Gemälde von einer Person, die in Meditation sitzt und den Kopf in den Nacken legt

Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst

Wie eine Meditation ohne Methode uns zum Wesentlichen führt

Der langjährige Meditationslehrer Jason Siff vermittelt einen ungewöhnlichen Ansatz, in dem der Meditierende keine bestimmte Meditationstechnik verfolgen soll, sondern seinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen freien Lauf geben soll. Denn nur auf diese Weise kann man sich ehrlich erforschen und den Impulsen des Geistes auf den Grund gehen.

Tattva Viveka: Lieber Jason Siff, du bist ein ungewöhnlicher Meditationslehrer, der mit Titeln wie »Unlearning Meditation« (Meditation verlernen) und »Thoughts Are Not the Enemy« (Gedanken sind nicht der Feind) in der Meditationsszene für Aufsehen sorgte. In diesen Büchern greifst du heikle Themen auf, die jeden Praktizierenden auf seinem spirituellen Pfad früher oder später vor Herausforderungen stellen, über die man jedoch selten spricht. Bereits zu Beginn von »Unlearning Meditation« schreibst du darüber, dass viele spirituell Praktizierende – mich eingeschlossen – ein schlechtes Gewissen plagt, weil es ihnen nicht gelingt, täglich oder lang genug zu meditieren, oder weil sie befürchten, es nicht »richtig« zu machen. Wo liegt die Ursache für dieses weit verbreitete Schuldgefühl?

Jason Siff: Das höre ich in der Tat sehr oft. In unserer Kultur ist es normal, Schuldgefühle zu entwickeln, sobald man etwas nicht durchhält oder nicht diszipliniert genug ist. Wir erhalten konstant Ratschläge darüber, wie man zu meditieren hat, wie lange man täglich praktizieren sollte und welche Techniken die richtigen sind.

Andernfalls würde man nur herumsitzen und nichts tun, oder? Der Punkt ist jedoch, dass Meditation eigentlich nur darin besteht, zu sitzen und sich dessen bewusst zu sein, was man während des Sitzens erlebt. Die geläufigen Praktiken bringen die Menschen dazu, sich mit verschiedenen Techniken und den dazugehörigen Anweisungen zu beschäftigen. Mein Ansatz besagt jedoch genau das Gegenteil: Man sitzt einfach da und schaut, was passiert. Infolgedessen entstehen viel weniger Schuldgefühle, weil man nicht versucht, den Standards oder Idealen anderer gerecht zu werden. Es ist kein Wettkampf. Man praktiziert einzig, um sich selbst besser kennenzulernen und die verschiedenen Geisteszustände zu erleben, die während der Meditation entstehen.

»Man praktiziert einzig, um sich selbst besser kennenzulernen und die verschiedenen Geisteszustände zu erleben, die während der Meditation entstehen.«

TV: Du gehörst nicht zu den Meditationslehrern, die viel über Erleuchtung und optimale Bewusstseinszustände sprechen, sondern verfolgst deinen eigenen Ansatz, die Recollective Awareness Meditation. Wo liegt der Unterschied zu anderen Meditationsansätzen?

Jason: Als ich noch Mönch war, begann ich meinen eigenen Prozess im Verlernen der Meditation, was zu meiner gegenwärtigen Meditationslehre führte. Dieser entstand aus der Erkenntnis, dass die Hindernisse, denen Menschen in ihrer Meditationspraxis begegnen, oft paradoxerweise von den Lehren und Anweisungen hervorgerufen werden, die sie erhalten. Ich bin beispielsweise der Meinung, dass das ständige Reden und Streben nach Erleuchtung, Nirvana, Leere oder anderen optimalen oder höheren Bewusstseinszuständen lediglich Ideale erschafft. Diese Ideale erzeugen Vorstellungen darüber, wie die innere Erfahrung verlaufen sollte – was jedoch kaum hilfreich ist, um tatsächlich mit dem in Kontakt zu kommen, was wirklich in einem vorgeht.

Viele konventionelle Praktiken versuchen, die auftauchenden Emotionen, Gedanken, Fantasien und Erinnerungen zu umgehen. Mein Ansatz der Recollective Awareness Meditation (Meditation des erinnernden Gewahrseins) hingegen geht davon aus, dass all das, was in der Meditation auftaucht – deine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen – du selbst bist. Dies sind alles Teile von dir, und es geht nicht darum, irgendetwas davon auszuschließen. Um das zu erreichen, muss man in erster Linie die Vorstellung beiseiteschieben, dass es einen besonderen oder höheren Bewusstseinszustand gibt, mit dem man sich verbinden sollte. Die konventionelle Praxis richtet ihre Aufmerksamkeit zu sehr auf das Verlassen dieser Welt und den Übergang zu anderen Orten. Dabei wird vergessen, dass hier ein Mensch sitzt, der sich selbst und seiner eigenen inneren Welt gegenübersteht. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass viele Menschen eine Praxis benötigen, die sie dabei unterstützt, zu erkennen, wie sich das Bewusstsein während des Sitzens auf natürliche Weise entfaltet.

Buddhistischer Mönch mit oranger Robe sitzt in der Meditation

TV: Also das Zusammenspiel von äußeren Anleitungen und inneren Erwartungen hemmt den Prozess des Sich-Kennenlernens?

Jason: Ja, genau. Die Menschen meditieren mit der Erwartung, dass sich ihr Geist in der Meditation anders verhalten sollte als außerhalb der Meditation. Aber die Realität ist, dass der Verstand so funktioniert und so denkt, wie er dies auch im Alltag tut. Man denkt darüber nach, was man später essen wird, erinnert sich an ein Gespräch oder schmiedet Pläne. Diese Gedanken sind völlig normal, denn so verhält sich unser Geist während des Tages, aber wir sind uns dessen in der Regel nicht bewusst.

In der Meditation kann man jedoch einen inneren Raum schaffen, um diese Gedanken bewusst zuzulassen und um zu beobachten, was sie bewirken. So kann man Freude, Sicherheit oder das Gefühl, dass man alles gut organisiert hat, noch einmal bewusst erleben. Anstatt diese Gefühle oder Gedanken als etwas Unerwünschtes zu betrachten, muss man begreifen, dass diese Vorgänge notwendig sind, um die Funktionsweisen des eigenen Geistes zu verstehen. Deshalb sage ich: Wie kann man Erkenntnisse über seine innere Welt gewinnen, wenn man nicht weiß, was in ihr vor sich geht? Man muss einen Weg finden, sich dessen, was in seinem Inneren vor sich geht, bewusster zu werden. Aus diesem Grund empfehle ich, die Meditationssitzung im Anschluss Revue passieren zu lassen – sei es durch Tagebuchführen, ein Gespräch mit dem Lehrer oder den Austausch mit Freunden.

Ziel ist es, die gemachten Erfahrungen noch einmal bewusst zu durchleben. Wenn man dies regelmäßig tut, wird man feststellen, dass das Erinnerungsvermögen immer besser wird und man die Funktionsweise des Geistes zunehmend tiefer versteht. Mit der Zeit wird man mit allem, was in der Meditation auftaucht, immer vertrauter. Denn man lernt, wie man mit sich selbst umgehen muss und die Toleranz und Akzeptanz für seine Gedanken und Gefühle nehmen auf natürliche Weise zu. Viele Meditationspraktiken legen den Schwerpunkt darauf, uns beizubringen, im gegenwärtigen Moment oder achtsam zu sein. Ich halte es jedoch für wesentlich, den Fokus darauf zu legen, zu lernen, mit sich selbst umzugehen. Aufgrund der Praktik des sich Erinnerns wird man mit sich selbst immer vertrauter, und darauf aufbauend entwickeln sich Einsichten, die einem die Funktionsweise des eigenen Geistes offenbaren. Alles beginnt damit, stillzusitzen. Es gibt nichts anderes zu tun.

TV: Es geht auch immer so viel in einem vor, sobald man sich nur hinsetzt und mit sich selbst Zeit verbringt. Innere Welten eröffnen sich auf unaufhaltsame Weise.

Jason: Richtig. Es passiert so viel. Warum sollte man versuchen, es zu unterbinden? Warum sollte man es nicht kennenlernen? Die Visionen, die verschiedenen Empfindungen, Emotionen und Erinnerungen – all die Gefühle, für die wir vielleicht keine Worte haben – sind ein wesentlicher Teil von uns. Indem man die Aufmerksamkeit auf das richtet, was man im Alltag gewöhnlich ignoriert, kann man erst damit beginnen, das zu erforschen, was sich bisher nur am Rande des eigenen Bewusstseins befand. Selbst Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, sind sich häufig der zugrunde liegenden Prozesse ihrer Gedanken nicht bewusst. Sie wissen oft nicht, wohin ihre Gedanken wirklich führen, woraus diese bestehen oder wie diese in bestimmten Situationen überhaupt entstehen.

Doch Gedanken sind mehr als nur mentales Geschwätz, sie sind organisierende Muster. Sie sind ein wesentlicher Teil unserer Existenz und unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie sind nicht nur präsent, sie sind die Triebfedern unseres Lebens. Wenn man diese inneren Muster, Motivationen und Triebkräfte nicht beginnt wahrzunehmen, wird man sich in der Meditation nicht wirklich verändern. Wenn wir uns selbst nicht begegnen, werden wir einfach weiter zum Atem zurückkehren oder versuchen in einen friedlichen Zustand zu gelangen, obwohl dies nur eine andere Art ist, seine Gedanken und Gefühle zu umgehen. Das soll nicht heißen, dass Ruhe und Frieden auf diese Weise nicht eintreten können. Menschen, mit denen ich arbeite und die ihre Gedanken in der Meditation zulassen, sind häufig darüber überrascht, dass die Gedanken mit der Zeit nachlassen, und sie infolge Momente echter Ruhe und Klarheit erleben und sich nur noch ihres Atems gewahr sind.

Sie haben die Beziehung zu ihrem Geist so weit verändert, dass er keine Konflikte mehr in den Gedanken und Emotionen erzeugt.  Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass man, wenn man eine bestimmte Haltung einnimmt und zu meditieren beginnt, etwas sehr Subtiles tut. Man verändert auf eine sehr subtile Weise die Art, in der man mit seiner inneren Welt in Beziehung tritt. Sie haben gelernt, dass man nicht immer wieder zum Atem zurückkehren muss, damit sich ihre Beziehung zu sich selbst oder ihrer Mitwelt verändert. Man muss keine Techniken anwenden. Man muss nicht versuchen, zum Beobachter oder Behälter zu werden, an starren Konzepten festhalten oder den Körper scannen. Ich glaube, vieles davon ist wirklich unnötig, denn es hält die Menschen beschäftigt. Es ist nur eine andere Form des Denkens.

»Selbst Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, sind sich häufig der zugrunde liegenden Prozesse ihrer Gedanken nicht bewusst.«

Stell dir vor, du beginnst mit der Meditation und erinnerst dich an ein Gespräch. Du gehst es gedanklich noch einmal durch. Auf diese Weise lässt du die äußere Welt in deine innere Welt hinein; es gibt keine Barriere. Du gibst dir somit die Möglichkeit, dein Leben und deinen Umgang mit der äußeren Welt während der Meditation zu reflektieren. Viele Meditationspraktiken hingegen schaffen genau diese Barriere zwischen dem, was man zuvor getan hat, und der Meditation. Sie veranlassen einen dazu, ein Ritual oder eine Intention auszuführen, um bewusst zu unterbrechen, was zuvor geschah, und etwas Neues zu beginnen, das sie dann »Meditation« nennen.

Ich unterrichte mittlerweile seit drei Jahrzehnten auf diese Weise und immer wieder kontaktieren mich Menschen, die meine Bücher gelesen haben. Sie erzählen mir, dass sie meinen Meditationsansatz bereits für sich selbst praktizieren. Sie hatten jedoch keine Worte dafür und niemanden, der es für sie in diese Form gebracht hat. Es handelt sich um eine Meditationspraxis, die Menschen vielfach für sich selbst entdecken, die jedoch von den Gemeinschaften nicht anerkannt wird. Viele denken, dass sie in ihrer Meditationsgemeinschaft diejenigen sind, die nicht meditieren können, weil sie nicht konsequent beim Atem bleiben können. Auf der Suche nach Unterstützung kommen sie zu mir und in vielen Fällen stellt sich heraus, dass genau diese Menschen diejenigen sind, die tiefer in ihre innere Welt blicken können. Dies erfahren sie als deutlich befriedigender, interessanter und bereichernder, als nur bei ihrem Atem zu bleiben.

»Wenn man eine bestimmte Haltung einnimmt und zu meditieren beginnt, verändert man auf eine sehr subtile Weise die Art, in der man mit seiner inneren Welt in Beziehung tritt.«

Asiatisches Gemälde von einem Baum mit Sonne

TV: Was wäre denn deiner Meinung nach eine effektive Meditationspraxis? Oder was kann einen beim Meditieren und Sich-seiner-selbst-gewahr-werden unterstützen?

Jason: Das ist eine sehr interessante Frage. Wenn man eine Praxis wie die Achtsamkeitsmeditation aufnimmt, übt man, konstant zum Atem zurückzukehren und ihn auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen. Nach einer gewissen Zeit entwickelt man so ein geschärftes Atem-Bewusstsein. Doch das bedeutet keineswegs, dass man sich dadurch automatisch seiner Gedanken und Emotionen bewusster ist. Damit man stärker mit seiner Innenwelt in Kontakt kommt, muss in der Praxis noch etwas zusätzlich geschehen. Die Achtsamkeitsmeditation hat dafür ihre eigene Herangehensweise, die oft an eine bestimmte Übung oder Strategie geknüpft wird. Der Effekt ist dabei paradox: Man beginnt mit der Absicht, eine Veränderung herbeizuführen, und im Laufe der Zeit tritt dann tatsächlich eine Veränderung ein.

Beim Prozess der Recollective Awareness Meditation – die ja eine offene Meditation ist – ist das Vorgehen grundlegend anders. Man verfolgt keine Übung und keine Strategie, sondern erlebt einfach das, was während des Sitzens hochkommt. Auch das löst eine allmähliche Veränderung aus. Man erfährt, wie der Geist auf seine eigene Weise wächst, wie eine Pflanze. Wir können nicht vorhersagen, welche Ergebnisse eintreten werden oder ob sich Veränderungen im Wohlbefinden oder in der Gelassenheit direkt auf die Praxis zurückführen lassen. Wir stellen jedoch fest, dass bestimmte Geisteszustände beim Meditieren häufiger auftreten. Der Fokus liegt somit vielmehr auf dem Zusammenhang zwischen dem, was während der Sitzung und außerhalb geschieht, anstatt sich auf eine bestimmte Praxis zu konzentrieren.

»Ein Großteil meiner Lehre besteht darin, Menschen dabei zu helfen, in ihrem inneren Dialogen zu erkennen, was sie auf andere projizieren.«

Eine effektive Methode ist das Tagebuchschreiben. Viele Menschen, die beispielsweise Vipassana praktizieren, führen kein Tagebuch, weil ihnen gesagt wird, dass sie im gegenwärtigen Moment sein müssen und dass ihr Gedächtnis unzuverlässig sei und ihnen sowieso nur falsche Informationen liefere.  Ich denke aber, dass das Gegenteil der Fall ist. Denn wenn man im Nachhinein Tagebuch führt, ruft man sich seine Erfahrungen wieder ins Gedächtnis, man fasst sie in Worte, wodurch sie lebendiger werden und besser im Gedächtnis bleiben.

Wenn man später ähnliche Zustände, ähnliche Emotionen oder Gedanken in anderen Sitzungen oder im Laufe des Tages erlebt, wird man sich dieser stärker bewusst und wird mit ihnen vertraut. Deshalb spreche ich von rückblickender Achtsamkeit. Das bedeutet, man lernt, im gegenwärtigen Moment zu sein und somit, wie der Geist funktioniert, indem man sich an das erinnert, was man erlebt hat, und nicht indem man starr versucht, präsent zu sein.  Ich denke, hier liegt der entscheidende Unterschied.

TV: Es geht nicht nur darum, in der Gegenwart präsent zu sein, sondern auch das zu rekapitulieren, was während der Meditation in einem vor sich geht. Spannend. Das habe ich bisher nicht oft gehört.

Jason: Aus diesem Grund spreche ich über die Idee, mithilfe der Erinnerung schrittweise eine Bewusstheit für den gegenwärtigen Moment zu entwickeln, weil der Schwerpunkt darauf liegt, sich an das zu erinnern, was man während der Sitzung erlebt.

Nehmen wir als Beispiel das Betrachten der Gedanken: Man erhält die Anweisung, seine wütenden Gedanken wahrzunehmen, doch sobald man beginnt, den Gedanken zu analysieren oder zu untersuchen, hält man ihn auf und bleibt an der Oberfläche. Wann immer man einen wütenden Gedanken hat und man feststellt, dass es Wut ist, verschwindet er. Viele denken, dass dies ein Erfolg sei. Aber dann kommt der Wutgedanke wieder, Jahre und Jahre und man stellt fest, dass man immer noch nicht klüger ist, da man immer noch nicht versteht, warum man während der Meditation die ganze Zeit über so wütend wird. Gemäß meinem Ansatz lässt man die wütenden Gedanken zu. Während des Sitzens lässt man sich auf die Fantasie gänzlich ein, entgegen allen traditionellen Anweisungen. Dies ist notwendig, um herauszufinden, wie diese Gedankenstränge aufgebaut sind und wovon sie sich nähren. Wenn man in die Tiefe gegangen ist und das Erfahrene nachträglich aufschreibt, gewinnt man viel mehr Informationen über die gesamte innere Dynamik des Wütendwerdens. Das trägt dazu bei, dass es sich mit der Zeit ändert.

TV: Sich unliebsamen Gedanken und Emotionen zu stellen und auf den Grund zu gehen, kann ein sehr beängstigender Prozess sein, oder?

Jason: Oh ja, es ist beängstigend, deshalb meiden wir es oft. Doch wenn wir uns unseren seltsamen Gedanken, Visionen und traumähnlichen Zuständen stellen, beginnen wir, uns an sie zu erinnern und sie zu normalisieren. Wir erkennen, dass sie Teil der Erfahrung sind, und so verlieren sie ihre Macht über uns. Darüber hinaus verstehen wir durch die offene Beschäftigung viel besser, was sie hervorruft und aufrechterhält. Dies ermöglicht uns einen klügeren Umgang und die Erkenntnis: Im Inneren gibt es nichts zu fürchten. Meine innere Welt ist nicht so bedrohlich, wie ich dachte.

Diesen Ansatz habe ich in den letzten drei Jahrzehnten zahlreichen Menschen in meinen Workshops und Retreats vermittelt. Mein Rat an sie war stets, alles zu notieren, was sie während der Meditation erleben. Sie kehrten zurück nach Hause, meditierten und führen ein Meditationsjournal. In diesen Tagebüchern schreiben die Menschen in ihren eigenen Worten. Sie versuchen nicht, buddhistische Konzepte oder psychologische Begriffe zu verwenden. Sie schreiben einfach auf, was sie fühlen und denken. Schrittweise bemerkten sie subtile Veränderungen. Zunächst verbessert sich die Erinnerung enorm. Die Praktizierenden können sich an vieles, was sie während der Meditation erleben, erinnern. Am Anfang schrieben sie nur drei oder vier Sätze, nach einer gewissen Zeit sind es drei oder vier Seiten. Damit einhergehend erleben sie mehr Momente der Einsicht, der Ruhe und des Übergangs in andere Geisteszustände, mit denen man sich schrittweise vertraut machte. Man erkennt nun, dass man weiß, wie man seine inneren Erfahrungen steuern kann.

Dabei fühlt man sich wie ein Boot auf einem Fluss, und anstatt es krampfhaft zu lenken, lernt mit dem, was geschieht, umzugehen. Mit dieser neu gewonnen Akzeptanz entwickelt man zunehmend die Fähigkeit, die eigenen aggressiven oder starren Reaktionen zu erkennen. Daraufhin wird einem klar, dass man diese innere Härte mit mehr Freundlichkeit und Nachsicht begegnen muss. Die innere Haltung verändert sich auf natürliche Weise, und Meditation wird auf diese Weise zu einer Kunst. Es wird zu etwas, das man gelernt hat sowie zu einem natürlichen Vorgang, der im Bewusstsein verankert ist.

TV: Woher kam der innere Impuls oder die Intention, diesen ungewöhnlichen Meditationsansatz zu entwickeln?

Jason: Als ich anfing zu meditieren, fiel es mir sehr leicht, den Anweisungen zu folgen. Ich machte großartige Erfahrungen und nach einer gewissen Zeit gab ich bereits die mir beigebrachten Meditationspraktiken weiter. Deshalb beschloss ich, in Sri Lanka eine Ausbildung zum Meditationslehrer zu absolvieren. Dabei erkannte ich jedoch, dass zahlreiche Menschen, mit denen ich arbeitete und die ich unterrichtete, mit großen Herausforderungen aufgrund der Anweisungen zu kämpfen hatten. Die meisten Lehrer entgegneten den Herausforderungen in der Regel mit Sätzen wie:  »Mach einfach weiter mit der Übung. Setz dich länger hin, mach dies, mach das.«  Ich stellte aber fest, dass es einen anderen Weg gibt, und begann selbst eine offene Meditationspraxis zu üben. Infolgedessen begann ich, die Menschen zu ermutigen, offener zu sein, wertfrei ihre inneren Vorgänge zu beobachten, sich zu entspannen, freundlicher zu sich selbst zu sein und danach mit mir über ihre Erfahrungen zu sprechen. So begann ich, diesen Ansatz zu lehren.

TV: Im Vorgespräch hattest du mir erzählt, dass du dabei bist, eine KI-gestützte MeditatonsApp zu entwickeln? Zu welchem Zweck? Soll es eher von Schülern oder von Lehrern verwendet werden?

Jason: Richtig. Meiner Meinung nach ist es eine der besseren Anwendungsmöglichkeiten für die Künstliche Intelligenz. Aus mehreren Gründen begann ich, ein KI-Meditationsprogramm zu entwickeln.

Einerseits kann es von mir ausgebildete Meditationslehrer dabei unterstützen, das Tagebuchmaterial der Schüler und Schülerinnen zu verarbeiten. Denn es handelt sich um einen manchmal kaum zu bewältigenden Umfang. Wie zuvor erzählt, schreiben viele Praktizierende pro Sitzung drei oder vier Seiten, was nach sieben Sitzungen fast 30 Seiten sind. Wenn man mehrere Schüler begleitet, ist es schlichtweg zu viel. Die KI kann einen dabei unterstützen, Muster und innere Vorgänge zu erkennen, indem sie die Abfolge zeigt und einen Eindruck davon vermittelt, was während der Meditationssitzungen in der Person vor sich geht. Dies ist bereits mit einem KI-Programm, das man im Internet findet, möglich.

Auf der anderen Seite versuche ich nun seit mehreren Jahren ein Programm zu entwickeln, das auf den authentischen Erfahrungen von Menschen basiert. Doch was meine ich genau damit?

Die meisten Meditationsjournale, auf die im Internet und in Studien Bezug genommen wird, wurden innerhalb einer bestimmten Technik und noch wichtiger einer bestimmten Absicht erstellt, beispielweise um die Gültigkeit einer Meditationstechnik zu belegen oder um die »richtigen« Achtsamkeitsantworten oder die »richtigen« Mitgefühlsantworten zu geben. Ich halte diese Tagebücher für nicht authentisch, da die Schreiber hauptsächlich von ihrem entwickelten Mitgefühl oder ihrer Achtsamkeit berichten, anstatt ihre tatsächlichen Schwierigkeiten und wechselnden Geisteszustände zu thematisieren. Genau diese ehrlichen Einblicke werden aus vielen Meditationstagebüchern ausgeklammert. Das macht es den Forschern, mit denen ich zusammenarbeite, äußerst schwer, Authentisches von Idealen zu unterscheiden.

In den Tagebüchern der Menschen, die eine offene Meditationspraxis verfolgen, sind all diese Einblicke und Schwierigkeiten enthalten, und ich meine, dass eine Forschungsarbeit helfen würde, besser zu begreifen, was passiert, wenn Menschen in einer offenen Praxis meditieren.

Asiatisches Gemälde von Bergen und der Sonne

TV: Welche ist deiner Meinung nach eine Schwierigkeit oder Herausforderung der von dir vermittelten offenen Meditationspraxis?

Jason: Eine der großen Herausforderungen der offenen Meditationspraxis ist, dass sie sich grundlos anfühlt. Denn es gibt weder eine gewisse Form der Unterstützung noch eine Anleitung, auf die man zurückgreifen kann, noch ein Glaubenssystem, an das man sich halten kann. Man ist gänzlich auf sich allein gestellt. Alles, was den Menschen eine Grundlage liefert, ihnen eine Stütze für eine offene Meditationspraxis anbietet, die diese nicht unterbricht, nicht stört oder aus der Bahn wirft, ist meiner Meinung nach eine gute Entwicklung. Dass man jedoch keine Hilfsmittel erhält, war eine bewusste Entscheidung von mir.

Mein persönlicher Hintergrund ist der Buddhismus. Meine Sichtweise als Lehrer ist, dass ich den Menschen bei ihrer Meditationspraxis nicht helfen kann, wenn ich ihre christlichen, jüdischen, hinduistischen und mystischen Ansichten und alles andere, was in das Tagebuch aufgenommen wird, ignoriere. Wir versuchen also nicht, all diese Ansichten auszublenden und eine neue Sichtweise anzunehmen. Ich glaube nicht, dass das auf einer tieferen Ebene tatsächlich funktionieren würde. Es ist wertvoll nachzuvollziehen, wie die Menschen ihre Erfahrungen entsprechend ihrer religiösen oder philosophischen Überzeugungen einordnen.  Ich habe jedoch den Eindruck, dass viele Menschen Fragen in sich tragen, die über ihre religiösen und philosophischen Überzeugungen hinausgehen und eher die menschliche Natur grundsätzlich betreffen: Was hält mein Denken am Laufen? Was steckt hinter dem Denken und den Gefühlen, die ich erfahre? Um Antworten darauf zu finden, muss man in die Tiefe gehen.

Deshalb besteht ein Großteil meiner Lehre darin, Menschen dabei zu helfen, in ihren inneren Dialogen zu erkennen, was sie auf andere projizieren. Man kann sich dessen bewusster werden, indem man die inneren Gespräche zulässt und sie aufschreibt. Dann beginnt man zu erkennen: »Oh, das ist es, was ich in andere Personen hineinprojiziere«. Die inneren Gespräche sind reine Fantasie und sie dienen dazu, etwas auf andere zu projizieren. Diese Gespräche enthalten Informationen über andere Menschen aus dem Leben, über die Beziehungen, die man führt und wie man diese Person wahrnimmt. Das ist ein Grund, warum das Gespräch im Kopf weitergeht. Aus psychologischer Sicht ist es das Selbst, aber aus buddhistischer Sicht ist es eine Erforschung des bedingten Entstehens. Die verschiedenen Bedingungen, die in unserer Erfahrung entstehen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen, werden untersucht. Dabei denken wir es nicht linear, wie ein Block auf einem anderen, wie die meisten Menschen es tun. Sondern beleuchten die Komplexität der Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen unseres Selbst und den verschiedenen Teilen unserer Erfahrung.

TV: Du möchtest damit sagen, dass alle geistigen Phänomene, seien es Gefühle oder Gedanken, nicht losgelöst betrachtet, sondern in Abhängigkeit voneinander betrachtet werden müssen?

Jason: Genau. Etwas, was viele Meditierende erleben, ist das Bedürfnis, inakzeptable Gedanken zu zensieren. Anstatt zu sagen: »Oh, da ist ein Problem. Es hält mich davon ab, mit diesem Gedanken zu sein.« Nein, sie sind voneinander abhängig entstanden. Deshalb ist es wichtig, beide Seiten zu betrachten. Auf diese Weise wirst du viel mehr über dich selbst lernen und darüber, wie dein Geist funktioniert.

Andere wiederum werden sich bewusst, dass ihre Meditationspraxis sie gegenüber anderen Menschen nervös und angespannt werden lässt. Sie üben das Nicht-Urteilen, was jedoch dazu führt, dass sie vermehrt Urteile fällen. Paradox, oder? Doch anstatt sich mehr im Nicht-Urteilen zu üben, benötigt man einen Raum, in dem man ohne Anspannung mit seiner Erfahrung sein kann. Wenn die Meditationssitzung sich in diesen offenen Raum verwandelt, kann man wirklich kontemplieren und in sich hineinblicken. Diese Herangehensweise kann als innere Erforschung betrachtet werden.

TV: Ist das Wort »Verlernen« in diesem Kontext nicht ein wenig radikal? Denn es impliziert, dass man das, was man womöglich unter einer gewissen Anstrengung für längere Zeit gelernt und sich angeeignet hat, über Bord werfen muss. Lässt sich dein Meditationsansatz nicht auch mit anderen konventionellen Ansätzen verbinden?

Jason: Zunächst geht es bei der Idee des Verlernens nicht darum, dass man das, was man bereits gelernt, gänzlich über Bord wirft. Stattdessen geht es darum, das zu tun, was man bisher getan hat. Wenn man demnach Achtsamkeit praktiziert, dann soll man weiterhin Achtsamkeit praktizieren. Ergänzend dazu kann man die offene Meditation praktizieren, um herauszufinden, was man tun möchte und in welche Richtung es gehen soll. Während der Sitzung werden ganz natürlich die Gewohnheiten aus der Achtsamkeitspraxis zum Vorschein kommen, doch man hat nun die Freiheit, sich dafür zu entscheiden, sie auszuführen oder nicht, anstatt sich dazu gezwungen zu fühlen, seinem Atem zu folgen oder achtsam sein zu müssen. Dadurch gewinnt man die Möglichkeit, seine innere Stimme und Impulse zu reflektieren.

Im Verlauf wird man bemerken, welche die »richtige« Praxis für einen ist und wie sich diese auf einen während der Meditation auswirkt. Es ist wichtig, nicht sofort mit seiner ursprünglichen Praxis aufzuhören, sondern sie zuzulassen und zu beobachten, wohin es einen führt. 

Viele meiner Schülerinnen und Schüler berichteten, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Phase eintritt, in der man das Gefühl hat, dass es zu viel ist. Man denkt die ganze Zeit nach, ist unruhig und zappelig. Man fühlt sich verwirrt und zweifelt. Vielleicht schlägt man im Zuge dessen eines meiner Bücher auf und versucht, etwas zu finden, was einen beruhigt.  Ich rate ihnen jedoch dazu, ihren unruhigen Geist auszuhalten und zu beobachten, wie es ist, ununterbrochen nachzudenken oder seine Verwirrung und Zweifel gänzlich zuzulassen, oder weiterzumachen, obwohl man das Gefühl hat, dass es sinnlos ist. Hierfür kann man die innere Haltung einnehmen, dass man eine Meditation übt, die einem die völlige Freiheit gibt, zu zweifeln und verwirrt zu sein. Mit der Zeit wird man feststellen, dass je mehr man diese »schwierige« Erfahrungen toleriert, sich seine Einstellung zu Konflikten, Problemen oder Zweifel und Verwirrung auf natürliche und sanfte Weise verändern wird.  Man stellt fest, das alles in Ordnung ist. Falls es doch irgendwann zu viel ist, kann man seine Aufmerksamkeit immer auf seinen Körper lenken, der dort sitzt und nirgendwo hingeht.

Es ist empfehlenswert, den Geist dahin wandern zu lassen, wohin er will. Zunächst wird es nicht wie Meditation aussehen, doch damit legt man den Grundstein dafür, dass man sich allem, was während dieser Erfahrung auftritt, bewusst wird. Auch der Schlaf gehört dazu. Ich halte es für unproduktiv, sich während der Meditation zwanghaft wachzuhalten. Einzuschlafen ist kein Versagen. Aber ich würde jedem raten, sich daran zu erinnern, wie der Schlaf war. Manche Erfahrungen hält man für Schlaf, doch in Wirklichkeit handelt es sich um andere Bewusstseinszustände. Wenn man weiterhin regelmäßig praktiziert, wird man mehr über die jeweiligen Erfahrungen lernen.  Manche offenen Meditationspraktiken lehren, dass man die Gedanken zulassen soll, aber keinen Schlaf. Ich bin anderer Meinung. Wir dürfen uns erlauben, schläfrig zu sein oder den Geist abschweifen zu lassen. 

Der Punkt ist, dass die Erfahrungen von Ruhe und Frieden und wirklich tiefer Wachheit nicht erzwungen werden können, sie ergeben sich von selbst. Mit der Zeit findet der Geist seinen eigenen Weg zu diesen Zuständen. Auf diesem Weg gelangt der Geist zu mehr Gelassenheit gegenüber Erfahrungen. Der Zustand innerer Ruhe wird zunächst nur flüchtig sein, doch nach und nach wird man lernen, wie man ihn erreicht und aufrechterhält. Obwohl die offene Meditationspraxis technisch gesehen anspruchslos ist, stellt man im Laufe der Zeit fest, dass es ein Fundament gibt. Es gibt etwas, das den Praktizierenden stützt, und wenn man das gefunden hat, beginnt man intuitiv zu wissen, was man in der Meditation tun muss. Es gibt sehr viel mehr Menschen, die intuitiv meditieren, als man denkt. Wir glauben, dass Menschen, die wahrhaft meditieren, Bücher oder Apps und all das verwenden, aber viele Menschen folgen einfach dem, was ihr Geist ihnen vorgibt, in welche Richtung auch immer das geht. Denselben Ansatz verfolge ich ebenfalls.

TV: Dann würdest du sagen, dass die stille Meditation nicht die einzig »richtige« Art und Weise ist, zu meditieren, sondern dass auch malen und wandern Formen von Meditation sind?

Jason: Ja. Alles, was Konzentration erzeugt, ist Meditation, und Bewusstsein ist Meditation. Ja. Warum sollte man eine Definition einschränken? Ich meine, dass es keinen Sinn macht, es aufzutrennen. Der einzige wesentliche Unterschied besteht darin, dass man, wenn man stillsitzt, man sich nicht bewegt, nichts sagen oder tun muss. Auf diese Weise kann eine andere Beziehung zu seinen Gedanken und Gefühlen, insgesamt zu seiner inneren Welt entstehen. Dadurch kann es zu tiefgreifenden Veränderungen kommen, die in tiefere Samadhi-Zustände führen können. Wenn man hingegen weiterhin sinnlich tätig ist, ist es deutlich schwerer, in die Zustände zu gelangen, wobei es manchen Menschen trotzdem gelingt.

TV: Lieber Jason, vielen Dank für dieses wirklich erhellende Gespräch. Ich hoffe, dass viele Menschen mit deinem Ansatz in Kontakt kommen, damit wir mehr Frieden in uns selbst und hoffentlich auch in der Außenwelt schaffen können.

Das Interview führte Alice Deubzer.

Zum Autor

Portrait von Jason Siff

Jason Siff war zwischen 1987 und 1990 buddhistischer Mönch in Sri Lanka und entwickelte dort seine eigene Form der Vipassana-Meditation, die später als »Recollective Awareness Meditation« bezeichnet wurde. 1992 erwarb er einen Master-Abschluss in Counseling Psychology. 1996 gründete er das Skillful Meditation Project, schrieb sein erstes Meditationshandbuch und begann, Meditation in größerem Umfang zu unterrichten. 2010 veröffentlichte Shambhala Publications sein erstes Sachbuch über Meditation, „Unlearning Meditation“, gefolgt von „Thoughts Are Not the Enemy“ (2014).

Bildnachweis: © Adobe Stock, Jason Siff

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