Die transformierende Kraft des Atems
Im Gespräch mit dem Atem- und Körpertherapeuten Dr. Ralph Skuban erörtern wir die Merkmale einer gesunden Atmung und hinterfragen, weshalb dieser natürliche Vorgang vielfach dysfunktional ist. Da er uns ein Leben lang begleitet und am Leben hält, ist es ein treffender Grund, ihn genauer zu untersuchen und ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Tattva Viveka: Lieber Ralph, dein aktuelles Buch trägt den Titel »Richtig atmen. Das Praxisbuch für mehr Gesundheit«. Wie kann es sein, dass es bei einem so natürlichen und unbewussten Vorgang wie dem des Atmens Erklärungsbedarf gibt? Kann man überhaupt falsch atmen?
Dr. Ralph Skuban: Das ist eine berechtigte Frage. Warum sollte mir jemand das Atmen erklären? Es geschieht schließlich völlig automatisch. Tatsächlich muss man einem Neugeborenen nicht beibringen, wie es zu atmen hat. Wenn es gesund ist, atmet es von Natur aus richtig.
Würden wir Erwachsenen noch immer wie Babys atmen, bräuchten wir weder Atemcoaches noch Bücher darüber. Das gilt für alle Vorgänge, die eigentlich natürlich ablaufen sollten. Doch die Realität sieht anders aus: Acht von zehn Erwerbstätigen schlafen schlecht und fühlen sich chronisch erschöpft. Das ist ein weltweites Phänomen. Mehr als die Hälfte der Menschen ist übergewichtig, ernährt sich falsch und bewegt sich zu wenig.
Die »großen Vier« für mich sind: Atmen, Essen, Bewegen und Schlafen. Das sind Vorgänge, für die kein Lebewesen eine Anleitung bräuchte, und dass sie richtig funktionieren, ist uns eigentlich angeboren. Doch aktuell laufen diese natürlichen Prozesse immer mehr aus dem Ruder. Das liegt vor allem daran, dass wir zwar Naturwesen sind, uns aber eine Lebensweise geschaffen haben, die unserer Biologie nicht gerecht wird. Unser Körper versucht zu kompensieren, bis er schließlich dysfunktional reagiert, und dies verursacht Probleme.
Besonders beim Atmen schleichen sich solche Fehlentwicklungen schnell ein. Die Hauptursache ist Stress, aber auch falsch ausgeführte Atempraktiken sind nicht zu unterschätzen. Ohne das nötige Wissen können sie oft mehr schaden als nützen. Diese schleichenden Muster prägen sich tief in unseren Körper ein und hinterlassen mit der Zeit ihre Spuren. Deshalb braucht es jemanden, der sagt: »Pass auf, versuch es mal so und so – und zwar über diesen Zeitraum.« Doch erklären allein genügt nicht: Man muss üben und trainieren, um die Atmung wieder zurück in ihre natürliche Balance zu lenken.
TV: Welche sind die Merkmale einer natürlichen, gesunden Atmung?
Skuban: Eine gesunde Atmung lässt sich an fünf Merkmalen festmachen. Sie klingen simpel und sind leicht zu merken, obwohl die dahinterliegende Theorie sehr komplex ist.
- Die Nase ist zum Atmen da, der Mund zum Essen und zum Sprechen. In der Tierwelt atmen Lebewesen fast ausschließlich durch die Nase – der Mund wird nur in Ausnahmefällen genutzt. Das Allerwichtigste ist: Atme rund um die Uhr durch die Nase, auch nachts und beim Sport. Die Nase erfüllt lebenswichtige Funktionen: Sie reinigt, wärmt und befeuchtet die Atemluft. Zudem wird in der Nase Stickstoffmonoxid (NO) gebildet. Dieses Gas wirkt entkeimend und bereitet die Luft so vor, dass Lunge und Körper sie verarbeiten können.
- Die Nasenatmung ist eng mit der Zwerchfellfunktion gekoppelt. Wer durch die Nase atmet, nutzt in der Regel auch sein Zwerchfell. In Ruhe sollte die Atmung unangestrengt ablaufen, da das Zwerchfell fast die gesamte mechanische Arbeit leistet. Viele Menschen strengen sich jedoch an, bewegen viele Muskeln beim Atmen und »schnaufen wie ein Walross«, obwohl die Atmung mühelos verlaufen sollte.
- Eine gesunde Atmung zeichnet sich durch eine langsame Atemfrequenz aus. Im Ruhezustand sind 20 bis 25 Atemzüge pro Minute definitiv dysfunktional und viel zu schnell. Als gesund und natürlich gelten 10 bis 14 Atemzüge pro Minute.
- Die Ausatmung ist im Ruhezustand und bei moderater Belastung primär Entspannung, da die Muskeln, die die Einatmung bewirkt haben, für die Ausatmung loslassen. Somit ist die Ausatmung ein entspannter passiver Vorgang.
- Jemanden, der gesund atmet, hört man nicht. Meist hört er sich nicht einmal selbst. Deutlich wahrnehmbare Atemgeräusche deuten darauf hin, dass eine zu große Menge Luft durch die Atemwege gezwungen wird.
Dies führt uns zum Hauptproblem: der Überatmung. Menschen mit dysfunktionalen Atemmustern atmen zu viel. Die Überatmung hat drastische biochemische Konsequenzen, aus denen viele gesundheitliche Probleme resultieren.
TV: Man kann zu viel atmen? Ich dachte immer, dass, wenn man unter Atemproblemen leidet, nicht ausreichend Sauerstoff in die Lungen gelangt. Denn viel Luft, also Sauerstoff, in sich aufzunehmen, ist doch gut, oder nicht?
Skuban: Intuitiv würden wir sagen: Ja, je mehr, desto besser. Auch beim Essen, um es als Analogie zu verwenden, war man lange davon überzeugt, dass mehr besser ist. Denn immerhin hält es uns am Leben. Doch im Kosmos ist es so, dass alle Dinge ein richtiges Maß haben, und es gibt nichts, bei dem das Maximum gleich dem Optimum wäre. Nur die Liebe ist eine Ausnahme. Denn würde sie überall im Überfluss existieren, hätten wir gemeinsam den idealen Zustand erreicht. Doch bei den physischen und physiologischen Vorgängen existiert ein vernünftiges Maß. Auch beim Atmen ist es so.
Es gibt eine vernünftige, deinem Metabolismus entsprechende Menge an Luft, die du ein- und ausatmen solltest, damit das Gleichgewicht zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid gewahrt ist. Darüber wird sichergestellt, dass das Säure-Basen-Gleichgewicht des Blutes so ist, wie es sein sollte. Denn über – und jetzt folgt eine vereinfachte biochemische Ausführung – die Atmung wird der pH-Wert des Blutes und anderer Körperflüssigkeiten reguliert. Deshalb ist es elementar, weder zu viel noch zu wenig zu atmen. Zu wenig atmet niemand. Denn wenn dies eintritt, spürt man sofort den Reflex, mehr Luft einatmen zu wollen. Aber zu viel atmen geht überaus schnell: Zum Beispiel wenn man viel spricht, viel durch den Mund atmet, viel seufzt, viel gähnt, und besonders im spirituellen Kontext viele Atemübungen praktiziert, bei denen man zusätzlich noch mehr atmet, als es für einen gut wäre.
Wenn man größere Atemzüge macht, gelangt zwar mehr Luft in die Lunge, aber nicht mehr Sauerstoff ins Blut, da dieses bereits bei sanfter, entspannter Atmung zu fast 100 Prozent mit Sauerstoff gesättigt ist. Wenn man also größere Atemzüge macht, als es der Moment verlangt, atmet man zwar mehr Luft ein und aus, doch es gelangt nicht mehr Sauerstoff ins Blut. Was aber passiert, ist, dass im Zuge dieser vergrößerten Atmung mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) ausgeatmet wird, als es dem Körper guttut. CO2 ist keineswegs nur ein Gift, sondern interessanterweise brauchen wir den größten Teil davon in unserem Körper selbst. CO2 ist elementar, um überhaupt atmen zu können.
»Die großen Vier für mich sind: Atmen, Essen, Bewegen und Schlafen.«
Denken wir wieder an das Baby: Sobald die Nabelschnur durchtrennt wird, endet die Versorgung durch die Mutter. Das Baby muss zum ersten Mal selbst atmen. Der Auslöser für die erste Atmung ist das CO2. Da der Gasaustausch über die Mutter gekappt ist, baut sich im Organismus des Neugeborenen CO2 auf, bis der Atemreiz getriggert wird – das Baby atmet ein. Dieses Prinzip begleitet uns ein Leben lang. Ohne CO2 würden wir nicht atmen, wir würden ersticken, ohne es überhaupt zu merken. Das Bedürfnis einzuatmen, entsteht primär aus dem natürlichen Drang heraus, CO2 auszuatmen. Es ist nicht etwa ein Sauerstoffmangel, der das Gefühl, einatmen zu wollen, triggert. Nur bei extremen Sauerstoff-Mangelzuständen wäre das der Fall, nicht aber im normalen Atemprozess.
Wenn man ein Leben führt, in dem man häufig gestresst ist, und man sich angewöhnt hat, viel durch den Mund zu atmen, vergrößert sich die Atemmenge. Diese vergrößerte Atemmenge führt dazu, dass man dauernd mehr CO2 ausatmet, als physiologisch sinnvoll ist.
Die Folgen sind gravierend: In der Medizin nennt man diesen Zustand Hypokapnie. Unsere Blutgefäße – genauer die Arterien – reagieren darauf, indem sie sich verengen, und infolgedessen verschlechtert sich die Durchblutung. Wenn ein CO2-Defizit vorliegt, wirkt zudem der sogenannte Bohr-Effekt, der von Christian Bohr (dem Vater von Niels Bohr) schon 1905 beschrieben wurde: Wie viel Sauerstoff an Zellen, Gewebe und Organe abgegeben wird, hängt entscheidend vom CO2 in der Umgebung ab, denn CO2 fungiert als Signalmolekül. Arbeitet ein Muskel (oder das Gehirn) intensiv, entsteht mehr CO2. Das vorbeifließende Blut registriert das Signal: »Hier wird gearbeitet, hier wird Sauerstoff benötigt!«, und entsprechend wird dort mehr Sauerstoff freigesetzt.
Wer chronisch überatmet, leidet unter einem systemischen CO2-Defizit, da in dem Fall der notwendige Sauerstoff nicht in ausreichender Menge im Gewebe und in den Zellen ankommt. Die Folge ist eine Hypoxie: ein Sauerstoffmangel im Gewebe trotz ausreichendem Sauerstoff im Blut. Die Zellen müssen, je nachdem, wie gravierend die Hypoxie ist, zunehmend anaerob, also ohne Beteiligung von Sauerstoff, Energie erzeugen. Dieser Mechanismus ist ursprünglich für kurzfristige, starke Belastungen vorgesehen, nicht jedoch als Dauerzustand, was eine Kettenreaktion an weiteren Problemen erzeugt.
TV: Viele verbreitete, vor allem chronische Krankheiten hängen offensichtlich mit dem Atem und den Atemwegen zusammen bzw. belasten diese wie Asthma oder ein chronischer Schnupfen. Doch es gibt auch körperliche oder psychische Beschwerden wie Verdauungsprobleme, Angstattacken oder Schlafprobleme, die nicht unmittelbar mit dem Atem zusammenhängen. Diese Korrelationen veranschaulichen lebhaft, dass in unserem Körper alles miteinander zusammenhängt. Ich staune immer wieder darüber, dass der unbewusste, automatische Prozess des Atmens unserem Körper und unserer Psyche solche Probleme bereiten kann, wenn er aus der Balance gerät.
Skuban: Dysfunktionale Atmung kann in der Tat ein breites Spektrum gesundheitlicher Nachteile nach sich ziehen, vor allem in Form von chronischen Erkrankungen. Viele dieser Symptome bringt man auf den ersten Blick nicht mit der Atmung in Verbindung.
Doch der Atem ist ein systemisches Geschehen. Jede einzelne Zelle muss atmen. Jeder Prozess in unserem Körper ist darauf angewiesen, dass wir atmen und dass das Säure-Basen-Gleichgewicht im Blut stimmt. Wenn durch die Atmung konsequent zu viel CO2 abgegeben wird, wird das Blut zu alkalisch. Man spricht dann von einer respiratorischen Alkalose, welche die eigentliche Ursache der Hypoxie ist, die Überatmung auslöst, über die wir gerade gesprochen haben. Der erwähnte Bohr-Effekt ist eine direkte Folge der respiratorischen Alkalose. Dies kann viele gesundheitliche Probleme verursachen, und jeder Mensch reagiert individuell darauf.
Manche entwickeln Symptome wie Asthma oder chronische Kurzatmigkeit. Bei anderen zeigt sich die Dysbalance durch innere Unruhe, »Brain Fog« oder sogar Panikattacken. In diesen Fällen ist die Panik oft kein rein psychologisches Phänomen, sondern eine direkte physiologische Folge der falschen Atmung. Auch das Herz-Kreislauf-System, die Verdauung oder die Muskulatur, die oft mit chronischen Spannungen reagiert, können betroffen sein. Letztlich beeinflusst der Atem jedes System – körperlich, mental und emotional. Bereits Buddha lehrte, sanft und ruhig zu atmen, um den Geist zu beruhigen. Alles hängt vom Atem ab. Ohne den ersten Atemzug beginnt das Leben nicht und mit dem letzten endet es. Dazwischen ist unser Leben eine Aneinanderreihung von Atemzügen, die alles am Laufen halten.
»Doch im Kosmos ist es so, dass alle Dinge ein richtiges Maß haben, und es gibt nichts, bei dem das Maximum gleich dem Optimum wäre.«
TV: Wie eine Perlenkette reiht sich jeder Atemzug an den nächsten. Was empfiehlst du den Menschen, die dich aufsuchen, um ihren Atem wieder in eine natürliche Balance zu bringen?
Skuban: In meinen Kursen arbeiten wir meist in kleinen Gruppen. Wir sprechen dort zum Beispiel über die fünf Punkte einer gesunden Atmung, und ich erkläre die physiologischen Hintergründe. Der Kern meiner Atemarbeit ist das Training der Kohlendioxid-Toleranz. Wie wir bereits besprochen haben, liegt hier das eigentliche Problem: Menschen mit Atemproblemen atmen so gut wie immer zu viel. Das Überatmen führt zu einem dauerhaften CO2-Defizit, einer sogenannten Hypokapnie, und in der Folge zu einer respiratorischen Alkalose. Wenn man zum Überatmen tendiert, kann man nicht von einem Tag auf den anderen entscheiden, dass man es ab jetzt anders machen möchte. Man muss vielmehr konsequent üben, damit es sich wieder ändert.
In meinen Kursen üben die Teilnehmer daher gezielt, ihre CO2-Toleranz zu erhöhen. Ziel ist es, das Gehirn wieder daran zu gewöhnen, eine gesunde Menge CO2 im Körper zu akzeptieren. Erst dadurch kann der Atem dauerhaft ruhiger, sanfter und unangestrengter werden. Oft erleben viele Teilnehmer bereits nach kürzester Zeit eine erstaunliche Verbesserung ihres allgemeinen Wohlbefindens.
TV: Du hast einen ungewöhnlichen Lebenslauf: Lange Zeit hast du in einer Pflegeeinrichtung gearbeitet und auch in Politikwissenschaften promoviert. Heutzutage unterrichtest du vor allem Atemarbeit und hast zahlreiche Bücher darüber geschrieben. Wie kam es zu dieser spannenden Entwicklung?
Skuban: Hauptberuflich habe ich 25 Jahre lang eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke geleitet. Politikwissenschaften habe ich berufsbegleitend studiert. Während meiner Zeit in der Pflegeeinrichtung durfte ich viele Menschen intensiv in ihrer letzten Lebensphase begleiten und hatte damit die Gelegenheit, die essenzielle Rolle des Atems im menschlichen Leben über Jahre zu beobachten. Ich erlebte mit, wie Menschen am Ende ihres Lebens buchstäblich um den Atem rangen. Mit dem letzten Ausatmen wird das Leben buchstäblich »ausgehaucht«, wie man treffend sagt.
Später begann ich, mich aufgrund meiner intensiven Begegnungen mit dem Leben und Sterben sowie der zahlreichen Herausforderungen, mit denen man sich konfrontiert sieht, wenn man im Gesundheitswesen arbeitet, mit der Yoga-Philosophie, mit Meditation und auch schon früh mit einer Atempraxis zu befassen. Ich war auf der Suche nach Wegen, um konstruktiv mit dem Druck im Gesundheitswesen und der unternehmerischen Verantwortung umzugehen. Diese Themen haben mich so sehr gefesselt und fasziniert, dass ich daraufhin begann, Bücher darüber zu schreiben. Denn erst auf dem Papier zeigt sich für mich, wie sehr ich tatsächlich etwas verstanden und verinnerlicht habe.
Was als persönliche Suche begann, mündete schließlich in Lehrtätigkeiten und Buchveröffentlichungen. Schließlich verabschiedete ich mich vor mittlerweile 13 Jahren aus dem Pflegeheim, um mich komplett dem Unterrichten zu widmen. Dabei richtete sich der Fokus sukzessive immer stärker auf die Atemarbeit. Bereits vor der Corona-Krise begannen immer mehr Menschen, sich für das Atmen zu interessieren, was während der Krise weiter zunahm und anhaltend hoch geblieben ist. Aufgrund des anhaltenden Interesses bot ich vermehrt Atemkurse sowie Ausbildungen an, und somit entwickelte sich der Atem organisch zum Schwerpunkt meiner Arbeit.
TV: In den spirituellen Bewegungskünsten und -traditionen spielt der Atem eine zentrale Rolle. Der Atem wird häufig mit der Bewegung verknüpft, bis Körper und Atem eine fließende Einheit bilden und der Praktizierende in einen Flow-Zustand gelangt. Welche ist zum Beispiel die Rolle des Atems im Yoga?
Skuban: Der Atem im Yoga, das überrascht Übende meist, wenn ich es so sage, ist vor allem ein Sich-Üben im »Nicht-Atmen«: Im Hatha Yoga, so wie er sich in den klassischen Schriften wie der Hathayoga Pradipika oder der Gheranda Samhita darstellt, geht es beim Atmen – oder Pranayama, wie die Praxis dort heißt, – vor allem um das Üben immer längerer Atempausen. Die »alten Yogis« haben das Atmen natürlich nicht physiologisch betrachtet, CO2 und Sauerstoff spielen selbstredend keine Rolle.
Ihre Praxis beruht auf Selbsterfahrung und muss im Kontext der yogischen Kosmologie verstanden werden. Im Kern ging es um die Stille, die man in der Atempause suchte. Wenn der Atem (Prana) sich bewegt, so die Idee, dann bewegt sich auch der Geist (Chitta). Wenn man also den Atem zur Ruhe bringen könnte, sollte auch der Geist ruhig werden können. Der stille Geist ist Yoga, so die Idee. Im Grunde will man im Hatha Yoga energetisch innere Ruhe »herbeizwingen«. Ich sage das bewusst – nicht, um es infragezustellen, sondern, um zum Ausdruck zu bringen, dass den »alten Yogis« bewusst war, dass ihre Praxis ein starker Eingriff ins natürliche Geschehen ist, mit dem man vorsichtig umgehen sollte.
»Der Atem ist ein Prozess, der alles miteinander verbindet. Er ist untrennbar mit dem Leben verwoben.«
Man sollte sich bewusst sein, dass diese Atmung nicht dem natürlichen Atemprozess entspricht. Gewissermaßen »schraubt« man an der Atmung herum. Hoffentlich ist man sich dabei im Klaren, warum man es tut und mit welchem Ziel. Essenziell ist, dass, sobald die Übung beendet ist, der Atem in seine natürliche Form zurückkehren sollte. Bedenklich wird es, wenn die Praxis zu intensiv ist oder übermäßig oft ausgeführt wird, umso mehr, wenn die Atmung bereits im Normalzustand nicht optimal oder dysfunktional ist. In diesen Fällen wird die Atmung oftmals nicht besser, sondern tendenziell schlechter, da es sich um forcierte Atemprozesse handeln kann, die lange Atempausen erfordern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Atmung im Alltag gesund und natürlich läuft. Wenn diese Grundlage gegeben ist, kann man mit verschiedensten Techniken experimentieren.
TV: Das Wort »spirit«, das im Begriff »Spiritualität« integriert ist, leitet sich vom Lateinischen »spiritus« ab, das übersetzt Geist, aber auch Atem und Hauch bedeutet. »Inspirare«, von dem sich unser Wort Inspiration ableitet, bedeutet einatmen. Wenn wir uns »inspiriert« fühlen, werden uns, so die Vorstellung, neue Ideen oder Gedanken »eingehaucht«. In der indischen Kosmologie symbolisiert die Einatmung des Schöpfergottes die Schaffung des Kosmos und sein Ausatmen die Zerstörung dessen. Unzählige solcher Bilder finden sich in Mythen und Erzählungen der Menschheit. Der Atem ist Leben, und zugleich weist er auf eine geistige, nicht greifbare Dimension des Lebens hin.
Skuban: Im Westen wird seit dem Philosophen Descartes eine künstliche Trennung zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen, also zwischen dem Körper und dem Geistigen vorgenommen. Aber im Denken alter Kulturen ist alles eine Einheit, ein Kontinuum. Nach ihrem Verständnis ist der Atem ein Prozess, der alles miteinander verbindet. Er ist untrennbar mit dem Leben verwoben: Wenn ein Lebewesen atmet, lebt es; wenn es nicht mehr atmet, stirbt es. Das führt uns direkt zur Spiritualität, dem Versuch, eine Antwort auf die Fragen des Lebens zu finden: Woher kommt ein Wesen, wenn es geboren wird? Wohin geht es, wenn es zu Ende geht? Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Es ist das Fundament allen spirituellen Suchens, dass es etwas gibt, das über die Materie und das materielle Leben hinausgeht, und der Atem ist der offensichtlichste äußere Ausdruck davon. Mit dem Aushauchen des letzten Atemzugs endet das Leben. Wenn man auf das Ende blickt, kann man zwei gegensätzliche Perspektiven einnehmen: Einerseits kann man sagen, dass es nun vorbei ist und dem nichts mehr folgt. Das ist die Position desjenigen, der sich Leben nur physisch vorstellen kann und für den das Bewusstsein aus der Tatsache erwächst, dass wir einen Körper haben. Man nennt das die Emergenztheorie. Oder ich glaube daran – oder lasse es zumindest offen –, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Das ist die spirituelle Perspektive.
Wenn wir spirituelle Praktiken wie die Meditation oder das Gebet betrachten, spielt auch hier der Atem eine herausragende Rolle. Den eigenen Atem wahrzunehmen, ist ein Einstieg in die Meditation. Das wird schon seit alter Zeit vermittelt. Somit ist der Atem sowohl ein wichtiges spirituelles Werkzeug als auch eine Metapher für Spiritualität an sich.
Zum Interviewten
Dr. Ralph Skuban ist promovierter Politikwissenschaftler. Nach langjähriger Berufstätigkeit im sozialen Bereich widmete er sich dem Schreiben und der Forschung, mit Schwerpunkten im Bereich östlicher Weisheit und Atempraxis. Er zählt heute zu den profiliertesten deutschen Sachbuchautoren. In seinen erfolgreichen Atemcoach-Ausbildungen und Atemtrainings gibt er sein vielfältiges und praxiserprobtes Wissen zur Atem-Arbeit an ein internationales Publikum weiter. Zusammen mit seiner Frau Nella leitet er die Skuban-Akademie.
Webseite: skuban-akademie.de
Bildnachweis: © Adobe Stock, Ralph Skuban



