Rituelle Körperhaltungen nach Dr. Felicitas Goodman
»Trance? Dafür bist du doch viel zu alt!« Irritiert schaut mich mein 21-jähriger Enkel Simon an, der noch müde von der durchtanzten Techno-Nacht mit seinen Freunden ist. Um nicht als »langweilige Oma« abgestempelt zu werden, erzähle ich ihm bei seiner dritten Tasse Kaffee, dass ich schon seit 32 Jahren eine »Technik« erfahre, erforsche und lehre, in der es möglich ist, mit der Einnahme von besonderen statischen Körperhaltungen aus alten Kulturen in einen willentlich veränderten Wach-Bewusstseinszustand zu kommen, in eine »Trance«. Dabei werden die Körperhaltungen von einem schnellen Rhythmus begleitet.
»Trance« bedeutet im Arabischen wajd, »finden«. Es geht in der Trance darum, die Teile zu finden, die zum Zustand der »Ganzheit«, »Heilheit« fehlen. Immer noch mit einem misstrauischen Blick hört mir der Enkel zu. Genug geredet! Ich greife zu meiner Trommel und beginne, den Rhythmus von 210-240 bpm zu schlagen.
»Wow«, stößt Simon aus , »das ist ja viel schneller als Techno!«
Ja, das ist es! Der Grundbeat bei Technomusik beträgt 140 bis 170 bpm. Nach einigen Bewegungsversuchen zum Trommelrhythmus im Sitzen schaut mich der Enkel mit wachem Blick an und möchte mehr wissen.
»Tanzen die Menschen in diesen Ritualen zu deinem Trommeln?«
»Oh nein«, antworte ich lachend. »Diese Körperhaltungen werden ohne Bewegung 15 Minuten lang so still gehalten, wie du es auf den Abbildungen siehst. Die Augen sind dabei geschlossen. Durch den schnellen Rhythmus verändern sich die Gehirnverbindungen und damit verändert sich auch deine Wahrnehmung, so als ob du in einer anderen Welt wärst. Man kann zum Beispiel fliegen, sich in ein Tier verwandeln und vor allem Heilung in sich selbst anregen.«
Heilsames Wirken
Neugierig fragt der Enkel: »Bist du eine Schamanin?«
Ich schüttele lachend den Kopf. »Schamanin/Schamane ist jemand, die oder der in einer von Schamanismus geprägten Gemeinschaft lebt, in ihrer alltäglichen und geistigen Welt. Leider nimmt es mehr und mehr zu, dass sich Menschen aus unserer Kultur, die Rituale in Verbindung mit Natur und Wahrnehmung durchführen, die Bezeichnung Schamane/Schamanin aneignen.«
»Trance bedeutet im Arabischen wajd, finden. Es geht in der Trance darum, die Teile zu finden, die zum Zustand der Ganzheit, Heilheit fehlen.«
Aber wir können von den »echten«, noch im Schamanismus lebenden Kulturen lernen, ein unserem modernen Leben entsprechendes heilsames Wirken über Rituale, Naturverbundenheit und erweitertes Bewusstsein zum Wohle von Menschen und anderen Wesen in unsere Welt zu bringen. Auch unsere heutige Kultur ist aus den alten Wurzeln schamanischen Wissens gewachsen. Gelebter Schamanismus ist eine geniale, undogmatische Mischform aus Naturerfahrung, Naturwissenschaft, Medizin, Psychotherapie, magischem Theater – und natürlich auch ein spiritueller Weg.
Bewusster Wandel durch heilsame Rituale in willentlicher Verbindung mit äußerer und innerer Natur ist der Grundklang dieser Lebensweise, die auch in unserer heutigen Kultur seit einigen Jahren immer mehr Aufmerksamkeit findet. Diese Lebenssicht ist auch die Grundlage der »Rituellen Körperhaltungen«, die in eine ekstatische Trance führen können. Meine Lehrerin und Freundin, die Anthropologin Dr. Felicitas Goodman, hat diese erforscht.
Die Pforten der Wahrnehmung
Durch ihre Forschungsarbeit hat sie seit den »wilden 60ern« einer wachsenden Schar von »ekstase-hungrigen Weltenwanderern« eine der vergessenen »Pforten der Wahrnehmung« wieder zugänglich gemacht. Diese Pforte entdeckte Felicitas Goodman während ihrer 17-jährigen anthropologischen Forschungsarbeit in einer Pfingstgemeinde in Yucatán, Mexiko. Beim Beobachten der Pfingstler kam ihr der Gedanke, ob der von ihnen eingesetzte Stimulationsrhythmus nicht auch ohne »Heiligen Geist« funktionieren könnte?
Vielleicht konnte man einzig mit dem Rhythmus diesen Zustand der Ekstase herbeiführen? Denn Felicitas war auf der Suche nach einem Zustand der Verzückung, einem Zustand der Freude, die aus einer anderen, geistigen Quelle gespeist zu werden schien. Sie gelangte zu der Erkenntnis, dass wir Menschen messbare Veränderungen im Körper und Gehirn erleben, wenn wir durch einen schnellen Rhythmus angeregt werden.
»Gelebter Schamanismus ist ein undogmatische Mischform aus Naturerfahrung,
Naturwissenschaft, Medizin, Psychotherapie, magischem Theater — und natürlich auch ein spiritueller Weg.«
»Körperliche Veränderungen? Was geschieht im Körper während der rituellen Trance? Werde ich schöner, gesünder?« Simon grinst mich an, und ich grinse zurück: »Na klar, das siehst du doch an mir!«
Ich erzähle von den möglichen Wirkungen dieser rituellen Trance durch Körperhaltung, Spannung und Rhythmus, und verweise auf den Physiker und Psychotherapeuten Dr. Jean-Michel Fitremann, der schrieb:
»Ich sehe den ekstatischen Trancezustand als ein Modell der Gesundheit. Der Zustand, den eine Person in einer ekstatischen Trance erlangt, zeigt alle Eigenschaften ›bester Gesundheit‹.«
Die rhythmischen Anregungen mit der schnellen Schlagfrequenz von 210 bis 240 bpm bewirken den Übergang in einen veränderten Wachbewusstseinszustand, den Theta- und manchmal auch den Deltazustand unserer Gehirnwellen.
Die Wirkung der Trance auf Gehirn und Körper
Die Rituellen Körperhaltungen zeichnen sich durch ein Wechselspiel von Anspannung und Entspannung der Muskeln aus. Jede der erforschten Körperhaltungen richtet die Aufmerksamkeit auf jeweils besondere Muskeln in Anspannung. Durch die Verstärkung der Anspannung der »besonders« gehaltenen Körperteile (oft die Hände) ist es möglich, die Tiefe und den Verlauf der Trance zu steuern
Offenbar werden während der ekstatischen Trance beide Seiten des vegetativen Nervensystems aktiviert – der Sympathikus und der Parasympathikus. Der Parasympathikus fördert den Zustand von Ruhe und Entspannung. In dem Erleben während der ekstatischen Trance löst sich erfahrungsgemäß viel affektiv und emotional Gestautes. Auf diesen Erfahrungshintergrund bezogen ist es sehr interessant, dass der Parasympathikus durch Affekte und Emotionen aktiviert wird. Die starke parasympathische Aktivierung führt auch zur Herabsetzung des Blutdrucks während der Trance.
Die Aktivierung des Sympathikus während der Trance steigert hingegen die Herzleistung und führt somit zu einer Beschleunigung des Pulses. Gleichzeitig wird die Durchblutung von Muskeln und Haut angeregt. Damit einhergehend werden körpereigene Opiate, die Beta-Endorphine, ausgeschüttet. Die biochemische Wirkung der Endorphine ist eine der Ursachen, die es ermöglichen, in der Trance ein Gefühl intensiver Freude, Lust und Euphorie zu erfahren. Dieses Gefühl der »Süße«, einer tiefen und bewussten Lebensfreude, kann noch für eine längere Zeit nach der Trance anhalten.
Im Zustand dieser Trance nimmt die Hirnaktivität vor allem im Bereich der Sehrinde deutlich zu. Dadurch werden »Visionen« – Klänge, Farben, Einsichten, Erkenntnisse – bewusst erfahrbar. Gleichzeitig ist die Nerventätigkeit im Scheitellappen teilweise drastisch gedrosselt. In dieser Hirnregion entwirft der Mensch das Bild von sich selbst. Eine Dämpfung dieses Bereichs bewirkt, dass das Empfinden für innen und außen, für die Wahrnehmung und Begrenzung des eigenen Körpers schwindet. Die Aufmerksamkeit ist stattdessen auf innere Vorgänge, innere Bilder und Botschaften der Seele gerichtet.
»Ich verstehe das alles nicht«, sagt Simon wieder etwas müde. »Aber was hat diese doch schon alte Anthropologin angeregt, nach Trance-Erfahrungen zu suchen und sie zu untersuchen?«
Die Welten der wahren Wirklichkeit
Felicitas, die mit 52 Jahren ihr zweites Studium aufgenommen hatte, war angesteckt von dem Lebensgefühl der Sechzigerjahre, dieser Zeit des Aufbruchs in »neue« Welten. Auch sie war auf der Suche nach dem Erleben einer Ekstase, in der die Erfahrung eines kosmischen Bewusstseins möglich war – so wie sie es in Berichten über Schamanen und Heilige gelesen hatte. Doch weder wollte sie dieser Erfahrung wegen in eine Kirche eintreten noch Drogen nehmen. Vielleicht ist es so, wie es die »Alten« in den schamanischen Ethnien gesagt haben, die ich erleben konnte: Ist Trance vielleicht doch mehr als ein veränderter Bewusstseinszustand? Ist Trance vielleicht der Kontakt zu den Welten der »wahren Wirklichkeit«, zum Schöpfungsursprung, dessen Anteil wir sind?
Inzwischen hat mein Enkel das Buch über die »Ekstatische Trance – Das Arbeitsbuch zu den Rituellen Körperhaltungen« ergriffen, das ich mit Felicitas Goodman und einigen forschenden Menschen in unserem Felicitas-Institut geschrieben habe. Die aus alten Kulturen stammenden erforschten Körperhaltungen sind aber keine »Altertums-Konserve«. In welchen Ritualen sie ursprünglich angewendet wurden, wissen wir nicht. Wenn wir sie heute bewusst rituell einsetzen und mit unserem Geist und unseren Informationen füllen, dann werden sie unabhängig von ihrer Ursprungskultur zu geistigen Informationsträgern, zu Brücken zwischen den Welten des Bewusstseins.
»Wenn mehrere Menschen die gleiche Körperhaltung einnehmen, sehen sie dann auch das Gleiche?«
»Danke, Simon! Das ist eine wichtige Frage!«
»Die Rituellen Körperhaltungen ermöglichen es, ohne Glaubensdogma und ohne Abhängigkeit von Leitpersonen willentlich einen Zugang zum zeit- und raumlosen Feld des Bewusstseins zu öffnen.«
Wenn zehn Personen im Erleben einer Rituellen Körperhaltung zum Beispiel einen Bären sehen, ist es mit Gewissheit so, dass der Bär zehn voneinander verschiedene Botschaften vermittelt, den Belangen jeder einzelnen Person entsprechend. Es ist auch so, dass wir je nach unserem kulturellen Hintergrund den in der Trance erfahrenen »Dingen« – Formen, Lebewesen, Farben, Klängen, Landschaften – bestimmte Zuordnungen an Qualitäten geben. Gewachsen aus Naturbeobachtung und alten Mythen hat besonders die Begegnung mit Tieren in Trancezuständen für uns immer noch eine bedeutungsvolle und stark berührende Kraft. Schlangen und Vögel durchstreifen auffällig oft das Tranceerleben in den Rituellen Körperhaltungen. Sie sind die in allen Kulturen vorrangig anzutreffenden geistigen Informationsträger, die Welten und Bewusstseinsräume durchdringen und verbinden.
Welche Bedeutung auch immer dem eigenen Erleben gegeben wird:
Es ist weise, dem Erlebten mit Ruhe nachzuspüren, ohne durch die Interpretationen anderer das Erleben verändern zu lassen oder die Auslegungen eines anderen als »richtiger« anzusehen als die eigene Empfindung. Ich bemerke sein wachsendes Interesse und erzähle von meinem Wahrnehmungs-Bewusstseins-Weg, der sich aus der Begegnung mit Felicitas Goodman entwickelt hat. Sie war fasziniert von Abbildungen »ungewöhnlicher« Körperhaltungen in Höhlenmalereien und alten Figuren.
Vorbereitungen und Auswirkungen des Tranceerlebens
Die in Ungarn geborene Anthropologin vereinte in sich Forschungswissen, Bescheidenheit und humorvolle Strenge. 15 Jahre führte sie mich in die Erfahrungen eines veränderten Bewusstseinszustands – ohne Drogen, ohne Glaubensdogma. Sie forderte mich zu eigenen Forschungen heraus, in denen ich immer tiefer in die Wirkungen der »Rituellen Körperhaltungen« eintauchte, die mich in den Zustand der ekstatischen Trance führten. Nicht »automatisch« und auch nicht immer. Ich lernte bald, dass die Vorbereitung auf dieses Trance-Ritual entscheidend für die »Wirkung« ist: Räucherungen, Atemübungen, Rasseln oder Trommeln im schnellen Rhythmus als Einstimmung, sich mit den mir entsprechenden geistigen Welten zu verbinden, Stille und Ruhen nach dem Tranceerleben.
»Wenn das Ritual und das Eintreten in die morphischen Felder ein Eintreten in unsere Tiefen sind, dann wird alle Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – dort zusammenkommen, und infolgedessen können sich einige erstaunliche Dinge ereignen.« (Matthew Fox)
»Wird man dann nicht verrückt, kommt mit dem Alltag nicht mehr klar, wenn man so seltsame Trance-Zustände erlebt?« Der Enkel klingt etwas beunruhigt.
Oh nein! Das Gegenteil ist der Fall! Man wird im Alltag wacher mit allen Sinnen, wird unabhängiger von den Urteilen anderer Menschen, spürt mehr und mehr die eigene »Lebens-Essenz«, die eigene Natur – denn auch wir Menschen sind Wasser, Luft, Erde. Dieses Erspüren stärkt und kann einem auch die Angst vor dem körperlichen Tod nehmen, denn wir können als ein Anteil am universellen Lebensgewebe nicht »verloren« gehen. Ungefähr seit 40 Jahren lebe ich nun schon bewusst mit dem Erkunden der vielfältigen Wahrnehmungsmöglichkeiten, ohne in Abhängigkeit von Glaubensrichtungen zu fallen. Ich bin ein Multiversum, so viele Möglichkeiten habe ich in mir, um Zugang zu den Welten des Bewusstseins zu erfahren.
Auswirkungen auf das eigene Wesen
Wiederholt und absichtlich in den Zustand einer Trance zu gehen und sich in das Bewusstseinsfeld einzuweben, verändert Menschen längerfristig nicht nur aufgrund biochemischer und neurophysiologischer Körpervorgänge. Die Erfahrung im Zustand der absichtlichen Trance über Sinne und Geist, als »Teil« eines »Ganzen« eingebunden zu sein in die kreative Weite des schöpferischen Bewusstseinsfeldes, bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Entfaltung des eigenen Wesens. Diese Erfahrung fließt in die »Alltagswelt« ein, wirkt verändernd auf Denken und Handeln im Sinne eines bewussten Umgangs mit Menschen und Umwelt vor dem Hintergrund des Wissens um die Vernetzung alles Lebendigen.
Manchmal sieht man sich selbst in der Trance wie von »außen«. Das besagt nicht, dass der eigene Körper in der Weise verlassen wurde, dass man sich sorgen müsste, nicht »zurückzukommen«. Es besagt lediglich, dass eine andere Sichtweise eingenommen wurde, die nicht an die körperlichen Funktionen gebunden ist.
»Dann muss man an nichts und an niemanden glauben, wenn man über Körper und Rhythmus in solch eine Trance geht? Und man kann auch nicht verloren gehen?« Der Enkel ist wach und will »mehr wissen«.
»Nein, du musst nichts ›glauben‹, denn du selbst kannst auf vielerlei Weisen erfahren, dass du ein einzigartiger Anteil an ›Leben‹ bist. Deshalb kannst du im Erleben einer Trance auch nicht verloren gehen«.
»So kann die Methode der Rituellen Körperhaltungen zu einem spirituellen Erkenntnisweg für freigeistige Menschen werden, die keine Angst vor Erfahrungs-Abenteuern haben.«
Die »Rituellen Körperhaltungen« ermöglichen es, ohne Glaubensdogma und ohne Abhängigkeit von Leitpersonen willentlich einen Zugang zum zeit- und raumlosen Feld des Bewusstseins zu öffnen. Das Erleben in der ekstatischen Trance wird auch nicht von den Seminarleiterinnen/-leitern psychologisch interpretiert. Eine Ausnahme ist das Einsetzen der »Rituellen Körperhaltungen« in einem therapeutischen Setting. Ansonsten gilt: Das, was in der Wach-Trance erfahren wird, ist kein Symbol für etwas. Es ist das, als was es erscheint: Ein Bär ist ein Bär, ein Vogel ist ein Vogel, ein Baum ist ein Baum Doch jede so erfahrene Wahrnehmung – sei es Form, Gestalt, Klang, Geruch, Empfindung – vermittelt eine Information, die hinter dem liegt, was »erscheint«. Die Information zu »lesen« und zu deuten, bedarf der Arbeit derjenigen, die sie wahrgenommen haben.
»Wir leiden unter Mangel an Wahrnehmung, nicht unter Mangel an Möglichkeiten.« (Gisela Rohmert)
So kann die Methode der »Rituellen Körperhaltungen« zu einem spirituellen Erkenntnisweg für freigeistige Menschen werden, die keine Angst vor Erfahrungs-Abenteuern haben. Die Voraussetzungen zum Aktivieren des heilsamen Zustands der Erkenntnis sind in jedem Menschen angelegt.
Der Mann von Lascaux
Das hat bestimmt vor ca. 17.000 Jahren auch dieser so seltsam liegende Mann erfahren. Ich zeige Simon die Abbildung des »Mannes von Lascaux«
Diese Höhlenzeichnung aus dem von Menschen errichteten unterirdischen Heiligtum in der Höhle von Lascaux im Périgord, dem »Land der 1000 Höhlen«, gehört zu den bekanntesten europäischen Bildzeugnissen einer Trance. Die ca. 600 Malereien und 1500 Gravuren stellen nur Tiere dar, weder Pflanzen noch Landschaften – und lediglich eine menschliche Gestalt: einen im Winkel von 37 Grad steif liegenden Mann mit erigiertem Penis, ausgestreckten Armen und dem Kopf eines Vogels. Links von ihm ist ein Stab mit einem Vogel als Abschluss zu sehen. Es ist ohne Zweifel die »klassische« Darstellung eines Schamanen im Trancezustand: Vogelkopf, steifer Körper und erigierter Penis erzählen vom schamanischen Flug.
»Der Schamane ist vor allem ein Vogelmann, er ist der Herr und Begleiter aller Vögel, welche die vielseitigste Gruppe der Fauna stellen.« (Gerardo Reichel-Dolmatoff)
Simons Gesicht ist von einer leichten Röte überzogen. »Das möchte ich auch erleben!«, sagt er leise. Wochen später hat er in einem Ritual in dieser Haltung seine eigene, sehr besondere Mann-Qualität erfahren können. Er hat sich auch einen »Vogelstock« gebaut, so wie der »Mann von Lascaux« ihn neben sich liegen hat.
Trance als Brücke zwischen den Welten
Aus sehr vielen unterschiedlichen alten Kulturen, die von der Verbindung mit dem Geist der Natur geprägt waren, sind Menschen in »seltsamen« Körperhaltungen bekannt; ca. 80 wurden bislang von Menschen im Felicitas-Goodman-Institut erforscht Zur Erforschung einer Körperhaltung gehört auch die sorgfältige Recherche ihres kulturellen und gesellschaftlichen Umfeldes. Je jünger und komplizierter organisiert eine Gesellschaft ist, desto schwerer ist es, über die Körperhaltung und den Rhythmus das Bewusstsein zu verändern. Infolge ist auch das Erleben schwächer. Den weltanschaulichen Hintergrund des Weges der »Rituellen Körperhaltungen« bildet eine »schamanische« Sicht der Welt: Alles, was ist – sichtbar und unsichtbar –, steht miteinander in Wechselbeziehung. Die verschiedenen Bewusstseins-Welten können willentlich und zum Wohle der Einzelnen und der Gemeinschaft erfahren werden. Die absichtliche Begegnung mit im Alltagsbewusstsein nicht wahrnehmbaren »Kräften« ist möglich.
»Weit sehe ich, weit – die Welten alle.«
Dieser Vers der Seherin im Eröffnungsgedicht der Edda weist darauf hin, wobei es um die Erfahrung im veränderten Bewusstseinszustand einer willentlich hervorgerufenen Trance geht: eine nicht an Materie, nicht an Erscheinungsformen, nicht an Zeit und Raum gebundene Wahrnehmung mit »verändertem Blick«, um das, was jetzt wichtig ist, zu erkennen – und die eigenen Heilenergien zu aktivieren und zu stärken. Felicitas Goodman pflegte zu sagen: »Trance ist eine Brücke zwischen den verschiedenen Welten des menschlichen Bewusstseins. Trance ist gesund!«
Zur Autorin
Nana Nauwald, geb. 1947, ist Künstlerin, Buchautorin, Dozentin für Rituale bewusster Wahrnehmungen und erforscht seit langer Zeit Rituelle Körperhaltungen und Trance-Erfahrungen. Ihr Weg ist geprägt von schamanischen Bewusstseinswelten indigener Kulturen. Die intensive Begegnung mit der Anthropologin Prof. Dr. Felicitas Goodman und ihrer Forschung eröffnete Nana Nauwald neue Möglichkeiten, die sogenannten »Anderswelten« zu erleben.
Webseite: ekstatische-trance.de
Bildnachweis: © Adobe Stock, Nana Nauwald



