Menschen in einer Tanzschule beim Üben von Tango

Chan Park – Tango Zen

Vom Tanz zur gelebten Verbundenheit

Während der Tango als Inbegriff von Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Geselligkeit gilt, scheint Zen genau das Gegenteil zu sein: regungslos, still und nach innen gekehrt. Doch Chan Park – NASA-Ingenieur und Tangolehrer – vereint diese vermeintlichen Gegensätze in Tango Zen. Hier münden die Zen-Prinzipien der Absichtslosigkeit und Präsenz nicht in Stille, sondern in einer verkörperten Verbundenheit: getragen von Bewegung, Musik und der innigen Umarmung zweier Menschen.

Tattva Viveka: Lieber Chan, du bist ein ehemaliger NASA-Ingenieur. Wie kam es dazu, dass Tango in dein Leben getreten ist?

Chan Park: Tango ist nicht zufällig in mein Leben getreten. Der Wunsch lebte schon lange, bevor ich Tango überhaupt entdeckt hatte, in mir. Seit meiner Kindheit fühlte ich mich stark zur Musik hingezogen. Damit verbunden war ein ganz einfacher Traum: als Paar zu tanzen – zwei Menschen, die sich gemeinsam bewegen, Rhythmus und Emotionen teilen. Während meines Studiums und in den ersten Jahren meiner Karriere blieb dieser Wunsch bestehen und wuchs still im Hintergrund.

Später, während meiner Arbeit bei der NASA, fand ich endlich die richtige Gelegenheit. Ich trat einem Tanzclub bei und begann, nach der Arbeit Unterricht zu nehmen. Ich probierte viele Gesellschaftstänze aus, darunter auch Tango. Als ich ihn zum ersten Mal tanzte, hat es sofort Klick gemacht. Es fühlte sich an wie genau die Art von Tanz, nach der ich gesucht hatte – nicht nur wegen seiner Eleganz, sondern auch wegen seiner Tiefe, Intimität und Bedeutung.

Was als Kurs begann, wurde bald zu einem ernsthaften Weg. Ich lernte, besuchte Workshops und begann schließlich selbst zu unterrichten. Der Tango führte mich in ein neues Leben voller Reisen, Lernen und Begegnungen mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Diese Reisen veranlassten mich dazu, mein erstes Buch zu schreiben, »Tango Zen: Walking Dance Meditation« und später Filme zu drehen – denn Tango war für mich mehr als nur ein Tanz geworden: Er ist ein Ausdruck für das Leben selbst. Ich drehte meinen ersten Dokumentarfilm »Tango Your Life« als Regisseur, um meine persönliche Reise durch den Tango zu teilen. Später wurde ich zum Protagonisten meines neuesten Films »Tango Zen: Returning to Tradition« unter der Regie des argentinischen Filmemachers Juan Cruz Varela, der die ursprüngliche Tradition erforscht, die ich durch den Tango entdeckt habe.

Schließlich führte mich der Tango nach Buenos Aires, wo ich Tänzer traf, die ihr ganzes Leben dieser Kunst gewidmet hatten. Dort hörte der Tango auf, etwas zu sein, das ich praktizierte, und wurde zu etwas, das ich lebte. Wie der Titel meines Films sagt: Tango Your Life. Genau das ist mir passiert.

TV: Warum sind Menschen deiner Erfahrung nach so fasziniert vom Tango?

Chan: Weil der Tango den Menschen etwas gibt, was sie im modernen Leben nicht so leicht finden: eine direkte Erfahrung von Verbundenheit, nicht Verbundenheit als Idee, sondern Verbundenheit als etwas, das man fühlt. In der Sprache des Tango Zen wird Tango faszinierend, weil er wie eine verkörperte Praxis der Präsenz funktioniert. Er holt die Menschen aus ihren Gedanken heraus und zurück in den gegenwärtigen Moment – durch Musik, Bewegung und Umarmung. Wenn das geschieht, beginnen sie, durch die Musik und die Umarmung eine universelle Energie zu spüren. Die Menschen sind fasziniert, wenn sie erkennen, dass Tango nicht nur »mit jemandem tanzen« ist. Vielmehr begegnen sich zwei Menschen durch Musik und Umarmung, und für einen Moment fühlt sich das Leben realer an.

»In der Sprache des Tango Zen wird Tango faszinierend, weil er die Praxis der Präsenz verkörpert.«

TV: Für viele Menschen sieht Tango wie eine Abfolge komplexer Schritte und Choreografien aus. Gibt es eine tiefere Ebene unterhalb der körperlichen Bewegung, und wenn ja, wie würden Sie diese beschreiben?

Chan: Diese tiefere Ebene ist das eigentliche Wesen des Tangos. Was viele Menschen sehen, ist oft Show-Tango: dramatisch und komplex. Aber authentischer Gesellschaftstango kann sehr einfach aussehen, denn er soll nicht beeindrucken, sondern verbinden. Im Tango Zen wie auch im traditionellen Tango wird Tango zu einer Form der Meditation, in der zwei Menschen zur Ruhe kommen, der Musik lauschen und sich bewusst in der Umarmung bewegen. Wenn das geschieht, kann selbst die einfachste Bewegung tiefgründig wirken. Tango ist nicht das, was man aufführt. Es ist das, was man miteinander teilt.

TV: Was ist die wahre Bedeutung der Umarmung (el abrazo) im Tango? Sie wird oft als Ausdruck der Verbindung bezeichnet. Doch wie entsteht diese Verbindung tatsächlich, primär durch die körperliche Nähe?

Chan: Der Abrazo ist das Herzstück des Tangos. Hier beginnt der Tango. Die Umarmung erzeugt nicht nur körperliche Nähe. Sie ist der Ort, an dem zwei Menschen einen gemeinsamen Raum schaffen, und dieser Raum wird zu einer Brücke zwischen ihren inneren Welten. Verbindung entsteht, wenn die Umarmung eine Absicht beinhaltet, nicht Absicht im Sinne eines Plans, sondern Absicht als Energie: »Ich bin hier bei dir. Ich höre dir zu. Ich werde antworten.« Wenn diese Absicht klar ist, wird die Umarmung lebendig. Und es entsteht eine Verbindung, nicht als Idee, sondern als gemeinsame Realität in diesem Moment.

Ein Paar beim Tangotanzen

TV: Ich stelle mir vor, dass Verbundenheit eine feine Mischung aus Spiritualität, Körperlichkeit und Emotionalität ist. Wie empfindest du persönlich diese Trinität, wenn du tanzt?

Chan: Für mich sind diese drei Aspekte nicht voneinander zu trennen. Wenn sie zusammenkommen, wird der Tango lebendig.

  • Körperlich: Meine Bewegungen werden geerdet und ruhig. Ich fühle mich stabil, zentriert und vollkommen präsent.

  • Emotional: Ich fühle Nähe zu meiner Partnerin – manchmal Zärtlichkeit, manchmal Sehnsucht, manchmal Freude. Die Musik öffnet diesen Raum auf natürliche Weise.

  • Spirituell: Ich spüre, wie durch die Umarmung universelle Energie zwischen mir und meiner Partnerin fließt, nicht als Glaube, sondern als reale, gelebte Empfindung.

Im Tango Zen entsteht diese Dreierkombination, wenn ich mich durch diese meditative Haltung mit der universellen Energie verbinde und ich durch den Abrazo eine gemeinsame Präsenz zwischen mir und meiner Partnerin spüre.

TV: Du sprichst von Tango Zen und Zentimento. Doch für viele scheinen Zen (still, ruhig, einsam) und Tango (sinnlich, intensiv, sozial) unversöhnliche Gegensätze zu sein. Wie bringen Sie diese beiden Welten unter einen Hut?

Chan: Sie scheinen nur oberflächlich betrachtet Gegensätze zu sein. Zen beschränkt sich nicht darauf, stillzusitzen. Zen bedeutet, vollständig präsent zu sein. Und Tango, insbesondere der traditionelle Tango, ist eine der direktesten Möglichkeiten, diese Präsenz zu üben. Denn die Umarmung und die Musik erfordern, dass man komplett im Hier und Jetzt ist. Im Tango Zen wie auch im traditionellen Tango wird Tango zu einer Übung der Präsenz, wenn man aufhört, Tango »zu tanzen«, und stattdessen beginnt zuzuhören, zu fühlen und sich zu verbinden. Der Körper wird geerdet, das Bewusstsein wird klarer, und was bleibt, ist eine gemeinsame Präsenz zwischen mir und meiner Partnerin.

Hier kommt Zentimento ins Spiel: Zen + sentimiento. Bewusstsein ist nicht vom Fühlen getrennt. Im Tango wird Präsenz durch Emotionen, Musik und menschliche Verbindung real. So treffen Zen und Tango aufeinander – nicht als Gegensätze, sondern als eine gelebte Erfahrung.

TV: In deinem Film berichtest du davon, dass du beim Tanzen einen »Zen-Moment« erlebt hast. Kannst du beschreiben, wie sich das angefühlt hat? Wann hast du gemerkt, dass es sich um eine spirituelle Erfahrung handelt?

Chan: Bei einem »Zen-Moment« im Tango geht es nicht darum, dass mein Geist zur Ruhe kommt oder Stille herrscht. Es geht um Verbindung: einen Moment, in dem ich mich vollkommen mit der universellen Energie verbunden fühle, die durch die Musik fließt. In diesem Moment ist die Musik nicht mehr etwas, das ich von außen höre. Sie wird zu einer lebendigen Kraft, die meine Bewegungen auf natürliche Weise trägt. In der Umarmung spüre ich, wie meine Partnerin und ich in denselben Rhythmus, denselben Puls kommen, als würden wir von einer unsichtbaren Hand geführt werden. Die Bewegung wird authentisch und unvermeidlich.

Ich erkannte, dass dies etwas Spirituelles war, als ich verstand, dass es mehr als körperliches Wohlbefinden oder emotionale Freude war. Es war etwas Tieferes: ein Gefühl der Verbundenheit – mit der Musik, mit meiner Partnerin und mit etwas, das größer ist als wir beide. Der »Zen-Moment« ist der Moment, in dem Tango zu einer gemeinsamen Verbindung mit der universellen Energie wird.

TV: Wie tragen die spezifischen Körperbewegungen im Tango zu einem Zen-Zustand bei? Welche Rolle spielen deiner Meinung nach der Körper und die Schritte beim Erfahren eines höheren Bewusstseins?

Chan: Im Tango Zen ist der Körper nicht etwas, das von der Meditation getrennt ist. Der Körper ist das Tor. Die körperlichen Elemente des Tangos sind einfach, aber wesentlich: geerdet bleiben, das Gleichgewicht halten, bewusst gehen und die Umarmung fest genug halten, um deine Absicht zu vermitteln und den Partner aufzunehmen. Dies sind keine Nebensächlichkeiten für die Show, sondern die Voraussetzungen dafür, dass sich zwei Menschen, ohne Anstrengung und Mühe miteinander verbinden können.

Wenn der Körper geerdet und im Gleichgewicht ist, fällt es leichter, zuzuhören: dem Partner und den Informationen, die durch die Umarmung übertragen werden. In diesem Moment hört Tango auf, eine körperliche Übung zu sein, und wird zu einer klaren Verbindung, und diese Verbindung entsteht durch den Körper. Die Schritte allein schaffen also keinen Zen-Zustand – aber sie schaffen die Stabilität und Klarheit, die eine echte Verbindung ermöglichen.

park-tangozen-2

TV: Seit Jahren unterrichtest du nun selbst Tango. Was ist das häufigste Hindernis, auf das Menschen beim Tango stoßen, und was ist die zugrunde liegende Ursache dafür?

Chan: Das häufigste Hindernis beim Tango ist nicht der Körper, sondern das Verharren im Kopf. Viele Menschen gehen mit Angst an den Tango heran: Sie versuchen, mehr zu tun, schneller zu lernen, das Ergebnis zu kontrollieren. Sie sind so darauf fokussiert, »es richtig zu machen«, dass sie genau das verlieren, was der Tango erfordert: Präsenz. Die zugrunde liegende Ursache ist oft dieselbe: die Gewohnheit, durch den Kopf statt durch den Körper und das Herz zu leben. Meine Aufgabe ist es, Menschen zurück zur direkten Erfahrung zu führen, damit die Bewegung einfacher wird, das Zuhören klarer und die Verbindung realer.

TV: Lässt du bestimmte Zen-Prinzipien bewusst in deinen Tangounterricht einfließen?

Chan: Ja, meine Workshops sind darauf ausgerichtet, Zen von einer Idee in eine gelebte Erfahrung zu verwandeln. Viele Menschen glauben, Zen zu verstehen, insbesondere in den Kulturen, in denen Zen intellektuell diskutiert oder studiert wird. Aber oft bleibt dieses Verständnis im Kopf. Es ist noch nicht zu etwas Verkörpertem geworden, zu etwas, das mit dem ganzen Körper gefühlt und gelebt wird.

In meinen Tango-Zen-Workshops führe ich die Teilnehmer vom Denken in das Fühlen: Sie sollen mit ihrem ganzen Körper der Musik lauschen, sich beim Gehen entspannen und sich mit echter Präsenz in die Umarmung begeben. In diesem Moment ist Zen kein Konzept mehr, sondern wird zu einer authentischen Erfahrung.

TV: Kann Tango Menschen dabei helfen, etwas über sich selbst zu entdecken, das sonst schwer wahrnehmbar wäre?

Chan: Ja. Tango kann offenbaren, wer du bist, wenn du aufhörst, dich anzustrengen, und beginnst, tatsächlich präsent zu sein. Im Alltag können sich Menschen hinter Rollen, Worten und Gewohnheiten verstecken. Aber beim Tango, insbesondere in der Umarmung, kann man sich nicht lange verstecken. Deine Nervosität, deine Kontrolle, deine Angst, aber auch deine Offenheit: All das wird in der Qualität deiner Präsenz sichtbar.

Wenn die Teilnehmer unnötige Anstrengungen loslassen und sich der Musik, der Umarmung und der Energie der Gruppe öffnen, verändert sich etwas. Sie entdecken, dass Verbindung nicht etwas ist, das man herstellt – es ist etwas, das man zulässt. Und wenn das geschieht, wird Tango zu mehr als nur einem Tanz. Er wird zu einem Tor zur Präsenz, zur universellen Energie und zu einer tieferen Erfahrung des Lebens.

»Authentischer Gesellschaftstango kann sehr einfach aussehen, denn er soll nicht beeindrucken, sondern verbinden.«

TV: Tanz und Bewegung können deiner Erfahrung nach als Tor zu spirituellen Erfahrungen dienen?

Chan: Ja, ich bin davon überzeugt, dass Bewegung eines der direktesten Tore zu spirituellen Erfahrungen sein kann – weil der Körper im gegenwärtigen Moment lebt. Wenn Bewegung bewusst und aufmerksam ausgeführt wird, vertieft sich das Bewusstsein auf natürliche Weise. Je mehr wir unser Gleichgewicht, unser Timing und unsere Aufmerksamkeit verfeinern, desto mehr beginnen wir, das Leben direkt zu spüren, nicht durch Ideen, sondern durch Erfahrung. Deshalb kann Bewegung eine spirituelle Dimension eröffnen: Sie bringt uns zurück zur Realität, zur Präsenz und zur universellen Energie durch den Körper.

TV: Die moderne Tangowelt ist von Wettbewerb und Leistung geprägt und spiegelt damit die Gesellschaft wider. Ihr Ansatz konzentriert sich stattdessen auf Harmonie, Verbindung und Präsenz. Welche Lektionen aus dem Tanzsaal hast du in dein tägliches Leben integriert?

Chan: Eine der wichtigsten Lektionen, die ich durch Tango gelernt habe, ist diese: Absicht ist die Kraft, die Verbindung real macht – auf der Tanzfläche und im Leben.

Im Tango kann Absicht nicht verborgen werden, denn man spürt sie sofort in der Umarmung. Wenn meine Absicht darin besteht, zu beeindrucken oder etwas zu beweisen, wird mein Körper angespannt und die Verbindung fühlt sich mechanisch an. Wenn meine Absicht darin besteht, zu kontrollieren, verliert die Umarmung an Vertrauen. Aber wenn meine Absicht darin besteht, zuzuhören und eine Verbindung zu schaffen, wird alles einfacher: Meine Bewegungen werden weicher, der Partner fühlt sich sicher und ein gemeinsamer Rhythmus entsteht auf natürliche Weise.

Mit der Zeit begann ich, dasselbe Prinzip auch außerhalb des Tangos anzuwenden. Bevor ich mit jemandem spreche, frage ich mich: Was ist gerade meine Absicht? Versuche ich zu gewinnen oder versuche ich, eine Verbindung herzustellen? Diese Herangehensweise verändert die Qualität von allem, was folgt.

Der Tango hat mich außerdem gelehrt, dass echte Verbindung nicht erzwungen werden kann. Sie entsteht nur, wenn sie durch Präsenz eingeladen wird, durch Aufrichtigkeit, Respekt und die Bereitschaft zuzuhören. Diese Lektion hat mein Leben, meine Arbeit und meinen Umgang mit Menschen im Alltag geprägt.

Zum Interviewten

Portrait von Chan Park

Chan Park ist Autor des Buches »Tango Zen: Walking Dance Meditation« und Direktor von »Tango Your Life«. Als ehemaliger NASA-Ingenieur leitet er seit 25 Jahren Workshops und bietet nun in Deutschland und Buenos Aires Seminare zu Präsenz, Verbindung und Meditation an.

Webseite: tangozen.com

Bildnachweis: © Adobe Stock, Chan Park

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen