Pir Zia Inayat Khan

Pir Zia Inayat Khan – Das ewige Sein

Gib hier deine Überschrift ein

Wie könnte ein spiritueller Zugang zum Göttlichen, Absoluten oder zu Gott aussehen, der dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts entspricht? Folgende Vortragsaufzeichnung des Sufimystikers und Religionsgelehrten Hazrat Inayat Khan eröffnet einen Raum für eine erfahrungsbasierte Annäherung an die für uns nicht fassbare Dimension des ewigen Seins und Absoluten, ohne den Boden unter den Füßen zu vergessen und sich in wilden metaphysischen Spekulationen zu verlieren. 

Diese Vortragsaufzeichnung des Sufimystikers und Religionsgelehrten Hazrat Inayat Khan gibt uns einen Einblick, wie eine zeitgemäße Spiritualität aussehen könnte. Im Mittelpunkt dieser steht die Analogie zwischen dem ewigen Sein und dem begrenzten menschlichen Bewusstsein, wobei diese durch verschiedene Aspekte der Schöpfung nachempfunden, also erlebt werden können. Wie diese Erfahrungsebene eröffnet werden kann, werden uns im Folgenden dargelegt. 

»Die Seele – woher und wohin« ist die Aufzeichnung einer Vortragsreihe, die der Sufimystiker und Religionsgelehrte Hazrat Inayat Khan 1923 während der Sommerschule in Suresnes bei Paris hielt. In diesen Vorträgen zeichnete er die Reise der menschlichen Seele von ihrem Ursprung bis zu ihrer letztendlichen Bestimmung nach. Obwohl noch relativ unbekannt, ist diese Darstellung der seelischen Wanderschaft ein Meisterwerk der mystischen Literatur. Anders als die meisten Werke dieser Art beruht dieses auf der soliden Grundlage der direkten spirituellen Erfahrung des Autors und nicht auf den theologischen Spekulationen vorangegangener Jahrhunderte. In dieser Hinsicht ist »Die Seele« ein Buch von unschätzbarer Bedeutung und Tragweite, voller wegweisender Impulse. Hunderte von Kommentaren und Erläuterungen würden nicht ausreichen, um die Bedeutungsfülle auszuschöpfen, die von diesem Werk ausgehen. Es ist zu hoffen, dass dieser kleine Band, der jetzt ein Jahrhundert nach den Vorträgen von Hazrat Inayat Khan erscheint, nur der erste Beitrag von vielen weiteren Interpretationshilfen sein wird.

Verweise und Anspielungen auf Erkenntnisse verschiedener Schriften der Weltliteratur können im Text »Die Seele« entdeckt werden, ebenso wie Anklänge und Übereinstimmungen mit den Philosophien Plotins, Shankaracharyas, Ibn Arabis und anderer großer Denker. Diesen Zusammenhängen nachzugehen, ist jedoch nicht die Absicht dieser Abhandlung. Das Ziel ist vielmehr, die Leserin und den Leser zu einer persönlichen Erkundungsreise zu den von Inayat Khan beschriebenen Seinserfahrungen einzuladen.

Pir Zia Inayat Khan

Die fettgedruckten Passagen, die jedem nummerierten Abschnitt vorangestellt sind, enthalten eine kurze Zusammenfassung des wesentlichen Inhalts des originalen Textes »Die Seele«. Den Passagen folgt jeweils ein Kommentar in normaler Schrift. Die Intention dieser Ausführungen ist es, die Erkenntnisse und Einsichten in Inayat Khans eigenen Worten zu übermitteln und behutsam einige ihrer Zwischentöne und Nuancen zu unterstreichen.

Darauf folgt ein schräg gedruckter Text. In diesen wird der Leser und die Leserin zu einer Kontemplation eingeladen, die zu dem von Inayat Khan formulierten Thema in Beziehung steht. Einige dieser Kontemplationen https://www.tattva.de/das-leuchtende-in-der-kunst/ erscheinen in Form von Übungen, die in einer einzelnen Sitzung praktiziert werden können, während andere eine Art von Orientierung bieten, die eher fortlaufender Natur sind. Wir ermutigen die Lesenden, die Texte langsam durchzugehen, innezuhalten und sich mit den enthaltenen Übungen zu beschäftigen und vertraut zu machen. 

Mit dem Herzen aufgenommen erweisen sich die Enthüllungen von Hazrat Inayat Khan als eine Kraft, die unseren Vorstellungshorizont enorm erweitert. Zudem kann es unser Verständnis darüber, wer wir sind, tiefgreifend transformieren. Mache dich bereit, liebe Leserin, lieber Leser, die verzweigten Wege des inneren Universums zu erforschen und einen Einblick in die Bedeutung all dessen zu erfahren.

1

Was existierte vor der Schöpfung? Die Essenz, das wahrhaftig Seiende, das einzige Sein. In welcher Form? Ohne Form. Als was? Als das Nichts. Die einzige Definition, die Worte geben können, ist: das Absolute.

Unser Suchen beginnt vor dem Anfang. Bevor es irgendetwas gab, existierte Alles und Nichts. Das Alles-und-Nichts war überall und nirgends. Worte gehören zur Form, doch unser Anfang liegt jenseits von Form. Deshalb können Worte uns nur bis zu einem bestimmten Punkt bringen. Das Wort Absolut versucht, den Abstand zu verringern, und gelangt fast zum Ziel. Aber es hält inne und kehrt um, wenn es erkennt, dass das Unsagbare nicht gesagt werden kann.

»Unser Suchen beginnt vor dem Anfang. Bevor es irgendetwas gab, existierte Alles und Nichts. Das Alles-und-Nichts war überall und nirgends.«

Wenn du einen Vogel in der Nähe singen hörst, richte deine Aufmerksamkeit darauf. Dann schließe behutsam die Ohren mit den Fingern. Lausche der Stille, die du dabei entdeckst. Kannst du erspüren, wie der Gesang des Vogels für immer in der Stille der Klanglosigkeit verweilt? Jetzt öffne deine Ohren. Kannst du spüren, wie sich die Stille großzügig in den Vogelgesang ergießt?

2

Bewusstsein ging hervor aus dem Absoluten, dem Bewusstsein der Existenz. Es gab nichts, dessen sich das Absolute bewusst sein konnte – außer der eigenen Existenz.

Bewusstsein erwacht. Woher wissen wir das? Weil wir jeden Morgen erwachen: Jeden Morgen erwachen wir aus dem Schlaf. Wir wenden uns von der Innenwelt der Außenwelt zu, um die aufgehende Sonne zu begrüßen. Wir reiben uns den Schlaf aus den Augen, ziehen die Decke von unserem Körper und rollen uns aus dem Bett.

Bevor du dich schlafen legst, nimm dir vor, morgens langsam zu erwachen. Wenn du aufwachst, wache sehr langsam auf. Öffne nicht sofort die Augen. Bewege noch nicht den Körper. Gib dir die Möglichkeit, aufzuwachen, aber nur das. Begnüge dich mit dem Wachsein, ohne irgendetwas anzuschauen, an etwas zu denken oder etwas zu tun. Verweile für eine Minute oder zwei in einem Zustand einfacher, ungeschmückter Wachheit. Sei dir einfach bewusst, da zu sein.

3

Aus dem Bewusstsein der Existenz heraus entwickelte sich ein Gefühl, das Gefühl, dass Ich existiere. Diese Evolution formte das Ich, den Logos.

Du und ich sind unterschiedliche Menschen. Und doch bezeichnen wir uns beide mit demselben Wort »Ich«. So wie alle Menschen in dieser und in jeder anderen vorstellbaren Welt. Ob ich hier bin oder woanders, deprimiert oder in gehobener Stimmung, ob ich mich schnell bewege oder an meinem Platz sitze, ich bin immer ich. Und du bist es auch, wo auch immer du bist und was auch immer du tust. Das Ich verändert sich niemals; es beobachtet einfach.

»Hinter meinem und hinter deinem Ich befindet sich ein und dasselbe Ich.«

Hinter meinem und hinter deinem Ich befindet sich ein und dasselbe Ich. Für welchen Namen wir uns auch entscheiden, dieses gleiche Ich lebt in uns allen und erfährt das Leben durch uns alle.

Schließe deine Augen. Was empfindest du? Bist du hungrig oder müde oder ruhelos? Akzeptiere deine Stimmung. Dann frage dich selbst: »Wer ist es, der oder die oder das so empfindet?« Begegne dem Ich, das sich hungrig fühlt oder müde oder ruhelos oder wie immer du dich fühlst. Erkenne es als das gleiche Ich, das alles gesehen, gefühlt und gekannt hat, was du in deinem Leben erfahren hast.

4

Mit dem Gefühl der Ich-heit zog sich sozusagen die dem Absoluten innewohnende Kraft zusammen. Mit anderen Worten, sie konzentrierte sich auf einen Punkt. So bildete der alles durchdringende Glanz seine Mitte, und diese Mitte ist der göttliche Geist oder auch das Licht.

Dieses gebündelte Licht unterteilt das Sein in zwei Formen: das Licht und die Dunkelheit. Tatsächlich gibt es so etwas wie Dunkelheit nicht, Dunkelheit hat nie existiert; es handelt sich nur um weniger Licht im Vergleich zu mehr Licht.

Stelle dir vor, du versuchst, Schach zu spielen, entweder nur mit weißen oder nur mit schwarzen Steinen. Kontrast erzeugt Konturen. Damit sich das eine Ich in den vielen Ichs erkennen kann, benötigt es Zeit und Raum. Durch Zeit und Raum wird das Allgemeine zum Besonderen. Im Webstuhl der Manifestation wird das Wollknäuel zum Teppich.

Zuerst war da Licht, aber nichts zu sehen. Dann zog sich das Licht in einem Punkt zusammen. Der Punkt trieb in die Leere https://www.tattva.de/das-leere-ich-im-buddhismus-als-gluecksversprechen/. Plötzlich flimmerte es, es glühte und blitzte und sandte seine Strahlen in alle Richtungen aus. Das Universum und wir selbst sind der gewebte Bildteppich dieser Lichtstrahlen.

Nimm die Qualität des Lichtes wahr, wenn der Tag sich zur Nacht neigt und sich dann wieder die Nacht dem Tag ergibt. Beobachte, wie die Sonne am Morgen den Horizont durchbricht, den Himmel erleuchtet und lange Schatten über die Erde schickt. Am Mittag ist die Sonne zu hell, um sie anzuschauen, und Schatten gibt es kaum. Gegen Sonnenuntergang kommen die langen Schatten zurück, die Sonne versinkt in einer karminroten Glut, und der Himmel wandelt sich von Blau zu Schwarz. Erst dann erscheinen die Sterne und der Mond. Nimm wahr, dass jede Tages- und Nachtphase eine bestimmte Sicht ermöglicht. Beobachte, dass das Licht nie vollkommen verschwindet.

5

Das Licht und die Dunkelheit bildeten einen Raum, eine Form. Und das Phänomen von Licht und Schatten, das durch diesen Raum wirkte, trieb die Schöpfung voran, die immer größere und noch mehr Räume hervorbrachte. Jeder Akt der Manifestation mündete in einer Vielzahl von Formen.

Das Universum ist mit Sternenlicht und Schatten übersät. In dieser Vielfalt finden Myriaden von Geschöpfen ihre Nischen, um zum Leben zu erwachen und es zu vollenden. Das Universum ist ein ausgedehntes Reich, in dem es von kleinen und großen Lebensräumen nur so wimmelt. Jedes Habitat bietet seinen Bewohnern den perfekten Raum, um darin zu leben, zu atmen und sich zu erfreuen.

Gehe durch die Räume deines Zuhauses. Wenn du dankbar für den Schutz bist, den diese Räume bieten, drücke diese Dankbarkeit aus, in Gedanken und in deinem Herzen. Gehe bei nächster Gelegenheit nach draußen und wandere in der Gegend herum, begrüße deine Nachbarn und andere, die des Weges kommen. Danke erneut für den Raum, der sie beherbergt – den dazu gehörenden Straßen, den Bäumen für die Luft und das Licht. Dann denke an die Erde als Ganze, an das Sonnensystem und an die Milchstraße. Bedanke dich für jede einzelne dieser Oasen. Es ist gut, zuhause zu sein.

6

Aus diesen Formen entwickelte sich nach und nach aus dem mineralischen Reich das pflanzliche Reich, aus dem pflanzlichen Reich das Tierreich und aus dem Tierreich das Menschenwesen. So wurde der göttliche Geist mit Körpern ausgestattet, die er brauchte, seitdem er sich in einem Punkt zentrierte und von dort aus seine Strahlen als unterschiedliche Seelen aussandte.

»Wir sind alle miteinander verbunden – und wir machen uns gegenseitig zu uns selbst.«

Wir sind menschliche Wesen, so wie eine Regenwolke eine Regenwolke ist, ein Kornfeld ein Kornfeld und eine Gazelle eine Gazelle. Wir sind alle miteinander verbunden – die unbewegten Dinge, die fließenden Dinge, die blühenden Dinge, die beweglichen Dinge, denkenden Dinge – und wir machen uns gegenseitig zu uns selbst. Das Aufblühen von Körpern in allen Formen, Farben und Arten ist Ausdruck der Begeisterung für jede Art von Erfahrung im Geist, der in uns lebt.

Verbringe fünf Minuten mit einem Stein, einer Pflanze oder mit einem Tier. Fühle, dass es ein eigenes Leben hat, so wie du dein Leben hast. Der Geist liebt euch beide und genießt die Erfahrung seiner selbst durch beide Manifestationen. Schließe die Augen und empfinde, wie der Stein, die Pflanze oder das Tier einen Platz in deiner Seele gefunden hat.

7

Neben dem Phänomen der vier Elemente – Luft, Feuer, Wasser und Erde – gibt es noch den Äther als fünftes Element, der zugleich Quelle und Ziel aller Elemente ist. Diese Elemente haben im Zusammenspiel miteinander und gegeneinander gearbeitet, um so die gewünschten Resultate hervorzubringen, die die göttliche Weisheit, die hinter allem wirkt, angestrebt hat.

Wo immer wir uns befinden, immer sind wir in Begleitung von vier Freunden und einem mysteriösen fünften. Die Erde beeindruckt stets mit ihrer Festigkeit. Was spritzt und tröpfelt, muss Wasser sein. Feuer wärmt unsere Hände und Luft füllt unsere Lungen.

Der mysteriöse fünfte, der Äther, ist ein äußerst diskreter Gastgeber. Er empfängt zwar ständig Gäste, ist aber zu bescheiden, um jemals selbst in Erscheinung zu treten.

Grabe ein kleines Loch in den Boden, vielleicht in den Sand und vergrabe deine Füße darin. »Natur erfreut sich an Natur«. Spüre, wie die Erde in dir am selben Geist Anteil hat wie die Erde außen. Ein anderes Mal setze dich an einen Fluss oder einen Teich und tauche die Füße hinein. Spüre, wie das Wasser in dir am selben Geist Anteil hat wie das Wasser außen. Noch ein anderes Mal zünde eine Kerze an und beobachte ruhig die Flamme. Spüre, wie das Feuer in dir am selben Geist Anteil hat wie das Feuer außen. Ein andermal gehe vor die Tür, wenn ein Wind weht. Erquicke dich an der Frische der leichten Brise. Spüre, wie die Luft in dir am selben Geist Anteil hat wie die Luft außen. Mache nach diesen Glücksmomenten eine Pause und nicke dem mysteriösen fünften Element zu, in dem Erde, Wasser, Feuer und Luft ihre Form annehmen.

8

In der Menschheit hat die Manifestation ihr Ziel voll und ganz erfüllt, ganz besonders in Menschen, die auf ihrer Rückreise ein immer größeres Bewusstsein vom Sinn ihres Lebens erlangt haben, indem sie ihren geistigen Horizont erweiterten und ein erfülltes Leben führten. Es sind Menschen, welche die Stufe der Verwirklichung erreicht haben, die Göttlichkeit genannt wird, worin sich der Zweck der gesamten Schöpfung erfüllt.

»Es sind Menschen, welche die Stufe der Verwirklichung erreicht haben, die Göttlichkeit genannt wird, worin sich der Zweck der gesamten Schöpfung erfüllt.«

Alle Wesen haben ihre Bestimmung und ihre Erfüllung. Jede Art von Wesen ist ein einzigartiger Ausdruck der Quelle, aus der wir alle hervorgegangen sind. Dies ist ein Buch für Menschen und über Menschen. Andere Arten haben ihre eigenen Bücher oder sie brauchen keine. Das Papier und die Tinte verdanken wir ausgedehnten Wäldern und lange untergegangenen Fossilien.

Als menschliches Wesen geboren zu werden, ist nicht das Ende der Geschichte des Universums. Es ist der Beginn einer Geschichte, in der sich die Quelle des Universums immer wieder von neuem enthüllt.

Frage dich selbst: »Was ist ein erfülltes Leben?« Was belebt Körper, Geist und Herz und weitet dadurch deinen Horizont, vertieft deine Sicht und erhebt deine Gefühle? Gab es da einen Knoten in deiner Brust? Bist du bereit, ihn zu lösen und frei zu atmen? Komme während des Tages immer wieder auf den Gedanken zurück: »Ich will und werde voll und ganz leben.«

9

Der Göttliche Geist wurde in der Mystik schon immer mit der Sonne gleichgesetzt, und deshalb wurde in mystischen Abbildungen aller überlieferter Traditionen die Sonne zum Symbol Gottes erhoben.

Die Sonne ist der Aspekt des absoluten Gottes, in dem Gott beginnt, sich zu manifestieren, und der erste Schritt Gottes zur Manifestation ist der Akt, in dem Gott sich zusammenzieht, und diese Kontraktion können wir in allen lebenden Geschöpfen und in allen Objekten beobachten. Zuerst findet eine Kontraktion statt und als Nächstes eine Expansion. Die erste Bewegung geht mit dem Wunsch einher, einzuatmen und die letztere mit dem Wunsch auszuatmen.

»Auf jedes Einatmen folgt die Woge der Ausatmung. Ebenso können wir sicher sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.«

Der Winter, die Nacht, der Schlaf, die Einatmung und der Tod haben etwas gemeinsam. Jedes ist auf seine Weise eine Kontraktion. Wie wir alle wissen, folgt auf jede Kontraktion eine Ausdehnung, eine Expansion. Es gibt keine Ebbe ohne Flut, kein Wegnehmen ohne Zurückgeben. Wenn der Winter seinen eisigen Griff lockert, sprießt das Grün in verschwenderischer Pracht. Wenn die Nacht sich selbst erschöpft, bricht die Morgendämmerung https://www.tattva.de/morgendaemmerung/ an und erfüllt den Himmel mit strahlendem Glanz. Auf jedes Einatmen folgt die Woge der Ausatmung. Ebenso können wir sicher sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Schließe die Augen oder lasse sie geöffnet, ganz wie du willst. Wenn du ein- und ausatmest, beobachte, wie sich Brust und Bauch heben und senken. Lenke nun die Aufmerksamkeit auf die Qualität des Atems. Wenn du einatmest, bemerke, wie er einströmt und beim Ausatmen wieder ausströmt. Während du sanft und in gleichmäßigem Rhythmus atmest, ziehe den Atem mit jedem Atemzug tiefer in dich hinein, als ob du einen Punkt in deinem Innersten erreichen wolltest. Lass zu, dass sich dein Atem mit jedem Atemzug weiter und weiter ausdehnt und sich in alle Richtungen bis zum Horizont entfaltet. Zur gleichen Zeit erhebt er sich bis zum Himmel und sinkt wieder in den Boden hinein. Du kannst dir deinen Atem als eine sphärische Kugel vorstellen, die sich verdichtet und intensiviert, wenn du einatmest, und die sich ausdehnt und abschwächt, wenn du ausatmest.

10

Einfach ausgedrückt ist die Schöpfung das Ausatmen Gottes, und die Zerstörung, das Ende der Welt ist das Einatmen Gottes. Der Göttliche Geist dehnt sich aus, das bezeichnen wir als Manifestation mit all seinen Formen und verschiedenen Namen, und Gott zieht sich zusammen, einen Akt, den die Menschheit fürchtet und Zerstörung nennt.

Der Anfang und das Ende der Welt ist nur ein einziger Atemzug Gottes, dessen Dauer unzählige Jahre währt. In diesem einen Atemzug wurden unendlich viele Wesen geboren, sie lebten und sie starben, und machten überall ihre Erfahrungen, in dieser Welt und in jener Welt, im Himmel und seinem Gegenpol.

Das Ende kommt in verschiedenen Graden – kleinen, mittleren und großen. Eines Tages werden du und ich sterben. An einem anderen Tag wird unser geliebter Planet zu Staub zerfallen. An einem weiteren Tag wird das ganze Universum mit seinen strahlenden Sternen untergehen. Doch, nichts ist für immer verloren und auf jedes Ende folgt ein Neuanfang. Das Einströmen und das Ausfließen des göttlichen Atems geht auf ewig weiter.

Beobachte – mit offenen oder geschlossenen Augen –, wie dein Atem ein- und ausströmt. Nach einer vollständigen Einatmung halte kurz inne. Fühle diesen Schwebezustand, in den du dadurch versetzt wurdest. Es ist, als ob die Zeit still steht. Dann überlasse dich wieder dem natürlichen Atemfluss und atme wieder aus. Gib dich dem neuen Lebensimpuls und dem Atem hin, der aus deinem Inneren herausströmt.

11

Es gibt Lebewesen, winzige Bakterien, Würmer und Insekten, die nicht länger als einen Augenblick leben. Daneben gibt es andere Wesen, deren Leben hundert Jahre lang währt, und einige Geschöpfe leben sogar noch länger, und doch ist es nur ein Augenblick, seien es auch tausend Jahre, verglichen mit der Ewigkeit. Angesichts des ewigen Lebens Gottes, dem Einzigen Sein, neigen mystisch veranlagte Menschen dazu, ihren Blick in Ehrfurcht zu senken.

 

Die Zeit stellt sich so dar, wie wir sie betrachten. Für eine Eintagsfliege ist ein einziger Tag eine großzügige Lebenszeit, doch für eine Schildkröte sind lange Jahrzehnte erst der Anfang. Unsere eigene Lebensspanne wird so lang oder so kurz sein wie der Sinn, den wir darin finden.

Alle Bedeutung kommt von dem Einen Sein und kehrt zu ihm zurück. In der Zeit dazwischen findet eine wundersame Alchemie https://members.tattva.de/chloe-hunefeld-die-kraft-der-astrologischen-symbole/ statt, und darum geht es in diesem Buch.

Bevor du zu Bett gehst, stelle dir für einige Abende hintereinander die Frage: »War das ein langer oder ein kurzer Tag?« Du könntest feststellen, dass die Tage unterschiedlich lang sind. Manche vergehen im Flug, andere kriechen dahin. Was macht den Unterschied aus? Bist du in der Zeit, oder ist die Zeit in dir?

12

Die Seele, die ein Strahl der göttlichen Sonne in der Sphäre ist, in der sie mit keinem irdischen Wesen in Berührung steht, wird Engel genannt. Deshalb durchquert jede Seele die Ebene der Engel. Anders ausgedrückt: Jede Seele ist ein Engel, bevor sie die irdische Ebene berührt. Es sind Engel, die menschliche Wesen werden, und jene, die keine menschlichen Wesen werden, bleiben Engel. Ein menschliches Wesen ist also ein erwachsener Engel, und ein Engel eine Seele, die nie erwachsen wurde.

Pir Zia Inayat Khan

Die Seele geht aus der Seele der Seelen hervor wie der Strahlenkranz aus der Sonne. So viele Strahlen die Sonne auch aussendet, ihr Licht und ihre Strahlkraft nimmt dadurch nicht im Geringsten ab. Je weiter ein Strahl Richtung Erde geht, umso deutlicher wird er erkennbar. Am Ende dringt er durch die Vorhänge eines dunklen Raumes und erscheint Dir als ein mit Staub gesprenkelter Lichtstreifen.

Ein Strahl in der Nähe des Strahlenkranzes, der Corona, wird Engel genannt. Er kann in dem fast raumlosen Ort verweilen oder er kann niedersteigen. Wenn er niedersteigt, dann wächst er. Vielleicht sollten wir besser sagen, dass er nach unten wächst. Er wird seine Wurzel tief in die Erde senken und von dort nach oben wachsen.

Es gibt hier auf Erden nichts, was nicht schon vorher da war. Es kann Seelen ohne irdischen Körper geben, aber es gibt keine Körper ohne Seelen.

Schließe deine Augen, atme langsam und entspanne dich. Entspanne den ganzen Körper vom Kopf bis zu den Zehen. Lass alle Anspannung und Schwere los, sodass jeder Teil deines Körpers gelockert ist. Als Nächstes entspanne deinen Verstand (mind). Lass deine Gedanken weich werden, sich auflösen und wie feiner Nebel verschwinden. Wenn ein Gedanke sich hält, kein Grund zur Sorge. Schenke ihm keine Beachtung; lass ihn einfach los. Jetzt lass auch deine Gefühle wegschmelzen. Das Licht wird zum einzigen Ziel deiner Aufmerksamkeit. Doch anstatt an Licht zu denken, werde zu Licht. Nimm dich für eine kurze Zeit einfach als Licht wahr, ein Licht, das sich aus dem Licht des Ewigen heraus manifestiert hat. Wenn du bereit bist, öffne wieder die Augen. Was immer du in deiner Umgebung wahrnimmst, erkenne, dass die Essenz all dessen ebenfalls Licht ist.

13

Kleine Kinder, die mit ihren engelhaften Eigenschaften auf die Erde kommen und früh sterben, ohne das Leben eines erwachsenen Menschenwesens erfahren zu haben, geben uns ein Bild des ursprünglichen Zustands der Seele. Die Vorstellung, dass Engel Gott näher sind, ist nach dieser Auffassung richtig.

Es ist eine schmerzliche Erfahrung, wenn ein Kind nicht lange auf der Erde weilt. Doch auch das ist Teil des Schicksals. Jedes Wesen hat sein ganz eigenes Leben und Wirken und seine besondere Aufgabe an dem Platz, der ihm zugeteilt wurde. Die in den Himmeln leben, vollführen dort eine Art von Aufgabe, die sich von der hier unten unterscheidet. Jedes Wesen hat seine besondere Art der Lobpreisung, und die der Engel sind in jeder Hinsicht eindrucksvoll.

Wenn du ein Baby in deiner Obhut hast oder wenn es eines gibt, das bei dir in der Nähe bei jemandem in Obhut ist, lass deinen Blick zärtlich auf dem unschuldigen und süßen Gesicht und der Gestalt dieses kleinen Kindes ruhen. Wenn es in deiner Nähe kein Baby gibt, schau dir das Foto eines kleinen Kindes an oder rufe dir das Bild vor deinem inneren Auge auf. Versetze dich in eine Zeit zurück, die vor deinen frühesten Erinnerungen liegt. Auch du warst einmal genau wie dieses Baby, arglos, mit weit geöffneten Augen und der Quelle des Seins sehr nahe – erinnerst du dich daran? Diese ursprüngliche Natur ist immer in dir, du musst sie nur enthüllen.

14

Jemand fragte den Propheten Mohammed, warum Menschen den Engeln übergeordnet seien – Menschen, die auf der Erde so viel Blutvergießen anrichten, während Engel sich unablässig dem Lobpreis Gottes hingeben. Die Antwort war: Die Engel wissen nichts über die Erde. Sie kennen nur Gott und so widmen sie sich Gott. Die Menschen aber haben, wenn sie auf die Erde kommen, so viel mit weltlichen Angelegenheiten zu tun, und trotzdem suchen und streben sie nach Gott.

Es ist leicht, die Menschen als gefallene Engel anzusehen. Die Engel sind unsere Urform, aber wir sind nicht so unschuldig geblieben wie sie. Während sie elegant durch die Sphären des Lichts gleiten, stapfen wir im morastigen Schlamm herum und rutschen oft aus. Und doch kann es sein, dass ein Gebet des Herzens, das aus dem Innersten des Sumpfgebiets des Great Dismal Swamp[1]
emporsteigt, eine Bedeutung und eine Kraft entfaltet, die auf keinem himmlischen Gipfel zu erreichen ist.

Nimm ein Blatt Papier. Benutze einen schwarzen Stift und fülle den oberen Teil der Seite mit Worten, Begriffen und Sätzen aus, die die Herausforderungen, Sorgen und Einschränkungen beschreiben, denen du im Leben begegnet bist. Jetzt legst du den schwarzen Stift beiseite und nimmst einen roten Stift zur Hand. Fülle damit den leer gebliebenen Teil der Seite mit der Darstellung deiner Lebensphilosophie und den höchsten Bestrebungen und Entdeckungen deines Herzens aus. Lass dein Schreiben wie einen Strom des Bewusstseins aus deiner Hand herausfließen.

 

Der Artikel ist ein Auszug aus: 

Pir Zia Inayat Khan, »Immortality – A Traveler’s Guide«, Richmond, Sulūk Press, 2023. Erscheint in deutscher Übersetzung voraussichtlich im Dezember 2024.

Quellen: 

Hazrat Inayat Khan, »Das Innere Leben«, Centennial Edition, Band 1, Verlag Heilbronn, 2018 und »Die Seele – woher und wohin«, Verlag Heilbronn, 2. neu übersetzte Auflage 2019 

»The Inner Life, vol. 1, The Sufi Message of Hazrat Inayat Khan«, Centennial Edition (New Lebanon, NY: Sulūk Press, 2016) 

»The Soul’s Journey« (New Lebanon, NY: Omega Publications, 2016)

Pir Zia Inayat Khan

Zum Autor

 

Pir Zia Inayat Khan, PH. D., ist ein Religionswissenschaftler und Lehrer in der Tradition des universalen Sufismus seines Großvaters, Hazrat Inayat Khan. Er ist Präsident der Inayatiyya und Gründer der Suluk Academy, einer Schule für kontemplative Sufi-Studien sowie Buchautor. Er lebt abwechselnd in Richmond, Virginia und Suresnes, Frankreich. inayatiyya.org

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FOOTNOTES

 Der Great Dismal Swamp ist ein seit 1973 staatlich geschütztes Sumpfgebiet in der Küstenebene der  Bundesstaaten Virginia und North Carolina in den Vereinigten Staaten.

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