn ich hier als Einzelwesen existiere, ist das eine Illusion? Das ganze Problem fällt weg, und ich kann erkennen, ich kann fühlen, ich kann sehen, was hier passiert. Die Lebewesen suchen alle nach Liebe. Sie wollen sich alle verbinden. Sie wollen einen liebevollen Austausch haben und aus dem ziehen sie dann Glück, oder manchmal Unglück. Freude und Leid – das sind die Dinge, die uns bewegen, denn alle Lebewesen wollen etwas fühlen, ja sie wollen das ganze Spektrum der Gefühle erfahren. Und wir suchen alle nach Wissen, nach Orientierung und Richtung. Wo muss ich hin? Wo bin ich hier gerade? Jedes Wesen sucht außerdem Schutz und möchte überleben. So offenbaren sich diese Dinge nacheinander, und deswegen ist das Konzept eines Subjekts, eines unreduzierbaren Kerns, einer Individualität eine sehr, sehr sinnvolle Sache. Man kann dadurch wirklich verstehen, wie alles zusammenpasst.
Die Beziehung zu Göttin-Gott
ANDREA: Ich bin da komplett bei dir, ich sehe das genauso. Das, was du da beschriebst, existiert auch bereits oben, und es ist wie eine Widerspiegelung der kosmischen Ordnung in Miniaturform hier auf der Erde und in uns. Wer weiß, ob das nicht genauso auch gedacht ist, dass wir Göttin-Gott, wie du sagtest, die Chance geben, dass sich die beiden durch uns hier zum Ausdruck bringen, in dieser Form, diesem Namen, dieser Liebesfähigkeit, die wir hier auf der Erde verkörpern können.
RONALD: Jein. Hier gibt es auch zwei Varianten. Im bhakti vedanta gibt es die Vaishnava-Tradition und die Shiva-Tradition. Shiva und Vishnu sind die zwei wichtigsten Hauptgottheiten in der indischen Spiritualität. Davon kommen die Worte Vaishnavas und Shaivaites. Letztere sind die Anhänger von Shiva, und die Vaishnavas sind die Anhänger von Vishnu. Beides sind bhakti-Traditionen, in denen die Persönlichkeit Gottes angerufen und verehrt wird. Shiva und Vishnu sind im Sinne von bhakti Personen, also Wesen mit einer Form, Namen, Eigenschaften, Handlungen und Gefühlen. Shiva hat zum Beispiel einen Lendenschurz an, einen Halbmond im Haar, eine gräuliche Hautfarbe. Außerdem hat er immer seinen Dreizack dabei. Das wird normalerweise als mythologisches Bild verstanden, als ein Mythos oder ein Märchen. Wissenschaftler nehmen das nicht ernst. Diese Form hat aber eine tiefe Bedeutung, nämlich jedes dieser Insignien, die gunas, die lilas, die Paraphernalien – Dinge wie der Dreizack, die Kleidungsstücke oder der Schmuck –, sagt etwas aus.
Was Vishnu betrifft, ist die wichtigste Form dieses Gottes Krishna. Krishna ist blau und trägt eine Flöte. Er hat eine Pfauenfeder im Haar und ein gelbes Gewand. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass es im ganzen indischen Götterhimmel nur eine männliche Gottheit gibt, die keine Waffe trägt, und das ist Krishna. Es sagt sehr viel aus, wenn jemand keine Waffe trägt. Krishna hat eine Flöte, mit der er spielt, und er bezirzt damit die gopis, die Kuhhirten-Mädchen in der spirituellen Welt, Goloka Vrindavan, um dort den rasa-Tanz aufzuführen oder das rasa-lila, wie es offiziell im Sanskrit heißt. Rasa ist wie gesagt das Gefühl oder auch der Geschmack. Der rasa-Tanz ist der Tanz der erotischen Gefühlsstimmungen von Göttin-Gott. Rasa bedeutet wörtlich ›Saft‹. In der theologischen Bedeutung beschreibt es eine intensive Emotionalität oder Gemütsstimmung.
Eine Sache ist sehr ungewöhnlich: Ich kenne keine andere spirituelle Tradition, in der Gott und Göttin so explizit gemeinsam auftreten. Zu Krishna gehört nämlich Radha, die Göttin. Sie ist im Westen noch sehr unbekannt. Man nennt sie auch Radharani oder Radhika. Sie ist eigentlich noch wichtiger als Krishna, weil sie der Inbegriff der Liebe ist. Sie ist für uns als Lebewesen das Vorbild, was die liebevolle Hingabe zu Gott betrifft. Hier gelangen wir in die innersten Gefühlswelten der ewigen Seele. Deswegen werden diese Themen sehr diskret behandelt und nur in den inneren Kreisen der Adepten weitergegeben.
Damit komme ich zu meinem eigentlichen Punkt: Bei den Shivaiten und bei Shiva besteht der devotionale Vorgang darin, dass man sich mit Shiva und Shakti identifiziert – hier ist Shakti die entsprechende Göttin. Man sagt: ›Shivoham – Ich bin Shiva‹ oder ›Shakteham – Ich bin Shakti‹, und geht in die Vereinigung wie Shiva und Shakti, was auch eine sexuelle Vereinigung ist. Das ist die Lehre vom Tantra. Aufgrund dieser Identifikationstendenz hat die Shiva-Tradition Affinitäten zum advaita vedanta.
Bei Krishna und Radha ist es etwas anders: Radharani ist die vollkommene Verkörperung der Liebe. Sie liebt Krishna am allermeisten von allen Wesen, die es gibt. Es gibt in den vedischen Schriften unzählige Geschichten darüber, warum und wie das so ist und was in dieser Beziehung zwischen den beiden passiert. Radha ist so hingegeben zu Krishna, dass selbst Krishna sich wundert, wie das für Radharani möglich ist. Krishna erschien deshalb selbst in der Gemütsstimmung von Radharani, um zu erfahren, was sie fühlt, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie sie ihn so hingegeben lieben kann. Dieser Avatar erschein im 16. Jahrhundert in Indien. Sein Name war Caitanya Mahaprabhu (1486–1534).
»Die Freude und die Ekstase sind dadurch viel größer, dass wir zwei sind.«
Was uns nun betrifft, sind wir auch ewige, individuelle Seelen, aber wir sind nicht Radharani. Der Bhakta identifiziert sich nicht mit Krishna oder Radha. Er bleibt ein eigenständiges Individuum. Wir können uns Radharani zuwenden, und sie gibt uns die Kraft und die Liebe, um uns mit Gott zu verbinden. Wir können die unfassbar ekstatischen Gefühle fühlen, die Radha gegenüber Krishna fühlt, aber die Verschiedenheit bleibt erhalten. Diese Verschiedenheit geht also durch alle Ebenen hindurch – vom Materiellsten bis zum Spirituellsten –, aber sie ist keine Ursache von Leiden. In der materiellen Welt ist das manchmal eine Ursache von Leiden, aber in der spirituellen Welt ist genau das die Ursache von Glück. Die Freude und die Ekstase sind dadurch viel größer, dass wir zwei sind.
ANDREA: Das kann ich gut nachvollziehen, denn sonst könnte gar nicht so viel passieren. Es wäre sonst wie eine Art Stillstand – das wäre bewegungslos, nicht?
RONALD: Genau, es würde nichts mehr passieren. Deswegen gehen die mystischen Yogis, die Shaivaites und Advaitins in den Himalaya, um zu meditieren, und ziehen sich komplett aus der Welt zurück. Sie gehen nur nach innen, in die Stille, in diesen brahman-Punkt, wo sich nichts mehr bewegt, wo keine Form, kein Name, keine Eigenschaften mehr existieren – in die Leere. Das ist eine totale Stille, und das ist auch Seele. In diesem Moment erfährt sich die Seele und ruht in sich. Es gibt für die Seele eigentlich nichts zu tun. Wir müssen nichts tun, weil wir als Seele vollkommen sind. Wir sind ewig, allglückselig und voller Wissen – sad cit ananda.
Aber die Seele geht von der Freiheit aus in die spirituelle Fülle. Dort geht sie wieder in die Handlung, in das Spiel, lila. Dieser Reichtum ist die Freiheit, die Poesie, der Tanz, der Gesang. Radha und Krishna tanzen zusammen, singen zusammen, sie lieben sich und haben Sexualität. Sie haben viele Freunde, sie gehen picknicken im Wald, sie gehen baden usw. Wir können in unserer Meditation an diesen Spielen teilnehmen, und indem wir Radha und Krishna dienen, erfahren wir die gleichen Gefühle wie sie.
Das sind die lilas, die in den vedischen Schriften, den Puranas, erklärt und beschrieben werden. Das Grandiose ist: Wenn wir als Menschen uns über diese Dinge unterhalten oder darüber hören, werden wir befreit. Man nennt dies lila-smaran oder auch hari-katha. Das Hören, Sprechen und Meditieren über diese Spiele ist der sadhana, die praktische Übung.
Das Subjekt
ANDREA: Das gilt auch für uns als westliche Menschen? Ich hatte gar nicht erwartet, dass wir so viel über östliche Traditionen sprechen, weil wir über dein Buch Der absolute Ort. Eine Philosophie des Subjekts sprechen wollen. Ich finde das aber total spannend; das ist uns alles nicht so vertraut, und ich finde es wichtig als Einstieg, dass wir erkennen, dass wir eben keine Illusion sind. Lass uns noch mal auf diesen absoluten Ort zurückkommen und auf die Geschichte von Subjektivität und Objektivität und inwieweit wir uns in unserer Subjektivität erfahren müssen, um überhaupt etwas Objektives in die Welt zu bringen.
RONALD: Das war jetzt eine metatheoretische Hinführung, in der erst mal klargestellt wurde, dass wir als Individuum keine Illusion sind und dass wir als Subjekt eine subjektive Erfahrung machen. Und jetzt ist die Frage: Wie kann man das mit anderen Subjekten austauschen und wie kann man daraus ein objektives Wissen generieren?
ANDREA: Ja, und dazu stellt sich auch die Frage, inwiefern wir uns als Subjekte brauchen, um die Welt erfahren zu können. Bis jetzt bewegen wir uns als Subjekte eher in Beziehungen, wo sehr viel Kontrolle und Manipulation stattfindet – ungewollt. Das hat mit unseren Lebenserfahrungen zu tun.
RONALD: Also wenn wir eng bei dem Thema Subjekt bleiben, dann ist die Frage: Wieso überhaupt Subjekt sein? Das habe ich als eine deiner Fragen herausgehört.
ANDREA: Ja, und was hat es mit unserem Menschsein und mit unseren Formen von echter Menschlichkeit zu tun, dass wir eben Subjekte sind?
RONALD: Die Subjektivität ist das Grundaxiom. Wenn ich jetzt davon ausgehe, ich bin ein Subjekt – diese Möglichkeit haben wir gerade ein wenig diskutiert –, dann ergeben sich bestimmte Erkenntnisse darüber, wie ein Subjekt funktioniert – mit den erwähnten Strukturmerkmalen Eigenschaften, Gefühlen, Handlungen, Namen und Formen.
»Die Objektivierung der Welt ist eigentlich der Versuch, sie zu beherrschen.«
Bisher haben die Menschen dieses Wissen nicht so gut integriert und können sich selbst nicht wirklich als Subjekte wahrnehmen und vor allen Dingen können sie auch die anderen nicht als Subjekte wahrnehmen. Die Objektivierung der Welt ist eigentlich der Versuch, sie zu beherrschen.
Wir Menschen sind wie Raubtiere, die durch die Gegend rennen und den anderen als Opfer oder als Objekt betrachten (und sei es das Objekt der Begierde), das man sich einverleiben kann oder das man benutzen kann. Das ist die Grundstruktur, dass man den anderen nicht als Subjekt, als fühlendes Wesen mit einer Würde und Lebendigkeit, mit dem Wunsch nach Liebe und Schutz, mit dem Wunsch nach Frieden, nach sad cit ananda wahrnimmt und erkennt. Das sind aber die Wünsche des Lebewesens, denn Leben will leben, niemand will freiwillig sterben und niemand will das Objekt von jemand anderem sein. Keiner möchte, dass der andere ihn einverleibt, aufisst, plattmacht, ausbeutet, ausnutzt, missbraucht, misshandelt. Diese schlimmen Verhaltensweisen sehen wir dennoch so oft in der Welt.
Aber wenn ich mich selbst endlich als Subjekt erfahre, dann kann ich auch den anderen als Subjekt erfahren, und diese Subjekt-Erfahrung mache ich ursprünglich mit Gott, in der Anbetung und Beziehung zu Göttin-Gott. Das ist die Urbeziehung. Wir Menschen haben viele Beziehungen untereinander, mit dem Partner/der Partnerin, mit den Kindern, vielleicht mit einem Hund, manche sogar mit ihrem Auto. Aber ich kann auch eine Beziehung mit Gott haben, und das ist die Urbeziehung, die Matrix, die Urentsprechung, wo ich lerne, wer ich eigentlich bin, was meine Subjektivität ist, was das für Gefühle sind, die ich in dieser Beziehung fühle. So kommt diese Subjektivität in mir an, durch die Beziehung zu Göttin-Gott, aber auch auf jeden Fall durch die zwischenmenschliche Ebene, durch den liebevollen Austausch, das Fühlen der Liebe. Erst wenn wir ein solches Subjekt sind, können wir überhaupt eine menschliche Lebensform und eine menschliche Gesellschaft praktizieren.
Die Wissenschaft
Die Wissenschaft hat versucht, das Gegenüber zu objektivieren aus dem Wunsch heraus, zu überleben und das Leben so gut wie möglich einzurichten, was eine Form von Naturbeherrschung ist. Wir sind froh, dass wir eine Zentralheizung, elektrisches Licht und warmes Wasser aus der Leitung haben. Es ist gut, dass Wissenschaft und Technik das alles entwickelt haben. Ich bin dafür sehr dankbar. Ich habe gar nichts dagegen. Ich habe auch nichts dagegen, dass wir hier einen Computer haben, mit dem wir unser Online-Interview führen. Ich freue mich über eine schnelle Internetleitung und meine hochauflösende Kamera. Aber das hat auch dazu geführt, dass alles objektiviert wurde.
Die Wissenschaft verallgemeinert und generalisiert und dadurch wird die Subjektivität reduziert. Wir werden nicht mehr als einzelne individuelle Menschen wahrgenommen. Dieses unique self, dieses einzigartige Selbst, kann von der Wissenschaft so nicht erfasst werden. Wenn jeder verschieden vom anderen ist, kann man keine allgemeinen Regeln mehr aufstellen. Das würde nicht funktionieren. Wenn für jeden Einzelnen etwas anderes gilt, dann kannst du überhaupt gar nichts mehr verallgemeinern, keine Muster finden und keine allgemeinen Gesetze ableiten. Dann kannst du nicht mehr sagen: »Wenn wir das tun, dann passiert das, und das gilt für alle.«
Wir müssen Dinge verallgemeinern, bestimmte Regeln aufstellen oder Erkenntnisse generalisieren. Wir gelangen zu diesen notwendigen Verallgemeinerungen durch unseren kognitiven Apparat. Das ist die dialektische Spannung zwischen Einzigartigkeit und allgemeiner Objektivität. Subjekt und Objekt befinden sich in einer Dialektik. Und jetzt ist die Frage: Wie kann ich zu einem objektiven Wissen kommen, ohne meine Subjektivität und die des anderen aufzugeben?
Der Schlüssel zur Verbindung
Die Wissenschaft klammert die Subjektivität des Wissenschaftlers aus, weil diese die Wissenschaft verfälscht. Aber wenn ich die Subjektivität erhalten will, dann geht das, so glaube ich, indem ich meine Subjektivität radikal ehrlich offenlege. Ich erforsche mein Selbst und teile es ehrlich mit den anderen. Diese Ehrlichkeit ist sehr bedeutend. Das ist die Schattenarbeit, die wir machen und in der wir lernen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen. Das ist psychologische Aufklärungsarbeit, emotionale Heilungsarbeit und auch Körperheilung. Es bedeutet, wirklich mich selbst zu finden und mich in meiner Subjektivität zu zeigen. Dann kann der oder die andere seine/ihre eigene Subjektivität spüren. Wenn ich meine spüre, spürt die andere Person ihre Subjektivität und ihre biografische Relativität, in der sie sich in Zeit und Raum befindet, und das ist in jeder Sekunde und an jedem Ort eine andere. Es gibt keine zwei gleichen Wahrheiten in diesen Konstellationen hier in der 3-D-Welt, weil jede/r an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit ist. Manchmal ist man gleichzeitig, so wie wir beide gerade gleichzeitig sind, aber wir sind an verschiedenen Orten. Bisweilen können wir am genau gleichen Ort sein – aber zu unterschiedlichen Zeiten. Wenn ich jetzt auf dem Stuhl sitze, kann kein anderer auf dem Stuhl sitzen. Aber wenn ich von diesem Stuhl aufstehe, kann sich jemand anderes auf den Stuhl setzen und am gleichen Ort sein, wenn auch nicht gleichzeitig. Oder man schläft miteinander und ist praktisch so gut wie gleichzeitig am gleichen Ort, aber es klappt nicht so ganz, weil wir nicht ganz eins werden. Es ist unsere große Sehnsucht, zu verschmelzen und zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein.
Es handelt sich hier um die generelle Raum-Zeit-Problematik, die Relativität, und deswegen gibt es dieses unique self. Der Schlüssel zur Verbindung ist, dass beide ihre Subjektivität klar äußern. Wenn beide ihre Subjektivität fühlen, dann manifestiert sich in dem Zwischenraum das, was für beide gilt, und das ist das Objektive. Und es ist auch die Wahrheit. Es ist das, was für alle gilt.
Um das ganz zu erreichen, müssen wir aus unserem Ego heraustreten und uns in das reine Sehen der Wahrheit begeben. Wenn wir das erreicht haben, dann ist die ganze Gesellschaft in Einklang – ein Orchester mit einer harmonischen Melodie, die mit Gott verbunden ist. Dann funktioniert das hier in der Gesellschaft. Dann fließt alles, und es gibt keine Kollisionen mehr. Bisher gab es immer Kollisionen, weil die Egos ständig aufeinanderprallen: »Ich bin Gott!« »Nein, ich bin Gott!«
Jeder will Gott sein, jeder möchte das Zentralgestirn sein, um das sich alles dreht. »Ich bin das Zentrum, und alles dreht sich um mich.« – Das ist die falsche Subjektivität. Das ist die ohne Gott. Dann gibt es Komplikationen. Deswegen bin ich mit der Idee der Esoterik ein bisschen vorsichtig, die besagt »Ich bin Gott«.
ANDREA: Ja, ich habe damit auch aus ähnlichen Gründen meine Probleme. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, was du da sagst, und finde es wichtig, dass wir das hier thematisieren. Das heißt nicht, dass wir jetzt zu den Ego-Verteuflern gehören. Ich denke, das sollte man auch noch mal an dieser Stelle sagen, denn das Ego wird zum Beispiel mit dem Verstand gleichgesetzt. Es leistet uns natürlich gute Dienste, wenn wir Prioritäten setzen und die innerlichen Herrschaftsverhältnisse klären.
RONALD: Genau. Es wird im bhakti vedanta zwischen falschem und richtigem Ego unterschieden. Es gibt ein richtiges Ego, das ist dieses Subjekt. Das steht in Einklang mit Gott und Göttin.
ANDREA: Jetzt sprachst du noch mal von Gott und Göttin, und dazu möchte ich eine Frage stellen, weil du vorhin sagtest, dass wir eine persönliche, subjektive Beziehung zu Gott haben. Viele Menschen machen aus Gott ein Objekt. Aber ich glaube nicht, dass das so bei dir gemeint ist.
RONALD: Nein, aber wie meinst du das mit dem Objekt?
ANDREA: Es wird sich bildlich vorgestellt und wird objektiviert, so wie wir alles als Objekt empfinden. Wir empfinden das, was um uns herum ist, generell als Objekt, obwohl das teilweise, wenn es sich um lebende Systeme handelt, genauso ein Subjekt ist. Die Erde ist letztendlich auch ein Subjekt. Aber wer nimmt die Erde als Subjekt wahr?
Der Unterschied von lebendig und unbelebt
RONALD: Genau, das ist die Transformation in der Wahrnehmung. Wenn man die Subjekttheorie in die Praxis überführt hat – die Philosophie des Subjekts, die ich in dem Buch Der absolute Ort beschreibe –, dann erkennt man, dass alle lebende Subjekte sind: Mutter Erde, die Tiere, die Pflanzen, die Flüsse und alles Mögliche.
Wenn etwas ›tot‹ ist, zum Beispiel ein Mikrofon oder ein Stuhl oder ein in der Wand verbauter Stein, dann sind das alles von uns Menschen kulturell bearbeitete Objekte. Ich nehme ein Erz von Mutter Erde, das ist ein Teil eines lebenden Wesens, verschmelze das und mache daraus ein Metall und daraus dann ein Mikrofon. Das Gleiche mache ich mit verschiedenen anderen Komponenten wie Glas, Plastik oder Holz. Ich fälle einen Baum, ein lebendes System, und mache Bretter oder Platten daraus und baue daraus einen Schrank, einen Tisch oder einen Stuhl.
Diese handwerklichen und technischen Produkte sind tote Objekte, weil ich eben vorher das subjektive Wesen getötet habe. Ich habe das gebraucht, kontrolliert, beherrscht und getötet. Und dann kann ich etwas daraus machen, was ein totes Objekt ist. Aber ursprünglich gibt es nur Lebewesen.
Die Erde, die Steine, die ich aus dem Boden hole, sind ein Teil von Mutter Erde. Manchmal fallen Teile des Lebewesens ab, zum Beispiel Haare oder abgebrochene Zweige. Das ist dann nicht mehr das Lebewesen. Das Gleiche ist der Fall, wenn ich mir einen Fingernagel abschneide. Das geht, denn es gibt Sachen, die man von einem Lebewesen nehmen kann, ohne dass es stirbt. Es macht mir nichts aus, wenn ich meine Fingernägel abschneide, weil sie zu lang sind. Ich bin eher froh, dass sie wieder kurz sind, sonst komme ich irgendwann nicht mehr an meine Computertasten ran. In diesem Sinn kann ich einige Bestandteile von Lebewesen nehmen, zum Beispiel Steine, solange Mutter Erde darunter nicht leidet.
In dieser subjektiven Sicht gibt es in dem Sinne gar keine Objekte mehr. Wir sehen andere Subjekte als Objekte der Wahrnehmung, aber das Besondere dieser Objekte ist, dass sie Subjekte sind. Das Subjekt ist als Wahrgenommenes ein lebendiges Objekt. Es ist ein Wahrnehmungsobjekt, das in seiner vollständigen, lebendigen Ganzheit erkannt wird. Das geht nicht mit dem Mikrofon, denn das hat keine ›Seele‹, es wird nur aus toten Sachen zusammengebaut, mittels Technik. Ich verwende den Begriff ›Objekt‹ hier etwas anders als du.
Die technische Bearbeitung betrifft die physischen Gebrauchsgegenstände. Man muss sich vorstellen, wie viele Dinge durch unsere technische, handwerkliche Fähigkeit oder unsere künstlerischen Tätigkeiten hergestellt werden. Aber die Lebewesen an sich gibt es nur lebend. Mit der Subjekttheorie und Subjektpraxis verstehe ich das und fühle diese Wesen. Dann bin ich in einer ganz anderen Welt – der spirituellen Welt. In der spirituellen Welt ist alles belebt und beseelt. Alles ist zur Freude von Göttin-Gott da, das ist eigentlich der Sinn der ganzen Sache – und dann natürlich auch zu unserer Freude.
Entsubjektivierung
ANDREA: Ja, das ruft letztendlich auch erst die Menschlichkeit und das Mitgefühl in uns hervor. Für Objekte haben wir selten Mitgefühl. Wir brauchen diesen Subjektfaktor, um human zu sein, um uns menschlich zu verhalten.
RONALD: Ganz genau.
ANDREA: Aber dafür ist es wichtig, dass der Blick dafür geschärft wird. Selbst Tiere werden als Objekte gesehen. Sie werden nummeriert! Das hat alles einen Objektcharakter für uns Menschen. Wie sollen wir uns jemals menschlich und liebevoll mit allem verbunden fühlen können, wenn wir in allem immer nur Objekte sehen?
RONALD: Genau, wir objektivieren, um diese anderen Subjekte zu beherrschen. Wenn wir sie als Subjekte wahrnehmen würden, könnten wir sie nicht beherrschen und ausbeuten. Wir müssen sie objektivieren, um das Fühlen und die ethischen Erwägungen zu vermeiden. Wir verkleinern dadurch unsere Liebesfähigkeit oder machen sie durch diese Objektivierungstendenz zunichte.
ANDREA: Wahrscheinlich könnten wir die Tiere so auch nicht essen. Also das ist bei mir der Grund, weshalb ich kein Fleisch esse, einfach weil ich in Tieren Subjekte sehe. Ich kann es einfach nicht mehr. Ich will jetzt hier nicht missionieren, das muss jeder für sich entscheiden.
RONALD: Das ist auch eine Frage der Entsubjektivierung, wie du sagst: Ich kann das nicht mehr als Subjekt betrachten, denn sonst kann ich es nicht mehr essen. Aber du kannst die Pflanze als Subjekt betrachten und kannst Teile von der Pflanze essen, ohne sie zu töten, die Blätter, Früchte, Blumen, Samen. Auch die Kuh gibt uns gerne die Milch, daraus kann man auch viele Präparationen zubereiten. Allerdings werden hier im Westen die Kühe missbraucht und misshandelt, um an ihre Milch zu gelangen. Ihre Kinder werden ihnen weggenommen, und das ist ein großes Leid. Deswegen werden die Menschen Veganer.
Der Sinn der 3-D-Welt
Die ganze Gesellschaft befindet sich durch diese Entsubjektivierung in einem negativen, destruktiven Modus. Das Thema ist uralt. Immer wenn die Leute Krieg führen, muss der Gegner entsubjektiviert werden, er wird vernichtet oder zumindest unterjocht. Aber wir entwickeln uns immer mehr hin zu ethischen Prinzipien, und ich glaube, das ist unsere Aufgabe in dieser 3-D-Welt, in Raum und Zeit: zu lernen, miteinander auszukommen. Es kann eben nicht jeder zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein. Wir müssen um den anderen herum. Wenn du mir jetzt im Weg stehst und ich will geradeaus, dann muss ich um dich herumgehen. Das geht schon räumlich nicht, dass ich durch dich hindurchgehen kann. Das ist alles sinnvoll, denn dadurch lerne ich »Oh, da ist jemand, auf den ich Rücksicht nehmen und mit dem ich mich irgendwie ins Benehmen setzen muss«. Ich muss irgendwie mit dem Gegenüber auskommen.
»Eigentlich ist es unsere Befreiung, wenn wir auf die anderen Menschen auch Rücksicht nehmen und sie als Subjekte würdigen.«
Dieses Gegenüber ist ein Subjekt, das selbst Bedürfnisse und Wünsche hat, womöglich sogar andere als ich. Ich muss es fragen: »Hey, wer bist du überhaupt und was willst du hier? Was brauchst du, was sind deine Bedürfnisse?« So müssen wir uns durcharbeiten, bis wir zu befreiten Wesen werden, denn eigentlich ist es unsere Befreiung, wenn wir auf die anderen Menschen auch Rücksicht nehmen und sie als Subjekte würdigen, wertschätzen und erkennen: »Ich erkenne dich!«
Das ist die Urgeschichte mit Adam und Eva: »Und sie erkannten sich.« Durch den Sündenfall müssen wir durch, um am anderen Ende wieder rauszukommen, wo wir dann nicht mehr die Kinder im Paradies, im Reich Gottes sind, sondern Erwachsene. Dann sind wir auf einer Höhe mit Göttin-Gott, denn das ist es, was sie von uns wollen. Dann haben wir ein geläutertes Urteilsvermögen. Sie wollen keine kleinen Kinder, die immer nur quengeln oder Dummheiten machen. Jeder wird irgendwann mal geboren und muss durch diese Entwicklungsprozesse hindurchgehen. Irgendwann sollten wir aber vernünftig werden und unsere Verantwortung anerkennen. Dann sind wir vielleicht irgendwann einmal so ähnlich wie Göttin-Gott – wenn wir das alles erledigt haben. Im Moment sind wir wie ungezogene Kinder, oder Schlimmeres.
Und das ist die bedeutende Nachricht: Wir brauchen die 3-D-Welt und unsere Subjektivität, um zu lernen, wie man sich in der spirituellen Welt benimmt und auf spirituell korrekte Weise in Beziehung tritt. Erst wenn wir das können, werden wir im Reich Gottes zugelassen. Die 3-D-Welt lehrt uns die elementaren Parameter einer befreiten Person. Diese ist nämlich nicht nur allein für sich selbst befreit, sondern nur im Verbund mit den anderen Seelen. Wir lernen hier durch unsere Kollisionen, was geht und was nicht geht, und entwickeln ethische Reinheit und Urteilsvermögen. Wir sind ewige individuelle Seelen sowohl hier auf der Erde als auch in der spirituellen Welt, weil sich nur so alle Wahrheiten offenbaren. Eine solipsistische* advaita-Befreiung, wo ich dann alles bin, ist keine große Leistung. <Anmerkung: Als Solipsismus (lateinisch sōlus ‚allein‘ und ipse ‚selbst‘) wird in der Philosophie die These bezeichnet, dass nur das eigene Ich existiert. Häufiger Ausgangspunkt solcher Bedenken ist die Auffassung, dass es unmöglich sei, Gewissheit über eine Realität außerhalb des eigenen Bewusstseins zu erlangen.>
ANDREA: Wir sind eben individuelle Seelen, und soweit ich weiß, haben wir auch alle unterschiedliche Grade innerer Reife. Das macht es so schwierig und führt dazu, dass wir uns oft untereinander reiben, denn die einen sehen die Welt mit den Augen eines Subjekts und erfassen vieles als Subjekt, während andere das Gegenüber noch als Objekt erkennen. Das sage ich wertfrei, damit will ich niemanden verurteilen. Das darf alles so sein, aber das sind die Dinge, die wir lernen dürfen. Du hast vorhin von Einklang gesprochen. Wenn wir das alles irgendwann in Einklang bringen wollen, dann müssen wir wertneutral bleiben, aus diesem Verurteilen herausgehen und die Dinge so, wie sie sind, stehen lassen können.
RONALD: Ja, wir können andere Menschen sowieso nicht ändern. Wenn, kann sie Gott ändern oder die Gnade Gottes, aber wir nicht. Dann hätten wir ja die Kontrolle über den anderen, dann wäre er kein Subjekt. Subjekt bedeutet Freisein. Ich bin ein freier Mensch und eine individuelle, eigenständige Person. Ich bin ein Subjekt, wobei das Wort »Subjekt« aus dem Lateinischen kommt und »unterworfen« bedeutet. Im Englischen sagt man zum Beispiel: »I‘m subjected to this situation« – Ich bin dieser Situation unterworfen. Der Begriff ›Subjekt‹ bezieht sich meines Erachtens auf Gott, weil wir eigentlich Gott unterworfen sind. Wir müssen feststellen, wir sind nicht Gott. Gott ist groß, wir sind klein. Das ist aber schön, weil wir dann Göttin-Gott dienen können.
Das ist es, was die Seele will. Das ist, was uns im tiefsten Grunde zufriedenstellt: zu Diensten zu sein für die gute Sache. Das ist wertfrei, weil kein Ego mehr da ist. Aber wie du sagst: Jeder ist auf seinem Entwicklungsniveau, und auch das ist die göttliche Weisheit. Wir wachsen und entwickeln uns. Das ist der wertfreie Blick, und ich glaube, man kann sagen, dass man mehr Schmerzen hat, wenn man in dieser Entwicklung noch sehr unvollständig und unreif ist, weil dann Dinge oft schiefgehen, man irgendwo mit einem anderen Wesen kollidiert, oder es sich nicht von einem ausbeuten lassen will und sagt: »Nee, du hast mich hier gerade verletzt, das will ich nicht.« – »Was? Ich wollte dich ja nur küssen!« – »Aber ich will dich nicht küssen.« – »Ach so, okay.«
Ich meine, damit muss man irgendwie klarkommen. Deswegen muss sich jeder entwickeln, solange bis diese Dinge verarbeitet sind und bis man den anderen als vollwertiges, eigenständiges Subjekt akzeptiert. Dann kann man anfangen, an Erleuchtung zu denken.
ANDREA: Sehr viel Schattenarbeit. Ich glaube, dass es guttut, wenn wir lernen, uns dafür auch mit unserem tiefen Willen, wie ich es nenne, zu verbinden, um in die Lage zu kommen, die anderen so zu akzeptieren, wie sie sind. Denn ich glaube, unser tiefer Wille, also der Wille unserer liebenden Seele, ist, dass wir in Einklang mit allen sind, und das ist letztendlich auch der Wille von Göttin-Gott.
RONALD: Genau, wir haben das in uns drin, wir sind alle ewige Seelen. Unser atman im Sanskrit, oder neschamah im Hebräischen, diese Seele ist unser eigentlicher Kern. Das Sanskrit-Wort atman gibt es im Altgriechischen als atomos. Das ist das Unteilbare, das, was man nicht spalten kann.
Das Interview führte Dr. Andrea Gillert.
Zum Autor
Ronald Engert, geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. 2017 Bachelorabschluss in Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Jetzt im Master-Studium. Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.
Blog: www.ronaldengert.com
Bildnachweis: © Adobe Photostock
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Ein Gespräch über Liebe, Freiheit und den göttlichen Tanz - TV 66: Ronald Engert – Der Andere. Erkenntnis jenseits des Ich
- TV 48: Ronald Engert – Wir sind alle ewige Personen.
Zur Existenz eines individuellen Selbst - TV 16: Narayana Maharaja – Liebe zu Göttin-Gott.
Das ursprüngliche Bedürfnis der Seele - TV 01: Bhagavad-gita – Die Unsterblichkeit der Seele.
Bhagavad-gita, Kapitel 2, Vers. 11–30, Originaltext - TV 01: Marcus Schmieke – Kritik der unreinen Vernunft.
Nach Bhaktivinoda Thakuras »Tattva Viveka« - OS 20: Ronald Engert – Was ist Spiritualität?
- OS 17: Alia Lesko / Dr. Thomas Wachter – Jenseits von Satsang
- OS 17: Ronald Engert – Der Sinn des Lebens
Der Text basiert auf einem Interview, das Dr. Andrea Gillert für ihre Online-Akademie »Be humane« führte. https://be-humane.academy/. Ein weiteres Interview mit Ronald Engert erschien im Online-Kongress von Andrea Gillert: »Stunde der Menschheit« https://stunde-der-menschheit.com/



