Das Geistige ist die treibende Kraft

Wie das Bewusstsein die Materie erzeugt

Prof. Dr. Dr. Hans Peter Dürr

Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr gelangte nach Jahrzehnten der Forschung zu dem Ergebnis, dass zuerst der Geist gegeben war und dann die Materie entstand. Konkret spricht er von einer Gestalt ohne materielle Substanz, im Sinne einer Potenzialität, die die Wirklichkeit entstehen lässt. Materie ist verknöcherter, ausgefällter Geist und somit das, was nicht mehr an der Evolution beteiligt ist. Die Zukunft ist nicht vorgegeben, sondern ein offener Prozess, der durch unseren Geist, d. h. unser Bewusstsein, bestimmt wird.

Hans-Peter Dürr: Ich bin ein in der Wolle gefärbter Quantenphysiker, d. h., ich habe im vollen Bewusstsein die Entwicklung mitgemacht, die am Anfang dieses Jahrhunderts stattfand. Es fing mit Max Planck und Albert Einstein an, aber das Wichtige ist, dass Planck und Einstein diese Entwicklung zwar angestoßen haben, aber nicht an sie glaubten.

Sie störten sich an der Unschärferelation und diesem ganzen Komplex der Quantenphysik. Sie waren der Meinung, dass dies nur ein Übergangsstadium sein kann. Es waren die jungen Leute wie Werner Heisenberg, der als Zwanzigjähriger darin den Durchbruch sah! Wir müssen die Wirklichkeit total anders sehen, nicht mehr materiell, sondern viel offener. Für diese Forschenden trat dann folgende Schwierigkeit auf: Wie kann man aus etwas, was so offen ist – etwas, das auch den Menschen miteinschließen konnte –, je so etwas wie eine Naturgesetzlichkeit ableiten? Wir Menschen wollen uns nicht dem Determinismus unterwerfen, da wir uns selbstverständlich als kreativ verstehen.

Wir Menschen wollen uns nicht dem Determinismus unterwerfen, da wir uns selbstverständlich als kreativ verstehen.

Daraufhin stellte man fest, dass dies möglich sei. In dieser Potenzialität, durch diese Gerinnungsvorgänge entstehen Gesetzlichkeiten, die genau den Gesetzen der klassischen Physik entsprechen, und das war der Durchbruch. Nicht, dass diese streng gelten, sondern dass es so aussieht, als ob sie gelten würden. Für uns, die wir hier überleben wollen und etwas begreifen müssen – greifen müssen, um uns zu ernähren –, reicht diese Annäherung vollkommen aus.

Aber das klassische Verständnis reicht nicht aus, um unseren Ursprung und die Welt zu verstehen. Ich nenne die moderne Physik nicht ›Quantenphysik‹, sondern ›holistische Physik‹. Das Wesentliche in der Quantenphysik war, dass wir streng genommen nicht mehr von Teilen sprechen können. Es gibt nicht so etwas wie Teile. Es existiert immer nur das Ganze.

Das Wesentliche in der Quantenphysik war, dass wir streng genommen nicht mehr von Teilen sprechen können. Es gibt nicht so etwas wie Teile. Es existiert immer nur das Ganze.

Dieses Ganze ist bereits differenziert. Es hat gewissermaßen Zäune und Abgrenzungen, aber es verhält sich mehr wie die Wellen auf der Oberfläche des Ozeans, und man sollte nicht denken, dass der Ozean aus Wellen zusammengesetzt ist. So ist es nicht, aber wenn ich es oberflächlich betrachte, trifft dies zu.

Die Oberfläche des Ozeans ist aus Wellen zusammengesetzt, das ist eine gute Beschreibung, und für den oberflächlich Denkenden ist dies auch ausreichend. Jemanden, der Schifffahrt betreibt, interessiert es nicht, was zwei Kilometer unter dem Ozean ist. Für diesen ist die Oberflächenstruktur des Meeres weitaus wichtiger als die Zusammenhänge des Meeres unterhalb des Wassers.

Der Urknall als Anfang der Welt?

Es gibt nicht nur die Urknall-Theorie, aber diese ist im Augenblick diejenige, die am meisten akzeptiert wird. 

Ich würde vermuten, dass die Urknall-Theorie, so wie sie jetzt besteht, auch nicht richtig ist.

Ich würde vermuten, dass die Urknall-Theorie, so wie sie jetzt besteht, auch nicht richtig ist. Sie ist für mich noch zu sehr in der Sprache der alten Physik formuliert, also an der Materie orientiert. Ich glaube, wenn wir mal so weit sind, die Kosmologie in der Sprache der modernen Physik zu schreiben, also auf der Basis der Quantentheorie, dann werden wir eine andere Formulierung haben.

Wie funktionieren die Naturgesetze?

Die alte Vorstellung besagt, dass wir mit einer materiellen Basis anfangen. Früher sprach man von Atomen, die sich immer wieder anders anordnen, und daraufhin fragte man sich: Warum ordnen sie sich so an, dass wir am Schluss ein so komplexes System wie den Menschen erhalten?

Die moderne Vorstellung postuliert, dass die Materie selbst bereits das Ergebnis einer Entwicklung ist. Am Anfang war die Möglichkeit, die Potenzialität, etwas, was immer ganzheitlich ist, und was selbstverständlich alle zukünftigen Möglichkeiten bereits irgendwie eingebaut hatte, aber noch nicht in der realisierten Form, die nun anfängt, sich zu formen. Auch die Naturgesetze gelten nicht in der Art und Weise, wie wir das aufgrund der alten mechanistischen Form glauben, dass etwas wie ein Uhrwerk abläuft, sondern die Naturgesetze sind auch nur ein Ergebnis der Evolution. Ihre Herausbildung ist auch nur eine Möglichkeit. Vermutlich wären auch andere Möglichkeiten der gesetzlichen Anordnung möglich gewesen, aber es ist dann auf eine bestimmte Art und Weise eingerastet, beinahe wie eine Art Gewohnheit.

Ich beobachte immer, wenn ich Zug fahre und es fängt an zu regnen, wie das Wasser außen an der Scheibe herunterläuft. Es fließt auf die krummsten Arten und Weisen nach unten, aber wenn es mal einen Pfad gefunden hat, dann fließt das ganze Wasser dort entlang. Das führte dazu, dass ich mich frage: Warum ist das Wasser genau diesen Pfad gegangen? Es hätte auch einen anderen Pfad gehen können, aber wenn es mal den Weg gefunden hat, dann wird es gewissermaßen zu einer Naturgesetzlichkeit für den Ablauf des Wassers.

Auf diese Weise sind auch die Gesetzmäßigkeiten entstanden, und ich glaube, dass die Biologie und die Physik, die als etwas Gegensätzliches betrachtet werden – die Physik starr und ihrer Gesetzlichkeit unterworfen, die Biologie irgendwie offener, insbesondere wenn wir uns selbst mit einbeziehen wollen –, auf der gleichen Grundlage aufbauen, und das ist die Potenzialität. Sie ist für mich das Geistige, ein Einheitliches, und es existiert nicht die linke Hälfte und rechte Hälfte des Geistes.

Der Geist agiert immer einheitlich wie eine Ahnung. Am Anfang ist es eine Ahnung, aus der sich später konkrete Gedanken herausbilden, wie in unserem Kopf. Doch die Frage, warum sich genau dieser Gedanke herausgebildet hat und kein anderer, ist nicht vorherbestimmt. Deshalb gibt es nicht den Menschen als vorher feststehendes Ziel, aber doch so etwas Ähnliches, so wie ich genau weiß, dass in meinem Kopf ein Gedanke entsteht, aber es ist nicht vorherbestimmt, welcher es sein wird.

Wenn wir fragen, wie das Leben entstanden ist, fangen wir bei den Aminosäuren an, denn so können wir das beschreiben, was notwendig ist, um diese Gebilde entstehen zu lassen, und ähnlich verhält es sich, wenn wir fragen, wie man ein Auto zusammenbaut. Alles, was ein Auto hinterher ausmacht, ist aufgrund der Naturgesetze so entstanden, denn ich brachte gewisse Materialien in Kontakt miteinander und die taten genau das, was ihrer Gesetzlichkeit entspricht. Aber wie hat man es geschafft, Bedingungen zu schaffen, dass genau diese Materialien in der Form zusammenkamen? Also woher stammt die Logistik im Hintergrund? Das ist die eigentliche Schwierigkeit. Die Logistik im Fall des Autobaus ist selbstverständlich unser Plan, ein Auto zu bauen. Es gab Ingenieure, die das geplant haben.

Die Logistik dürfen wir uns nicht wie bei einem Autobauer vorstellen, der sagt: Ich will ein Auto bauen. Es gibt nicht dieses eine fertige Ziel, aber doch wusste diese schöpferische Intelligenz, dass sich eine gewisse Affinität herstellen lässt, die dazu führt, Gebilde zu schaffen, die eine größere Flexibilität innehaben, mit denen ich dann wiederum andere Gebilde schaffen kann, die ich zusammenbauen kann, um eine noch größere Flexibilität zu erhalten.

Ich möchte es mit dem Schreiben eines Gedichtes vergleichen: Die Natur hat vor, ein Gedicht zu schreiben, aber sie weiß nicht, welches Gedicht geschrieben wird. Sie erkennt, dass wenn sie Buchstaben hätte, die nun darum kämpfen würden, welcher Buchstabe der bessere ist, es nie ein Gedicht geben würde. Stattdessen ist die Möglichkeit gegeben, dass sich A und B arrangieren, vielleicht noch ein L hinzunehmen, um auf einmal eine Kombination zu bilden, die einem Blabla entspricht – was bereits eine Ausdrucksform ist, die höher ist als jeder Buchstabe und die sich nun bewährt. Dieses Blabla differenziert sich weiter aus und erzeugt vernünftige Worte, die noch flexibler sind und nun Sätze bilden können, die Sinn ergeben. Das ist Evolution – aber welches Gedicht am Schluss entsteht, ist nicht vorherbestimmt. Doch es ist ein ausdifferenziertes Gedicht, weil es Sachverhalte zum Ausdruck bringt, die mehrere Dimensionen innehaben, und dies ist für die Überlebensfähigkeit des Organismus wichtig. Das Überleben ist wichtig, aber auf eine viel raffiniertere Art und Weise des Zusammenspiels.

Die Frage nach der Entstehung des Lebens

Die Entstehung des Lebens lässt sich chemisch erklären. Aber was wir nicht verstehen können: Wie kam es dazu, dass genau die Stoffe zusammengetroffen sind, um dieses ziemlich Unwahrscheinliche möglich zu machen? Wir haben oft die Vorstellung, dass hier gewürfelt wird, und dann rechnen wir die Wahrscheinlichkeit aus, aber wie wahrscheinlich ist es, dass jemand würfelt und so etwas eintritt? Man argumentiert, dass es eintreten kann, aber dass in so kurzer Zeit so viele Unwahrscheinlichkeiten aufeinandertreffen, ist praktisch unmöglich.

Daraufhin überlegt man sich Beschleunigungsmechanismen. Die Auflösung liegt meines Erachtens darin: Es würfelt niemand. Es ist genauso, wie wenn ich mit meiner rechten und meiner linken Hand die Finger zusammenführe und dann frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich treffen? Die ist beliebig gering, wenn sie nicht Teile desselben Körpers sind! Sie sind aber nie getrennt, sie wissen immer schon voneinander, das heißt, dass alles Geschehen eine Ausgestaltung von dem Einen ist, das seit dem Anfang ist, und dann geschehen solche Unwahrscheinlichkeiten. Es ist keine Würfelaktion, sondern etwas, das mit einer Absicht verbunden ist, einer spontanen Absicht. Es kann auch sein, dass ich von Vorstellungen geleitet werde, die ich zuvor hatte.

Wie entsteht aus einer Ahnung ein spezieller Gedanke, beispielsweise, wenn Sie am Morgen aufwachen und sich fragen: Was mache ich heute? Sie sagen es noch nicht, sondern es ist in Ihrem Kopf, sobald sie aufwachen. Wenn jemand Sie fragt, was Sie heute machen, schrumpft auf einmal diese Ahnung zu bestimmten Aussagen zusammen, und diese Gedanken und Aussagen stehen nicht unbedingt in einem Zusammenhang zueinander, und trotzdem sind sie aus derselben Suppe entstanden, die wir zuvor Ahnung nannten.

So ist die Welt entstanden, und deshalb ist es nicht pure Wahrscheinlichkeit und Zufall, dass sie ist.

Wenn wir die Entwicklung des Lebens im Rückblick betrachten, dann sehen wir, dass bestimmte Bedingungen notwendig sind. Bereits in unserem Planetensystem stellen wir fest, dass die Erde der einzige Planet ist, der diese Bedingungen erfüllt. Er ist groß genug, sodass er gewisse Stoffe festhalten kann, zum Beispiel Wasserstoff, und ihn nicht in den Weltenraum entlässt, da genügend Masse vorhanden ist. Er steht in einem gewissen Abstand zur Sonne. Das ist wichtig für die Temperatur, da wir uns hier in einer Zone befinden, wo Wasser abregnen konnte und sich Ozeane bilden konnten. All diese Dinge sind relevant. Wenn wir das von unserem Standpunkt aus betrachten, denken wir, dass dies ein reiner Zufall ist.

Wenn wir uns das Universum vorstellen und wie viele Planeten es wohl gibt, erkennen wir, dass wir genau dort leben, wo wir möglich waren. Die Erde lebt. Sie ist ein lebender Organismus.

Wenn wir uns das Universum vorstellen und wie viele Planeten es wohl gibt, erkennen wir, dass wir genau dort leben, wo wir möglich waren. Die Erde lebt. Sie ist ein lebender Organismus. Die gesamte Materie muss mit einbezogen werden. Sie ist in dem Sinne auch lebendig. Das heißt, es ist verkehrt, das Lebendige aus Totem aufzubauen und zu fragen: Was muss ich bei der Organisation der Logistik des Toten machen, dass am Schluss etwas Lebendiges herauskommt? Damit ergeben sich enorme Schwierigkeiten. Daraus gehen nur komplizierte Roboter hervor, aber nie jemand, der sagt: Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Man muss von Anfang an mit dem anfangen, was wir Lebendigkeit nennen. Leben ist viel fundamentaler als Materie. Leben ist das Prozesshafte, das Kreative, das sich dauernd Verändernde.

Dass es in diesem Strom der Veränderungen auch Dinge gibt, die sich nicht verändern, ist eine Nebensache, aber doch wichtig, weil es für uns essenziell ist, dass wir immer wieder die Dinge erkennen, an die wir gewöhnt sind.

Eine Evolution nach festem Plan?

Die Vorstellung, dass ein Plan existiert, in dem in gewisser Weise ein Ziel vorgegeben ist, auf das wir uns hin entwickeln, teile ich überhaupt nicht. Ich sehe die Schwierigkeit, vor der wir stehen, wenn wir glauben, dass wir uns hier in einer Entwicklung befinden, bei der gewissermaßen durch Versuch und Irrtum wie durch ein großes Würfelspiel mit nachfolgender Auslese schließlich ein Mensch hervorgebracht wird.

Das kann man sich zwar vorstellen, aber wenn man überlegt, wie lange so etwas brauchen würde, dann reichen dreieinhalb Milliarden Jahre bei Weitem nicht aus. Dadurch gewinnt man den Eindruck, dass doch etwas zusammenspielen muss und dass nicht gewürfelt wird wie im Glücksspiel, wo jeder Wurf praktisch unabhängig ist.

Die moderne Physik zeigt hier einen Ausweg: Sie stellt fest, dass es gar kein Unabhängiges gibt, das miteinander spielt, sondern dass alles von Anfang an miteinander verknüpft ist.

Die moderne Physik zeigt hier einen Ausweg: Sie stellt fest, dass es gar kein Unabhängiges gibt, das miteinander spielt, sondern dass alles von Anfang an miteinander verknüpft ist. Deshalb ist auch das Spiel, das die Natur uns vormacht, kein Würfelspiel, sondern ähnelt vielmehr dem Spiel eines Kindes, das mit einer gewissen Vorahnung weiß, was es eigentlich spielen will.  Es hat kein spezielles Ziel vor Augen, aber es wird innerhalb eines gewissen Kontextes gespielt. Auf diese Weise erreichen wir viel schneller das, was wir eigentlich möchten.

Gemäß der modernen Physik ist die Grundlage der Physik nicht die Materie.

Gemäß der modernen Physik ist die Grundlage der Physik nicht die Materie. Wirklichkeit ist nicht Realität im Sinne einer dinglichen Wirklichkeit, sondern im Hintergrund agiert etwas, was wir in der Physik Potenzialität nennen. Diese ist die Möglichkeit, sich in jedem Augenblick zu realisieren – doch nur die Möglichkeit. Es ist etwas, was in der Luft hängt. Es ähnelt von der Art her vielmehr einer Ahnung, die wir im Kopf haben, eine Ahnung im Gegensatz zu einem konkreten Gedanken. Die Ahnung lässt noch alles offen. Aber die Ahnung bedeutet nicht, dass alles in unserem Kopf drin ist, denn es hat bereits eine Gestalt. Am Anfang ist es eine Gestalt. Es ist etwas, was zusammengehört, was ganzheitlich ist. Somit existieren keine Teile, die sich im Laufe der Evolution zu immer konkreteren Formen herausbilden. Das, was anfängt zu gerinnen, ist das, was wir später Materie nennen. Wir blicken auf die Materie und denken, dass sie das Wesentliche sei. Die Materie ist aber genau der Teil der Evolution, der sich nicht mehr an der Evolution beteiligt, der sklerotisiert, verknöchert ist und nur noch als Gerüst für das dient, was die eigentliche Evolution trägt. Die Evolution selbst ist offen. Es ist keine Evolution im Sinne einer Entfaltung, sondern einer Neuschöpfung in jedem Augenblick.

Wenn wir fragen, ob es hier eine transzendente Größe gibt, also das, was man gewöhnlich mit dem Göttlichen verbindet, dann kann ich sagen: Ja. Aber sie ist nicht von der Art, die wir mit dem Begriff der Kraft verbinden, weil die Kraft für mich bereits eine Richtung innehat. Die Transzendenz besteht darin, dass sie die Möglichkeit der konkreten Gestaltung zulässt.

Bei diesem Gestaltungsprozess ist nicht nur jeder Teil für sich isoliert beteiligt, sondern letzten Endes ist die Schöpfung der Welt im nächsten Augenblick immer ein Gesamtkunstwerk, an dem wir alle beteiligt sind, und zwar nicht nur wir als Menschen mit unserem Bewusstsein, in dem wir auch Absichten entwickeln, sondern alles, was in der Welt ist, beteiligt sich an der Neuschöpfung der Welt. Darunter sind selbstverständlich auch einige Langweiler, denen nichts einfällt. Wenn jemandem nichts einfällt, dann verhält er sich wie die Materie. Dieses Glas [zeigt auf ein Trinkglas vor sich auf dem Tisch] ist ein Langweiler, nämlich, weil es im nächsten Augenblick noch dasselbe Glas ist wie jetzt. Ihm ist nichts anderes eingefallen als wieder dasselbe. Das nennen wir Materie. Das ist geronnener Geist. Wir nehmen die Materie für so wichtig, weil sie sich in der Zeit nicht verändert. Wir sollten sie aber für unwichtig halten, weil der Materie nichts anderes einfällt als sich selbst. Wir sollten diejenigen wichtig nehmen, denen in jedem Augenblick etwas Neues einfällt, und somit sollten wir den Menschen wieder in den Vordergrund rücken.

Geist kann zu Materie werden

Die moderne Physik – bei der die Materie als etwas erscheint, was nur in großer Vergrößerung unserem Auge sichtbar ist, und es für uns deshalb so wichtig ist, weil unser Verstand dazu gedacht ist, die Welt zu manipulieren, also mit unserer Hand zu begreifen –übersieht, dass der Ursprung allen Seins der Geist ist, der noch nicht diese materielle Form angenommen hat, und dass das, was Materie ist, letzten Endes durch eine Gerinnung des Geistes entsteht. Ich sage deshalb immer, dass die Materie die Kruste des Geistes ist. Wenn ich nur die Kruste betrachte, dann verstehe ich überhaupt nicht, was der Grund dieser Welt ist. Das, was bereits geronnen ist, hat an der Evolution nicht mehr teil, sondern wird nur noch als Mittel und Werkzeug verwendet, um die nächsten Evolutionsstufen vorzubereiten. Die treibende Kraft ist immer das Geistige. Das heißt, wenn wir als Menschen den Eindruck haben, dass wir die Zukunft gestalten können, ist das keine Illusion. Die Zukunft ist offen, und wir sind wirklich schöpferisch tätig, die Zukunft zu gestalten. Die Zukunft ist nicht eine noch nicht gewusste Vergangenheit, sondern die Zukunft ist wirklich offen, und deshalb brauchen wir auch das Instrument der Hoffnung. Die Hoffnung gibt uns ein Bild davon, wie wir die Zukunft gestalten wollen. Die Hoffnung kann realisiert werden, und wir sind nicht gänzlich gebunden, Materie einfach nur zu verschieben.

Dies ist selbstverständlich wichtig für uns, wenn wir manchmal verzweifeln und glauben, dass etwas notwendig mit hundertprozentiger Sicherheit aufgrund der Naturgesetze geschehen wird. Nein, die Naturgesetze sagen uns, dass wir mit der Zukunft auch etwas tun können, was es vorher noch nicht gegeben hat.

Das Fischernetz als Bild für das Vorgehen der Wissenschaft

Ich möchte damit andeuten, dass das, was ein Naturwissenschaftler als Wirklichkeit bezeichnet, eigentlich nicht die Wirklichkeit selbst ist, sondern nur, wie sie ihm selbst erscheint. Ich nehme dazu das Gleichnis eines Fischers, der die Welt erkunden will. Er fängt nur Fische, und nach jahrelangem Fischen gelangt er zu den Grundgesetzen der Fischerei. Erstes Grundgesetz: Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter. Zweites Grundgesetz: Alle Fische haben Kiemen. Warum nennt er es Grundgesetz? Weil es sich bei jedem Fang bewahrheitet hat, und er nimmt deshalb an, dass es auch in Zukunft so sein wird. Auf dem Nachhauseweg trifft er auf einen Philosophen und erzählt ihm von seiner großen Entdeckung. Der sagt ihm: Also hör mal, dein zweites Grundgesetz mit den Kiemen ist vielleicht ein Gesetz, aber dein erstes ist es bestimmt nicht. Wenn du die Maschenweite deines Netzes ausgemessen hättest, hättest du festgestellt, dass diese fünf Zentimeter beträgt. Du kannst somit keinen Fisch fangen, der kleiner als fünf Zentimeter ist.

Der Fischer ist aber überhaupt nicht beeindruckt. Er sagt: Entschuldige, für mich als Fischer ist etwas, was ich mit dem Netz nicht fangen kann, kein Fisch.

Dieses Bild übertrage ich auf die Naturwissenschaften, die ebenfalls behaupten, dass sie etwas gefunden hätten, das eine Eigenschaft der Natur ist, aber nicht infrage stellen, ob es nicht vielmehr eine Art und Weise ist, wie sich ihnen die Natur durch ihre Methoden und Messmethoden offenbart.

Aber das Einschneidendste dabei ist nicht nur die Methodik, sondern unsere Art zu denken. Wir denken, indem wir analysieren, indem wir fragmentieren, auseinandernehmen. Doch welche Art von Wirklichkeit erkenne ich, wenn ich mit diesem Instrument in meinem Kopf vorgehe?

Das ist wichtig zu wissen, weil wir so stolz auf unsere intellektuellen Fähigkeiten, unseren Verstand sind: Ist unser Verstand wirklich geeignet, die Wirklichkeit als solche zu erfassen? Oder ist er nicht vielmehr nur ein Instrument, das die Evolution hervorgebracht hat, um unsere Hand ein bisschen geschickter zu machen, damit wir den Apfel am Baum finden, den wir für unsere Ernährung brauchen? Ist nicht unser Verstand ein Instrument, das für unser Überleben wichtig ist? Ich glaube, dass dies vielmehr der Fall ist, weil wir immer darauf bestehen, dass wir, was immer wir erkennen, begreifen. Das heißt, dass wir es praktisch in die Hand nehmen können. Und jetzt ist die interessante Frage: Wie weit können wir mit einem Verstand – der uns eigentlich nur das Überleben ermöglichen sollte – auch erkennen, was die Welt zusammenhält?

Die neue Erfahrung der Wissenschaft ist, dass die Welt, die eigentliche Wirklichkeit, eine andere Struktur hat als die, die begreifbar ist. Nun befinden wir uns in Schwierigkeiten. Wenn wir etwas nicht begreifen können, wenn wir es nicht darstellen können, als ob es Objekte wären, die wir in die Hand nehmen können, wie sollen wir das in Sprache ausdrücken, die sich ebenfalls an den Objekten gebildet hat? Dies ist die Schwierigkeit, die die moderne Physik hat. Wir müssen also über Fische sprechen, die kleiner sind als fünf Zentimeter.

Ich sollte vielleicht ergänzen, dass ein prinzipieller Streit entsteht, inwieweit wir auf diese Dinge zurückgreifen müssen. Der Fischer sagt nämlich: Ja, also entschuldige, es könnte sein, dass es Fische kleiner als fünf Zentimeter gibt, aber wenn ich auf den Marktplatz gehe und meine Fische verkaufe, hat sich nie jemand für die Fische interessiert, die ich nicht fangen kann. Vom wirtschaftlichen Standpunkt, von der Lebensdienlichkeit her, ist es an sich uninteressant, aber philosophisch ist es selbstverständlich wichtig, wenn wir die Frage stellen: Woher kommen wir als Menschen? Wie ist das Universum entstanden? Das ist etwas, was für unser Überleben gleichgültig ist. Diese Fragen sind nicht wichtig, denn das ist passiert. Aber wir als Menschen interessieren uns für diese Fragen, und somit ist die nächste: Wie können wir uns überhaupt für etwas interessieren, was unser Verstand nicht fassen kann? Und dafür gibt es auch eine Erklärung: Wir als Menschen und überhaupt alles, was hier in dieser Welt ist, sind mit dem Ganzen immer verbunden. Wir haben eine Erinnerung an das, worin wir eingebettet sind. Es ist unsere religiöse Beziehung zur Wirklichkeit, in der wir uns Fragen stellen, die wir nicht begreifen können.

Unsere Umgangssprache ist voll von Begriffen, die eigentlich nicht begreifbar sind. Wenn wir von Treue, wenn wir von Liebe, von Vertrauen sprechen, ist es nichts, was wir begreifen können. Trotzdem können wir uns verständigen und wir können annehmen, dass der andere versteht, was wir meinen. Wir wissen es vielleicht nicht immer. Jemand, der noch nie verliebt war, der wird wahrscheinlich nicht wissen, was ich meine, wenn ich von Liebe spreche. Aber ich gehe zunächst davon aus, dass er als Mensch doch dieses Erlebnis auch einmal empfunden hat. Aber zu begreifen ist es nicht. Und aus diesem Raum gehen unsere Fragen hervor: Woher kommen wir? Was verbindet uns? Was ist eigentlich der Sinn unserer Existenz? Es ist sehr schwierig, eine Antwort zu erhalten, die begreifbar ist im physisch-materiellen Sinne.  

Materie kann nicht mehr zu Geist werden

Die Vorstellung von Sternenstaub ist für mich die alte Vorstellung der Wirklichkeit als dingliche Wirklichkeit, also als ob wir die Wirklichkeit als ein Zusammenspiel von Dingen, Objekten und Materie beschreiben können. Die moderne Physik sagt, dass die Wirklichkeit Potenzialität ist, etwas, was noch nicht Materie ist. Sie ist noch nicht Substanz, aber sie hat bereits eine Gestalt. Dies ist nur schwer vorstellbar für uns: etwas, was Gestalt hat, aber keinen Träger.

In unserer Anschauung macht Gestalt nur Sinn, wenn sie aus Materie besteht. Aber Gestalt ohne Substanz können wir uns nicht vorstellen. Das passt nicht in unsere begreifbare Physik, unser Verstand begreift das nicht. Aber so ist es. Am Anfang haben wir Gestalt, diese Gestalt, die alles zusammennimmt – diese ist immer da. Im Laufe der Evolution fängt sie an, sich zu differenzieren, bildet die Materie und formt erst das, was wir Sternenstaub nennen, also das, was sich hier in den Spiralnebeln ansammelt. Jetzt ist die Frage: Wird es je wieder zu Geist werden? Kann das, was zunächst nur Gestalt war und dann wie durch einen Gerinnungsprozess eine materielle Form angenommen hat, je wieder zurückgehen? Das ist meines Erachtens nicht gesagt. Es kann sein, dass die Verwandlung von Geist und Materie nur in einer Richtung geht. Geist kann Materie werden, aber Materie kann nicht mehr zu Geist werden. 

Wir als Menschen haben einen materiellen Körper – das ist der Teil, den wir greifen können. Den Körper nehmen wir furchtbar wichtig, aber wir sind immer ein Teil dieses einen Geistes, weil der Geist nicht teilbar ist. Wenn ich an mich oder an die anderen Menschen denke, habe ich mehr das Bild vor Augen von einem Ozean, der immer ein Ozean ist, der aber nun im Winde Wellen schlägt und sich Schaumkämme bilden. Diese weißen Schaumkämme blicken sich wechselseitig an und sagen: Du bist getrennt von mir, jeder ist ein Individuum, unabhängig vom anderen. Aber sie haben zwei Kilometer Ozean unter sich. Sie sind überhaupt nicht getrennt, sondern die Welle lässt es so erscheinen, als ob sie getrennt wären. Das ist für uns sichtbar, und das Weiße des Schaumkamms ist in diesem Bild das Materielle. Das nehmen wir furchtbar ernst. Wenn wir aber sterben, sinken wir wieder zurück in den Ozean. Dadurch verschwinden wir als geistige Wesen eigentlich nicht, sondern wir gehen wieder zu dem zurück, aus dem wir hervorgebracht wurden.

Der Text basiert auf einem Interview, das Prof. Dr. Martin Gertler im Max-Planck-Institut in München im Sommer 1997 mit Hans Peter Dürr geführt hat. © Martin Gertler. Transkription und Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Zum Autor:

Hans-Peter Dürr (1929-2014), Studium der Physik, 1958-74 Mitarbeiter von Werner Heisenberg im Max-Planck-Institut für Physik. Später Leiter des Instituts sowie des Werner-Heisenberg-Instituts in München bis 1997. Professor an der Universität München, Gastprofessuren in Berkeley, China und Indien. Seit den 1980er Jahren Engagement in der Umwelt- und Friedensbewegung und Anti-Atom-Bewegung. 1987 Alternativer Nobelpreis, 1995 Friedensnobelpreis (als Mitglied von Pugwash), 2004 Großes Bundesverdienstkreuz. 2008 Ehrenbürger der Stadt München. Mitglied im Club of Rome. Ratsmitglied des World Future Council. Gründer des Global Challenges Network und von WorkNet:future.

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