Bild mit Christian Holzknecht in der Natur

Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge

Wie man losgeht und sich von der Natur öffnen lässt

Christian Holzknecht begleitet Menschen in die Berge, spricht mit ihnen, schweigt mit ihnen und bringt sie in eine neue Verbindung mit Mutter Natur. Durch körperliche Anstrengung und einen weiten Blick wird ein meditativer Zustand erlangt, der neue Klarheit über den eigenen Weg bringt und Menschen für das Wesentliche ihres Lebens öffnet. Wir sprachen mit ihm über die Liebe zu den Bergen, die Metapher des Gipfels, die Wirkung der Bewegung und die Notwendigkeit der Disziplin.

Tattva Viveka: Deine Mission ist es, Menschen in ihre Kraft, in ihre Klarheit und in ihre innere Stille zu führen. Dazu gehst du mit ihnen in die Berge, sprichst auch von einem Pfad in ein bewusstes Leben. Wie wichtig ist dabei das tatsächliche Gehen eines Weges?

Christian Holzknecht: Das Gehen ist mir sehr wichtig, und das hat mehrere Gründe. Ich bin in den Bergen West-Österreichs aufgewachsen und mein Vater, der mein ganz persönlicher Bergführer und Skilehrer war, hat mich schon ganz früh auf sehr hohe Berge mitgenommen. Im Alter von acht oder neun Jahren war ich bereits auf den ersten 3000ern, was wahnsinnig anstrengend war, auch bedingt durch die schlechte Ausrüstung, die man damals hatte. Kniebundhosen und lange Strümpfe, Schuhe aus Wildleder … Da war man schnell durchnässt und es war dann eher unangenehm. Aber mir ist schnell bewusst geworden, dass ich durch das Gehen in eine Art meditativen Zustand komme, der mich durch jeden Schmerz und jedes Unbehagen trägt.

Die erste Stunde des Weges war kalt und nass, aber dann lag mein Fokus nicht mehr auf den Schwierigkeiten und mir wurde klar: Wenn ich das geschafft habe, schaffe ich auch noch die anderen sieben oder acht Stunden des Aufstiegs. Die inneren Beschwerden wurden leiser, ich konnte klarer denken, alles wurde still. Und das ist mir bis heute geblieben – eine Lehre fürs Leben. Auch in meiner Militärzeit hat sich das immer wieder für mich bewahrheitet. Bis zu einem gewissen Punkt war irgendetwas schlimm, doch dann bin ich darüber hinaus gekommen, und danach ging dann alles.

Der andere Aspekt kommt für mich aus dem Zen und der Meditation, durch die mir klar geworden ist, dass ein Problem irgendwo sitzt, irgendwo sesshaft ist, und wir nicht den Fehler machen dürfen, die ganze Zeit bei ihm zu bleiben und uns in der Konzentration auf eine Lösung zu verkrampfen. Besser ist es, wir bewegen uns innerlich wie äußerlich, denn dann löst sich ein Problem oft ganz von selbst auf. Deshalb gehe ich mit meinen Klienten in die Berge, wo Mutter Natur uns hilft, dass ein großer Teil des ursprünglichen Problems sich verflüchtigt.

»Wir sind für Bewegung gemacht und sollten uns unser ganzes Leben lang bewegen.«

TV: Hat die körperliche Bewegung einen Einfluss auf die innere Wahrnehmung?

Holzknecht: Auf jeden Fall. Ich orientiere mich da stark an der Natur. Da können wir sehen, dass alles, was starr ist und sich nicht bewegt, stirbt. Dort gibt es Tiere, die jagen, und Tiere, die gejagt werden. Und wenn die vermeintliche Beute sich nicht schneller bewegt als der Jäger, dann stirbt sie.

Und ich bin der Überzeugung, dass auch wir Menschen in ständiger Bewegung sein müssen, um am Leben zu bleiben. Manche meinen vielleicht, dass es ausreicht, die Fernbedienung anzuheben oder vom Sofa in die Küche und wieder zurück zu gehen, aber ich sehe das anders. Wir haben es durch den Fortschritt immer bequemer und fahren überall hin, gehen so gut wie gar nicht mehr, und deshalb gibt es auch immer mehr Menschen, die nahezu vollständig erstarren, sich kaum die Schuhe zubinden können und so weiter. Ich denke, wir sind für Bewegung gemacht und sollten uns unser ganzes Leben lang bewegen, denn es bewegt sich ja nicht nur unser Körper, sondern mit ihm auch unser Geist.

»Während des Gehens tauchen auch beweglichere Gedanken auf.«

Wir nehmen die Bewegung im Körper wahr und auch die bewegte Umgebung, die dadurch an uns vorbei zieht, sich verändert und sich von neuer Seite zeigt. Wenn ich da meine Sinne ganz öffne, dann ist es wie eine Verdoppelung der Wirkung. Ich habe quasi im Innen wie im Außen zugleich ein Erlebnis, das direkt zu Emotionen führt, wenn ich eingebettet in Mutter Natur unterwegs und durch die Stille bei mir bin.

Bild von einer alten Hütte in den Bergen

TV: Führt körperliche Bewegung auch dazu, geistig beweglich zu bleiben?

Holzknecht: Absolut, ja. Das ist für mich untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen fahren leider ihre Bewegung massiv zurück, wenn sie Schmerzen haben oder wenn sie spüren, dass sie nicht mehr so sportlich wie früher sind. Aber damit geben sie einem Problem nach, und ich glaube, dass dadurch auch die geistige Flexibilität nachlassen kann. Ich würde jedem raten, einmal auszutesten, womit er oder sie sich wohler fühlt: In einem Sessel zu sitzen und nachzudenken, oder auf einem langen Spaziergang die Gedanken schweifen zu lassen. Wo kommt man zu besseren Ergebnissen? Wo entstehen effektivere Problemlösungen oder kreativere Ideen?

Ich bin überzeugt davon, dass während des Gehens auch beweglichere Gedanken auftauchen. Und diese Überzeugung kommt aus meiner persönlichen Erfahrung. Ich gehe oft ohne Ziel los, lasse mich einfach von der Intuition leiten, die während des Gehens spontan entsteht. Ich sehe eine Weggabelung und entscheide aus dem Bauch heraus, wo ich entlanggehe. Ich gehe mal links, mal rechts, lasse mich treiben, und komme so an ganz neue Orte. Zugleich komme ich so aber auch zu neuen Gedanken, bin offen für das, was da kommen mag. Ich kann so eine neue Perspektive einnehmen, verändere den Blickwinkel und damit ändern sich die Gedanken wie auch die Gefühle. Ebenso verändert sich dabei meine Eigenwahrnehmung, meine Position zu mir selbst. Und das ist wichtig, um Dinge neu anzugehen oder sie neu zu bewerten.

TV: In deiner Beschreibung klingt für mich eine Alltags-Version der klassischen Heldenreise an. Man geht los, verlässt das Bekannte, lässt sich auf das Unbekannte ein, wird auf dem Weg transformiert und kehrt als ein anderer – mit neuen Gedanken – zurück. Das scheint mir ein im besten Sinne sehr menschlicher Weg zu sein …

Holzknecht: Das ist ein schöner Gedanke, denn das hat – trotz aller möglichen Anstrengung – auch etwas Leichtes. Menschen haben ja oft Angst vor der Veränderung, vor neuen Anfängen oder Perspektivwechseln. Aber stell dir vor, du müsstest einfach nur losgehen, und die Natur würde dich verändern, dich zu einem neuen Menschen machen, der sich anders fühlt und anders denkt.

TV: Ich denke, dass es tatsächlich so ist. Der US-amerikanische Physiker Brian Swimme schreibt in seinem Buch »Das Universum ist ein grüner Drache« davon, dass der Wald uns verändert, wenn wir uns durch ihn hindurch bewegen. Wir atmen die Terpene der Bäume ein, die in unseren Blutkreislauf gelangen, wir sehen das Grün, das in uns eine gewisse Wirkung hat und so weiter. Es sind vielleicht winzige physiologische und psychologische Wirkungen, aber sie sind zweifelsohne vorhanden. Das wird in den Bergen ähnlich sein – und so werden wir überall von der Welt verändert …

Holzknecht: Ja, es ist ein natürlicher Prozess. Das einzige, was wir tun müssen, ist, uns in die Natur hineinzubewegen. In der Kombination mit Bewegung erarbeiten wir uns den Weg, wodurch sich automatisch ganz viel in uns öffnet. Für mich ist hier übrigens auch das Schöne, dass – zumindest in Europa – der Weg in die Berge meist durch den Wald führt, ich also im Wald beginne, dann die Baumgrenze überschreite und in das Feld der Bergkraft eintrete.

»Das einzige, was wir tun müssen, ist, uns in die Natur hineinzubewegen. In der Kombination mit Bewegung erarbeiten wir uns den Weg, wodurch sich automatisch ganz viel in uns öffnet.«

TV: Neben dieser Arbeit in den Bergen bist du auch sehr am Zen und der Meditation interessiert. Hast du als Bewegungsmensch nicht den Eindruck, dass der Körper in spirituellen Traditionen oft zu kurz kommt?

Holzknecht: In etlichen Traditionen ist das leider so – manchmal neigen Menschen vielleicht dazu, ihren Weg zu sehr zu vergeistigen. Es gibt aber auch sehr positive Gegenbeispiele. Ich bin hier in Wien mit einem Zenkloster verbunden, in dem ich jetzt seit sieben Jahren praktiziere. Zwei Mal im Jahr findet eine Schweigewoche statt, die in einem weiteren Kloster in Kärnten abgehalten wird. Und dort praktizieren wir die Gehmeditation, die ansonsten zwischen den einzelnen Meditationssitzungen gemacht wird, nicht in der Art, dass wir im Klosterhof eine Runde drehen, sondern indem wir ganz langsam und achtsam einen 2500er hinaufgehen. Der Zen-Meister ist ein begeisterter Bergmensch und die Art, in der er diese Schweigewochen anbietet, ist für mich die ideale Kombination.

Erwähnenswert finde ich dabei, dass ich auch beim langen Sitzen in Meditation an diesen Punkt komme, den ich anfangs genannt habe: Es wird irgendwann schmerzhaft und unangenehm, aber ich weiß, dass das vorübergehen wird. Ich kann mir genauso wie als Kind beim Bergwandern sagen, dass sich die unangenehmen Gefühle lösen werden, sobald ich nur noch ein kleines Bisschen durchgehalten habe. Und dann komme ich in eine innere Stille und eine wunderbare Klarheit. Für mich hat sich auf dieser ruhenden Seite meiner selbst viel getan, sodass ich diesen Aspekt mit meiner kriegerischen Seite in Balance bringen konnte.

TV: Könnte man deine Arbeit, das gemeinsame Wandern mit deinen Einzelklienten, auch in gewisser Weise als Gehmeditation bezeichnen?

Holzknecht: Ganz bestimmt, denn Stille ist ebenfalls ein großer Anteil dieser Arbeit. Wenn ich mit den Menschen losgehe, einigen wir uns darauf, dass wir schweigend gehen – und zwar so lange, bis etwas geteilt werden muss. Manchmal entsteht während des Wanderns ein Gedanke und man merkt, dass dieser Gedanke langsam größer und fordernder wird. Dann ist es besser, stehen zu bleiben, es auszusprechen und es zu bearbeiten. Das Stehenbleiben ist mir dabei wichtig. Entweder wir gehen und schweigen, oder wir bleiben stehen und sprechen. Das ist für mich eine sehr kraftvolle Trennung – entweder machen wir das eine oder das andere. Der große Vorteil hierbei ist, dass wir die Gedanken besprechen, sie bearbeiten und in gewisser Weise abschließen. Und dann erst gehen wir weiter, wodurch diese Gedanken zurückbleiben und nicht weiter mitgeschleppt werden müssen. Meine Klienten und Klientinnen erleben diese Trennung als sehr erholsam, denn im Weitergehen herrscht dann Stille, die bei jedem langsamen Schritt spürbar wird.

TV: Ihr geht immer sehr langsam?

Holzknecht: Das ergibt sich am Berg automatisch. Viele Menschen haben ja Angst vor dem Berg und denken, sie schaffen es nicht bis nach oben. Sie fühlen sich nicht fit genug, nicht leistungsfähig genug. Aber das ist alles meist nur eine Frage der Geschwindigkeit. Wenn man langsam geht, kleine Schritte macht, kommt man auch irgendwann oben an, und man merkt, dass man sich selbst unterschätzt hat.

Der Berg regelt da einiges. Die meisten Menschen sind ja Städter und dadurch ein schnelles Leben gewohnt. Sie gehen dann auch am Berg erstmal viel zu schnell, wollen irgendwo schneller ankommen, um noch länger irgendwas tun zu können, von dem sie vielleicht schon lange wissen, dass sie es gar nicht tun sollten. Das macht man am Berg nicht, das schafft man konditionell nicht, so dass sich diese Art des Hetzens ziemlich bald erledigt.

Ich gehe immer in der Geschwindigkeit meiner Klienten, lasse sie bestimmen, aber es dauert meist nicht lange, bis sie von alleine langsamer werden und sich dann mit dem Puls und der Atmung auch die Geschwindigkeit der Gedanken reduziert. Und die meisten können kaum glauben, wie viel Kraft in ihnen steckt, wenn sie nur mal den Energieverbrauch der ständigen Gedanken senken. 

»Die meisten können kaum glauben, wie viel Kraft in ihnen steckt, wenn sie nur mal den Energieverbrauch der ständigen Gedanken senken.«

TV: Hast du den Eindruck, dass an der Lösung der Probleme in gewisser Weise auch die Landschaft selbst beteiligt ist?

Holzknecht: Absolut, ja. Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, für meine Arbeit bezahlt zu werden, weil Mutter Natur einen so großen Anteil leistet. Ich habe das auch an mir selbst gemerkt: Ich habe selbst viele Lehrer, Trainer und Mentoren in meinem Leben gehabt, die mir in der Natur den Raum gegeben haben, in meine Heilung zu kommen. Und ich war immer wieder aufs Neue überrascht, wie leicht ich manches hinter mir lassen konnte. Vieles ist einfach am Berg geblieben.

In meiner Ausbildung zum Bergführer ist mir beispielsweise bewusst geworden, dass mein Auftrag eigentlich ist, Menschen in einen sicheren Raum zu bringen – und das, obwohl die Berge, gerade wenn du sie nicht gewohnt bist, sich nicht unbedingt sicher anfühlen. Doch wenn ich die Menschen so begleite, dann fühlen sie sich sicher, und dann öffnet Mutter Natur die Seele, die Sinne und auch die Zellen des Körpers. Wenn ich mit Menschen auf einer längeren Auszeit in den Bergen bin, dort mit ihnen biwakiere, unter dem freien Sternenhimmel übernachte, dann erzielt das oft Ergebnisse, die mich mit ihrer Leichtigkeit selbst überraschen. Es ist kein hartes Arbeiten an sich selbst, sondern hat mehr Geschenkcharakter. Obwohl die Menschen sich körperlich gefordert haben, fühlen sie sich erholt. Das ist für mich die Kraft der Natur, die mir mehr als alles andere bei meiner Arbeit hilft.

Bild von Berglandschaft mit grüner Wiese und Wolken am HImmel

TV: Auf deiner Website schreibst du, dass dir beim stillen Wandern oft Antworten auf Fragen in den Sinn kommen, die du dir noch gar nicht wirklich gestellt hast. Ist das eine Erfahrung, die auch deine Klienten machen und wie geht ihr dann gemeinsam damit um?

Holzknecht: Dieser Effekt ist mir zuerst in meinem eigenen Leben aufgefallen. Beim Wandern und auch beim Meditieren kamen plötzlich Eingebungen, Antworten, Impulse, bei denen ich dann dachte, dass ich mir die dazugehörigen Fragen noch gar nicht bewusst gestellt hatte. Doch in meinem Unbewussten waren sie offenbar irgendwie präsent. Und das ist etwas, was ganz vielen Menschen so geht. Wir sind von den Anforderungen unseres Lebens oft so abgelenkt, dass wir die tieferliegenden Fragen nicht mehr richtig wahrnehmen und sie übergehen. Diese Erkenntnis nehme ich jetzt mit meinen Klienten mit auf den Berg, und rege dort an, sich zu öffnen. Oftmals zeigen sich dann Lösungen für Dinge, die man noch gar nicht angetastet hat, Antworten auf Fragen, die man noch nicht gestellt hat. Da taucht dann eine neue Form des Vertrauens in sich selbst auf, wenn man dieser überraschend auftauchenden Antwort einfach lauschen kann. Wenn ich solch eine Wanderung mit Klienten öfter mache, wächst dieses Vertrauen und die Klienten können sich immer mehr darauf einlassen.

TV: Auf deiner Website schreibst du, dass dir beim stillen Wandern oft Antworten auf Fragen in den Sinn kommen, die du dir noch gar nicht wirklich gestellt hast. Ist das eine Erfahrung, die auch deine Klienten machen und wie geht ihr dann gemeinsam damit um?

Holzknecht: Dieser Effekt ist mir zuerst in meinem eigenen Leben aufgefallen. Beim Wandern und auch beim Meditieren kamen plötzlich Eingebungen, Antworten, Impulse, bei denen ich dann dachte, dass ich mir die dazugehörigen Fragen noch gar nicht bewusst gestellt hatte. Doch in meinem Unbewussten waren sie offenbar irgendwie präsent. Und das ist etwas, was ganz vielen Menschen so geht. Wir sind von den Anforderungen unseres Lebens oft so abgelenkt, dass wir die tieferliegenden Fragen nicht mehr richtig wahrnehmen und sie übergehen. Diese Erkenntnis nehme ich jetzt mit meinen Klienten mit auf den Berg, und rege dort an, sich zu öffnen. Oftmals zeigen sich dann Lösungen für Dinge, die man noch gar nicht angetastet hat, Antworten auf Fragen, die man noch nicht gestellt hat. Da taucht dann eine neue Form des Vertrauens in sich selbst auf, wenn man dieser überraschend auftauchenden Antwort einfach lauschen kann. Wenn ich solch eine Wanderung mit Klienten öfter mache, wächst dieses Vertrauen und die Klienten können sich immer mehr darauf einlassen.

»Ich habe erkennen können, dass ich all das, was in meinem Leben nicht so ideal lief, im Grunde selbst erschaffen hatte. Und darin lag dann auch die Kraft, Dinge und Umstände auf andere Weise zu erschaffen.«

TV: Die Fragen, die man sich nicht bewusst stellt, betreffen vielleicht auch oft Dinge, mit denen man sich selbst in Frage stellt …

Holzknecht: Ja, richtig – und ich glaube, das sind mit die wichtigsten Fragen. Ich selbst hatte in dieser Hinsicht großes Glück, denn ich war immer schon sehr neugierig in Bezug auf mich selbst. Doch bis ich einen wirklich bewussten Weg ging, hat es dennoch ziemlich lange gedauert. Vor meinem 45. Lebensjahr habe ich alles Spirituelle, alles Geistige abgelehnt, habe nur das für wahr gehalten, was ich mit meinen eigenen Augen sehen konnte.

Doch dann hat sich meine Weltsicht geändert und ich habe viel Zeit meiner Eigenwahrnehmung gewidmet, was mich immer wieder zum Lachen gebracht hat. Immer wieder habe ich Muster erkannt und mich gefragt: Das mache ich wirklich? So bin ich? Und ehrlich gesagt fand ich vieles an meinem Verhalten und an meinen vermeintlichen Überzeugungen total bescheuert. Doch ich konnte darüber lachen – und das war befreiend, mich selbst auf diese Weise zu entdecken. So wurde meine Welt immer größer, und der Verstand, der immer neue Ideen kreiert, um sich und seine Unbrauchbarkeit dahinter zu verstecken, bekam den ihm zugehörigen Platz zugewiesen. Ich habe erkennen können, dass ich all das, was in meinem Leben nicht so ideal lief, im Grunde selbst erschaffen hatte. Und darin lag dann auch die Kraft, Dinge und Umstände auf andere Weise zu erschaffen. Ich habe dies erschaffen, was mir nicht gut tut, darum erschaffe ich jetzt etwas anderes … Der Beginn eines neuen Lebens.

TV: Eine Form gesunder Selbstermächtigung, bei der ich mir vorstellen kann, dass hier auch die Bewegung, das Körperliche, eine große Rolle spielen kann. Im Sinne von: Wenn ich es schaffe, auf diesen Berg zu gehen, dann kann ich auch den Berg meines Geistes besteigen, Dinge verändern und neue Erfahrungen kreieren …

Holzknecht: Ganz genau, das kann ich nur bestätigen. Jeder Mensch, der sich darauf einlässt und das ausprobiert, wird es wohl ähnlich erleben. Wir haben uns diese körperliche Leistungsfähigkeit jedoch abtrainiert und sie durch maximale Bequemlichkeit ersetzt.

Doch im Grunde sehnen wir uns alle nach Bewegung, nach sinnlicher Erfahrung, nach dem Spüren unserer Körperlichkeit. Ich selbst habe daher schon viele, viele Sportarten ausprobiert, doch es ist ein großer Unterschied, ob man in ein Fitnessstudio geht oder einen Berg besteigt. Wenn ich an einen Berg herantrete, dann sehe ich von unten den Gipfel und weiß, dass das mein Ziel ist. Dann gehe ich stundenlang, schaue hoch und denke, dass ich diesem Ziel noch keinen Deut nähergekommen bin. Damit muss man umgehen können, und daran wächst man auch.

Wenn es dann anstrengend wird, widme ich gern meine Schritte anderen Menschen, was ich auch immer meinen Klienten empfehle. Ich denke an eine Person, die vielleicht nicht die Fähigkeiten hat, solch einen Weg zu gehen, weil sie krank ist, im Rollstuhl sitzt oder schon gestorben ist. Dieser Person schenke ich dann meine nächsten hundert Schritte. Und meist mache ich das mit zehn Personen, an die ich denke. Dann bin ich tausend Schritte weiter und habe nicht ein einziges Mal an den weit entfernten Gipfel gedacht. Ich bin weiter gekommen, ohne über den Weg und die Anstrengung nachzudenken. Und das sind hilfreiche Lektionen fürs Leben, Möglichkeiten, den eigenen Fokus zu verändern, sich einfach nur auf den nächsten Schritt zu konzentrieren.

TV: Ist das für dich auch eine Form von Disziplin?

Holzknecht: Ja, definitiv. In meiner Militärzeit habe ich Disziplin erst überhaupt nicht gemocht, weil ich mich dadurch eingeengt fühlte. Als ich begann mich für spirituelle Themen zu interessieren, dachte ich, dass nur die Begeisterung zählt. Weil Kinder es einem ja auch auf so wunderbare Weise vorleben, sie in dem, was sie mit Begeisterung tun, völlig aufgehen. Und obwohl ich immer noch denke, dass Begeisterung die allerbeste Triebfeder ist, muss ich mir doch eingestehen, dass Begeisterung nicht ewig anhält. Es gibt schlechte Tage, an denen die Begeisterung sich einfach nicht einstellen will. Dann dachte ich, es gehe um Motivation, doch auch die ist nicht jeden Tag einfach da. Und so bin ich bei der Disziplin gelandet, weil sie das einzige ist, das ich jeden Tag aufrechterhalten kann. Die Grundlage von jedem Tun, auch an Tagen, an denen ich nicht begeistert oder besonders motiviert bin. Die Disziplin sorgt dafür, Dinge zu tun, zu denen du dich an manchen Tagen sonst einfach nicht aufraffen könntest. Doch um diese Disziplin wirklich zu leben, braucht es auch einen Grund, wofür du das tun willst, also ein großes Wofür. Wenn du dieses Wofür nicht kennst, wird dir auch die Disziplin nicht lange weiterhelfen, aber wenn du ein Wofür hast, dann wird die Disziplin dein Vehikel, um diesem Wofür zu folgen und es zu verwirklichen.

Ich sehe es oft in den Gesichtern der Menschen, mit denen ich diesen Weg gehe, dass sie nach 1.200 Höhenmetern strahlen, obwohl sie erschöpft sind. Sie spüren die eigene Kraft, ihr eigenes Durchhaltevermögen, ihre Fähigkeit zur Disziplin. Und dieses Strahlen, dieses innere Lächeln nehmen sie mit in ihren Alltag. Deshalb sage ich auch gern, dass ich Trainer für ein kraftvolles und entschlossenes Leben bin. 

TV: In unserem Vorgespräch für dieses Interview vor ein paar Wochen hast du etwas sehr Schönes gesagt, auf dass ich an dieser Stelle gern zurückkommen würde: Du meintest, dass auf dem Gipfel des Berges ein Kreuz als Zeichen der Demut stehe. Kannst du über diesen scheinbaren Widerspruch – sich einerseits auf den Gipfel zu begeben und andererseits dort einen Ort der Demut zu entdecken – noch etwas sagen?

Holzknecht: Für mich ist tatsächlich der ganze Berg ein Ort der Demut. Wie vieles in der Natur zeigt er dir, wie klein du bist. Nicht im Sinne von klein gemacht oder klein gehalten, sondern im Sinne der richtigen Einordnung im Angesicht des großen Ganzen. Der Berg zeigt dir deinen Platz auf diesem Planeten. Deshalb ist die Formulierung, sich klein zu fühlen, vielleicht auch nicht ganz richtig. Es geht eher darum, sich nicht zu wichtig zu nehmen.

Ich hatte mal den CEO einer großen Firma als Klienten, der genauso an den Berg herangegangen ist, wie er das sonst bei seinen anderen Aufgaben tut. Sehr aggressiv, viel zu schnell, verbissen und kontrollierend. Innerhalb einer Stunde hatte der Berg ihm das ausgetrieben – und das tat ihm wirklich gut. Mit dieser Erfahrung konnte er neu anfangen. Der Berg hat ihn nicht niedergemacht, sondern neu ausgerichtet, ihn erschöpft, aber gleichzeitig auch beschenkt. Das ist so notwendig in dieser Welt, dass wir Menschen wieder die Gelegenheit geben, sich menschlich zu verhalten.

An den Gipfelkreuzen gibt es oft sogenannte Gipfelbücher, in denen die Menschen eine Notiz hinterlassen, die dort hinaufgewandert sind. Das sind fast ausschließlich sehr demütige Worte, die man dort finden kann. Nicht unbedingt religiös, aber dankbar – und das ist für mich wichtig.

Dort oben angekommen, fühlt man sich zugleich demütig und erhaben – und man hat einen weiten Blick auf all die anderen Gipfel, die man vom Tal aus nicht unbedingt sehen kann. Man steht da oben, lässt seinen Blick schweifen und sieht viele weitere Ziele, sieht das große Ganze, sieht, dass es immer weiter geht.

»Es ist so notwendig in dieser Welt, dass wir Menschen wieder die Gelegenheit geben, sich menschlich zu verhalten.«

TV: Die Stärke, die du den Menschen vermitteln möchtest, hat also nichts mit Dominanz zu tun, sondern eher mit einem Bewusstsein der eigenen inneren Stärke oder auch einem Ruhen in sich selbst?

Holzknecht: Genau. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind an einem Punkt, an dem sie merken, dass die Dinge ihnen entgleiten. Sie brauchen etwas Neues, haben aber Angst vor diesem Neuen, und versuchen das dann zu überspielen, was jedoch nur eine kurze Zeit funktioniert. Von mir bekommen sie dann das Versprechen, dass das nicht so bleiben muss, und sie sich in eine andere Richtung bewegen können – in Richtung ihrer selbst. Jeder hat dabei dann unterschiedliche Dinge im Rucksack, an denen er schwer trägt, aber dieser Rucksack wird mit der Zeit immer leichter.

TV: Henry David Thoreau hat mal gesagt: Alles Gute ist wild und frei. Kannst du das in deinem Leben und deiner Arbeit ähnlich sehen?

Holzknecht: Das sind großartige, kraftvolle Worte, bei denen ich direkt Gänsehaut bekomme. Ich sehe sofort die Menschen vor mir, die sich durch die Wildnis bewegen und sich dabei frei fühlen. Dieses Geschenk der Natur ist so unglaublich wertvoll. Oft verbringen Menschen ja ihr ganzes Leben in vier Wänden, arbeiten vielleicht sogar in vier Wänden, die nicht einmal Fenster haben …

Und obwohl die geistige Freiheit natürlich wichtig ist, würde sie mir persönlich allein nicht reichen. Ich möchte nicht irgendwo sitzen und nur innerlich frei sein, sondern ich will in der Wildnis sein, mich bewegen, mich spüren und frei sein. Für mich gehört das tatsächlich zusammen. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der draußen mit mir unterwegs war und sich nicht frei gefühlt hätte.

Ich bin da wie der Schäferhund, den ich mal hatte: Der war glücklich und hat gut geschlafen, wenn er drei Stunden am Tag im Wald war. Bewegung hilft mir, gut zu leben – und Bewegung in der Natur hilft mir, noch besser zu leben. 

Das Interview führte Dirk Grosser.

Zum Interviewten

Christian Holzknecht ist von einer lebenslangen Liebe zu den Bergen geprägt, hat als Soldat und Personenschützer viele Einsätze erlebt sowie als Fotograf international Erfolge gefeiert. Seit einigen Jahren teilt er seine Erfahrungen mit seinen Klienten, führt sie in die Stille der Berge, weckt ihre eigene Stärke und zeigt ihnen Wege zum Kern ihres Wesens. Er lebt zusammen mit seiner Frau, die auch seine Business-Partnerin ist, in Wien.

Webseite: mountain-bootcamp.com

Bildnachweis: © Adobe Stock, Christian Holzknecht

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