Der japanische Bogenweg
Die Füße stehen weit über Hüftbreite fest auf dem Boden. Ihre Haltung ist zentriert, sie fühlt sich stabil, geerdet und präsent. Sie richtet ihren Körper auf, entspannt ihre Schultern. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges nimmt sie gar nicht wahr, das Summen der Insekten und die leisen Geräusche der Mitschützen treten in den Hintergrund. Ihr Geist ist fokussiert. Balance und innere Ruhe erfüllen sie.
Ihr rechter Arm geht nach vorne, die Hand greift die Bogensehne. Ansonsten hat sich kein Teil ihres Körpers bewegt, sie behält die gerade, aufgerichtete Position bei. Mit ihrer Linken fasst sie den Bogen. Ihre Hände, Arme und Schultern sind bewusst in Spannung, aber nicht verkrampft. Sie konzentriert sich auf den Moment, ihren Körper, die Energie.
Sie atmet in ihr hara (vergleichbar mit dem Sitz des Wurzelchakras im Yoga), sammelt dort Kraft – und hebt den Bogen. Leicht sieht es aus, als sich ihre Arme gleichmäßig und langsam auseinander bewegen und den Bogen aufziehen. Dabei setzt sie hier zum ersten Mal wirklich Körperkraft ein, Brust-, Schulter- und Rumpfmuskulatur arbeiten. Aber auch geistige Konzentration wird ihr abverlangt, denn die Bewegungen geschehen in absoluter Symmetrie von rechts und links, nichts soll sie aus der Balance, aus ihrem Zentrum bringen.
Wenn der Pfeil ihren Mundwinkel berührt, kommt der vielleicht anstrengendste Moment. Körper, Geist und Atmung arbeiten gegen den Drang des Bogens sich zusammenzuziehen. Sie hält die Spannung nicht nur, sie verstärkt sie, vergrößert den Auszug sogar noch – bis zum perfekten Moment, in dem die Energie so groß ist, dass sich der Schuss lösen kann. Ein kritischer Moment, aber auch ein befreiender. Denn hier hat sie losgelassen; Kontrolle und Erwartungen fliegen nun mit dem Pfeil Richtung Ziel.
Die Energie hallt in ihr nach. Um diesem Moment des Nachklangs des Schusses nachzuspüren, zu verinnerlichen und zu reflektieren, verweilt sie einige Momente in der Position des Abschusses.
Der Weg des Bogens
Beim japanischen Bogenweg (Kyudo) ist der gesamte Körper in den Prozess des Schießens eingebunden, bei minimaler Bewegung und wohldosiertem Kraftaufwand. Jede dieser Bewegungen ist exakt festgelegt. Es kommt keine hinzu, ebenso wird keine weggenommen. Durch den immer gleichen Ablauf entstehen Ruhe und die Chance, den Fokus auf sich zu lenken.
Das ist wichtig, denn nur mit Konzentration und Achtsamkeit auf den eigenen Körper sowie Vertrauen in sich selbst und seinen Bogen ist der Kyudoka (jap. für Schütze/Schützin; der japanische Begriff ist geschlechtsneutral) in der Lage, im richtigen Moment die Kontrolle aufzugeben. Dann kann sich der Schuss lösen.
Kyudo und Emotionen
In den ersten Jahren beschäftigen sich Kyudoka vor allem damit, die Bewegungen flüssig, ruhig und präzise auszuführen. Sie arbeiten an Perfektion, lernen zu akzeptieren, dass diese nicht erreichbar ist und kämpfen mit sich, mit den Unbillen des Tages, ihrer Stimmung, ihren Emotionen – und nicht zuletzt mit ihrem Ego.
Diese Reise verändert sich, wird detailreicher, neue Erfahrungen und Erkenntnisse verändern das Schießen und die eigene körperliche und geistige Haltung. Negative Ereignisse können einen zurückwerfen. Ein schlechter Tag auf der Arbeit oder eine emotionale Krise blockiert den einen beim Schießen, ein anderer gewinnt neue Energie durch die Ruhe und den Fokus beim Üben. Eine erfahrene Schützin erzählte, sie schieße am besten, wenn sie ein kleines bisschen ärgerlich sei. Denn dann habe sie Power und mehr Energie erfülle ihre Schüsse.
»Beim japanischen Bogenweg (Kyudo) ist der gesamte Körper in den Prozess des Schießens eingebunden, bei minimaler Bewegung und wohl dosiertem Kraftaufwand.«
Ich persönlich schieße am schlechtesten, wenn ich ärgerlich bin, auch Freude erschwert mir die Übung. Dann bin ich unkonzentriert, hastig, euphorisch und nicht geerdet. Meine sowohl technisch als auch mental besten Schüsse gelingen mir, wenn ich traurig bin, aber noch genug Kraft zum Schießen habe. Denn der Wille gut zu sein und die damit einhergehende Anspannung sind weg; mein Ego hat bei Traurigkeit keinen Platz und meine Gedanken irren nicht umher. Gleichzeitig hilft mir das Schießen, mit dem Gefühl der Traurigkeit umzugehen. Nach dem Training bleibt ein besseres Gefühl zurück, das Schießen hat mir neue Kraft und Mut geschenkt.
Gelegentlich werde ich auch überrascht. An machen Tagen werden mir erst durch die Konzentration, die fließenden Bewegungen sowie die Aufmerksamkeit und Fokussierung auf mich meine Gefühle bewusst. Oft sind sie vom Alltagsgeschehen oder den Erwartungen an mich und die Situation überdeckt. Aber dem Bogen kann man nichts vormachen: Mein Bogen weiß, wie es mir geht.
Dann erfüllt mich eine Schwere, weil mich ein Ereignis trauriger gemacht hat, als ich vor mir selbst zugeben wollte. Oder einfach nichts will funktionieren, meine Schüsse sind kraftlos, ich erreiche nicht die richtigen Positionen, kann die Spannung nicht halten. Hat mich der Kommentar von meinem Arbeitskollegen etwa doch mehr getroffen als ich dachte?
Vom Ideal bin ich noch weit entfernt. Denn das Ideal beim Kyudo, die Einheit von Körper und Geist, bedeutet auch in Harmonie mit sich selbst und dem Geschehen zu sein, sich nicht vom Alltag und den eigenen Emotionen ablenken zu lassen. Gelassenheit auch in schwierigen Zeiten zu bewahren, ist die Herausforderung.
Niemand schießt allein
In Japan zählt die Gruppe mehr als das Individuum. Diese kulturelle Grundlage schlägt sich auch im Kyudo nieder. Im Krieg wurde in Formation geschossen, beim Vorschießen am Hof in einer Gruppe aus drei bis fünf Personen. Wie diese Menschen sich bewegen, wenn sie den Dojo (den Übungsraum) betreten, wie und wann sie zur Schießlinie gehen, welche Bewegungen sie nach dem Schuss ausführen und wie sie das Dojo wieder verlassen, all das ist genau festgelegt. Auch das Tempo, in dem jede Bewegung ausgeführt wird, folgt einer Vorgabe.
Dadurch können mehrere Personen in einer Ruhe und einem gemeinsamen Rhythmus zusammen schießen, sodass sie wie eine Einheit wirken. Atmung spielt dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsames Ein- und Ausatmen im Rhythmus der Bewegungen bringt Ruhe, Konzentration und ein Gemeinschaftsgefühl.
Überrascht hat mich dieses Gefühl zum ersten Mal in Japan. Bei einem größeren Wettkampf schoss ich im Team mit einer Kyudoka aus meinem Dojo, die mich nicht leiden konnte. Ungeachtet der zwischenmenschlichen Unstimmigkeit baute sich eine Symbiose in unseren Bewegungen, unserer Atmung und unserem Schießen auf, die mich völlig gefangen nahm. Dadurch gelang es mir auszublenden, dass ich in einer riesigen Sporthalle voller Menschen war, die mich, die einzige Europäerin, interessiert beobachteten. Meine ganze Aufmerksamkeit lag in meinen Bewegungen, in der Präzision und der mentalen Kraft. Der erste Pfeil traf – in die Mitte der Zielscheibe. Stolz berichtete mir einer meiner Lehrer später, das wäre mein bester Schuss des gesamten Jahres gewesen.
Doch beim zweiten Pfeil passierte der Kyudoka vor mir ein Missgeschick, er fiel ihr herunter. Gefangen in der Einheit mit ihr, war ich verwirrt und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Der zweite Schuss misslang auch mir.
»Das Ideal beim Kyudo, die Einheit von Körper und Geist, bedeutet auch in Harmonie mit sich selbst und dem Geschehen zu sein, sich nicht vom Alltag und den eigenen Emotionen ablenken zu lassen.«
Zurück in Deutschland musste ich feststellen, wie schwer es Menschen hier fällt, sich auf eine Symbiose mit ihren Mannschaftskollegen einzulassen. Aber es kommt vor, auch mit Fremden. Vor einigen Jahren war ich bei einer Prüfung in einem Team mit mir unbekannten Schützen. Wir hatten ein bisschen Zeit uns kennenzulernen und für ein paar Trockenübungen. Es war meine erste große Prüfung auf internationalem Parkett, denn meine Prüfungsangst hatte mich bisher immer davon abgehalten. Doch als ich mit diesen vier Fremden das Dojo betrat, war sie wie weggeblasen. Getragen von einem gemeinsamen Atemrhythmus und den ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen entstand eine ähnliche Symbiose wie ich sie aus dem Wettkampf in Japan kannte. Wir bestanden alle fünf.
Ein solches Gemeinschaftsgefühl kann bereits in Wochenendkursen unter sich zuvor fremden Personen entstehen. Teilnehmer meiner Kurse erzählen mir freudestrahlend davon – und auch ich kann die Harmonie zwischen diesen Menschen gegen Ende eines Kurses von außen wahrnehmen.
Ähnliches erfahren auch Kyudoka, die nicht in einer Gruppe, sondern als Einzelschütze vorschießen. Denn Zuschauer gehen den Rhythmus mit, folgen geistig den Bewegungen, atmen mit. Getragen von der Energie der mental mitschießenden Zuschauer schießen Kyudoka nicht allein.
Nicht jeder Treffer ist ein Treffer
Kyudo bedeutet auch, die Zielscheibe zu treffen. Denn ein gelungener Schuss ist eine Kombination aus mentaler und körperlicher Anstrengung, das Ergebnis einer präzisen Technik und eben auch ein sehr realer Treffer. Die Zielscheibe zu treffen, ist das für alle sichtbare Ergebnis mentalen und körperlichen Einklangs beim Kyudoka.
Doch Vorsicht, ein Treffer bedeutet nicht, dass man das Ziel der Einheit von Körper und Geist erreicht hat. Es kann auch eine gelungene Kombination aus Fehlern sein, die den Pfeil ins Ziel bringt. »Manchmal triffst du das Ziel, verfehlst aber dein Selbst«, kommentierte Hideharu Onuma diese Situation. Onuma war einer der drei angesehenen Lehrer, die Kyudo nach Europa und in die USA brachten.
Kyudo ist auch Wettkampf. Es gibt überraschend viele Wettkämpfe im japanischen Bogenschießen: auf regionaler, nationaler, internationaler Ebene, für verschiedene Stile, für Schießen auf unterschiedliche Distanzen, für Anfänger, für Fortgeschrittene, für Lehrer. Doch Treffen allein zählt nicht. Wer bei der Technik schummelt, um zu treffen, dessen Treffer werden nicht gewertet. Auf der anderen Seite kann es passieren, dass der Kyudoka mit der besten Technik nicht so gut trifft. Deswegen wird in manchen Turnieren auch der Kyudoka mit der besten Technik geehrt.
Je erfahrener ein Schütze des japanischen Bogenschießens ist, desto mehr sollte sein Schießen von Ästhetik begleitet sein, Harmonie, Schönheit und Würde ausstrahlen. Auch dieser Punkt wird in einigen Wettkämpfen gewertet.
Shin·zen·bi – Ästhetik und Charakter
Der Mythologie nach erhielten die Japaner ihren Bogen direkt von der Sonnengöttin. Über Jahrhunderte glaubten sie an die göttliche Macht in ihren Bögen und daran, dass der richtige Gebrauch diese entfessele.
»Shin Zen Bi« (真善美) ist ein zentrales Thema im japanischen Bogenschießen. Übersetzt wird es mit »das Wahre, das Schöne, das Gute« und findet sich auch in anderen kulturellen und philosophischen Kontexten. Es verdeutlicht, dass Kyudo nicht nur eine sportliche, sondern auch eine geistige Übung ist, die sogar den Alltag des Kyudoka prägt.
Shin (真), das Wahre (auch die Wahrheit), steht im Kyudo für einen Schuss ohne Täuschung. Es soll ohne Tricks, dafür mit guter Technik und zentriertem Geist geschossen werden. Wer nicht trifft, der gibt niemand anderem die Schuld. Denn nur man selbst ist verantwortlich für das eigene Schießen und das eigene Handeln.
»Gemeinsames Ein- und Ausatmen im Rhythmus der Bewegungen bringt Ruhe, Konzentration und ein Gemeinschaftsgefühl.«
Zen (善), das Gute, erinnert Kyudoka daran, sich anderen gegenüber respektvoll zu verhalten. Aber auch seinen Bogen pfleglich zu behandeln, ist Teil des respektvollen Handels. Ebenso tragen Gelassenheit, Höflichkeit und ein friedvolles Verhalten zum Guten bei.
Bi (美), die Schönheit, ist das sichtbare Ergebnis von shin und zen. Im Kyudo zeigt sie sich in der Harmonie der Bewegungen, dem würdevollen Ausdruck des Schützen und seinem ruhigen Geist. Sichtbar sind eine ästhetische, harmonische Einheit von Kyudoka, Bogen und Pfeil.
Um dieses Ideal zu erfüllen, gehört viel Geduld, das Eingestehen und Akzeptieren der eigenen Schwächen sowie das Überwinden schlechter Phasen dazu. Mitunter kann der Weg lang sein, die Rückschläge frustrierend. Aber es ist ein Weg, der sich lohnt, bei dem Körper und Geist gleichsam gefördert werden. Ein gelungener Schuss im Sinn von shin zen bi fühlt sich nach Befreiung an und hinterlässt ein anhaltendes Glücksgefühl.
Ist Kyudo etwas für mich?
Das Geschlecht spielt keine Rolle, denn die Kraft, die benötigt wird, ist gering und die Muskulatur bildet sich mit der Zeit weiter aus. Auch das eigene Lebensalter ist unerheblich, viele Kyudoka in Deutschland beginnen mit Ü60, aber auch junge Erwachsene und einige Teenager stellen sich der Herausforderung.
Personen mit AD(H)S kommen mit den üblichen Meditationspraktiken oft nicht zurecht. Im Kyudo jedoch, wo der Geist sich konzentriert, während der Körper in steter Aktion ist, begegnen mir viele Menschen mit AD(H)S-Diagnose. Auf meine Frage, warum sie gerade diese Übung für sich entdeckt haben, antworten die meisten, dass sie hier in eine fokussierte Ruhe finden, ihr Geist nicht wild umherwandert und sie ihren Drang nach Bewegung besser beherrschen können.
»Ein Treffer bedeutet nicht, dass man das Ziel der Einheit von Körper und Geist erreicht hat. Manchmal triffst du das Ziel, verfehlst aber dein Selbst.«
Die Versuchung liegt nahe, zu behaupten, Kyudo sei für jeden eine Bereicherung. Doch wer den sportlichen Aspekt zu hoch schätzt, wer um des Schießens willen schießen will, wer sich körperlich, aber nicht geistig weiterentwickeln will, für den ist diese Budo (japanische Kampfkunst) eher frustrierend. Zu langsam, zu reglementiert, zu wenig auf Kampf ausgelegt.
Wer hingegen an sich arbeiten will, sich seiner Ungeduld, seinem Perfektionismus, seiner Kontrolllust, seiner Unausgeglichenheit, seinem Ego stellen will, für den ist Kyudo eine Möglichkeit. Menschen, die es innerlich zerreißt, die in verschiedene Richtungen gezogen werden, Menschen, die sich nach Balance und Erdung, Harmonie und Symmetrie sehnen, die könnte der japanische Bogenweg bereichern.
Zur Autorin
Simone Käfer praktiziert seit 20 Jahren Kyudo. Mit dem japanischen Bogenschießen kam sie in Berührung, während sie in Japan lebte. Interessierten bietet sie im Zen- und Meditationszentrum Benediktushof zweimal im Jahr die Gelegenheit, diese Budo in freundlicher, offener Atmosphäre selbst zu erfahren.
Webseite: linkedin.com/in/simone-käfer-addmag
Bildnachweis: © Adobe Stock, Simone Käfer



