Studie belegt engen Zusammenhang zwischen Spiritualität und Körperbewusstsein
Tattva Viveka: Gemeinsam mit Ihrem Forschungsteam haben Sie den Zusammenhang zwischen Spiritualität, Religiosität und interozeptiver Bewusstheit untersucht. Wie definieren Sie interozeptive Bewusstheit und welche Methode haben Sie im Rahmen dieser Studie angewendet?
Prof. Dr. Johannes Michalak: In der Studie haben wir untersucht, wie stark Spiritualität, also die subjektive Erfahrung der transzendentalen Dimension, mit interozeptiver Bewusstheit zusammenhängt. Interozeptive Bewusstheit bezieht sich auf die Wahrnehmung und Bewertung von Körperempfindungen. Dabei lag der Fokus primär auf adaptiven (hilfreichen) Formen der Interozeption. Wir haben mithilfe eines Fragebogens erfasst, ob sich die Teilnehmenden unangenehmen, angenehmen und neutralen Körperempfindungen gewahr sind, inwieweit sie das Zusammenspiel des Körpers mit den eigenen Emotionen registrieren und den Körper zur Selbstregulation nutzen können. Es zeigten sich hier deutliche Zusammenhänge zwischen dieser adaptiven Form der Interozeption und Spiritualität. Der Fragebogen zur Spiritualität hat unterschiedliche Aspekte gemessen, wie das Gefühl von Erfüllung beim Gebet, Universalität (das Gefühl einer Einheit der Wirklichkeit) und Verbundenheit (den Glauben, Teil einer größeren menschlichen Wirklichkeit zu sein, die Generationen und Gruppen übergreift). Er wird in der Forschung eingesetzt, um Spiritualität religionsübergreifend zu erfassen. Wir haben die Zusammenhänge zwischen Spiritualität und interozeptiver Bewusstheit in großen US-Stichproben mit mehr als 730 Teilnehmenden sowohl bei Buddhisten, Christen als auch Muslimen gefunden.
TV: Welche Rolle spielen Körper und Geist in Religion und Spiritualität? Welchen Einfluss haben sie auf unsere spirituellen Erfahrungen?
Michalak: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass spirituelle Erfahrungen nicht rein kognitive oder mentale Phänomene sind, sondern dass sie auch stark verkörpert sind. Spiritualität hing besonders mit jenen interozeptiven Facetten zusammen, die Emotionswahrnehmung, Selbstregulation, das Hören auf den Körper und das Vertrauen in den Körper betreffen. So war beispielsweise die Skala »Selbstregulation«, die die Fähigkeit erfasst, Belastung durch Aufmerksamkeitslenkung auf Körperempfindungen zu regulieren (Beispielfrage: »Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper richte, empfinde ich ein Gefühl von Ruhe«), besonders stark mit Spiritualität verbunden.
TV: Die Studie zeigt einen starken Zusammenhang zwischen Spiritualität und adaptiver interozeptiver Bewusstheit, jedoch kaum eine signifikante Korrelation mit Religiosität. Wie lässt sich dies erklären und was bedeutet dieses Ergebnis für diese beiden Konzepte im Kontext des Körperbewusstseins?
Michalak: Ja, wir haben neben Spiritualität, der subjektiven Seite des Transzendenzbezugs, auch die Zusammenhänge zwischen Religiosität und interozeptiver Bewusstheit erfasst. Religiosität wird häufig als die stärker formale, institutionelle und nach außen gerichtete Seite des Transzendenzbezugs definiert. Hier zeigten sich jedoch nur sehr schwache Zusammenhänge zwischen Religiosität und interozeptiver Bewusstheit.
Im Gegensatz zu dem Fragebogen zur Spiritualität, der vor allem »innere« subjektive Erfahrungen erfasste, haben wir mit dem Fragebogen zur Religiosität die Häufigkeit religiöser Verhaltensweisen wie Meditation, Beten und den Besuch von religiösen Veranstaltungen erfragt. Obwohl es natürlich Spiritualität im Rahmen von Religionen gibt und dort auch kultiviert wird, scheint die interozeptive Bewusstheit mehr mit der subjektiven Seite des Bezugs zum Transzendenten in Beziehung zu stehen als mit äußerem religiösem Verhalten.
TV: Welche spirituellen/religiösen Gruppen wurden in die Studie mit einbezogen? Gab es Unterschiede?
Michalak: Wir haben in den USA eine große Stichprobe rekrutiert und drei Gruppen verglichen: 236 Buddhisten, 271 Christen und 229 Muslime. In allen drei Gruppen zeigte sich der positive Zusammenhang zwischen Spiritualität und adaptiver interozeptiver Bewusstheit. Entgegen der Hypothese waren die Zusammenhänge allerdings nicht bei den Buddhisten am stärksten, die ja mit Meditation eine stark körperorientierte spirituelle Praxis haben, sondern bei den Christen.
»Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass spirituelle Erfahrungen nicht rein kognitive oder mentale Phänomene sind, sondern dass sie auch stark verkörpert sind.«
Der in unserer Studie beobachtete stärkere Zusammenhang zwischen interozeptiver Bewusstheit und Spiritualität bei Christen könnte darauf zurückzuführen sein, dass christliche Spiritualität emotionale Ausdrucksformen (zum Beispiel Freude, Trauer, Reue) stärker betont und damit die Wahrnehmung körperlicher, emotionsbezogener Reaktionen fördert. Im Buddhismus hingegen steht eher Gleichmut im Vordergrund und auch im Islam wird emotionale Kontrolle und Geduld betont, was mit einer anderen Einbindung interozeptiver Erfahrungen einhergehen könnte. Diese Interpretation ist natürlich sehr spekulativ und sollte in zukünftiger Forschung differenzierter geprüft werden.
TV: Laut den Ergebnissen konnten keine signifikanten Unterschiede in der interozeptiven Bewusstheit basierend auf der Körperhaltung während der spirituellen Praxis festgestellt werden. Wie interpretieren Sie dies vor dem Hintergrund, dass spirituelle Traditionen bestimmten Haltungen oft spezifische spirituelle Effekte zuschreiben?
Michalak: Wir haben auch explorativ (also ohne vorab formulierte Hypothesen) abgefragt, ob Personen typischerweise bestimmte Körperhaltungen beim Beten oder Meditieren einnehmen (zum Beispiel aufrecht sitzend, kniend, Prostration) und geprüft, ob sich in Abhängigkeit von der Körperhaltung Unterschiede in der interozeptiven Bewusstheit finden lassen. Hier zeigten sich keine Zusammenhänge zwischen typischen Körperhaltungen und interozeptiver Bewusstheit. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass unsere Fragen zur Körperhaltung zu »grob« waren, um mit stabilen Unterschieden bei der interozeptiven Bewusstheit in Zusammenhang zu stehen. Oder die spezifische Körperhaltung im Rahmen der religiösen Praxis an sich ist nicht so wichtig für das Ausmaß an Spiritualität, sondern eher die innere Verbindung mit dem Körper.
TV: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Körperwahrnehmung und der Art und Weise, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen (zum Beispiel als vertrauensvoll, feindselig oder wohlwollend)?
Michalak: In der Studie selbst haben wir den Aspekt der Wahrnehmung der Umwelt nicht direkt gemessen. Aber im theoretischen Teil diskutieren wir eine plausible Verbindung: »Body-Trusting« (den Körper als sicher/vertrauenswürdig erleben) kann mit einer grundsätzlicheren Vertrauenshaltung zusammenhängen. Dies kann in beide Richtungen gehen: Wenn ich im Laufe meines Lebens erfahren habe, dass ich der Wirklichkeit und auch der transzendentalen Wirklichkeit (einem barmherzigen Gott oder der Buddha-Weisheit) vertrauen kann, dann wirkt sich das auch auf mein Vertrauen in den Körper aus. Oder auch umgekehrt: Wenn ich gelernt habe (zum Beispiel durch eine gute Beziehung zu meinen Bezugspersonen in der frühen Kindheit), meinem Körper zu vertrauen, wirkt sich das auch auf mein Vertrauen in die Wirklichkeit insgesamt aus.
»Oder die spezifische Körperhaltung im Rahmen der religiösen Praxis an sich ist nicht so wichtig für das Ausmaß an Spiritualität, sondern eher die innere Verbindung mit dem Körper.«
TV: Welche praktischen oder therapeutischen Implikationen ergeben sich aus der starken Verknüpfung von adaptiver interozeptiver Bewusstheit und Spiritualität, beispielsweise zur Förderung des Wohlbefindens oder einer spirituellen Praxis?
Michalak: Unsere Befunde haben auch praktische Implikationen. Für Menschen, die ihre Spiritualität kultivieren möchten, erscheint es wichtig, die verkörperte Natur von Spiritualität anzuerkennen und eine adaptive Auseinandersetzung mit der Körperwahrnehmung zu fördern. Die Integration körperorientierter Praktiken in spirituelle beziehungsweise religiöse Unterweisungen könnte eine stärkere Verbindung zur transzendentalen Ebene unterstützen.
Im therapeutischen Bereich könnte die Förderung einer vertrauensvollen Verbindung mit dem Körper auch das Vertrauen in die Wirklichkeit insgesamt – auch auf zwischenmenschlicher Ebene – begünstigen oder umgekehrt: Eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung könnte auch das Vertrauen in den Körper und die Selbstregulation mithilfe des Körpers positiv beeinflussen. Diese praktischen Implikationen sind natürlich noch recht spekulativ und sollten in zukünftigen Studien untersucht werden.
Zum Interviewten
Univ.-Prof. Dr. Johannes Michalak ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie II, Studiengangsverantwortlicher und Ombudsperson für gute wissenschaftliche Praxis. Seine Forschungsbereiche sind: Achtsamkeit und achtsamkeitsbasierte Psychotherapie / Embodiment in der Klinischen Psychologie / Psychotherapie bei Menschen mit Behinderungen.
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