Portrait von Thomas Keating

Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating

Ein moderner christlicher Mystiker

Der 2018 verstorbene Trappist Thomas Keating gilt als wichtiger Erneuerer des christlichen kontemplativen Pfades, Schöpfer der Meditationsübung des »Gebets der Sammlung« und Wegbereiter eines aufgeschlossenen interspirituellen Dialogs. In ihrem neuen Buch »Thomas Keating: Die Lebensreise eines modernen christlichen Mystikers«, aus dem die folgenden Ausschnitte stammen, würdigt seine langjährige Schülerin Dr. Cynthia Bourgeault seinen Lebensweg und seine Wirkung.

Thomas Keating (1923–2018), der weltbekannte »Gründungsguru« des Gebets der Sammlung oder des Zentrierenden Gebets, wie es auch genannt wird, war fünfundsiebzig Jahre lang ein Trappistenmönch, der seine lange Dienstzeit ungefähr je zur Hälfte aufteilte zwischen seinem Mutterhaus, der St. Joseph’s Abbey in Spencer, Massachusetts (unter anderem zwanzig Jahre lang als deren Abt), und dessen Ableger, dem Benediktinerkloster von Snowmass, Colorado (welches er in den späten 1950er-Jahren zu gründen mitgeholfen hatte und wohin er sich ab 1981 dauerhaft zurückzog).

Sein Werk der Einführung des Gebets der Sammlung vollendete er größtenteils während der 1980er-Jahre, in der zweiten Hälfte seines klösterlichen Werdegangs. In einem fulminanten Ausbruch geistiger Aktivität gab er dieser Kontemplationsmethode ihren letzten Schliff und rief ein ambitioniertes Programm ins Leben, um sie zu vermitteln, bestehend aus einer umfassenden Unterrichtsanleitung sowie einer von ihm gegründeten Organisation mit dem Namen Contemplative Outreach zu ihrer Lehre und Verbreitung. Statt des sanften Ausklingens, als das er sich seinen Ruhestand sicherlich vorgestellt hatte, entpuppte sich dieser als das Anschieben einer Graswurzelbewegung der kontemplativen Wiederbelebung, die Tausende von spirituell dürstenden Christen mit dem in ihrem eigenen Hinterhof vergrabenen Schatz der Kontemplation bekannt machen sollte.

Die Krise des christlichen Mönchtums

Für klösterliche Gemeinschaften waren die 1970er-Jahre eine herausfordernde Zeit, deren Spannungen im Inneren von den umfassenden Veränderungen durch das Zweite Vatikanische Konzil, im Außen vom zunehmenden Druck der kulturellen Revolution der späten 60er-Jahre getrieben waren. Unter der Oberfläche all dieser Unruhen wurde der Ruf nach einer radikalen Erneuerung des monastischen Lebens lauter und ging Thomas Keating als »Hirten seiner Herde« zu Herzen. Mit dieser sich rasant globalisierenden Perspektive begann er (dem die Jahre seines Aufenthalts in den Rocky Mountains von Colorado zweifellos einiges von seiner Ostküstenbürgerlichkeit ausgetrieben hatten), die Ärmel hochzukrempeln und sich an die Räumung der festgefahrenen Wege zu machen.

»Jeder Gedanke impliziert eine Trennung zwischen uns und der unmittelbaren
Gegenwart Gottes.«

Und die waren offensichtlich in einem schlechten Zustand. Unterhalb des fulminanten äußeren Erfolgs des Trappistenordens in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das innere Leben langsam aber sicher erstarrt – und dies, um ehrlich zu sein, schon seit mehr als zwei Jahrhunderten. Frömmigkeitspraktiken, ursprünglich einer feurigen mystischen Leidenschaft entsprungen, waren längst zu gewissenhafter Genauigkeit und äußerlicher Observanz gefroren. Die lectio Divina, einst eine dynamische klösterliche Methode des Schwelgens in der Heiligen Schrift, war zu schalem »geistigem Gebet« verkommen und ihre letzte Stufe, die contemplatio, war mittlerweile weggeschlossen wie ein seltenes Geschenk, das nur einigen wenigen Auserwählten zustand. Die lebendigen Wasser der Stille und der wortlosen Vertrautheit mit Gott, die das ursprüngliche Charisma der Trappisten genährt hatten, schienen zu versiegen und die Früchte der monastischen Transformation am Rebstock nach und nach zu vertrocknen. Und obschon noch viele Trappisten ihre ikonischen schwarz-weißen Habite trugen, schien das Licht aus ihren Augen verschwunden zu sein.

Thomas Keating mag nicht alle Gründe für diesen Niedergang erfasst haben, doch sah er deutlich, wo der Schaden erwuchs. Im Bestreben, jene inneren transformierenden Feuer neu zu entfachen, ohne dafür in seinem direkten institutionellen Umfeld viel Unterstützung zu finden, begann er, auf kontemplative Meister in anderen Glaubenstraditionen zuzugehen, die zu dieser Zeit in immer größerer Zahl in Nordamerika anlandeten und tatsächlich sogar in seinem eigenen Hinterhof mitten in Massachusetts. So ließ er einige frühe Anhänger der Transzendentalen Meditation die ganze Klostergemeinschaft darin unterrichten, und einige Jahre lud er einen Zen-Roshi als Retreat-Lehrer ins Kloster ein, um die Mönche mit der Koan-Arbeit bekanntzumachen. Das war schlicht und einfach eine Starthilfe: ein Weg, seine Mönche mit jenen lebendigen Funken ihres eigenen kontemplativen Erbes in Verbindung zu bringen, von dem er wusste, dass es unter der Oberfläche der eingefrorenen äußeren Form noch immer hell glühte.

Thomas Keating in seiner Mönchsrobe

Inspiration aus der Wolke des Nichtwissens

Dann, im Jahr 1975, an einer schicksalhaften Ordensversammlung, in der die Sorge ausgedrückt wurde, dass sich immer mehr junge ehemalige Katholiken östlichen Meditationspfaden anschlössen, formulierte er laut und deutlich seinen Einwand: »Sollte es nicht möglich sein, aus der ganzen christlichen kontemplativen Tradition eine aktualisierte Meditationsmethode zu machen, die für Laien in ihrem Alltag praktikabel ist?« Einer seiner Mönche, Pater William Meninger, nahm diese Herausforderung an. Er holte sich seinen alten kontemplativen Begleiter aus dem Bücherregal, ein zerlesenes Exemplar des mittelalterlichen spirituellen Klassikers Die Wolke des Nichtwissens, extrahierte daraus die zentrale Methodologie – und das Gebet der Sammlung war geboren.


Das Gebet der Sammlung kurz und knapp

Das Gebet der Sammlung (auch Zentrierendes Gebet genannt) ist eine unverwechselbare Methode und ein ganz eigener Weg der Meditation. Es basiert auf dem spirituellen Klassiker Die Wolke des Nichtwissens aus dem vierzehnten Jahrhundert und wurde in den 1980er-Jahren von Thomas Keating und seinen Mitbrüdern im Trappistenkloster von Snowmass, Colorado, zu einer modernen christlichen Kontemplationsübung aktualisiert, die heute von Tausenden von Menschen weltweit praktiziert wird.

Worum es nicht geht: Das Erlernen dieser Praxis beginnt mit dem Verlernen von fast allem, von dem Sie bisher glaubten, dass es zu Meditation gehöre:

    • Es geht nicht darum, einen Zustand der Glückseligkeit, des Friedens oder der Stille zu erlangen.
    • Es hat nichts zu tun mit dem Entwickeln einer »auf einen Punkt ausgerichteten Konzentration«.
    • Das Ziel liegt nicht darin, ein beständiges »Ich bin« oder eine bezeugende Präsenz zu bilden.
    • Es geht nicht um den Abbau von Stress oder das Erlangen physischen oder emotionalen Wohlbefindens (obwohl dies tatsächlich die bekannten Begleiterscheinungen der Übung sind).
    • Es geht nicht darum, Botschaften von Gott zu empfangen.

Worum es geht: Im Wesentlichen geht es im Gebet der Sammlung darum zu lernen, die Aufmerksamkeit von unseren Gedanken zurückzuziehen – jenen unaufhörlichen Produkten unseres geschäftigen Geistes –, um in einer sanften, offenen Wachheit für die Göttliche Wirklichkeit zu ruhen. Dieses sanfte Loslassen der Gedanken wird in der Lehre des Gebets der Sammlung als »Einwilligung« oder »Zustimmung zur Gegenwart und zum Handeln Gottes« bezeichnet. Dies zu tun, ist nicht schwer, aber es zu schätzen, ist – am Anfang – schwierig.

Im Gebet der Sammlung wird »Gedanke« definiert als: alles, was irgendwie unsere Aufmerksamkeit bindet. Dabei kann es sich um eine Idee handeln, aber auch um eine Vision, eine Erinnerung, ein Gefühl oder sogar um ein Jucken der Nase. Wenn irgendetwas Ihre Aufmerksamkeit gefangen nimmt, ist es ein Gedanke, und die grundsätzliche Anweisung lautet, diesen loszulassen, ihn sanft aus dem Griff der Aufmerksamkeit zu befreien. Wenn an dessen Stelle sofort ein weiterer Gedanke auftaucht, ist das völlig in Ordnung; lassen Sie auch diesen los.

Es ist im Prinzip ein Pfad der Rückkehr: Jedes Mal, wenn wir unseren Verstand aus der Bindung an eine Vorstellung oder einen Eindruck lösen, bewegen wir uns von einem kleineren, beengteren Bewusstseinszustand in das offene, diffuse Gewahrsein, in welchem unsere Anwesenheit in der Göttlichen Wirklichkeit sich entlang eines ganz anderen Wahrnehmungspfads zeigt.

 

Zu Beginn wurde diese neue Form der auf dem Christentum basierenden Meditation in der St. Joseph’s Abbey ausschließlich für Priester und »Religiose« angeboten (wie die römisch-katholische Bezeichnung für Menschen lautet, die einem religiösen Orden angehören). Doch das Interesse innerhalb dieser Gruppe war bestenfalls lauwarm, während die ersten Angebote für Laien diesen ein umgehendes und enthusiastisches »Ja!« entlockten. Getragen auf den Schwingen der Zeit sprang die Praxis schon bald über die Klostermauern und setzte eine Laienbewegung in Gang.

»Sollte es nicht möglich sein, aus der ganzen christlichen kontemplativen Tradition eine aktualisierte Meditationsmethode zu machen, die für Laien in ihrem Alltag praktikabel ist?«

Gegen Ende der 80er-Jahre waren die Fundamente der Bewegung des Gebets der Sammlung gelegt und die charakteristischen Inhalte von Thomas’ Lehre gut etabliert. Was die Kontemplationspraxis selbst betrifft, so fügte er dem sogenannten »heiligen Wort« (einer von jeder und jedem Praktizierenden frei wählbaren Erinnerungsstütze, die im Gebet der Sammlung zeitweilig genutzt wird, um den Fluss zwanghaften Denkens zu unterbrechen) seine eigenen feinen Nuancen hinzu. In deutlichem Kontrast zur klassischen Tradition und sogar zur direkten Quelle des Gebets der Sammlung, der Wolke des Nichtwissens, sagte er klar und deutlich, dass das heilige Wort kein emotionales »Lieblingswort« sei, durch welches die affektive Sehnsucht nach Gott ihren Ausdruck finde, sondern lediglich »einen Platzhalter für unsere Absicht« darstelle.

Bild von St. Joseph‘s Abbey in Spencer, Massachusetts

Er betonte immer wieder, dass das Gebet der Sammlung »nicht mittels Aufmerksamkeit, sondern mittels Absicht« praktiziert wird, und bestand mit zunehmendem Nachdruck darauf, dass wirklich alle »Gedanken« losgelassen werden müssen (ein »Gedanke« ist im Gebet der Sammlung definiert als etwas, was unserer Aufmerksamkeit als Objekt dient), ganz egal, um welchen Inhalt es sich handelt. In einem seiner bekanntesten Bonmots witzelte er: »Selbst wenn die Heilige Jungfrau persönlich während Ihrer Meditation erscheint und anbietet, Ihnen einen Dorn aus dem Fleisch zu ziehen, lautet Ihre Antwort: ›Nicht jetzt, meine Liebe, ich bin gerade in meinem Gebet der Sammlung.‹«

Eine neue Konfiguration des Bewusstseins

Obwohl er nie, auch nicht ganz am Ende seines Lebens, explizit von dem sprach, was die asiatischen Traditionen als »objektloses Gewahrsein« bezeichnen, war Thomas Keating doch bereits der Kerneinsicht auf der Spur, dass authentische Kontemplation eine gänzlich andere Konfiguration des Bewusstseins erfordert, das irgendwie blockiert ist, solange sich unsere Aufmerksamkeit an Gedanken klammert, und wenn es die heiligsten wären. Beachtenswert ist, dass der unbekannte Autor der Wolke des Nichtwissens im vierzehnten Jahrhundert bereits dieselbe Einsicht vertreten und nachdrücklich darauf bestanden hatte, dass alle Gedanken losgelassen werden müssten, weil »jeder Gedanke zwischen dir und deinem Gott steht« – das heißt, jeder Gedanke impliziert eine Trennung zwischen uns und der unmittelbaren Gegenwart Gottes.

»Thomas Keating definierte das Gebet der Sammlung als einen Katalysator für die »Entladung des Bewusstseins«, das heißt für ein Bewusstwerden bisher verdrängten psychischen Materials.«

Thomas Keatings gewagteste Abweichung von der klassischen Tradition bestand darin, dass er das Gebet der Sammlung anders interpretierte als die allgemeine Meditationspädagogik, die darin in erster Linie ein Werkzeug zur Beruhigung und Besänftigung des Verstandes oder zur Erlangung höherer spiritueller Zustände sieht. Er hingegen definierte es um zu einem Katalysator für die »Entladung des Bewusstseins«, das heißt für ein Bewusstwerden bisher verdrängten psychischen Materials. Während die Tendenz – jeder Art – von Meditation, unterbewusstes Schattenmaterial aufzuwirbeln, seit langem bekannt ist, machte Thomas den großen intuitiven Erkenntnissprung, dass diese Entladung nicht bloß ein Nebeneffekt, sondern ein absichtlicher Läuterungsprozess ist, den eine unsichtbare göttliche Hand im Dienst der Heilung und Ganzwerdung gewährt.

Gott als Therapeut des falschen Selbst

Auf Grundlage dieser Einsicht baute er eine tragfähige Brücke zwischen traditioneller spiritueller Askese und modernen psychologischen Bezugspunkten, und dies drückte seiner Lehre mehr als irgendetwas anderes seinen unverwechselbaren Stempel auf. Aus seiner neuen, alles überspannenden Synthese tauchen seine zentrale Metapher von Gott als dem »göttlichen Therapeuten« sowie seine grundsätzlichen Lehren über »das System des falschen Selbst« und über »die emotionalen Glücksprogramme« auf. Gestützt auf das Gebet der Sammlung entwarf er einen umfassenden, vereinheitlichten psychospirituellen Pfad, der von der Heilung zur Heiligkeit führte, von zeitgeistiger psychologischer Wellness zur klassischen mystischen Erhabenheit und Glückseligkeit. Kurz gesagt, er baute eine solide neue Auffahrtsrampe zur christlichen kontemplativen Tradition.

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Alles in allem hat diese außergewöhnliche Leistung die Probe der Zeit bemerkenswert gut bestanden. Die Entwicklungspsychologie, aus der heraus Thomas seinen kognitiven Rahmen schuf, ist elementar und an einigen Stellen heute ein wenig überholt, bleibt aber im Grunde genommen weiterhin anwendbar und greift nur erstaunlich wenig auf populärpsychologische Versatzstücke zurück. Gelegentlich gingen zwar seine psychotherapeutischen Metaphern ein wenig mit ihm durch, seine patriarchalische und privilegierte Konditionierung färbte ab und die nachwirkende Prägung jener zutiefst klösterlichen Askese des spirituellen Kampfes gab sich in der etwas überbarschen oder ruppigen Herangehensweise zu erkennen, mit der er sich an die »Demontage« eines kleineren Teils unseres Selbst machte, den er eher geringschätzig als »falsch« bezeichnete. Aber sogar hier glätteten sein selbstironischer Humor und seine echte pastorale Fürsorge die scharfen Kanten, wenn er die Praktizierenden ermutigte, während der schmutzigen Arbeit an ihrer eigenen Transformation sich selbst mit Sanftheit zu ertragen. »Die Früchte des Gebets der Sammlung sind im Alltag zu finden«, betonte er immer wieder, und über vierzig Jahre hinweg konnten die Menschen sehen, wie dieses Gebet in ihrem eigenen Leben Früchte trug

»Gestützt auf das Gebet der Sammlung entwarf Thomas Keating einen umfassenden, vereinheitlichten psychospirituellen Pfad, der von der Heilung zur Heiligkeit führte.«

Um die Mitte der 80er-Jahre hatte Thomas Keating – als Trappistenabt, als Kulturkreativer und als ebenso begnadeter wie beliebter Lehrer – bereits eine ernst zu nehmende Präsenz im christlich-kontemplativen Revival seiner Tage erlangt. Mittels der Methode des Gebets der Sammlung als solcher (durch die Tausende von Christen zur universalen Praxis der täglichen Sitzmeditation fanden), der gewagten neuen psychologischen Straßenkarte (die er zu deren Einführung entwarf) und der von ihm gegründeten Laienorganisation (die er zu deren Verbreitung ins Leben rief) veränderte er erkennbar das System der Vermittlung christlicher Kontemplation. Aber seine Zuhörerschaft war damals noch größtenteils christlich, seine institutionelle Prägung römisch-katholisch und seine Herangehensweise unerschrocken psychologisch und therapeutisch. Im Verlauf der darauffolgenden drei Jahrzehnte jedoch sollten sein Einflussbereich wie auch sein Visionshorizont in Quantensprüngen wachsen.

Was bedeutet das Erlangen der Vereinigung?

Was Thomas Keating nach der Hälfte seines Weges lehrte, lieferte einen sehr soliden Basislehrplan, der seine Wirksamkeit im Lauf der Jahre unter Beweis gestellt hat und dessen Kernbestandteile er bis zum Ende größtenteils unangetastet ließ. Doch während der letzten dreißig Jahre fügte er seiner Lehre ohne viel Aufhebens eine ganz neue Schicht hinzu, die weitaus feiner nuanciert und konzeptionell sehr viel weiträumiger war. Seine Lehren dieser späten Periode zeigen ein nachlassendes Interesse am individuellen Fortschritt entlang der Straße vom Heilwerden zur Heiligkeit und widmen sich stärker den großen immerwährenden Fragen, die dieser Reise zugrunde liegen: Was bedeutet das Erlangen der Vereinigung? Wer oder was in uns »erlangt« etwas? Und was eröffnet sich jenseits davon? Genau darin, in seinem unerschütterlichen Erkunden dieser großen Fragen, vollendete er nicht nur, was seine eigene persönliche Straßenkarte ihm bestimmt hatte, sondern erweiterte auch signifikant den Schatz reifer christlicher Weisheit auf diesem Gebiet.

Thomas Keating mit Bergen im Hintergrund

Diese Entwicklung von Thomas Keatings Denken verdient eine viel weiter gehende Anerkennung, als ihr bisher zuteilwurde. Von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, runden diese späteren Lehren das Bild ganz entscheidend ab und etablieren ihn als einen der Wenigen aus der westlichen christlichen Tradition, die das non-duale Terrain unerschrocken erkundeten. Er gesellt sich damit zu jenem kleinen Kreis, dem etwa Meister Eckhart, Bernadette Roberts, Jan van Ruusbroec, Therese von Lisieux und Henri Le Saux (Swami Abhishiktananda) angehören, als einer, für den die Erlangung der Einheit nicht bloß eine affektive Einheit bedeutete (eine »mystische Vermählung«, wie sie im christlichen Kontext seit Johannes vom Kreuz üblicherweise begriffen wird), sondern eine höhere Bewusstseinsebene, auf der letzten Endes eine fortwährende Wahrnehmung aus der Einheit heraus möglich wird. Seine gewagten letzten Vorstöße ins Nichtmanifestierte und sein zunehmend subtileres Durchdringen des illusorischen Wesens der gesamten phänomenalen Struktur des Selbsts belegen nicht nur sein brillantes Synthesevermögen, sondern zeigen ihn auch als einen reifen und unabhängigen non-dualen Denker und rufen nach einer viel eingehenderen Würdigung seiner Bedeutung innerhalb der Linie der christlichen kontemplativen Lehre.

Ruhe

Unsere wahre Natur ist Ruhe,
Die Quelle, aus der wir kommen.

Sie manifestiert sich in uns
Wie eine ansteigende Flut der Stille,

Ein beständiger Strom der Friedlichkeit,
Ein grenzenloses Meer der Gelassenheit,
Oder einfach bloße Ruhe.

Das tiefe Zuhören reiner Kontemplation
Ist der Weg in die Ruhe.

Alle Worte verschwinden in sie hinein,
Und die Schöpfung erwacht zur Freude,
Einfach zu sein.

Einfach jede und jeder liebt dieses Gedicht von Thomas Keating aus seiner kleinen Sammlung von acht Haiku-ähnlichen Versdichtungen, die er kurz vor seinem Tod unter dem Titel The Secret Embrace publizierte und die ich in meinem Buch alle einzeln bespreche. An welchem Punkt auch immer sich die Menschen befinden mögen, sie fühlen sich von diesen Zeilen berührt. Egal, ob es sich um Meditationsanfänger handelt oder um Menschen, die bereits seit Jahrzehnten auf diesem Weg sind – diese Zeilen sprechen sie gleichermaßen an. Bei einem interspirituellen Gedenkgottesdienst in Aspen im Sommer nach Thomas Keatings Tod wollten die Buddhisten dieses Gedicht gelesen haben; ihrer Meinung nach offenbarte Thomas darin seine »Buddha-Natur«.

Ein Wegbereiter des interspirituellen Dialogs

Die Wirkung des »späten Thomas« hat auch stark zum anhaltenden interspirituellen Dialog beigetragen (zu dessen Initiatoren er gehört) und erhellt die christliche Präsenz darin. In einem Austausch, der noch immer übermäßig durch die Wahrnehmung beeinflusst wird, das Christentum »stecke im Personalen fest« und vermöge wenig bis gar nichts über Non-Dualität auszusagen, ist es tatsächlich wohltuend, ihn in einer neueren wissenschaftlichen Studie zum spirituellen Erwachen (Bonnie L. Greenwell: When Spirit Leaps, 2018) ausführlich zitiert zu finden zwischen Krishnamurti und Ramana Maharshi, zwei der unbestrittenen non-dualen Giganten der modernen Welt. Sein kluges Verschmelzen östlicher Kategorien der Metaphysik mit der christlichen Sprache der selbstaufopfernden Liebe öffnet neue Fenster zur tieferen Bedeutung des Begriffs des Personalen in den westlichen Traditionen und bringt den gesamten interspirituellen Austausch voran.

Im Verlauf seiner letzten dreißig Lebensjahre wuchs er über sein ursprüngliches Nischendasein als Hauptarchitekt und bekanntestem Vertreter der Praxis des Gebets der Sammlung hinaus zum Format des weltbekannten spirituellen Meisters und kühnen Wegbereiters in das größtenteils noch immer unerforschte Terrain der christlichen Non-Dualität heran. Gegen Ende seines langen Lebens – er starb fünfundneunzigjährig im Oktober 2018 – war sein Pastorat der Kosmos selbst geworden und sein innerer Kreis die gesamte Menschheitsfamilie. Er war nun weit über die Grenzen seines christlichen Habitats hinaus anerkannt als ein verwirklichter spiritueller Meister, als ein kompromissloser Apostel des evolutionären Bewusstseins und als ein Leuchtturm im aufgehenden Feld des interspirituellen Dialogs. Am meisten überraschte aber, dass er zu einem kosmogonischen Mystiker geworden war, der in einem gewaltigen Maßstab über die Bedeutung des Lebens nachdachte und so tief, wie es ihm möglich war, in das Mysterium der letzten Wirklichkeit hineinblickte, und zwar aus einer Perspektive, die er schließlich als »Einheitsbewusstsein« bezeichnen sollte. Einheit – erfahren als innerlichen Bewusstseinszustand wie auch als äußerlichen Zustand der planetarischen Harmonie und Kooperation – wurde zur Losung seiner letztlichen geistigen Verwandlung.

Für all jene, die Thomas Keating noch immer bloß im Zusammenhang mit dem Gebet der Sammlung kennen, sind seine späteren Lehren eine Art Offenbarung. Sie zeigen die Tiefe seines langjährigen Engagements im interspirituellen Dialog und das Ausmaß, in dem er aus diesem Pool an Ressourcen zu schöpfen wusste, um zu seiner bemerkenswerten letzten Synthese zu gelangen.

Zur Autorin

Dr. Cynthia Bourgeault ist US-Amerikanerin, Doktorin der Mediävistik, Priesterin der episkopalen anglikanischen Kirche, Autorin von über einem Dutzend Büchern und hält weltweit Vorträge und Seminare zum Thema des christlichen kontemplativen Pfades. Neben ihrer theologischen Ausbildung studierte sie viele Jahre in einer Gurdjieff-Schule und beschäftigte sich auch intensiv mit dem Sufismus sowie den mystischen Traditionen des Ostens. Sie engagiert sich im interspirituellen Dialog und ist eine der führenden Lehrerinnen der Praxis des Gebets der Sammlung, das sie über ein Jahrzehnt bei Thomas Keating als eine seiner engsten und unabhängigsten Schülerinnen studiert hat. Kurz vor seinem Tod bat er sie, nach ihrem Buch »Das Herz im Gebet der Sammlung« ein weiteres über ihn und seine Lehre zu schreiben.

Webseite: cynthiabourgeault.org

Bildnachweis: © Adobe Stock, Dr. Cynthia Bourgeault

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