Lernen und Leben im Kral eines südafrikanischen Schamanen
Das Leben führt die Autorin Hella Schwerla zu einem Sangoma-Schamanen, der sie daraufhin in seinen Kral in einem südafrikanischen Dorf einlädt. Sie folgt der Einladung, ohne zu ahnen, dass dieser Aufenthalt ihr Leben gänzlich verändern wird. Dabei berichtet sie ehrlich von ihren Erfahrungen bei dem Sangoma und den Herausforderungen, seien es die Hitze oder die intensiven spirituellen Erlebnisse, und gibt einen unmittelbaren Eindruck in das Wirken und Arbeiten der Sangoma aus der Perspektive einer eher skeptisch eingestellten Europäerin.
Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.
– Sprichwort aus Südafrika –
Als Kind hatte sie einen starken spirituellen Bezug jenseits der katholischen Kirche. Geprägt wurde sie von der rauen Natur des neblig-moorigen Emslands, von Feen, Geistern und Spökenkiekern. Die verachtete Kräuterhexe im Dorf machte ihr klar, dass sie hellseherische Kräfte hatte.
Schon früh erkannte sie, dass sie sich ausschließlich durch Bildung und Lernen aus der familiären und dörflichen Zwangsjacke befreien konnte. Trotz harter bäuerlicher Arbeit bestand sie die Anforderungen der höheren Schulen – ihr Zugang zum Schlüssel in die Freiheit.
Kaum der Enge des Dorfes durch Flucht entronnen, genoss sie als Mädchen freies Denken und Fühlen in England, besonders im Swinging London, durch den Charme der südfranzösischen Landschaften und in Paris.
Als junge Journalistin machte sie sich einen Namen durch ihre Begabung, gestellte Themen nicht nur durch gute Recherchen und Interviews zu bewältigen, sondern vor allem, indem sie mit den Menschen, die Inhalt ihrer Arbeit waren, lebte, sie erforschte, sich einließ. Sie war bekannt für ihre Unbestechlichkeit und für den Mut, gegen Missstände zu kämpfen, über die sie schrieb.
Da sie immer länger als die Kollegen brauchte, waren die Einnahmen eher bescheiden. Was ihr egal war, solange sie ein Dach über dem Kopf hatte, genug zu essen und ein Stückchen Erde, das ihr Sicherheit verhieß.
Alles, was nicht beweisbar war, wurde von ihr mit dem Etikett Aberglauben versehen.
Selbst wenn sie spirituelle Erlebnisse hatte – wenn beispielsweise Verstorbene bei ihr auftauchten –, tat sie das als Albträume und Unsinn ab. So wurde sie schon Anfang der 80er-Jahre zu den ersten Treffen von Heilern, Schamanen und spirituellen Führern geschickt, um den beginnenden esoterischen Boom objektiv zu beobachten und zu beschreiben.
»In diesen Jahren erkannte sie immer mehr, dass es keinen objektiven Journalismus gibt, sondern dass der Schreibende immer seine subjektiven Eindrücke verwendet.«
In diesen Jahren erkannte sie immer mehr, dass es keinen objektiven Journalismus gibt, sondern dass der Schreibende immer seine subjektiven Eindrücke verwendet. Weil sie sich wieder einließ, anfing, die Protagonisten, die sie kritisieren sollte, zu sehen, wie sie waren, ihre eigenen Vorurteile infrage stellte. So entwickelte sie einen Stil, der in den konservativen Medien nicht immer auf Gegenliebe traf.
Offen wie sie nun war, begegnete sie wunderbaren Menschen, die sich oft auf die weite Reise gemacht hatten, weil die Sorge um den Planeten sie antrieb, weil sie sahen, dass die Zerstörung unserer Umwelt weit über ihr eigenes Leben, das ihrer Stämme, Länder hinausging.
Sie hielt Zwiesprache mit dem Dalai Lama, als er das erste Mal in Europa war. Sie erlebte den über 100-jährigen José Matsuwa aus Mexiko, Schamanen indianischen Ursprungs oder peruanischen, wie Don Eduardo Calderon, mit dem sie bis zu seinem Tod befreundet war und dessen Familie sie noch heute unterstützt. Die eher melancholischen Schamanen aus dem Norden wie Galsan Tschinag und Ailo Gaup beeindruckten sie ebenso.
Bei den Begegnungen mit diesen authentischen Menschen lernte sie, erinnerte sie sich an ihre eigenen Ursprünge, an sich selbst.
Inzwischen berichtete sie nicht mehr über diese Treffen, sie nahm teil, zuerst als Gast und dann immer mehr als Betreuerin der Eingeladenen. Mit den südamerikanischen Schamanen war sie besonders gern zusammen wegen deren mitreißenden Lachens.
Zwei Jahre vor der Jahrtausendwende fand dann der Kongress am Mondsee in Österreich statt. Ihr wurde ein Sangoma aus Südafrika zugeteilt, Jambolane Mpapane, und sein Übersetzer Ngwenya. Bunte traditionelle Gewänder, Ziegenfelle am Körper und auf dem Kopf, Federschmuck überall. Scheue Gesichter, unbeholfen zuerst. Sie waren den Trubel nicht gewöhnt. Mpapane sprach nur Swazi, Ngwenya übersetzte ins Englische.
Der Sangoma (https://de.wikipedia.org/wiki/), so werden viele Schamanen aus Afrika genannt, lebte mit seinem Stamm im Dreiländereck Südafrika, Mosambik, Swasiland. Die Briten und Niederländer aus Südafrika interessierten sich vor fast 200 Jahren wegen der großen Rohstoffvorkommen für das Swasiland. So kam es, dass im Grenzgebiet beheimatete Swazis zwar Südafrikaner sind, aber weiterhin mit ihren Bräuchen leben können.
Das bedeutet, dass an der Grenze in Südafrika Swazis leben, die bis heute Swazi sprechen. Und dass Männer nach Belieben ganz offiziell so viele Frauen heiraten dürfen, wie sie in der Lage sind zu ernähren und von den Eltern zu »kaufen« – gegen eine Ablösezahlung in Form von Kühen – hier ein lebensnotwendiger Ausgleich für die Eltern, die durch die Heirat jeder Tochter eine Arbeitskraft verlieren. Die vielen Kinder sind wichtig, um die Alten später mit ernähren zu können. Auch wenn diese Swazis zum christlichen Glauben missioniert wurden, durften sie weiterhin ihre Bräuche leben. Das Christentum anerzogen, Geister und Ahnen weiterhin verehrend und zurate ziehend.
Als die beiden Afrikaner ihrer Betreuerin vorgestellt wurden, lächelten sie zum ersten Mal. Es war Vertrauen und Sympathie auf beiden Seiten.
Sie begleitete die beiden in die Seminare, wo die durchweg weißen Teilnehmer wissensdurstig Fragen stellten. Es holperte in der Kommunikation, und als sich der Sangoma weigerte, ohne den traditionellen rituellen Kontext sein Bündel mit den Knochen zu öffnen, seine Methode zu demonstrieren, gab es viele enttäuschte Gesichter. Man hatte schließlich gut bezahlt und wollte etwas dafür haben.
Auch in den freien Stunden kümmerte sie sich um die afrikanischen Gäste. Mpapane war von heftigem Heimweh gequält. Er war aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen und litt. Eine Fahrt mit den beiden an den Achensee, wo sie sich an Schnitzel und viel Eiscreme zum Nachtisch gütlich taten, erhellte ihre Gemüter zusehends. Sie machte ihnen klar, dass die Organisatoren viel Arbeit und Geld investiert hatten und nun etwas von ihnen erwarteten. Mpapane und Ngwenya sahen es ein und gaben sich dann redlich Mühe, den Teilnehmern gerecht zu werden, Fragen zu beantworten und das Knochenorakel zu erklären.
Am letzten Abend vor dem Rückflug fragte sie ihn, warum er eigentlich die lange Reise auf sich genommen habe. »Es war ein Traum«, antwortete er. Nachdem die Scouts, die den Stamm gefunden hatten, ihm das Angebot gemacht hatten, habe er erst nach diesem Traum zugesagt: »Ich träumte, ein riesiger silberner Vogel flöge über ein großes Meer zu einem Land in den Bergen. Dort traf ich dann die Retterin meines Volkes.« Dann schaute er sie lange an. Sie lachte herzlich und sagte, da müsse er sich geirrt haben, denn sie habe nicht die Gabe, Völker zu retten. Sie habe schon genug damit zu tun, sich selbst zu retten.
»Du wirst zu uns kommen. Es kann dauern, aber ich sehe dich in meinem Kral.«
Der Sangoma schwieg lange und sagte dann bestimmt: »Du wirst zu uns kommen. Es kann dauern, aber ich sehe dich in meinem Kral.« Ngwenya, der Übersetzer, betonte, dass das eine Einladung sei und er auf sie warten würde.
Das dauerte dann wirklich noch ein paar Jahre, in denen sie hin und wieder einen Brief bekam, in dem er die Einladung wiederholte. Diese Briefe waren monatelang unterwegs, bevor sie in Deutschland ankamen.
Kurz vor der Jahrtausendwende war die Auftragslage schlecht für sie als freie Autorin, eine schmerzhafte Trennung noch nicht überwunden. Und so beschloss sie, die Reise nach Afrika anzutreten, ein ganz anderes Abenteuer zu wagen, obwohl sie die 50 schon weit überschritten hatte. Aus dem kalten Deutschland in die Wärme einzutauchen, reizte sie. Dass es nicht nur ein paar Wochen, sondern fast ein halbes Jahr dauerte, bis sie zurückkam, die Reise ihr Leben auf den Kopf stellte, sie dem Tod nahe war, ahnte sie damals noch nicht.
Die ersten Wochen im Kral des Sangoma waren eine Vorhölle. 40 bis 50 Grad im Schatten, wobei es keinen Schatten gab. Eine Hütte mit einem Dach aus Wellblech. Mpapane bekam sie kaum zu Gesicht, der versprochene Übersetzer war nicht da. Nur Zischlaute, die sie nicht verstand. Kein Auto, kein Handyempfang, kein elektrisches Licht, Dreck, ein einziges Klo für den ganzen Stamm. Das Essen musste sie sich auf dem Feld suchen. Verzweiflung pur, Fluchtreflexe und keine Chance zu fliehen im Niemandsland.
Nach ein paar Wochen entdeckte sie zwei Frauen im Stamm, die etwas Englisch verstanden, bekam aber keine Gelegenheit, den Sangoma zu sprechen. Sie hatte gehofft, ihn auf seinen Reisen zu Klienten begleiten zu können, etwas zu lernen. Wenn er fort war, ließ er ihr ausrichten, dass sie ihn im Kral nun vertreten müsse. So tat sie ihr Bestes, den Kranken mit ihren Reisemedikamenten zu helfen, mit nassen Tüchern bei Fieber, Globuli, Handauflegen. Es schien zu helfen.
Sie selbst wurde krank, hatte hohes Fieber, fand sich mit Schorf bedeckt. Die Frauen tauchten sie in ein heißes Kräuterbad, in dem sie bewusstlos wurde, mit ihrem Leben abschloss. Nach einer Woche wachte sie gesund auf.
Dann gelang es ihr mithilfe einer der beiden Frauen, ein Auto zu organisieren nach stundenlangem Fußmarsch in der Hitze, um Nahrung in einer kleinen Stadt zu beschaffen. Eine fünfstündige Fahrt auf einem überladenen Pick-up. Eine weiße Burin, die sie beim Einkaufen traf, lud sie zu sich ein, und sie fuhr eine Woche mit ihr ans Meer. Dass sie danach zurückkehrte, geschah aus der Gewissheit, dass der Kral, der Stamm, der Sangoma die richtigen Herausforderungen waren, um zu lernen, dass sie Prüfungen zu bestehen hatte.
Als sie wieder im Kral war, waren die äußeren Bedingungen die gleichen, doch ihre innere Haltung hatte sich verändert. Inzwischen war Ngwenya, der Übersetzer, angekommen, sie fing an, die Menschen, den Kral, den Sangoma mit anderen Sinnen zu erleben. Sie gehörte jetzt zu ihnen, wurde Teil der schwarzen Familie.
Ein Fest zu ihren Ehren wurde nach ihrer Rückkehr gefeiert, und dann, als Janette, die weiße Burin, zu Besuch kam, erlebte sie den Sangoma zum ersten Mal in seinem Element, dem Knochenwerfen:
Andächtig breitet er ein besonderes blaues golddurchwirktes Tuch auf dem Boden aus und setzt sich zu uns. Er schließt ein paar Minuten die Augen und pfeift leise vor sich hin. Ngwenya flüstert, dass er die Ahnen ruft und die Geister, vor allem den Wassergeist, zu dem er eine besonders gute Beziehung habe. Dann nimmt Jambolane alle Gegenstände und wirft sie auf das blaue Tuch. Ich sehe dort kleine und größere Knochen, ob vom Tier oder vom Menschen erkenne ich nicht. Es gibt auch Steine und Muscheln in allen Größen, meine mit der Perle ist auch dabei, Scherben, ein buntes Durcheinander. Ganz kurz rebelliert mein Magen, Neid will aufkommen, denn für mich hat er das in der ganzen Zeit noch nicht gemacht. Aber dann freue ich mich einfach, dabei sein zu können.
Lange und nachdenklich schaut Jambolane auf die ausgebreiteten Gegenstände und sagt dann, was ihm von den Geistern übermittelt wurde. Jannette sei schon lange nicht mehr glücklich, aber es läge nur an ihr, frei zu sein. Dass sie nicht so viel Alkohol trinken solle. Ihr Leben würde sich verändern, und dazu habe der Große Geist mich geschickt. Sie habe die Kraft dazu. Sie habe ein gutes Herz, eine schöne Seele, und man sei ihr sehr dankbar für das, was sie für ihre schwarzen Mitmenschen getan habe. Nun müsse sie aber mehr für sich selbst und ihre Gesundheit tun. Weiße Menschen essen zu viel und zu fett.
Dann reicht er ihr eine Plastikflasche mit einer grünlich-grauen Flüssigkeit. Das seien Heilkräuter. Jannette ist beeindruckt, bedankt sich und fragt, was das Knochenlegen koste. Er wehrt ab, das sei ein Geschenk für die Freundin seiner Freundin. »Darf ich dir denn etwas für die Kinder als Geschenk geben?«, fragt Jannette. Sie habe ja nicht gewusst, was sie brauchen, deshalb möchte sie ihm Geld dafür dalassen. Nach einigem Palaver nimmt der Alte es an, sicherlich ein Vielfaches dessen, was er sonst für seine Orakel bekommt.
Nach und nach erfasste sie die täglichen Rituale, auch das Einerlei, in dem sie auf sich zurückgeworfen wurde. Die Frauen gingen der harten Arbeit auf dem Feld nach, der Sangoma empfing sie manchmal. Hin und wieder beantwortete er ihre Fragen, manchmal schlief er einfach ein. Er bildete neue Sangomas aus, die mit rot gefärbten Haaren eng zusammengepfercht in den Hütten lebten, für sich waren und fast nichts als Kräuter zu essen bekamen, die sie als Schaum wieder erbrachen.
Abends versammelten sich die Schülerinnen und Schüler mit den Frauen und Kindern im Trommelraum, tanzten, beteten. Der Sangoma betrat den Raum. Seine ältesten Frauen waren Sangomas und warfen die Knochen bei Klienten im Trommelraum, verordneten Kräuter.
Sie konnte mit ihnen tanzen und trommeln, meist belagert von den Kindern, die nach und nach keine Angst mehr vor ihrem weißen Gesicht hatten. Vor allem, weil sie inzwischen so roch wie die Mütter.
Eine der Frauen, Thoko, nannte sie Kleopatra, weil sie so schön war. Sie wurde ihre wichtigste Freundin in dieser Zeit. Diese lernte schnell ein besseres Englisch, sie ein paar Sätze Swazi.
Kleopatra erklärt mir nun ausführlich, dass drei von Jambolanes ältesten Frauen auch Sangomas sind. Ich weiß, dass diese Ausbildung drei Jahre dauert, und das strebe ich schon lange nicht mehr an. Da brauche ich nur die Schülerinnen und Schüler des Alten anzusehen – im Moment sind es noch zwei Frauen und ein Mann. Ich sehe, wie sie jeden Tag Kräuter essen müssen, die sie in weißem Schaum wieder von sich geben, und immer dünner werden. Mir ist nicht klar, ob sie überhaupt etwas zu essen bekommen. Ich bin froh, dass ich diese Monate überlebt habe, drei Jahre sind für mich undenkbar.
Der junge Mann wird auf eine Matte gesetzt und stellt Fragen. Warum er immer müde ist, nicht mehr arbeiten kann, wie er eine Frau bekommen soll, wenn er nicht weiß, wie er die Lobolla bezahlen kann. Und wer seine Hühner gestohlen hat.
Die drei Frauen tanzen sich in Trance, wie auch die drei Schüler, sie wedeln mit rauchenden Sträuchern, schwingen lange Stäbe, kreischen in den höchsten Tönen, legen den Mann auf die Matte, berühren ihn. Die Trommeln begleiten das Ritual – stundenlang. Die Zuschauer, auch die Kinder, sind still. Die älteste Frau, die fast so alt ist wie Jambolane, wirft das Knochenorakel und spricht mit hoher Stimme mit ihm. Nun tut es mir doch leid, Ngwenya nicht um eine Übersetzung gebeten zu haben. Von Kleopatra, die fasziniert zuhört, erfahre ich nur wenig.
Er habe etwas Krankes in den Gedärmen, und sie haben ihm Kräutergetränke gegeben. Das Brechen und Schwitzen hat er schon am Nachmittag hinter sich gebracht. Sie haben ihm gesagt, dass er sich anders ernähren muss. Und für die Lobolla soll er mehr arbeiten. Die Hühner habe ihm jemand gestohlen, dem er etwas schulde. Derjenige habe außerdem viele Kinder, die Hunger haben. Das nächste Mal solle er dem Dieb etwas schenken, dann stehle er nicht. Der Wassergeist habe gesagt, dass das, was passiert ist, ganz richtig war, damit er eine Lehre bekommt.
Der junge Mann schlägt beschämt die Augen nieder, bedankt sich aber bei den Frauen und scheint erleichtert zu sein. Dann wird weiter getanzt und getrommelt. Ich frage Kleopatra, wo der junge Mann jetzt bleibt. »Er kann nachher hier schlafen, und morgen ganz früh läuft er zurück. Vielleicht ist er dann gegen Mittag zu Hause.«
Wochen später, als sie die Hoffnung schon lange aufgegeben hatte, teilte Ngwenya ihr mit: »Jetzt ist es Zeit für dein Knochenorakel.«
Sie fragt ihn verwundert, wieso sie das Brechen und die Darmentleerung nicht machen müsse. Denn wie bei den meisten Schamanen und Sangomas gehört das, wie auch das Schwitzen vorher, zum Ritual. Der Sangoma wisse, dass sie völlig leer sei, und dass sie ja von morgens bis abends wegen der Hitze schwitze. Der Sangoma sei schon morgens am Fluss gewesen und habe mit Mansawue, dem Wassergeist, gesprochen.
Jambolane sitzt auf dem Boden, als ich komme, und weist mir den Platz gegenüber an. Ein großes Tuch ist zwischen uns ausgebreitet. Dann nimmt er die rituellen Gegenstände aus einem Beutel und wirft sie auf das Tuch. Nachdenklich schaut er auf das Gewirr von Knochen, Muscheln und nicht zu identifizierenden Gegenständen, bittet mich, nun ebenfalls innerlich still zu sein und die Augen zu schließen. Ich gehorche und höre dann den Singsang seiner Stimme. Ich spüre, dass er in tiefer Trance ist.
»Dazu musst du nur das eine Auge öffnen, das wichtigste, um zu sehen, was nicht sichtbar ist.«
Ngwenyas flüsternde, sanfte Stimme übersetzt:
Du bist einen weiten Weg gekommen, um zu lernen. Zu lernen, dass du nichts mehr lernen musst. Weil du alles weißt, schon seit Tausenden von Jahren. Mansawue und Bengoni sind dir wohlgesonnen und kommen, wenn du sie rufst, wo immer du bist. Du hast außerdem noch viele andere Geister um dich, die nur warten, dass du ihre Hilfe annimmst. Dein kritischer Verstand vertreibt sie manchmal, aber sie verlassen dich nie. Hab mehr Vertrauen – in dich und in das, was nicht sichtbar ist. Es gibt viele Menschen in deiner Welt, die nicht wollen, dass du das tust, wozu du hier bist. Nein, sie sind nicht böse, sie haben nur Angst, und manchmal stecken sie dich an mit ihrer Angst. Du wirst aber immer wieder auch anderen begegnen, die dich unterstützen. Dazu musst du nur das eine Auge öffnen, das wichtigste, um zu sehen, was nicht sichtbar ist. Dein Weg bis hierher war nie leicht, und du wirst noch viele Prüfungen bestehen müssen, bei denen es immer nur um das tiefe innere Vertrauen geht. Das Wichtigste, das es gilt, in diesem Leben zu üben. Aber du wirst es schaffen und sehr, sehr alt werden, bis du nach Hause gehen kannst. Du wirst meist alleine sein, aber irgendwann, wenn du nicht damit rechnest, wird dir der Gefährte begegnen, der auf deinem Weg mit dir weitergeht. Wenn du ihn siehst, wirst du ihn sofort erkennen und er dich auch. Denn er ist ähnliche Wege gegangen wie du, und es wird leichter werden für euch beide. Seid achtsam miteinander.
Jambolane lacht plötzlich, als ob er meine Gedanken gelesen hat.
Er ist so groß wie ich, hat einen weißen Bart und die grünen Augen von Mansawue. Das wirst du wieder vergessen für viele Jahre, aber wenn du ihm begegnest, wirst du ihn sofort erkennen. Lauf nicht weg, auch wenn deine alten Zweifel und Ängste verstärkt auftauchen. Nein, du wirst keinen Film machen, wie du es vorhattest, bevor du kamst. Aber du wirst kurz vor der Begegnung mit ihm bereit sein, ein Buch zu schreiben über deine Zeit hier. Das dauert aber noch lange. Du warst früher oft krank, und um dich zu schützen, werden wir in den nächsten Tagen ein Ritual mit dir machen, das dich immer wieder aufstehen lässt, wenn du fällst.
Plötzlich ist es still. Ich höre nur mein Herz laut schlagen – so laut wie noch nie. Mir kommt es vor, als seien Stunden vergangen, und als ich die Augen öffne, bin ich allein. Vor der Hütte steht Jambolane mit Ngwenya, der Stamm scheint vollzählig zu sein, fängt an zu murmeln und dann zu singen. Ich sehe Ngwenya fragend an. »Sie beten und singen für dich«, sagt er leise.
Jambolane geht zurück in die Hütte, lädt uns mit einer Bewegung ein, mit hineinzukommen und uns wieder hinzusetzen. Auch Frauen und Kinder kommen nach, bis die Hütte gedrängt voll ist. Wieder wird mir etwas zu essen gebracht, diesmal auch Wasser in einer Karaffe, und ich trinke, ohne daran zu denken, ob es verunreinigt ist oder nicht.
Ngwenya erklärt mir, dass ich nun mein eigenes Orakel bekomme, alle Gegenstände, die man fürs Knochenwerfen braucht. Jambolane, der Sangoma, legt eine Adlerkralle in die Mitte, Ngwenya eine rechteckige Muschel mit Löchern, das ist für das Krokodil des Wassergeistes, dann folgen Kinder und Frauen, die alle etwas in der Hand haben: einen Dominostein, der ein Elefant sein soll, einen großen Knochen für »Manthamathalele«, den Geister-König des Krals, eine halbe Nussschale von Ingelosi, meinem kleinen Engel, der weiterhin hinter mir hergetrottet ist, eine rote Glasscherbe, eine bunte Porzellanscherbe, ein schwarzes Falkenauge von Thoko, die ich weiter Kleopatra nenne, viele kleine und große Knochen, verschiedenartige Muscheln.
»Du wirst damit nicht das machen, was ich mache. Du wirst es auf deine Weise tun. Und dann kommen alle Spirits, die du rufst, und reden mit dir.«
Jede und jeder kniet sich vor das Tuch, verharrt kurz. Sie legen ihren Beitrag für mein Orakel ruhig darauf. Ich lege noch meinen eigenen Bergkristall, den ich seit Jahren habe, dazu und ein Rosenquarzherz, an dem ich sehr hänge. Es würde gut zu meinem eigenen Orakel passen, denke ich. Jambolane lächelt und nimmt beide Steine weg, steckt sie in seine Tasche. Dafür legt er noch zwei andere Gegenstände aus seiner Sammlung hinzu, wieder Knochen in verschiedenen Formen. Ich frage, wie ich denn damit umgehen solle, ich wisse ja nicht, wie man Knochen werfe. Ngwenya gibt die Frage weiter, und dann kommt die Antwort: »Du wirst damit nicht das machen, was ich mache. Du wirst es auf deine Weise tun. Und dann kommen alle Spirits, die du rufst, und reden mit dir.«
Ich bin verwirrt, atme tief aus, und alle drängenden Fragen verschwinden.
Dass Jambolane ihren Kristall und das Herz an sich genommen hat, hatte ihr dennoch nicht gefallen. Den Bergkristall hatte sie vor 30 Jahren von Don Eduardo, ihrem Freund und Schamanen aus Peru, bekommen und das Herz von einem anderen ganz engen Freund.
Am nächsten Tag begegnete sie einer Frau von Jambolane, der Sangoma Sonile, die den Mais besonders gern vor ihrer Hütte stampft. Sie lächelte und holte Ngwenya, der übersetzt. Sie habe gemerkt, dass sie an dem Bergkristall und dem Herzen so hänge, und wir würden uns die Steine jetzt holen.
Sie kriecht unter eine Plane, unter der die Kräuter sind, holt sie hervor und gibt sie ihr –Jambolane hatte sie gar nicht behalten, sondern einfach zwischen die Kräuter gelegt. Das könne ich doch nicht machen, ohne den Baba zu fragen, wendete ich ein.
Sie lachte schallend. »Er hat gewusst, dass du sie wiederhaben möchtest, und mir gesagt, wo ich sie finden kann, um sie dir zu geben. Du sollst lernen, nichts wegzugeben, was dir wichtig ist.«
Wenige Tage vor ihrer Abreise folgt das Ritual mit der Ziege. Sehr viel später erfährt sie, dass das ihre Initiation zur Sangoma war. Es wird ein halbjähriges Zicklein gekauft, das sie bezahlen muss. »Sie wird für dich geopfert werden«, unterrichtet sie Ngwenya. Sie will nicht, dass ein Tier für sie getötet werden soll, aber Ngwenya macht ihr klar, dass es so oder so sterben wird.
Eine Woche lang muss sie täglich mit dem Tier sprechen, um ihm zu erklären, warum es geopfert werden soll. Und sie würde wissen, wann es einverstanden sei. Irgendwann versteht es nicht nur das Zicklein, sondern auch sie, die weiße Frau.
Ich gehe zu Ngwenya und sage ihm, dass wir bereit seien, das Zicklein und ich, und er nickt wohlwollend und sagt: »Wir wussten, dass du es schaffst. Morgen früh werden wir zeitig zum Fluss aufbrechen, denn das Ritual kann nur ganz nah bei Mansawue und den anderen Wassergeistern gemacht werden.« Ich schaue zum Himmel. Seit Wochen herrscht wieder Dürre, aber da sind Wolken, die nach Regen ausschauen. »Wir warten alle auf Regen, auf ›ledulee‹, wie es auf Swazi heißt, aber das wird noch dauern. Das hier sind nur die Vorboten.«
Am nächsten Morgen holt mich Kleopatra ab. Vorher habe ich Kräuter bekommen, stundenlang auf dem Plumpsklo des Baba gesessen und bin nun leer. Sie ist außer den beiden Sangomas die einzige Person, die dabei sein darf. »Weil du ja manchmal nackt bist, und da muss ich aufpassen, dass keiner der Männer dich ansieht«, sagt sie und wirft mir ein aufmunterndes Lächeln zu.
Der Alte hat wahrhaftig den gefleckten Regenmantel aus dem Outdoorshop an, den ich ihm geschenkt habe, und sieht jetzt eher aus wie ein amerikanischer GI als ein Schamane. »Glaubt er, dass es Regen geben wird?«, frage ich Kleopatra. »Nein, den hat er dir zu Ehren angezogen«, antwortet sie. Alle schleppen etwas in Körben mit, ich darf nur das Zicklein am Strick nehmen, das folgsam hinter mir hertrottet.
»Seltsamerweise habe ich keine Angst. Ich habe nichts zu verlieren, außer vielleicht mein
Leben. Ein Leben aus einer Reihe von vielen Inkarnationen.«
Nach einer guten halben Stunde durch unwegsames Gelände kommen wir an dem kleinen Fluss an. Wir gehen an eine flache Stelle. In 20 bis 30 Meter Entfernung sehe ich an den tieferen Stellen, dass sich das Wasser bewegt. Dann erkenne ich, dass es Krokodile sind, die jetzt auf der anderen Seite lagern. Einige bleiben im Wasser und manchmal sehe ich die Augen funkeln. Seltsamerweise habe ich keine Angst. Ich habe nichts zu verlieren, außer vielleicht mein Leben. Ein Leben aus einer Reihe von vielen Inkarnationen.
»Ist das das Ritual – weiße Frau für Regen opfern?«, frage ich Ngwenya mit dem tiefschwarzen Humor, der mir schon oft über unangenehme Situationen hinweggeholfen hat. Ngwenya spricht mit dem Alten, und dann lachen alle über meinen Witz. Dann wird der Sangoma ernst. »Das ist Mansawue mit den anderen Wassergeistern. Wir freuen uns, dass er sich zeigt. Er wird uns nichts tun«, lässt er mir sagen.
Aus Sträuchern wird nun so etwas wie ein Iglu gebaut, die mitgebrachten Decken werden darübergelegt. Innen wird ein Feuer gemacht mit etwas Ähnlichem wie Kohlen, die in dem Steinkreis im Innern bald glühen. Das Ganze erinnert mich an die Schwitzhütten der Indianer, an denen ich schon einige Male teilgenommen habe. Ebenfalls nackt, aber innerlich verkleidet als Journalistin.
Kleopatra führt mich hinein. Sie hat mit strengem Blick dafür gesorgt, dass sich die Männer umdrehten. Ich setze mich auf den Boden und schwitze noch mehr, als es in den Tagen vorher möglich war. Es sind gefühlt viele Stunden, die ich darin verbringe, während draußen getrommelt und gemurmelt wird. Kleopatra hängt mir nun ein Tuch um, und ich werde zum Zicklein geführt.
Ich muss mehrere Gläser einer bitteren Flüssigkeit trinken. Man gibt mir eine Schüssel, die ich unter den Kopf des Zickleins halten muss. Es schaut mich ruhig an, bewegt sich nicht. Jambolane lässt sich von Ngwenya ein großes Messer geben, und mit einem schnellen kräftigen Schnitt durchschneidet er den Hals des Zickleins, das keinen Ton von sich gegeben hat. Das Blut rinnt in die Schüssel, die ich halte. Ich bin ruhig, fühle mich nicht mehr schuldig.
Ngwenya und Jambolane weiden das Tier aus, das eben seine Seele für mich ausgehaucht hat. Wie bei dem Tod des Ochsen bin ich jetzt ganz fatalistisch, denn ich spüre, dass alles seine Richtigkeit hat.
Kleopatra reibt mich mit den Eingeweiden ein, ich muss mich mit dem Blut waschen und davon trinken. Nun macht sich mein Magen bemerkbar, und ich breche minutenlang alles in den Fluss, der hier flach und schmal ist. Danach wasche ich mich in der Mulde, bis nichts mehr an mir klebt, spüle meinen Mund aus. Die Krokodile habe ich völlig vergessen. Kleopatra steht am Ufer und trocknet mich ab. Ich ziehe mich wieder an. Jetzt ist mir fast ein wenig kalt, aber ich fühle mich erfrischt und stark.
Inzwischen ist das Zicklein enthäutet, auseinandergeschnitten und in die Körbe gepackt. Mit einem Teil des Tieres geht der Sangoma ans Wasser und wirft es hinein. Wir laufen schnell vom Ufer weg und sehen von der Anhöhe aus, wie die Krokodile sich über die Beute hermachen. Jambolane schaut zufrieden aus. »Nun ist Mansawue beruhigt, weil ich mein Versprechen gehalten habe. Er hat geduldig gewartet.«
Er pflückt einen Strauß Kräuter und schenkt ihn mir. »Gutes Heilkraut«, sagt er. Ich rieche daran und kichere. Vielleicht sind es ja verschiedene Heilkräuter, aber es riecht wieder alles nach Pfefferminz. »Du wirst jetzt gesund und stark bleiben, um die Kraft für deine Arbeit zu haben. Und wenn du Klienten hast, kannst du dieses Ritual auch mit ihnen machen«, setzt er hinzu. Jetzt pruste ich los, weil ich mir gerade vorstelle, wie ich an der Isar Ziegen schlachte. Ngwenya übersetzt, und nun lachen alle mit. Offensichtlich amüsiert sie die Vorstellung, so etwas in einer Großstadt zu machen, genauso wie mich.
Am Abend wird ein ausgelassenes Fest am offenen Feuer gefeiert, wo die Reste des Ziegenfleisches gegrillt werden, die uns die Krokodile übrig gelassen haben. So sehen es die Sangomas. Es ist Ankommen und Abschiednehmen zugleich. Ich bin noch nie so sehr bei mir gewesen wie heute, und ich spüre den Abschied ebenso wie wohl auch die anderen, die mir immer wieder die Hände drücken, sie streicheln, küssen.
Es dauerte fünf Jahre, bis sie das zweite Mal nach Südafrika in den Kral reiste. Sie hatte Mpapane versprochen, seinen Stamm zu unterstützen, soweit es in ihren Kräften stand. So sammelte sie Geld bei Freunden ein, denn allein konnte sie zu wenig beitragen. So überstand der Kral die große Überschwemmung, die nicht weit von ihnen Mosambik heimsuchte, es war genug da für die Reparaturen und die Aussaat. Ein paar Kinder konnten zur Schule gehen – auch wenn sie viele Kilometer laufen mussten.
Dieses Mal kam sie mit dem Auto, und es gab in der Nähe auch Handyempfang. Eines für alle hatte sie ihnen mitgebracht. Die große Überraschung – es gab Licht. Nur wusste keiner so recht, wie man es ausschalten musste. Die Hütte, die sie nun bekam, war etwas komfortabler, upgraded sozusagen, und die Freude war groß. Dieses Mal blieb sie nur wenige Wochen.
Einige Schüler von Mpapane hatten gerade ihre dreijährige Lehrzeit absolviert, und nun fuhr der Sangoma mit allen seinen Frauen in einem altersschwachen Bus in das viele Stunden entfernte Dorf, wo seine Schüler lebten, um sie dort ihre Prüfung ablegen zu lassen.
Im Kral versammeln sich alle Besucher und Jambolanes Familie unter dem Vordach eines Hauses, über das eine große Plane gegen die Sonne gespannt ist. Ich sichere mir einen Stuhl, alle anderen hocken erwartungsvoll auf dem Boden. Jambolane, Ngwenya und die älteste Frau vom Alten, auch eine Sangoma, ziehen unter Singen und Trommeln vom Haus auf den Platz – mit Tüchern, Federn, Ziegenfellen und langen Stäbe in den Händen führen sie einen furiosen Tanz auf. Das geht mindestens eine Stunde lang so, in der niemand müde zu werden scheint. Dann kommen die drei Sangomaschüler mit ihren orange gefärbten Haaren, die zu Zöpfen geflochten und drei Jahre nicht gewaschen worden sind.
Alle drei tragen identische Umhänge in Weiß und Braun, gemustert in kleinen Karos. Sie werfen sich vor den Tanzenden auf den Boden, die Stirn auf der schmutzigen Erde, und bewegen sich nicht. Mit einem Trommelwirbel endet der Tanz und Jambolane hält eine lange Ansprache. Ich würde sie gern verstehen und werfe einen flehenden Blick zu Miriam und Kleopatra hinüber. Miriam hört mit offenem Mund zu – in dem das Gebiss zur Feier des Tages blitzt –, bemerkt mich aber nicht. Kleopatra wirkt zwar etwas genervt von mir, rückt aber an mich heran. »Er hat erzählt, was für gute Schüler sie alle drei waren, und dass sie nun ihre Prüfungen bestehen müssten«, flüstert sie.
Alle klatschen aufmunternd. Die drei stehen auf und sehen sich um. »Sie müssen zuerst einmal alle Dinge finden, die versteckt worden sind. Wenn sie ihre Spirits hören, ist das auch kein Problem«, sagt Kleopatra. Ich bin skeptisch, wie das so meine Natur ist, auch wenn ich schon viel Magisches erlebt habe. Meine Spirits werden sich wohl gerade beschämt die Hände vor die Augen schlagen, wenn sie meine Haltung sehen.
Die drei Schüler laufen plötzlich in verschiedene Richtungen. Ihre Angehörigen unter der Plane scheinen den Atem anzuhalten. Kurze Zeit später kommt eine der zwei Frauen mit einem Kind an der Hand zum Baba und strahlt. Er nickt zufrieden und hört sich an, was sie sagt. »Sie habe es unter einer Hütte gefunden, wo man es versteckt hatte«, erklärt Kleopatra mir. Danach kommt die zweite Sangomaschülerin mit einem Zicklein, das wohl auch sehr gut versteckt war. Als Letzter taucht der einzige männliche Schüler wieder auf. Er scheint nichts dabeizuhaben. Als er sich aber vor dem Sangoma niederwirft, öffnet er seine Hand. Ein weißer Knochen blitzt darin.
»Das ist etwas ganz Besonderes«, sagt Kleopatra bewundernd. Er lag auf einem Dach und war zugedeckt. »Diesen Knochen kann er sicherlich später für seine Orakel benützen.«
Jambolane verkündet, dass diese erste Prüfung von allen bestanden worden ist. Jetzt geht es darum, ob sie ihre Sangoma-Arbeit wie Knochenwerfen, Heilen und Beraten auch beherrschen. Er sagt den Anwesenden, dass sie sich einen der drei angehenden Sangomas aussuchen dürfen, wenn sie ein Problem hätten, das gelöst werden soll. »Natürlich darf es niemand sein, den sie kennen«, setzt er mit erhobener Stimme hinzu. Ich frage Kleopatra, wie er denn wissen könne, ob nicht geschummelt würde. Sie schaut mich entsetzt an. »Das sagen ihm seine Spirits, und das wissen auch alle. Sie würden es niemals wagen zu betrügen.« Mir steigt die Schamröte in die Wangen.
Sehr bald bilden sich Grüppchen, und ich sehe alle drei in Aktion, beim Knochenwerfen, beim Beraten in schnellem Singsang, beim Heilen. Jambolane hat sich auf einen hohen Stuhl gesetzt und beobachtet seine Schüler aufmerksam.
Es dauert weitere zwei Stunden, bis die Schüler wieder zu ihrem Lehrer kommen und sich niederwerfen. Jambolane steht auf, geht auf jeden zu und legt ihm seine Hand auf den Kopf; dabei spricht er offensichtlich rituelle Sätze, die alle außer mir verstehen. Er gibt jedem einen langen Stab, das Zeichen ihrer neuen Würde. Dann bricht Jubel aus. Alle drei haben ihre Prüfungen bestanden, und nun kann gefeiert werden. Es wird wieder getrommelt und die drei frisch gebackenen Sangomas tanzen sich in Trance, bis sie zusammensinken. Dann wird ihnen zu essen und zu trinken gebracht, das erste Mal nach fast einer Woche, wie mir Kleopatra zuflüstert. Nun tanzt, klatscht und trommelt fast jeder. Inzwischen haben die Frauen aus den anderen Stämmen das Essen aus den Häusern gebracht, und es wird lautstark gefeiert, bis es dunkel wird.
Am nächsten Tag dann der Abschied. Der alte Sangoma hatte mir in unserem letzten Gespräch schon gesagt, dass er bald sterben und wir uns nicht mehr sehen würden. Ngwenya sitzt neben ihm und sagt: »Wir warten schon die ganze Zeit auf dich.« Ich bin immer noch gewöhnt, gerufen zu werden, und bin überrascht. »Jambolane lässt dir sagen, dass du eine Sangoma bist und immer zu ihm kommen kannst, wenn du es für richtig hältst.«
Plötzlich wird mir klar, was er mir damit sagen will. Das Ritual mit der Ziege, das Jambolane damals mit mir gemacht hatte, bevor ich wieder nach Deutschland zurückgegangen bin, sehe ich nach der Reise zu den Schamanenschülern mit anderen Augen.
Nun frage ich Ngwenya: »Was war denn nun Sinn und Zweck von dem Ritual mit der Ziege am Fluss, das Jambolane mit mir gemacht hat?«
Ngwenya schaut mich erstaunt an: »Das weißt du noch immer nicht? Da hat er dich zur Sangoma gemacht.«
Ich schüttele den Kopf. »Das ist doch nicht möglich. Seine Schüler lernen drei Jahre, und ich war doch nur ein halbes Jahr bei ihm und habe nichts von alldem getan, was Schüler sonst machen müssen.«
Ngwenya nimmt scheu meine Hand. »Der Baba wusste, dass du diese drei Jahre nie überleben würdest. Du bist eine weiße, nicht mehr junge Frau. Da musste er eine andere Initiation mit dir machen. Außerdem bist du bereits mit altem Wissen hergekommen und hast sehr schnell gelernt.«
Ich bin sprachlos – und das will etwas heißen bei mir.
2006, im Jahr nach ihrer Reise, stirbt Jambolane Mpapane mit 87 Jahren. Sie hält ihr Versprechen, sich »um sein Volk zu kümmern«, hilft in schweren Zeiten mit weiteren Spendensammlungen. Das Buch über ihre Erfahrungen kann sie erst sieben Jahre später schreiben. Den größten Teil des Erlöses bekommt der Stamm, Reisen macht sie vorerst keine mehr, weil es ihr wichtiger ist, das Geld in die Spenden einfließen zu lassen.
Der Mann mit den grünen Augen und dem weißen Bart ist inzwischen ihr Lebensgefährte, seit sieben Jahren. Behandlungen macht sie nicht genau wie eine Sangoma, aber so wie Jambolane Mpapane ihr riet, diese Arbeit mit ihren eigenen Methoden zu verbinden.
Im Herbst 2019 sponsert ihr Sohn eine vielleicht letzte Reise. Diesmal ist nur noch die Hälfte des Stammes im Kral. Einige der Frauen leben nicht mehr, einige sind weggezogen, viele Kinder sind gestorben, einige sind ausgeflogen und kommen hin und wieder zu Besuch. Nachdem es nicht mehr die strengen Regeln des Sangoma gibt, ist das Leben entspannter geworden. Aber auch gefährlicher, denn einige der nunmehr jungen Leute sind verunglückt durch den Straßenverkehr, einige an Aids gestorben. Ein hoher Preis für die Annäherung des Stammes an die moderne Zivilisation.
Inzwischen gehen fast alle Kinder in eine Schule, einige Mädchen haben nun selbst Kinder, die im Kral ein freies, fröhliches Leben führen bei ihren Großmüttern. Es herrscht jetzt eindeutig ein Matriarchat.
Die Freude auf beiden Seiten ist groß, als sie mit ihrem Mann ankommt. Es ist Frühjahr im Süden Afrikas, und statt der großen Hitze, wie vor 20 und 14 Jahren, friert es sie. Sie lässt sich und ihrem Mann die Knochen werfen und macht ihrerseits, nun als anerkannte Sangoma, verschiedene Heilungen, wird bewundert und verehrt. Und eine tiefe Liebe ist auf allen Seiten zu spüren.
Sie wird weiterhin Sammlungen für ihre schwarze Familie machen, um hin und wieder Geld für das Notwendigste überweisen zu können. Aber sie ist sich sicher, dass sie unabhängiger werden, wenn alle Kinder Ausbildungen haben und die Mütter und Großmütter unterstützen können.
Anmerkung: Das Buch »Hitze, Dreck und Erleuchtung« (dem die im Text eingerückten Passagen entnommen sind) ist vergriffen. Die Autorin hat noch einen kleinen Bestand privat zu verkaufen – auf Wunsch auch mit Widmung. Der Erlös geht wie bisher an die immer noch große Familie des verstorbenen Sangoma Jambolane Mpapane.
Zur Autorin
Hella Schwerla, geboren und aufgewachsen im Emsland, lebt seit Jahrzehnten in München. Sie ist gelernte Journalistin, arbeitete bei Tageszeitungen und Illustrierten. Als Autorin für Feature, Hörspiel, Film und Fernsehen, Kinder- und Sachbücher machte sie sich einen Namen. Romane u. a.: »Auch Hexen können weinen«, »Hitze, Dreck & Erleuchtung«. Psychologie und Energiearbeit. Viele Auslandsaufenthalte u. a. in Amerika, Südamerika, Afrika und Indien. Ein erwachsener Sohn, ein Enkel, Tara, die vierbeinige Freundin, die ganz große späte Liebe und eine Handvoll sehr guter Freunde.
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