Zwischen Selbstsuche und Selbsthingabe
Gemeinsam mit dem Philosophen und katholischen Theologen Dr. Johannes Hartl sprechen wir über die Herausforderung, unseren Fokus in einer von Ablenkungen geprägten Zeit zu bewahren und wie es uns trotz der zahlreichen Möglichkeiten gelingen kann, eine sinnstiftende Tätigkeit oder sogar die eigene Berufung zu finden.
Tattva Viveka: Lieber Herr Dr. Hartl, Sie sind Philosoph und Theologe und haben vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Die Kraft eines fokussierten Lebens« herausgebracht. Welchen Anlass sahen Sie für dieses Buch?
Dr. Johannes Hartl: Ich arbeite viel mit jungen Menschen zusammen und stelle zunehmend fest, dass viele von ihnen zwar unglaublich begabt und voller Ideen sind, ihr Potenzial jedoch nicht entfalten und infolgedessen die Gelegenheiten, die das Leben ihnen bietet, nicht ergreifen. Das ist kein Problem, wenn man 20 Jahre alt ist, doch manche Personen, die nun in ihren Dreißigern oder Vierzigern sind, haben nie gelernt, etwas konsequent zu verfolgen und zum Abschluss zu bringen. Auf diese Weise verkümmert langfristig ihr Potenzial, und dies löst eine große Betroffenheit in mir aus. Gleichzeitig beobachte ich bei mir selbst, dass es mir heute schwerer fällt, mich zu konzentrieren, als noch vor zwanzig Jahren, als es noch keine Handys gab.
»Selbsttranszendenz bedeutet, dass ich mir einer größeren Aufgabe widme.«
TV: Das heißt, einerseits haben viele Menschen nicht gelernt, sich auf etwas zu fokussieren und es auch zum Abschluss zu bringen, andererseits sind die neuen Technologien eine große Ablenkungsquelle. Kann es sein, dass wir auch keine Werkzeuge vermittelt bekommen, um mit dieser Masse an Ablenkungsmöglichkeiten umzugehen?
Hartl: Wir leben zweifelsfrei im Zeitalter der Ablenkungen und müssen nun als erste Generation lernen, damit umzugehen. Darüber hinaus stelle ich infrage, ob das menschliche Gehirn dafür gemacht ist, solch eine Menge an Impulsen und Informationen zu verarbeiten.
TV: Das ist eine berechtigte Frage. Sie sprechen in Ihrem Buch davon, und dies ist auch eines der Kernthemen dieser Ausgabe, dass viele Menschen heutzutage – anders als die vorangegangenen Generationen – höhere Erwartungen an ihre berufliche Tätigkeit knüpfen und ihr Berufsleben nicht nur abarbeiten möchten. Viele wünschen sich zusätzlich zu einer sinnstiftenden Tätigkeit, ihre wahre Berufung zu finden. Können und müssen wir immer und überall Sinn in unserer Tätigkeit finden?
Hartl: Grundsätzlich sind wir Menschen Sinnwesen. Wir suchen nach einem tieferen Grund für das, was wir tun. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der wir erstmals eine unglaublich große Wahlfreiheit bezüglich unserer Berufe haben. Noch vor hundert Jahren war dies anders. Das weckt in uns den Wunsch, mit unserer Arbeit etwas Sinnstiftendes zu tun. Einerseits halte ich dies für völlig berechtigt, andererseits ist es eine Falle, alles, was mich nicht sofort intuitiv mit tiefstem Sinn erfüllt, abzuwerten. Fokus ist entscheidend, um an Aufgaben dranzubleiben, die sich nicht auf Anhieb sinnvoll anfühlen.
TV: Sie schreiben deshalb über den Zauber der kleinen Schritte und über den Zauber des Anfangs. Am Anfang eines Projekts oder einer Aktivität erfahren wir in der Tat den größten inneren Widerstand, oder?
Hartl: Ja. In diesem Zusammenhang möchte ich zudem betonen, dass man nicht den Sinn des Lebens und die große Perspektive gefunden haben muss, um anzufangen. Oft ist es sinnvoll und wichtig, seine Widerstandskraft an kleinen Aufgaben erst einmal zu trainieren. Tatsächlich ist es fast die halbe Miete, wenn man den ersten Schritt wagt.
TV: Mit welchen Strategien kann man seine Widerstandskraft praktisch fördern?
Hartl: Ich schlage konkret vor, mit einer Aufgabe anzufangen, die man aufschiebt. Jeder Mensch hat irgendetwas im Nacken, von dem er weiß, dass es ih nur eine halbe Stunde kosten würde, aber man hat schlichtweg keine Lust darauf und schiebt es daher auf. Das Interessante daran ist, dass, wenn man etwas aufschiebt beziehungsweise wegschiebt, latenter Stress entsteht. Denn man spürt, dass man es eigentlich tun sollte. Deswegen ist mein Tipp, jeden Tag mit dem Wichtigsten und zugleich dem Schwierigsten zu beginnen.
TV: Somit führen Sie mich zu einer Unterscheidung, die Sie in Ihrem Buch vornehmen: wichtig und dringend. Erzählen Sie mir bitte etwas mehr darüber.
Hartl: Ja, es gibt Angelegenheiten, die sofort nach Aufmerksamkeit verlangen und unbedingt sofort erledigt werden wollen, obwohl sie überhaupt nicht wichtig sind. Zum Beispiel eine Benachrichtigung auf meinem Handy zu lesen und zu beantworten. Entscheidend ist jedoch vielmehr das, was mich langfristig meiner Bestimmung, meinem Ziel und meinen Werten näherbringt. Das Problem besteht darin, dass nicht alle wichtigen Angelegenheiten dringend sind. Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, ist nicht dringend. Es geschieht nichts, wenn ich es für ein paar Wochen schleifen lasse, doch langfristig wird es unsere Beziehung schädigen, und das, obwohl es mir sehr wichtig ist, eine gute Beziehung zu meinem Sohn zu haben, auch wenn es auf den ersten Blick nicht dringend erscheint.
»Oft ist es sinnvoll und wichtig, seine Widerstandskraft an kleinen Aufgaben erst einmal zu trainieren.«
TV: Wie gelingt es einem praktisch, diese beiden Kategorien zu unterscheiden? Wie findet man überhaupt heraus, was für einen wichtig ist?
Hartl: Ich würde einen Stift und einen Zettel in die Hand nehmen und alle To-dos aufschreiben, die mir gerade einfallen. Zum Beispiel, die Erledigungen dieser Woche. Bei jedem aufgeführten Punkt kann man sich die simple Frage stellen, ob dies in fünf Jahren noch relevant sein wird oder ob es mich meinem Lebensziel näherbringt. Diese Punkte würde ich unterstreichen. Eine zweite Möglichkeit ist, sich vorzustellen, man läge im Grab und die Anwesenden würden eine Grabrede auf einen halten. Was für ein Mensch wäre ich gerne am Ende meines Lebens? Anschließend kann man sich überlegen, welche Schritte im eigenen Leben erforderlich sind, um der Mensch zu werden, der man sein möchte. Daraufhin muss man sich der unbequemen Frage stellen, ob man das dafür Notwendige überhaupt tut. Tue ich dies wöchentlich? Denn meine These lautet: Was in einer Woche nicht geschieht, geschieht wahrscheinlich in einem ganzen Leben nicht. Ein Beispiel: Wenn ich sage, dass es mir wichtig ist, ein guter Papa zu sein, ich aber nicht sagen kann, wann ich de facto Zeit mit meinen Kindern verbringe, ist dies womöglich nur eine Idee in meinem Kopf, die nicht der Realität entspricht.
TV: Wieso ist der Blick für das große Ganze oder, anders gesagt, eine Vision wichtig für uns Menschen und wie kann man sie in einer Zeit von unzähligen Möglichkeiten ausfindig machen?
Hartl: Wir Menschen sind bewusst oder unbewusst immer auf der Suche nach Sinn. Wir stellen uns unweigerlich die Frage, was es wirklich wert ist, dass wir unsere Zeit investieren und uns selbst einbringen. Eine Lebensvision kann man gut entwickeln, indem man sich Fragen stellt wie die folgenden: Welche Not oder welches Problem in der Welt treibt mich um? Was erfüllt mich zutiefst mit Sinn? Worin bin ich gut? Und: Wo kann ich in der Welt tatsächlich einen Beitrag leisten? Letztlich geht es wieder in dieselbe Richtung der zuvor formulierten Fragen: Was hätte ich gern am Ende meines Lebens erreicht? Dies alles kann man aufschreiben und daraus eine Lebensvision ableiten oder die notierten Stichpunkte reflektieren. Ich habe den Eindruck, dass sich die wenigsten Menschen diese Fragen bewusst stellen.
»Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, dann werde ich die Gelegenheiten, die sich mir bieten, nicht ergreifen.«
TV: Es ist also essenziell, mittelfristige und langfristige Ziele zu formulieren und nicht nur vage Wünsche zu äußern.
Hartl: Richtig. Man überschätzt häufig, was in einem Jahr möglich ist, und übernimmt sich deshalb. Wer kennt nicht das Vorhaben, dass man in diesem Jahr nun alles verändern und anders machen möchte als zuvor? Doch in den meisten Fällen gelingt dies nicht. Gleichzeitig unterschätzen wir, was in sieben Jahren möglich ist. Schauen wir uns dies anhand eines Beispiels an: Man möchte eine Fremdsprache fehlerfrei sprechen lernen. Dies nach nur einem Jahr von sich zu erwarten, ist sehr ambitioniert bis unrealistisch, doch innerhalb von sieben Jahren ist dies auf jeden Fall machbar.
Insgesamt leben wir momentan zu wenig visionsorientiert. Als Gesellschaft insgesamt, aber auch in der Politik und Bildung mangelt es an Visionen. Doch da wir Visionsmenschen sind, brauchen wir ein Leitbild – sowohl individuell als auch kollektiv. Seneca hat angeblich gesagt: Wer nicht weiß, wohin er segeln will, für den ist jeder Wind der Falsche. Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, dann werde ich die Gelegenheiten, die sich mir bieten, nicht ergreifen. Deswegen ist es essenziell, sich in aller Deutlichkeit die Frage zu stellen: Wozu bin ich auf dieser Welt? Warum gibt es mich? Was ist der Sinn meines Daseins? Diese Fragen sind so alt wie die Menschheit, unabhängig davon, ob und wo ich mich religiös verorte. Oder wie der Logotherapeut Viktor Frankl es ausgedrückt hat: Das Leben stellt Fragen an mich. Wie lauten meine Antworten? Oft stellen wir Fragen wie: Warum gibt es so viel Böses auf der Welt? Viel interessanter ist jedoch, welche Frage das Leben an mich stellt. Wo bin ich aufgerufen, eine Antwort zu geben? Das Nachsinnen über diese Fragen führt uns fast zwangsläufig zu dem großen und spirituellen Begriff der Berufung.
TV: Das ist ein spannender Punkt. Wie hat Ihnen Ihr christlicher Glaube dabei geholfen, Ihre Lebensberufung zu finden und fokussiert zu bleiben?
Hartl: Für mich als Christ ist Jesus das ultimative Vorbild, und wenn ich ihn richtig verstehe, ist die Mitte des Lebens die Liebe und die Hingabe. Das klingt erst einmal banal, aber das ist es keineswegs. Denn ich beobachte vermehrt, dass viele Menschen für sich selbst leben. Sie wollen sich selbst verwirklichen oder sich selbst optimieren. Das hat alles eine Berechtigung, aber ich glaube, dass dort, wo man sich nicht nur um selbst dreht, Sinn entspringt. Jesus hat ein Leben der Hingabe und der Liebe geführt, in dem es nicht um ihn selbst ging. Dies begreife ich als die Mitte des Lebens.
TV: Der Psychologe Abraham Maslow beschäftigte sich mit Selbstverwirklichung und gelangte zu einem ähnlichen Schluss, wie sie ihn gerade beschrieben haben. Er stellte fest, dass selbstverwirklichte und kreative Menschen etwas nachgehen, was über sie hinausgeht. Da wir momentan in einer individualisierten Gesellschaft leben, die das Individuum und das Individuelle betont, vergessen wir schnell, dass ein großes Glück in der Hingabe an etwas Größeres, das über uns hinausgeht, liegen könnte.
Hartl: Genau. Abraham Maslow hatte in einer früheren Phase von Selbstverwirklichung als oberstes Ziel gesprochen. Später fand er jedoch heraus, dass Selbsttranszendenz ein noch höheres Bedürfnis ist. Selbsttranszendenz bedeutet, dass ich mich einer größeren Aufgabe widme. Letztendlich rührt es immer an eine religiöse oder spirituelle Frage. Denn welche über mich selbst hinausgehende Aufgabe ist es, der ich mich widmen kann? Wenn wir uns einer politischen Partei, einer Agenda oder selbst einer Beziehung vollständig mit allem, was wir sind, widmen, kann es schnell dogmatisch werden. Deswegen halte ich es schlussendlich für eine religiöse Frage.
TV: Welche Rolle spielen die Stille und das Gebet bei der Suche nach der eigenen Berufung?
Hartl: Die Stille ist elementar. Stille bedeutet an erster Stelle die Abwesenheit von äußeren Impulsen. Wenn man in die Stille geht, wird einem bewusst, wie viele Impulse es in uns gibt. Wir werden uns bewusst, wie durcheinander und abgelenkt wir sind. Aus diesem Grund ist die äußere Stille die Vorbedingung für die innere Stille. Denn in der inneren Stille kann man beginnen, die vielen inneren Stimmen und die daraus folgenden Impulse zu ordnen.
Womöglich kommt der Impuls auf, dieses oder jenes Projekt umzusetzen, obwohl man gleichzeitig innerlich spürt, dass man weniger machen sollte und man sich zu viel vorgenommen hat. In solchen Situationen ist das Gebet eine schöne Antwort. Denn dabei vertraut man sich dem Größeren, also Gott, an und bittet um Wegweisung. Die meisten Menschen, die ihr Leben als sinnerfüllt empfinden, haben nicht das Gefühl, dass sie sich diesen Sinn ausgedacht haben, sondern dass sie auf einen Ruf antworten. Ich erhielt einen Ruf, der bereits im Wort Berufung enthalten ist, und habe geantwortet. Dies ist unfassbar kostbar.
»Der Kampf gegen die Entmutigung ist der Preis eines selbstbestimmten Lebens.«
TV: Wie geht man mit den Widerständen um, die einem auf dem Weg begegnen? Wie lässt man sich nicht von ihnen entmutigen?
Hartl: Der Kampf gegen die Entmutigung ist der Preis eines selbstbestimmten Lebens. Jeder Fußballer, der ein Tor geschossen hat, hat bereits hundertmal danebengeschossen. Wahre Lebensgröße entsteht dann, wenn ich diese kleinen Widerstände als Trainingsparcours für Wachstum betrachte. Der Trick besteht darin, aus der großen Lebensvision kleine machbare Schritte abzuleiten. Zusätzlich hilft es, eine weitere Person oder eine Gruppe um sich herum zu haben, in der man sich gegenseitig ermutigt und Rechenschaft darüber ablegt, welche Fortschritte man bereits erzielt hat.
TV: Der Grat zwischen ständiger Selbstoptimierung und Berufung kann schmal ausfallen. Wie gelingt es einem, das eine vom anderen zu unterscheiden?
Hartl: Die Frage ist, ob ich mich selbst suche oder ob ich mich hingebe. Das ist der Unterschied. Ich bin davon überzeugt, dass wir berufen sind, uns nicht um uns selbst zu drehen, sondern uns hinzugeben. Viktor Frankl brachte ein wunderschönes Beispiel über das Auge, das lautet: Das gesunde Auge sieht sich nicht selbst, sondern den Baum, die Sonne. Wenn das Auge sich selbst sieht, deutet es auf eine Trübung in der Linse hin. Demgemäß sind wir Menschen als Gegenüber erschaffen worden – als Gegenüber von anderen Menschen und im Letzten als Gegenüber von Gott. Da wir neben Sinn- auch Beziehungswesen sind, können wir uns nur in Beziehung wahrhaft entfalten. Sobald der Mensch anfängt, um sich selbst zu kreisen, gerät das Leben in Schieflage.
»Viel interessanter ist jedoch, welche Frage das Leben an mich stellt. Wo bin ich aufgerufen, eine Antwort zu geben?«
TV: Würden Sie sagen, dass das Befassen mit der eigenen Berufung früher oder später zu einer spirituellen oder religiösen Frage wird?
Hartl: Menschen sind unterschiedlich gestrickt, aber ich glaube früher oder später führt es zu spirituellen Fragen. Uns allen begegnen Situationen des Leidens, in denen unsere Pläne scheitern, in denen unser fokussiertes Leben eben nicht funktioniert. Was tue ich, wenn mein Fokus alleinig auf meiner Selbstoptimierung lag und ich plötzlich schwer krank werde und mich nicht mehr optimieren kann? Wenn Leid ins Leben tritt, reflektiert man unvermeidlich darüber, ob man wirklich der Mittelpunkt des Universums ist, oder ob es etwas Größeres gibt, dem man sich vertrauensvoll hingeben kann. Früher oder später tauchen solche Fragen im Leben auf.
TV: Vielen Menschen fehlt es einerseits an Fokus, andererseits ist es auch schwierig, richtig abzuschalten, da man immer und ständig erreichbar sein sollte und es auch ist. Wie kann einem ein gesundes Mittelmaß gelingen?
Hartl: Hier sprechen Sie das Thema Ihres Heftes an: New Work. Ich glaube, dass das Problem immer der Fokus ist. Wenn wir keinen Fokus haben, können wir uns folglich auch nicht richtig entspannen. Aktuell ist es nicht der Fall, dass wir als Gesellschaft zu viel arbeiten, insbesondere im internationalen Vergleich. Gleichzeitig befürchten immer mehr Menschen, insbesondere junge, in ein Burn-out zu rutschen, obwohl sie de facto wenig arbeiten. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass wir in unseren Ruhephasen nicht wirklich abschalten, weil wir uns medial ablenken. Doch wir benötigen sowohl fokussiertes Arbeiten als auch fokussierte Ruhe, beides in einem guten Wechselverhältnis. Es hat einen Grund, warum in der Bibel steht, dass man sechs Tage lang tätig sein, aber am siebten Tag, dem Sabbat, ruhen soll. Ein ganzer Tag wird der Ruhe und Erholung gewidmet.
Ich habe mir zum Beispiel zur Angewohnheit gemacht, mein Handy nicht in den Urlaub mitzunehmen, oder, wenn ich für ein paar Tage in die Berge fahre, mein Handy bewusst zu Hause zu lassen. Auf diese Weise gebe ich mir die Gelegenheit, komplett abzuschalten und herunterzufahren. Parallel dazu sollte man sich fragen: Wann arbeite ich fokussiert? Denn ich habe den Eindruck, dass viele Menschen weder richtig entspannen noch wirklich fokussiert arbeiten, da ihre Arbeitszeit von Mikroablenkungen durchzogen ist. Aufgrund dessen ist man am Ende des Arbeitstages auch nicht mit dem, was man geschafft hat, zufrieden. Deshalb sollte unser Ziel sein, fokussiert zu arbeiten, danach tatsächlich müde zu sein, daraufhin am Abend fokussiert zu entspannen und letztlich gut zu schlafen. Das ist ein gesunder Lebensrhythmus.
TV: Mich nicht ablenken zu lassen, ist für mich während meiner Arbeitszeit die größte Herausforderung, und ich glaube, damit bin ich nicht allein.
Hartl: Wir müssen uns bewusst sein, dass die Aufmerksamkeit wie ein Muskel ist, den man sich ab- sowie antrainieren kann. Tiefgründiges Denken ist nur möglich, wenn man nicht im Multitasking-Modus ist, und tiefe Kreativität ist auch nur möglich, wenn man fokussiert ist. Deswegen müssen wir sie wieder erlernen und trainieren. Man kann damit beginnen, dass man jeden Tag für eine halbe Stunde oder eine Stunde alle medialen Ablenkungen abschaltet. Wenn ich mich in der Früh der Stille und dem Gebet hingebe, lege ich bewusst mein Handy in ein anderes Zimmer. Denn allein wenn das Handy im selben Raum ist, ist die Aufmerksamkeit geringer.
TV: Ich würde Ihnen gerne eine weitere Frage stellen, die jedoch über den Fokus und die Arbeitswelt hinausgeht. Welche Rolle spielt aktuell in der Gesellschaft der christliche Glaube und wie wird seine Rolle in der Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?
Hartl: Ich kann mir vorstellen, dass Deutschland eine Renaissance des christlichen Glaubens erleben wird. Einerseits treten immer mehr Menschen aus den Großkirchen aus, was diese ungeheuer belastet, andererseits nehme ich eine große Sinnsuche und Sinnsehnsucht insbesondere bei jungen Menschen wahr. Unsere aktuelle Gesellschaft ist aus der Epoche der Postmoderne hervorgegangen, für die der Relativismus und der soziale Konstruktivismus bezeichnend ist. Die Wahrheit oder der Sinn gelten als konstruiert. Infolge kann jeder »seinen eigenen Sinn finden« oder jede Meinung ist in Ordnung, in dem Sinne von anything goes, da es keine endgültige oder verbindliche Wahrheit gibt.
Das ist zwar berechtigt, gleichzeitig aber verursacht diese Weltanschauung unfassbar viel Überforderung. Vor allem junge Menschen sehnen sich nach Struktur, nach Orientierung und nach Sinn, wobei nicht außer Acht gelassen werden sollte, dass viele von ihnen sogar psychisch unter dem Mangel an Orientierung leiden. Insgesamt geht es uns als Gesellschaft emotional und psychisch nicht gut. Es fehlt etwas. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass der christliche Glaube wunderbare Antworten auf die Sinnfragen bietet, und zwar aus dem Grund, weil er Spiritualität und Rationalität miteinander vereint. Denn er fordert einen nicht dazu auf, den Verstand über Bord zu werfen. Wir Menschen sind spirituelle Wesen und die Sinnfragen lassen uns nicht los.
TV: Eine der Herausforderungen, vor denen die Kirchen stehen, besteht meines Erachtens darin, die zeitlosen Inhalte der Weisheitstexte in einer zeitgemäßen Sprache und Form zu vermitteln, sodass sie die Suchenden tatsächlich erreichen. Vor Kurzem las ich, dass sich die meisten Kirchengänger während der Predigt langweilen und dies damit zusammenhängt, dass sich diese vom Gesagten nicht berührt fühlen oder es nicht als alltagsnah empfunden wird.
Hartl: Das stimmt. Insbesondere die Großkirchen verfügen häufig nicht über einen geeigneten Wortschatz, um ihre Weisheitsschätze so zu kommunizieren, dass auch Menschen von außerhalb der Gemeinde sie verstehen können. Deswegen versuche ich mich sowohl in meinen YouTube-Videos als auch in meinem Buch so auszudrücken, dass jemand, der kein religiöses Vorwissen besitzt, meinen Gedankengang nachvollziehen kann. Meine Intention ist es, meine Glaubensansichten klar zu kommunizieren, ohne zu missionieren. Eine wachsende Anzahl an Menschen steht Glaubensthemen offen gegenüber, doch es gibt zu wenige Formate, in denen die Themen und Inhalte verständlich und ohne Missionierungsabsichten dargelegt werden.
TV: In Ihrem Buch ist es Ihnen meines Erachtens gelungen, Passagen aus Weisheitstexten so einzusetzen, dass ihre Relevanz für unsere Zeit und somit ihre Aktualität unmissverständlich ist. In diesem Kontext scheinen sie weder altertümlich noch moralisierend, sondern sie zeigen neue Perspektiven auf, die sich in das moderne Leben integrieren lassen und einem bei Herausforderungen einen Kompass an die Hand geben.
Hartl: Eines der größten Missverständnisse in Bezug auf den christlichen Glauben ist, zu meinen, dass es in erster Linie darum ginge, dem Gläubigen Vorschriften aufzuerlegen. Die christliche Religion lebt von dem Moment der Gnade. Mir als Mensch wird etwas geschenkt, das ich mir weder durch Leistung noch durch moralisches Gutsein verdienen muss. Ich werde radikal angenommen, geliebt und beschenkt, so wie ich bin, und aus dem heraus darf ich mein Leben mit meinem Fokus gestalten. Ich finde, dass dies eine überaus befreiende und gute Nachricht ist, die jedoch häufig verdreht und von einem moralischen Zeigefinger überlagert wird.
TV: Sie schreiben auch über die Wichtigkeit, regelmäßig seine Komfortzone zu verlassen und die Bequemlichkeiten hinter sich zu lassen. Wieso sollten wir uns selbst aktiv Herausforderungen stellen?
Hartl: Das Gehirn funktioniert ähnlich wie ein Muskel und wächst durch Widerstandskraft. Wenn man immer den bequemeren Weg wählt, wird man mittelfristig seine Ziele immer seltener erreichen. Daher gilt es, umzuschalten und mit dem Schwierigeren und Unangenehmeren zu beginnen, oder allgemeiner formuliert, nicht immer den einfachsten und bequemsten Weg zu wählen. Es verhält sich ähnlich wie mit dem Sport, wo es nach einiger Zeit sogar Spaß macht, sich selbst herauszufordern. Wenn ich das erste Mal fünf Kilometer laufe, bin ich hinterher außer Atem. Wenn man dies jedoch regelmäßig tut, wird es zu einem Bedürfnis. Das dahinterliegende Prinzip nennt man Antifragilität. Das bedeutet, dass ich bewusst widerstandsfähiger gegen die normalen Widrigkeiten des Lebens werde. Dies ist ein Teilaspekt von menschlicher Reife, denn das Leben ist voller Leid und Herausforderungen. Ein guter Umgang mit dem Leid und den Herausforderungen des Lebens steht in engem Zusammenhang mit Tugend und menschlicher Größe.
Überhaupt schreibe ich in meinem Buch viel über Tugenden, was man nicht auf den ersten Blick mit Fokus in Beziehung setzen würde. Es gibt diesen Spruch: »Ich bin so, wie ich bin.« Dieser gibt nur eine Teilwahrheit wieder, denn wir werden, wie wir sein wollen. Ein praktisches Beispiel: Ich sage von mir selbst, dass ich unsportlich bin. Aber was sagt diese Aussage tatsächlich über mich aus? In vielen Fällen wird dieser Satz als Ausrede benutzt. Es kann gut sein, dass ich keine Sportskanone bin, aber ich kann sagen, dass ich gerne sportlicher werden möchte.
TV: Entwickeln wir uns in Richtung unserer Berufung und müssen wir sie gleichzeitig wie einen »Schatz« heben, der in uns schlummert?
Hartl: Bei der Berufung hat nicht jeder sofort das große Bild oder das große Projekt von Anfang an vor Augen, zum Beispiel: Ich will ein Waisenhaus im Kongo eröffnen. In den meisten Fällen entfaltet sich die Vision schrittweise, während man den Weg geht. Im Rückblick erkennt man, dass man geführt worden ist, oder einen roten Faden, der zu Beginn des Weges noch nicht ersichtlich war. Ich würde jedem empfehlen, in die Stille zu gehen, zu beten und auf die innere Stimme zu hören. Häufig ist es sinnvoll, sich zu fragen, welche die nächsten Schritte sein sollen. Denn manchmal sind nur diese klar zu erkennen, wie der Abschluss der Ausbildung oder für ein Jahr bei einem bestimmten Job zu bleiben. Manchmal erschließt sich die Lebensberufung erst sukzessive.
TV: Gleichzeitig betonen Sie in Ihrem Buch, dass man auch nicht passiv darauf warten sollte, was insbesondere bei religiösen oder spirituellen Menschen häufig der Fall ist, die meinen, dass das Universum oder eine höhere Macht einem die eigene Berufung auf dem Silbertablett serviert.
Hartl: Genau. In diesem Kontext wird wieder relevant: Welche Frage stellt das Leben an mich? Was gilt es jetzt zu antworten? Wenn ich ein kleines Kind habe, dann stellt sich nicht die Frage, was jetzt mein Lebenssinn ist, sondern in dem Moment ist es meine Aufgabe, mich um das Kind zu kümmern. Das ist eine Möglichkeit, um die inneren Stimmen zu unterscheiden. Manchmal will mich eine Stimme in die Bequemlichkeit ziehen, obwohl ich mir bewusst bin, dass dies nicht der richtige Weg ist. Zum Beispiel, wenn ich im zweiten Ausbildungsjahr merke, dass es anstrengend wird und ich lieber abbrechen würde. In solchen Momenten sollte man diese innere Stimme in Frage stellen und in sich hineinhören, ob sie einen tatsächlich in eine positive Richtung führen würde. Denn oftmals wissen beziehungsweise spüren wir, was das Richtige für uns ist. In diesem Fall sollte man die Ausbildung beenden, obwohl sie anstrengend und herausfordernd ist.
Auf diese Weise können wir uns darin üben, unsere inneren Stimmen voneinander zu unterscheiden, um herauszufinden, welche Stimme das Gute und Sinnvolle in uns nährt. So kann es uns gelingen, unsere Lebensberufung besser zu erkennen. Je öfter wir auf diese gute Stimme hören, desto klarer sehen wir unsere Lebensberufung.
Zum Interviewten
Dr. Johannes Hartl ist Philosoph, Theologe, Speaker und Gründer. Der Autor zahlreicher Bücher füllt als international gefragter Speaker Konferenzsäle mit über 10.000 Zuhörern und gilt als einer der einflussreichsten Vermittler zwischen christlicher Spiritualität, Philosophie und Psychologie im deutschsprachigen Raum.
Webseite: johanneshartl.org
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