Florin Mihail – Achtsamkeit für ein langes Leben

Über Chromosomen, Stress und die Wunderwaffe Meditation

Autor: Florin Mihail

Auf spannende Weise zeigt Florin Mihail, wie Stress unser Leben verkürzt und wie umgekehrt Meditation zu einem längeren und gesünderen Leben beitragen kann. Anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse führt er uns die Zusammenhänge der Biologie und Meditation vor Augen. Wissenschaftliche Studien zeigen: Meditation hat einen Einfluss auf unsere Chromosomen.

Zuerst eine kleine Dosis Biologie. Bekanntermaßen lassen sich die Chromosomen in den Zellen, die einen richtigen Zellkern besitzen (das heißt diejenigen von Pflanzen, Tieren und natürlich auch von Menschen), am ehesten betrachten, wenn die Zellteilung gestoppt und ein sogenanntes Karyogramm angefertigt wird. So fand man zum Beispiel heraus, dass der Mensch im Regelfall 23 Chromosomenpaare besitzt. Jedes Chromosom besteht aus zwei identischen Hälften (Chromatiden), die durch ein Verbindungsstück (Centromer) zusammengehalten werden (Bild 1). Biochemisch bestehen die Chromatiden aus einem Doppelstrang Desoxyribonukleinsäure (DNS), Ribonukleinsäure (RNS), Histonen sowie weiteren Proteinen.

 Abb. 1: Chromosomen und ihre Regionen (einschließlich ihrer Telomere)

Das chromosomale Endstück wird als »Telomer« (griechisch telos = Ziel, Ende und meros = Teil) bezeichnet. Vor etwa 80 Jahren fand Barbara McClintock heraus, dass bei einer Schädigung der Telomere die Chromosomen dazu neigen, aneinander zu kleben, was sowohl Teilung als auch Überleben der Zelle beeinträchtigt.

Die Chromosomenenden sind an sich keine Informationsträger, sondern üben wichtige Schutzfunktionen aus. Darunter fallen unter anderem die Verhinderung einer versehentlichen Verklebung/Verschmelzung mit anderen Chromatiden sowie deren Schutz gegen den möglichen Abbau durch Enzyme und die daraus resultierende Verkürzung. Für ihre bahnbrechenden Forschungsergebnisse über Struktur und Funktionen der Telomere erhielten Elisabeth Blackburn und Jack Szostak 2009 den Nobelpreis für Medizin.

Warum sind die Telomere so wichtig?

Wir wissen, dass unsere Körperzellen sich von Zeit zu Zeit durch die Zellteilung erneuern. Dabei wird die Doppelhelix geöffnet und die einzelnen Stränge werden freigelegt, anschließend dient jede Hälfte als Matrize für den Neuaufbau des DNS-Moleküls. Unglücklicherweise bleibt bei jeder Neusynthese immer ein letztes, winziges Stück des Chromatids einsträngig und wird nicht repliziert.

Ohne eine Gegensteuerung der Zelle würden somit die Chromatiden bei jeder Zellteilung um die Länge des Endstückes kürzer werden. Würde diese Erosion das proximale Ende des Telomers erreichen, so könnte es zum Ausschalten wichtiger funktionsfähiger Gene kommen. Deshalb kommt jetzt die Telomerase ins Spiel. Das Enzym, auch »telomere terminal transferase« genannt, wurde von Carol Greider (ebenfalls Nobelpreisträgerin für Medizin im Jahr 2009) entdeckt. Die Aufgabe der Telomerase ist es, die abgenutzten Telomerenden wieder zu verlängern, indem sie passende DNS-Stücke an das Ende des freien Stranges klebt, sodass auch nach einer großen Anzahl von Teilungsschritten die Telomere nicht verschwinden.

Warum sterben unsere Zellen?

Auf der mikroskopischen Ebene sprechen wir über zwei Hauptfaktoren für das Altern: chronische Entzündungsreaktionen und die Verkürzung der Telomere. Kürzere Telomere sind die Folge einer unvollständigen Reparatur am DNS-Strang durch die Telomerase, da ihre Aktivität mit dem Alter des Organismus kontinuierlich abnimmt oder ganz verschwindet. Dementsprechend leben die Zellkerne »von der Substanz«, bis eine kritische Chromosomenlänge erreicht wird.

Zu jenem Zeitpunkt startet in der Zelle eine Signalkaskade, die eine Einstellung des Wachstums oder den genetisch programmierten Zelltod initiiert. Schon 1962 entstand, auf damaligen Kenntnissen über die Verkürzung der Telomere basierend, die »Hayflick-Limit-Theorie«. Sie besagt, dass die Lebensspanne eines Menschen aufgrund sich nicht mehr teilender Zellen maximal 120 Jahre betragen kann. Ich nenne deshalb die Telomere »die Zeiger unserer biologischen Uhr«.

Unsere diesbezüglichen Kenntnisse stammen aus Messungen einiger Biomarker in den weißen Blutkörperchen oder anderen Zellarten bei Menschen oder Labortieren. Es handelt sich um die Länge der Telomere, die Aktivität des Enzyms Telomerase und die Aktivität von Genen, die die Telomerase-Aktivität steuern. Die Wertigkeit der Parameter gilt international als valide; sie vermittelt einen repräsentativen Eindruck im Hinblick auf das biologische Lebensalter des gesamten Organismus. Als allgemeine Schlussfolgerungen gelten:

  • Mit zunehmendem Alter werden die Telomere kürzer.
  • Die Lebenserwartung von Personen, die 60 bis 75 Jahre alt sind, steht in direkter Korrelation mit der Telomerenlänge.
  • Eine mangelnde Telomerase-Aktivität lässt den Organismus deutlich schneller altern.

Eine herabgesetzte Telomerase-Aktivität und daraus folgend das Auftreten kürzerer Telomere können viele Ursachen haben. Eine genetische Prädisposition, das Alter und auch altersbedingte Krankheiten gehören dazu, sie sind kaum zu vermeiden.

Weitere ungünstige Faktoren wären jedoch beeinflussbar. Dazu zählen einige Infektionen, höhere Blutspiegel der Nebennieren-Hormone, Rauchen, exzessiver Alkoholkonsum, zu wenig Schlaf, ein schlechtes Lipidprofil und Insulinresistenz/pathologische Blutzuckerwerte. Es entstehen kürzere Telomere, die ihrerseits Entzündungen, insbesondere in einigen Immunzellen fördern. Von pathologischen Veränderungen in den Zellen bis zum Auftreten von Alterskrankheiten ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Telomere und die Psyche, Telomere und Stress

Können (einige) psychische Krankheiten ebenfalls mit Mängeln in der Integrität der Telomere in Verbindung stehen? Durchaus, und Messungen im Blut der betreffenden Patienten zeigen meist signifikant verkürzte Telomere, die einer Vorverlegung des biologischen Alterns um zwei bis dreizehn Jahre entsprechen!

Auch psychosoziale und verhaltensbedingte Aspekte beeinflussen die Telomere. Die emotionale Labilität, Angst, der chronische psychische Stress mit übersteigerter autonomer Reaktivität und sogar verlängerte Reaktionen auf Stressoren haben sich als wichtige negative Faktoren herausgestellt.

Es ist an der Zeit, über den Faktor Stress und seine zerstörerische Wirkung zu sprechen: Lang anhaltender, negativer Stress greift alles an, nicht nur die Telomere, sondern auch die Magenschleimhaut, die Schilddrüse, die Wände der Herzkranzgefäße, die Nervenzellen. Stress lässt das Immunsystem verrücktspielen und vieles mehr. Diese Art Stress verhält sich zu unserem Körper wie der Gott Saturn zu seinen eigenen Kindern in der berühmten Wandmalerei von Francisco de Goya (s. Abb. 2).

Saturn-Chronos verschlingt sein Kind

Abb. 2: Saturn (Chronos) verschlingt sein Kind

Was geschieht in unserem Körper unter psychischer/mentaler Belastung? Was verkürzt die Lebenserwartung unserer Zellen?

In den Alterungsprozessen der Zellen spielen Entzündungen und oxidativer Stress zwei prominente Rollen. Psychosozialer und andere Arten pathologischen Stresses führen zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems (zuständig für Reaktionen auf Belastungen, Stress, Gefahren) und der Verbindung, die zwischen der Hirnanhangsdrüse und den Nebennieren besteht. Erhöhte Blutspiegel an Cortisol und Adrenalin (die sogenannten Stresshormone) sind die Folge.

Kurze Stressmomente sind nicht schädlich, sie bringen die klassische Reaktion »fight or flight« mit sich. Eine längere Stressperiode oder wiederholte Stressepisoden induzieren leider eine langfristige Cortisol-Ausschüttung und verstärken den Einfluss einiger proinflammatorischer Botenstoffe (🡪 Entzündungsreaktionen). Außerdem wird in den Zellen sowohl der Stoffwechsel gestört als auch der oxidative Stress verstärkt. Die Telomerase-Aktivität nimmt ab, die Telomere werden dementsprechend kürzer.

Unter den Hauptverursachern sind der chronische psychosoziale Stress, depressive Stimmungen und Angstzustände.

»Telomer-Schäden sind oft nach massivem Stress in der frühen Lebensphase anzutreffen.«

 Telomer-Schäden sind oft nach massivem Stress in der frühen Lebensphase anzutreffen. Schon der Stress der Schwangeren(!) kann sich auf die Telomerlänge der Nachkommenschaft auswirken (gemäß Messergebnissen aus dem Blut von Neugeborenen). Eine solche sehr frühe Exposition zu Stress reicht aus, um eine lebenslange zelluläre Funktionsstörung, das Altern und die Empfindlichkeit für Krankheiten zu verstärken.

Schäden an Telomeren stehen in deutlicher Verbindung mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit (Missbrauch, häusliche Gewalt oder lang anhaltende Schikanen); sie können die Zellalterung für den Rest des Lebens beeinflussen. Dabei ist zu betonen: Je früher in der Lebensphase solche Stressmomente auftreten oder je mehr Gewalt die Kinder erleben, desto gravierender scheinen die Effekte zu sein.

Abb. 3: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn

Die Telomerenverkürzung ist somit offenbar ein Mechanismus, der bisweilen auf zugrunde liegende biologische Prozesse in einer frühen Lebensphase zurückgeführt werden kann und zukünftig sowohl das Krankheitsrisiko als auch die Lebenserwartung negativ beeinflusst.

Ungünstige Konstellationen findet man natürlich auch im Erwachsenenalter, und zwar besonders oft bei der langjährigen Pflege eines Mitglieds der eigenen Familie, Burn-out aus beruflichen Gründen oder aufgrund von Vergewaltigungen. Ein klassisches Beispiel: Im Vergleich zu Frauen, die gesunde Kinder haben, zeigen die Mütter kranker Kinder in den weißen Blutzellen eine deutlich reduzierte Telomerase-Aktivität und eine Verkürzung der Telomere, die einer biologischen Alterung von etwa 9 bis 17 Jahren entsprechen.

Reagieren die Endstücke der Chromosomen nun tatsächlich so empfindlich auf »immaterielle Faktoren«? Dazu Elisabeth Blackburn, Nobelpreisträgerin und Präsidentin des Salk Institutes für biologische Studien in La Jolla, Kalifornien: »Telomere hören dir zu, sie hören auf dein Verhalten, sie hören auf deinen Geisteszustand.«

Sind unsere Zellen dem Stress unausweichlich ausgeliefert?

Glücklicherweise nicht. Es zeigte sich, dass Ausdauertraining und Fitness, eine gesunde Lebensweise mit weniger Noxen, Vitamine, Antioxidantien und eine Mittelmeer-Diät reich an Obst, Gemüse und Vollkorngetreide das Überleben der Telomere in verschiedenen Zell- beziehungsweise Gewebearten verbessern. Und noch wirkungsvoller als die restlichen Parameter erwies sich die Meditation, denn starker, lang anhaltender Stress, sei es existenziell, beruflich bedingt oder familiär, kann kaum mit Lauftraining oder Diätmaßnahmen allein bekämpft werden.

Mihail_92_4_©

Jon Kabat-Zinn

Meditation als Jungbrunnen, wie kam es dazu?

Nachdem genügend Daten über Stressmechanismen und deren Folgen zur Verfügung standen, stellte sich die Frage, inwieweit meditative Praktiken sich für eine »Antiaging-Verteidigungsstrategie« anbieten würden (und dass obwohl die Meditation ursprünglich auf dem spirituellen Weg eine ganz andere Bestimmung hatte und noch hat). Elissa Epel hatte schon 2009 postuliert, warum zum Beispiel die meditative Achtsamkeit den Stress in Schach halten könnte. Sie schrieb:

  • Achtsamkeit verbessert aufmerksamkeitsbezogene Prozesse wie die Früherkennung potenzieller Stressoren.
  • Sie blockiert das Grübeln über Unglück oder Schicksalsschläge, das bei einer verlängerten Stressreaktivität eine gewisse Anfälligkeit für Neurosen oder Psychosen auslöst.
  • Zusätzlich erhöht sie die Wahrscheinlichkeit, dass eine effektive mentale Bewältigung rechtzeitig umgesetzt wird.

Solche Erkenntnisse führten dazu, dass in den sogenannten Interventionsstudien der letzten zehn Jahre Meditationstechniken als zentraler Trainingspunkt dienten. Zwar wurde Meditation schon vorher relativ breit als »Komplementärmethode« in verschiedenen Indikationsfeldern eingesetzt (Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten, Magen-Ulkus-Prävention, Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Stabilisierung des Immunsystems, Krebsnachsorge, Unterfunktion der Schilddrüse, Tinnitus und so weiter). Relativ breit gefächert und seit längerer Zeit im Einsatz waren Meditationstechniken zur Behandlung verschiedener psychischer und psychologischer Beschwerden. Nun galt es herauszufinden, was Meditation auf der Ebene der Grundbausteine der Gewebe und Organe zu leisten vermag. Deshalb wählte man als Parameter (wie bereits erwähnt) die Länge der Telomere, die Aktivität der Telomerase und die Steuerfunktion der Gene, die die Produktion der Telomerase steuern.

Mihail_92_5

Abb. 4: Empfehlungen von Dean Ornish vs. Elisabeth Blackburn/Elissa Epel

Dean Ornish und seine Mitarbeiter waren unter den Ersten, die auf die positive Wirkung der Meditation auf diese Endpunkte aufmerksam machten, da sie schon in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre Teilnehmer für eine besondere Studie rekrutierten. Ornish erging es dabei vergleichsweise wie Christoph Kolumbus bei der Entdeckung der neuen Seeroute nach Indien. Er wollte eigentlich herausfinden, inwieweit sein Lebensprogramm »Öffne dein Herz« auch als Anti-Krebs-Strategie anwendbar sei. In der Kontroll- und Interventionsgruppe wurden Männer mit einem durch Biopsie nachgewiesenen geringen Prostatakrebsrisiko ausgewählt. Ihm gelang es zwar nicht, eine solche Tendenz vollständig umkehrbar zu machen, die Untersuchungen wiesen jedoch eine unerwartete Wirkung auf. Am Ende einer dreimonatigen Pilotstudie zeigte sich ein positiver Effekt auf die Telomerase-Aktivität. Auch die nachfolgende 5-Jahre-Pilotstudie war erfolgreich; bei Teilnehmern der Interventionsgruppe fand man relativ längere Telomere, wobei in der Kontrollgruppe (deren Teilnehmer nach den gleichen Kriterien ausgewählt wurden) die mittlere Telomerlänge abnahm.

Jacobs, Epel und Blackburn untersuchten ebenfalls sehr früh die Auswirkungen eines dreimonatigen Meditationsretreats (nach buddhistischen Grundsätzen) auf die Telomerase-Aktivität und auf zwei psychologische Variablen (Hauptverantwortliche für die Aufarbeitung von Stress). Am Ende des Retreats war die Telomerase-Aktivität in der Meditationsgruppe signifikant höher als bei Teilnehmern der Kontrollgruppe. Die ersten Ergebnisse waren außerordentlich stimulierend, und weil sie klare Zusammenhänge zwischen Stressbekämpfung, Telomerlänge und Telomerase erkennen ließen, begann man, Dutzende Studien unter Zuhilfenahme von verschiedenen Meditationstechniken zu planen, durchzuführen und zu publizieren. Der Umfang an Fachliteratur ist so groß, dass man inzwischen auch Metaanalysen nach Studienkategorien publiziert.

Mihail_92_6_©

Elisabeth Blackburn

Der folgende Abschnitt fasst die in den oben genannten Studien am häufigsten eingesetzten Meditationstechniken zusammen.

  1. A) Auf der buddhistischen Philosophie basierend
  • Mindfulness-based stress reduction (MBSR = Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) nach Jon Kabat-Zinn, mit sechs Elementen aus buddhistischer Praxis und einigen Yoga-Übungen, anzutreffen in klassischer Form oder als MBCR (Mindfulness based group therapy on cancer recovery)Die achtwöchigen MBSR-Interventionsstudien belegen in der gegenwärtigen Fachliteratur zahlenmäßig den ersten Platz. Jon Kabat-Zinn definierte die Achtsamkeit als »eine bestimmte Weise der Aufmerksamkeit, und zwar: absichtlich, im gegenwärtigen Moment und unvoreingenommen. Ihre Praxis bringt einen ›Perspektivwechsel‹ mit, wobei das, was vorher ›Subjekt‹ war, zu ›Objekt‹ wird« oder mit anderen Worten: Das Bewusstsein wird zu purer Achtsamkeit, es beobachtet den Gedankenfluss, aber identifiziert sich nicht mehr mit den Gedanken selbst. Die Haltung beinhaltet auch Neugier und Akzeptanz sowie Freundlichkeit, Mitgefühl und Geduld. Die Hauptelemente der Studien sind in der Tabelle 1 wiedergegeben.
  • Shamatha: Sie kann mit »friedvollem Verweilen« übersetzt werden. Shamatha zielt auf die Entwicklung der Konzentration und anschließend auf tiefere Formen der Meditation und Versenkung des Geistes. Man konzentriert sich auf den Atem oder auf Körperregionen.
  • Insight meditation retreat nach buddhistischer Tradition: mit Vipassana (Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung) und Metta (liebevolle Güte) als Hauptkomponenten und dem Zweck, Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu entwickeln.
  • Zen: Ich vermute, dass in den berichteten Studien die Teilnehmer eher der Soto-Zen-Schule angehört haben. Die Schulung beinhaltet die konzentrierte Beobachtung der Haltung, der Atmung und des Gedankenflusses mit dem Ziel, reines Gewahrsein, jenseits der Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke, zu erlangen.
  1. B) Auf der Yoga-Philosophie basierend
  • Yoga-Übungen mit Entspannung, Pranayama und Meditation als alleinige Intervention oder im Rahmen des Dean-Ornish-Programms »Open your heart« (Einzelheiten siehe Tabelle 2)
  • Transzendentale Meditation (TM) kombiniert mit gesundheitlicher Erziehung. Auch diese Technik (einschließlich der Mantra-Wiederholung) zielt darauf ab, die Gedankenaktivität zu überwinden und somit das wahrnehmende Bewusstsein zu erfahren.
  • Kirtan Krya: Basiert auf dem Kundalini-Yoga des Yogi Bhajan. Verbindet die Konzentration auf den Klangstrom (Mantra) mit bestimmten Stellungen der Finger (Mudras) und dem dazugehörigen Atemrhythmus. Dazu gehört auch die Visualisierung eines bestimmten Weges der Prana-Energie.
  • Primordial Sound Meditation nach Deepak Chopra und David Simon: Die Urklang-Meditation gemeinsam mit einem Mantra hilft, tiefere Bewusstseinsebenen zu erreichen.
  1. C) Weitere in den Studien eingesetzte Techniken
  • Relaxation response (die Benson-Meditation): eine Methode, um mit Stress umzugehen und zu lernen, sich zu entspannen. Stress aktiviert den Flucht-Kampf-Mechanismus, der meist viel zu lange in Betrieb ist. Die Entspannungsreaktion ist ein Reflex, eine angeborene Fähigkeit des Menschen, die dem Flucht-Kampf-Mechanismus entgegengesetzt ist und mit dieser Methode erlernbar ist.
  • Qigong, die Beherrschung des Qi/Ki/Chi-Flusses

Über den Wirkmechanismus und die Hauptergebnisse der Studien

In dem Maße, wie Meditation stressbedingte Denkprozesse, die Ausbreitung negativer Emotionen und negative Stressreaktionen mildert oder sogar blockiert, werden wesentlich weniger Stresshormone sezerniert, mit dem Ergebnis, dass (wie experimentell nachgewiesen) auf Zellebene die Aktivität der proinflammatorischen Faktoren vermindert und dadurch der oxidative Stress herabgesetzt wird.

 Abb. 5: Die Beziehungen zwischen Stress, Meditationstraining und Zustand der Telomere (Schema adaptiert nach: Conklin et al., Current Opinion in Psychology 28, 2019

Die Bedingungen erlauben nach und nach eine bessere Umsetzung der genetischen Information für die Zelle, dadurch eine Erhöhung der Produktion der Telomerase (eine bescheidene Erhöhung zeigt sich bereits nach einer Woche) und von Telomerase-schützenden Hormonen. Das führt anschließend zu längeren Telomeren (bei erfahrenen Meditierenden im Retreat-Camp beginnend nach etwa drei Wochen) und kann schlussendlich die Zellalterung verlangsamen beziehungsweise die Langlebigkeit unserer Zellen fördern. Die Relationen zwischen Meditationstraining, instinktiven Stress-Antworten, mentalen Prozessen und Biologie der Telomere sind nicht einfach. Conklin und Kollegen/Kolleginnen haben dazu 2018 eine Grafik vorgestellt, die ich in leicht vereinfachter Form wiedergebe (siehe Abb. 3).

»In einigen Interventionsstudien zeigten die Messungen der Telomere am Studienende sogar eine Längenzunahme, statt dass sie mit dem Alter kürzer werden.«

Die Interpretation eines kleinen Wunders: In einigen Interventionsstudien zeigten die Messungen der Telomere am Studienende sogar eine Längenzunahme, statt dass sie mit dem Alter kürzer werden. Das bedeutet nicht, dass wir die biologische Uhr der Zelle vollständig zurückstellen können. Es zeigt vielmehr, welche Unterschiede bestehen, wenn unsere Zellen unter optimalen Bedingungen »arbeiten«.

Eine sehr gute und breite Synthese mit den Hauptbestandteilen Biologie der Telomere, modernes Leben, Stressfolgen und Bekämpfung von Stress im 21. Jahrhundert liefert das Buch »Die Entschlüsselung des Alterns – Der Telomer-Effekt« von Elisabeth Blackburn und Elissa Epel. Das Buch wurde 2017 veröffentlicht und mich fasziniert, wie die darin herauskristallisierten Prinzipien für den Schutz der Telomere (das sogenannte Manifest) den goldenen Regeln, die Dean Ornish bereits 1990 in seinem Herz-Programm formuliert hatte, ähneln (siehe Tabelle 2).

In einer Nussschale zusammengepresst, bedeutet das, was Sie bisher gelesen haben, Folgendes: Eine gesunde Art zu leben, Meditation und Mitgefühl, eine aktive Art, sich dem Stress entgegenzustellen, all dies macht eine Teilreversibilität der Zellalterungsprozesse möglich, die durch Entzündungen und Abnutzung der Telomere entstehen.

Zum Autor:

Florin Mihail ist Biologe, Heilpraktiker und Absolvent eines mehrjährigen Kurses in »Geistigem Heilen«. Noch während der Hochschuljahre in Bukarest/Rumänien begann er eine Yoga- Schulung unter der Leitung seines Meisters Ion Vulcanescu. Weitere Yoga-Studien folgten bei der Deutschen Yoga Gesellschaft unter S. Feuerabendt. Seit einigen Jahrzehnten beschäftigt er sich mit verschiedenen Aspekten der Spiritualität und Esoterik, über einige der Ergebnisse konnte er in Form von Veröffentlichungen und Vorträgen berichten.

Literatur

Chromosomen, Stress, Meditation – Referenzen, Populärwissenschaftliche Artikel, Osterkamp, Jan, Verkappt zur Unsterblichkeit, Spektrum.de, 05.10.2009

Altern – Zündschnur des Todes, Der Spiegel 04: S. 156–158, 19.01.1998

Greider, CW und Blackburn EH, Telomere, Telomerase und Krebs, Spektrum der Wissenschaft 4.1996, Siehe auch Scientific American, 05.10.2009

Siehe auch Heißmann N., Der Stern: S. 33–37; 02.03.2017

Stress und die Biologie der Telomere, Entringer S, Buss C, Wadhwa PD, Prenatal stress, telomere biology, and fetal programming of health and disease risk., Sciene Signaling. 5(12); 2012

Epel E, Lin J, Wilhelm F, et al. , Cell aging in relation to stress arousal and cardiovascular disease risk factors. Psychoneuroendocrinology 2006; 31: 277–287 

Kinser PA and Lyon DE, Major Depressive Disorder and Measures of Cellular Aging: An Integrative Review, Nursing Research and Practice Volume 2013, Article ID 469070, 10 pages http://dx.doi.org/10.1155/2013/469070

Lin J, Epel E, Blackburn E, Telomeres and lifestyle factors: roles in cellular aging. , Mutat Res. 730 (1–2): 85–9; 02/2012 doi: 10.1016/j.mrfmmm.2011.08.003.

Shalev I, Entringer S, Wadhwa PD, Wolkowitz OM, Puterman E, Lin J, Epel ES, Stress and Telomere Biology: A Lifespan Perspective, Psychoneuroendocrinology. 38(9): 1835–1842; 2013, doi:10.1016/j.psyneuen.2013.03.010.

Wolkowitz OM, Reus VI, Mellon SH, Of sound mind and body: depression, disease, and accelerated aging., Dialogues in clinical neuroscience. 2011; 13:25–39

Einfluß der Lifestyle Interventions/Meditation, Alda M et al., Zen meditation, Length of Telomeres, and the Role of Experiential Avoidance and Compassion, Mindfulness (N Y). 2016; 7: 651–659

Black DS et al., Yogic meditation reverses NF-κB and IRF-related transcriptome dynamics in leukocytes of family dementia caregivers in a randomized controlled trial, Psychoneuroendocrinology. 2013 Mar; 38(3): 348–355.

Boccardi V, G Paolisso, and P Mecocci, Nutrition and lifestyle in healthy aging: the telomerase challenge, AGING, January 2016, Vol. 8 No 1

Conklin QA et al., Insight meditation and telomere biology: The effects of intensive retreat and the moderating role of personality, Brain, behavior and Immunity, 70, May 2018, Pages 233–245

Conklin QA et al., Meditation, stress processes, and telomere biology, Current Opinion in Psychology, 28: 92–101; 2019

Deng W et al., Telomerase Activity and Its Association with Psychological Stress, Mental Disorders, Lifestyle Factors and Interventions: A Systematic Review, Psychoneuroendocrinology. 2016 Feb; 64:150–63. doi: 10.1016/j.psyneuen.2015.11.017. Epub 2015 Nov 25.

Duraimani S et al., Effects of Lifestyle Modification on Telomerase Gene Expression in Hypertensive Patients: A Pilot Trial of Stress Reduction and Health Education Programs in African Americans., PLoS ONE 2015, 10(11): e0142689. doi:10.1371/journal.pone.0142689

Jacobs T. L. et al., Intensive meditation training, immune cell telomerase activity, and psychological mediators., Psychoneuroendocrinology. 2011 Jun; 36 (5): 664–81. doi: 10.1016/j.psyneuen.2010.09.010. 

Hoge EA et al., Loving-Kindness meditation practice associated with longer telomeres in women, Brain, Behavior and Immunity 32: 159–163; August 2013

Ornish, Dean et al., Effect of comprehensive lifestyle changes on telomerase activity and telomere length in men with biopsy-proven low-risk prostate cancer: 5-year follow-up of a descriptive pilot study, The Lancet/Oncology. Published online September 17, 2013 http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(13)70366-8

Thimmapuram J., Effect of Heartfulness Meditation on Burnout, Emotional Wellness, and Telomere Length in Health Care Professionals, J Community Hosp Intern Med Perspect. 2017 Mar 31; 7(1):21–27

 

Weiterführende Literatur

Blackburn E. und Epel E., Die Entschlüsselung des Alterns – Der Telomer-Effekt, Goldmann, 2017

Kabat-Zinn, Jon, Das Abenteuer Achtsamkeit, Arbor Verlag, Freiburg in Breisgau 2013

Kornfield J. und J. Goldstein, Einsicht durch Meditation, Arbor Verlag, 2005

Ornish, Dean, Revolution in der Herztherapie: Der Weg zur vollkommenen Gesundheit, Lüchew, 01.01.2009

Bildnachweis: © Adobe Photostock

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen