Bild von Bischof Anba Damian

Bischof Anba Damian – Das Vertrauen in die Stille

Eine Waschanlage für die Seele und der Glaube eines Kindes

Die koptische Kirche ehrt ihr Erbe der Wüstenväter und pflegt eine monastische Tradition, die ein Grundstein europäischer Spiritualität ist und in unserer Zeit wieder neu erblüht. Wir sprachen mit Bischof Anba Damian, der in Deutschland die koptische Gemeinde betreut, über die Fähigkeit zu schweigen, über biblische Psychotherapie, die Gefahr spirituellen Hochmuts und ebenso über die Situation der Kopten im heutigen Ägypten.

Tattva Viveka: Lieber Bischof Damian, ich möchte unser Gespräch mit einem Gebet der koptischen Kirche beginnen: »Schenke mir die Gnade der Frömmigkeit, der Stille und Ruhe, und echte Demut in allem, damit ich mit allen Menschen in Sanftmut und Freundlichkeit lebe und wir gegenseitig vor unseren Augen Gnade finden.« Stille und Ruhe scheinen hier zentrale Themen zu sein – welchen Stellenwert haben diese Qualitäten im koptischen Glauben?

Bischof Damian: Die Stille ist eine sehr wichtige Praxis, mit der wir täglich in Berührung kommen sollten. Der koptische Papst Schenuda III. sagte einmal, dass, wenn wir den Mund schließen, unser Herz spräche. Und wenn auch das Herz Ruhe gäbe, Gott das Wort ergreifen würde. Es sollte im Leben ab und an Zeiten der Stille geben, damit wir die Stimme Gottes erfahren können.

Diese Wertschätzung der Stille ist auch der Grund, warum in der koptischen Malerei Maria, die Mutter Gottes, mit einem sehr kleinen Mund dargestellt wird. Das hat nichts damit zu tun, dass Frauen weniger sprechen sollen, sondern mit der Gnade, die Maria erfüllte. Sie hat nicht viel gesprochen, sie hat kaum Predigten oder Schriften hinterlassen. In ihrer inneren Stille hatte die Gnade Raum, sich zu entfalten. Sie hat viel gesehen, viel in ihr Herz aufgenommen, aber wenig gesprochen. Das wird auch koptischen Kindern immer wieder erzählt, und man weist sie darauf hin, dass sie zwei Ohren, aber nur einen Mund haben – dass das Zuhören also wichtiger sei als das Sprechen.

»Es sollte im Leben ab und an Zeiten der Stille geben, damit wir die Stimme Gottes erfahren können.«

So ist die Stille für alle Kopten eine wichtige Praxis, die uns auch die Zeit schenkt, gut zu überlegen, was wir wirklich sagen wollen, welche Konsequenzen unsere Worte hätten und welche Auswirkung auf unsere Zuhörer. Ist das, was wir sagen möchten, konstruktiv? Ist es gut und heilsam? Achtet es den Gesprächspartner?

Bild von Bischof Damian vor einer koptischen Kirche

TV: Ist Stille im koptischen Glauben eine Voraussetzung für Metanoia, also für die Umkehr zu einem anderen Leben?

Bischof Damian: Ich würde sagen, die Stille ist Teil eines gesamten Tugendpakets. Sie gehört zu unserem Weg dazu. Neben den stillen Zeiten in unserer Liturgie ist es auch üblich, dass wir in den Klöstern – meistens in der Abendstunde – einen meditativen Spaziergang machen. Dann spüren wir der Stille im Herzen nach, genießen die Natur, die Gott geschaffen hat. Dieser Spaziergang findet immer alleine statt, also nicht zusammen mit einem Mitbruder oder einer Mitschwester.

Ich nenne diese Zeit meine Seelenwaschanlage. Ich gehe gern in den Wald – und nach einer Zeit der Stille beginne ich, die Psalmen zu beten, was dann irgendwann in ein Gespräch mit Gott mündet. Manchmal rede ich auf Deutsch mit ihm, manchmal auf Arabisch, mal laut und mal leise. In diesen Momenten spüre ich seine Gegenwart, und wenn ich ins Kloster zurückkomme, fühle ich mich erleichtert und wie gereinigt. Die Sorgen des Tages werden verarbeitet, und ich komme mit neuer Energie und Tatkraft wieder zurück. Manchmal ist dafür auch gar kein persönliches Wort nötig, und ich erlebe den gleichen Effekt, wenn ich einzig und allein die Psalmen bete.

TV: In manchen christlichen Gemeinschaften meditiert man ein Gebetswort – ähnlich wie bei einem Mantra. Die Menschen werden dabei von diesem einen Wort nach und nach in die Stille geführt. Ist das für Sie mit den Psalmen vergleichbar?

Bischof Damian: Wir Kopten sagen, dass die Psalmen für den Mönch wie Waffen sind. Sie schützen uns, verteidigen uns, führen zur Reinigung des Geistes. Sie zu lesen führt zur Reinigung der Augen, sie zu sprechen führt zur Reinigung des Mundes, sie zu hören zur Reinigung des Gehörs, und insgesamt klären sie unseren Geist, halten die weltlichen Angelegenheiten von uns fern. Für mich sind sie wie ein Schild, hinter dem ich die Stille erlebe und zu mir selbst finde.

Ein mönchisches Leben ohne Psalmen gibt es nicht. Jeder Mönch muss die Psalmen nach Möglichkeit auswendig lernen und sie sehr oft beten. Es gibt für jeden Mönch ein individuelles Lernschema, das mit dem Beichtvater besprochen wird. In unseren Gottesdiensten singen wir Hymnen, in denen die Psalmen eine entscheidende Rolle spielen. Manche der Hymnen bestehen nur aus Psalmen.

TV: Gibt es wie in Benediktinerklöstern eine bestimmte Abfolge der Psalmen, die über das Jahr hinweg gebetet werden?

Bischof Damian: Bei uns ist es so, dass wir jeden Tag alle Psalmen rezitieren. Wir beten sieben Mal am Tag und rezitieren bei jedem Gebet mindestens zwölf Psalmen, meist aber mehr. So lernen die Mönche im Laufe der Zeit die Psalmen auswendig, sodass sie diese später, wenn sie alt oder auch blind werden, dennoch beten können, ohne sie nachlesen zu müssen.

Koptisches Gemälde von einem Prediger

TV: Sie haben gerade von ihren Gesprächen mit Gott im Wald gesprochen und auch von ihrer Seelenwaschanlage. Der Evangelist Markus, den die koptische Kirche als ihren Gründervater ansieht, sagt, dass Gott jedes unserer Gebete hört. Aber hört Gott auch die Gebete, die wir nicht in Worte fassen können?

Bischof Damian: Ja, ich denke, dass Gott genau weiß, wie es uns geht. Er ist der Schöpfer, er ist der Vater. Und er ist auch unsere Reparaturwerkstatt. Er ist derjenige, der die Wartung vornehmen kann.

»Eine Kirche ohne Kinder, eine Kirche ohne Jugend ist eine Kirche ohne Zukunft.«

Er weiß, wie es uns geht, ganz gleich, ob wir das aussprechen oder nicht. Er hört auf unsere ausgesprochenen Gebete und ebenso auf die, die wir nur im Herzen tragen. Und zum Glück macht er das aus unseren Gebeten, was gut für uns ist. Wir möchten vielleicht dieses oder jenes, aber Gott gibt uns das, was uns wachsen lässt und was gut für unsere Seele ist. Wenn Gott alle unsere Wünsche realisieren würde, weiß ich nicht, wie schlimm es um die Erde in 20 oder 30 Jahren bestellt wäre. Daher können wir beten, wir können träumen und uns Dinge wünschen, aber wir sollten immer eine wichtige Zeile im Auge behalten: »Dein Wille geschehe!« Ich zumindest danke Gott von Herzen, dass er nicht alles umsetzt, was ich mir so wünsche.

TV: Ist es nicht auch genau das, was Maria tut und was sie auszeichnet? Diese Hingabe, Ja zu Gottes Willen zu sagen und geschehen zu lassen, was geschehen soll?

Bischof Damian: Ja, es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass Gott uns versteht, dass er gegenwärtig ist, dass er empfindsam ist, dass er nicht fern, sondern uns nah ist. Ich brauche ihn nicht zu suchen, denn er sucht mich. Ich muss mich nicht mühevoll auf seinen Weg begeben, denn er ist der Weg, und er sucht mich. Mit dieser Überzeugung zu leben, bedeutet eine große Entlastung. Ich spüre einfach, dass der Vater sich um mich kümmert.

TV: Ich würde gerne mit Ihnen über die ägyptischen Wüstenväter sprechen, die der Grundstein des Mönchstums sind, was die koptische Kirche wiederum zu einem zentralen religiösen Baustein Europas macht.

Es gibt eine Linie, die von Abbas Antonius über Johannes Cassian zu Benedikt von Nursia reicht, während die Mönchsregel von Pachomius als Basis aller europäischen Mönchsregeln betrachtet werden kann. Wie stark ist das Erbe der Wüstenväter heute noch in der koptischen Tradition verankert?

Bischof Damian: Ich denke, das monastische Leben ist die Lunge der koptischen Kirche. Das ist unsere Spiritualität, das ist die Quelle unserer Kraft. Jeder Mönch ist in seinem Kloster wie ein Fisch im Wasser. Außerhalb kann er nicht lange überleben, er ist angewiesen auf das Wasser. Aber wenn er in seinem Kloster ist, ist er in seinem Element, was die Gläubigen auch spüren und woraus sie ebenfalls Kraft beziehen. Man könnte sagen, dass das monastische Leben die Kernzelle des koptischen Glaubens ist.

»Ein mönchisches Leben ohne Psalmen gibt es nicht.«

Wir sind die mit Abstand älteste Kirche der Welt, da Christus als kleines Kind auf seiner Flucht nach Ägypten auf einem Stein in der Wüste geschlafen hat, der dadurch zum ersten christlichen Altar der Welt wurde. In Jesaja 19, 19 wurde dieser Altar in der Mitte Ägyptens vorhergesagt, und darum herum ist im Laufe der Zeit eine Kirche und ein Kloster entstanden. Das ägyptische Christentum war von Anfang an monastisch geprägt, war von den Wüstenvätern geprägt. Das hat sich bis heute erhalten.

Im monastischen Leben ist die Kraft des Gebetes spürbar, die Konzentration des Lebens auf das Gebet und die Nähe Gottes. Das ist das Wichtigste, was eine Kirche vermitteln kann. Denn die Kirche ist ein Ort des Gebets und der Reinheit, ein Ort des Segens. Das Gebet führt zur Reinheit, und die Reinheit führt zum Segen. Das ist das, was die Gläubigen bei uns suchen. Daher bildet das Monastische immer noch den Kern des koptischen Glaubens.

Koptisches Gemälde von der heiligen Familie in Ägypten

TV: Und das ist nach wie vor auch für die Laien in Ihrer Kirche wichtig?

Bischof Damian: Ja, sie kommen mit ihren Familien in die Klöster, um spirituelle Kraft zu tanken, um zu meditieren und zu beten. Viele bleiben auch ein paar Tage, nehmen an den Gebeten und Gottesdiensten der Mönche teil und bringen das ihren Kindern näher. Die Klöster sind wichtige Zentren für die koptischen Gläubigen. Orte, wo sie die Tiefe ihres Glaubens erfahren können.

TV: Ist der normale Alltag der Gläubigen ebenfalls monastisch geprägt? Gibt es eine Tradition der Stundengebete oder des Psalmen-Rezitierens für Laien?

Bischof Damian: Wo wir mit Menschen zu tun haben, menschelt es überall, daher nehmen sich die einen viel Zeit für ihren Glauben und die anderen weniger. Die Prioritäten sind sehr unterschiedlich. Man kann sagen, dass die Kopten ihren Glauben recht ernst nehmen, da die christliche Erziehung ein Schwerpunkt ist. Das schlägt sich in der Einstellung und im Verhalten der Menschen nieder. In der koptischen Kirche wird großer Wert auf die Kinder gelegt sowie auf die Kinder- und Jugendarbeit. Sie sind die kleinen Pflanzen, die in die Gemeinschaft gepflanzt werden und dort auch meist bleiben. Eine Kirche ohne Kinder, eine Kirche ohne Jugend ist eine Kirche ohne Zukunft. Unsere Gottesdienste sind deshalb manchmal unruhig, Kinder laufen umher oder schreien, aber das gehört zu einer lebendigen Gemeinde dazu.

TV: Demzufolge ist die Kirche auch eine starke Institution für die eigene Identität?

Bischof Damian: Ja, wir heißen die Kinder willkommen und lassen sie nicht bis zum 14. oder 15. Lebensjahr allein, um ihnen dann zu sagen, sie sollen nun ihren Weg wählen. Wir bieten ihnen von Anfang an einen Weg, geben ihnen unser kulturelles und spirituelles Erbe mit, sodass die Kinder einen Anker haben, eine Heimat. Die Kirche bildet den Mittelpunkt des Familienlebens, sowohl in Ägypten als auch im Exil, zum Beispiel hier in Deutschland. Wenn ägyptische Menschen ins Ausland ziehen, halten sie Ausschau nach einer koptischen Gemeinde oder einer Kirche und suchen sich daraufhin eine Wohnung oder ein Haus in der Nähe der Kirche.

TV: Haben die Wüstenväter Anteil an dieser Identität?

Bischof Damian: Die Klugheit der Wüstenväter gehört unbedingt dazu. Sie waren weise und haben jeden Menschen individuell behandelt. So wie wir es auch tun oder anstreben. Sie kannten die unterschiedlichen Eigenschaften der Menschen und haben sie auf allen Lebensstufen so begleitet, wie es angemessen war. Selbst Verbrecher haben sie zu frommen Menschen gemacht.

»Man könnte sagen, dass das monastische Leben die Kernzelle des koptischen Glaubens ist.«

Das ist die große Kunst. Einen frommen Menschen zu begleiten, ist leicht, aber aus einem Räuber, einem Ehebrecher, einem aggressiven Menschen einen Frommen zu machen, das ist schwierig. Aber die Wüstenväter waren sehr gute Pädagogen und holten Menschen, die von der Gesellschaft verstoßen waren, wieder in die Gemeinschaft zurück und verwandelten sie in Heilige. Sie begleiteten alle so, wie sanfte Ärzte es tun würden, welche genau die Dosierung und den Zeitpunkt der Einnahme der Medizin kennen. So waren sie in der Lage, jede Menschenseele zu retten.

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TV: Sozusagen eine Form der Psychotherapie, die auf spirituelle Führung und letztlich auf väterlicher Liebe aufbaut.

Bischof Damian: Ja, die Liebe wurde großgeschrieben, ebenso Demut und Bescheidenheit. Die väterliche Liebe stand jedoch im Vordergrund – ein Weg der Erziehung durch das eigene Vorbild und durch kluges Abwägen. So haben sie zum Beispiel auch niemanden einfach als Einsiedler leben lassen, obwohl viele den Wunsch dazu verspürten. Die Wüstenväter brachten die Menschen erst einmal dazu, den Umgang miteinander zu lernen und in der Gemeinschaft zu leben, bevor sie sie stufenweise auf die Einsamkeit vorbereitet haben. Die spirituelle Entwicklung stand immer im Mittelpunkt. Wer gelernt hatte, in Harmonie in der Gemeinschaft zu leben, wer älteren Menschen selbstlos dienen konnte, wer Reife im Umgang mit anderen zeigte, der durfte dann für einen Tag in der Woche in die Einsiedelei. Später dann zwei Tage in der Woche und so weiter.

Dort begegnet man weiteren Herausforderungen: Der Einsamkeit, der Stille, der Trennung von anderen Menschen. Man bekam selbst sein Essen ohne Kontakt zu anderen Menschen, wenn es einfach nur durch einen Schlitz in der Höhle oder der Hütte hindurchgeschoben wurde. In der Abgeschiedenheit geistig gesund zu bleiben und sich nicht von den Gedanken an die Vergangenheit bestimmen zu lassen, war und ist ein schwieriger Weg. Erst wer reif genug war, durfte sich von allem trennen, um sich ganz an den Einen zu binden.

TV: Aber es ist ein wichtiger Prozess, oder? Wenn ich mich richtig erinnere, hatte Abbas Moses gesagt: »Geh in dein Kellion, und dein Kellion wird dich alles lehren!«

Bischof Damian: Genau. Das wird im Grunde heute noch so praktiziert. Es ist ein Phänomen, in eine dieser Mönchszellen zu gehen, in der es keinerlei Komfort gibt, aber dort die ganze Welt zu finden.

Ich durfte eines Tages die Zelle von Abbas Antonius am Roten Meer besuchen. Man kann sie nur mit großer Mühe durch einen sehr schmalen Durchgang betreten und findet dahinter einen winzigen Raum mit einem Altar, der etwa 40 mal 40 Zentimeter groß ist. Mit ein paar Mitbrüdern habe ich dort morgens um drei einen Gottesdienst gefeiert, der mit zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens gehört. Man hat dort nichts und zugleich hat man alles.

Diese Erfahrung wollten damals viele machen, und auch heute übt diese Art des spirituellen Lebens noch eine große Anziehungskraft aus. Aber es ist ein Prozess, auf den man sich nicht leichtfertig einlassen darf. Sonst besteht die Gefahr, dass man aus der Höhe der Erfahrung abstürzt.

»In der Abgeschiedenheit geistig gesund zu bleiben und sich nicht von den Gedanken an die Vergangenheit bestimmen zu lassen, war und ist ein schwieriger Weg.«

TV: Meinen Sie im Sinne von spirituellem Hochmut? Dass man aufgrund seiner meditativen Erfahrung denkt, man sei jetzt besser als alle anderen?

Bischof Damian: Ja, es kann passieren, dass dieser Weg, wenn man ihn zu früh geht, nicht zu Demut, sondern zu Stolz führt. Man meint dann, man könne alle anderen analysieren, weil man eine gewisse Zeit mit sich selbst verbracht hat. Doch ein wirklich frommer Mensch wird nicht auf die Idee kommen, andere zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Die Tugend des Einsiedlers zeigt sich in einer freundlichen Begrüßung des Fremden, in seiner Gastfreundschaft. Und wenn man ihn wieder verlässt, dann nimmt man eine große Portion Zufriedenheit mit sich. Man lernt von der Persönlichkeit des Mönchs und von seiner inneren Stille.

Ein Wüstenvater wurde einmal von einem Besucher gefragt, ob er ein Wort der Weisheit sagen könne. Und der Wüstenvater antwortete: »Nein, denn wenn du von meiner Stille nicht lernen kannst, wirst du auch von meiner besten Predigt nichts lernen können.« Das ist sehr schön und weise, finde ich.

TV: Die Klöster des heiligen Makarius und des heiligen Antonius wurden seit den 1950er-Jahren wiederbelebt, wofür Matta El-Meskeen und auch Abuna Yustus viel getan haben. Wie sieht die Situation der Klöster heute aus?

Bischof Damian: Sowohl in Ägypten als auch außerhalb blüht das Klosterleben auf. Alte Klöster werden revitalisiert und es entstehen ebenso neue Gründungen. Mönche bauen neue Klöster in den USA und in Europa, Nonnen errichten Siedlungen in der Wüste Ägyptens oder auch am Meer. In Irland, Deutschland und Österreich entstehen ebenso neue Klöster. Ich denke, das ist ein Indiz dafür, dass die Spiritualität der koptischen Kirche sehr stark ist und dass die Samenkörner der Liebe, die wir gesät haben, jetzt langsam Früchte tragen.

Die verschiedensten Menschen treten heute in die Klöster ein. Zur Zeit von Matta El-Meskeen waren es hauptsächlich Akademiker, die das Klosterleben geprägt haben. Heute sind es auch Handwerker und andere Berufsgruppen, die einen neuen Weg suchen.

Bild von Bischof Damian beim lesen

Ansonsten ist die Situation in Ägypten für die Kopten immer recht angespannt gewesen. Der frühere Präsident Mursi war Mitglied der Muslimbruderschaft, was immer wieder zu Problemen führte, doch durch den jetzigen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi erfahren wir einigermaßen Ruhe. Aber mein Traum wäre, dass wir durch die Verfassung als gleichberechtigte Bürger angesehen werden und nicht der Gnade des Präsidenten bedürfen. Der Präsident ist sterblich, aber das Gesetz ist dauerhaft.

Man muss dem jetzigen Präsidenten zugutehalten, dass sich Anschläge auf Kirchen verringert haben. Wir leben mit den Muslimen zusammen, und wo die Sheiks milde Predigten halten, funktioniert das sehr gut. Wo die Sheiks allerdings extremistische Lehren vermitteln, kommen die Menschen voller Wut aus der Moschee und gehen dann auf uns Kopten los. Was immer gepredigt wird, spüren wir. Doch die koptische Kirche war schon immer eine Kirche der Märtyrer, und auf gewisse Weise gibt uns das auch Kraft.

TV: Wie bewahren Sie persönlich Ihren inneren Frieden, wenn Sie die Situation in Ägypten betrachten, aber auch insgesamt den Zustand der Welt?

Bischof Damian: Mein Christus, mein Gott ist die Quelle des Friedens. Er ist der Fürst des Friedens, der König des Friedens. Und weil ich sein Kind bin, erfahre ich seinen Frieden, den ich auch immer wieder in der Liturgie entdecke. Bei jedem Gottesdienst spreche ich das Wort »Frieden« über 50 Mal aus! Weil diese Quelle des Friedens mich ständig umgibt, habe ich keine Angst.

Gestern habe ich einen jungen Mann aus Ghana und seine deutsche Frau getauft. Sie kamen in Begleitung von vier weiteren Freunden, und so waren wir insgesamt sieben Menschen mit sieben verschiedenen Nationalitäten. Jeder von uns hatte andere Gesichtszüge, eine andere Hautfarbe, eine andere Ausbildung, einen anderen Hintergrund. Aber uns verband die göttliche Liebe und wir fanden gemeinsam Frieden im Haus Gottes, in der Liturgie und in den Sakramenten. Solche Augenblicke machen mich glücklich und schenken mir Hoffnung.

TV: In Ihnen scheint eine sehr große Gewissheit vorhanden zu sein und ein sehr großes Vertrauen.

Bischof Damian: Mit den Erfahrungen, die ich in 31 Dienstjahren gemacht habe, und die von der Güte Gottes zeugen, könnte ich mehrere Bücher füllen. All diese Erlebnisse haben mein Vertrauen gestärkt und eine Geschichte würde ich gern erzählen.

Wir sind 1995 in dieses alte Kloster in Brenkhausen gezogen, und es war nahezu abbruchreif. Überall lag Müll herum, alte Matratzen, leere Weinflaschen, Bierdosen, tote Tiere. Die Räume waren eiskalt, dunkel, feucht, muffig, es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Kanalisation, kein Gas, keine Heizung.

In dieser Situation rief eine Nonne an, Schwester Christophera, und kündigte ihren Besuch mit mehreren ihrer Mitschwestern zur Kaffeezeit an. Ich sagte, dass ich mich freuen würde, und bevor ich weiter auf ihren Vorschlag eingehen konnte, hatte sie sich schon verabschiedet und aufgelegt. Wie sollte ich auf die Schnelle insgesamt 17 Menschen verköstigen und unterbringen?

Saib, mein dienstältester Mitarbeiter und ich suchten Sitzgelegenheiten zusammen, liehen uns Plastikstühle von Nachbarn, alte Sessel und so weiter. Als wir das zusammenhatten, fegten wir, dann suchten wir Teller, Tassen und Geschirr. Alles bunt zusammengewürfelt, doch wir bekamen es hin. Selbst Kaffee konnten wir in ausreichender Menge kochen. Doch Kuchen hatten wir keinen. Der Bäcker im Ort hatte zu, und wir hatten kein Auto, um irgendwo anders hinzufahren. Vor allem aber hatten wir gar kein Geld, um überhaupt Kuchen zu kaufen.

»Doch ein wirklich frommer Mensch wird nicht auf die Ideekommen, andere zu beurteilen oder gar zu verurteilen.«

Ich war wirklich verzweifelt. Doch plötzlich klopfte es an der Klostertür und die wunderbare Besitzerin einer nahegelegenen Pension kam herein. Sie hatten eine Beerdigung ausgerichtet und da war so viel Kuchen übrig geblieben … Ob wir vielleicht Verwendung hätten? Ganz ehrlich, ich brach in Tränen aus. Und dann brachte sie drei Bleche voller Kuchen, und wir alle wurden satt und verbrachten einen wirklich schönen Nachmittag.  Solche Geschichten sind immer und immer wieder passiert. Und ich weiß einfach, dass ich nicht allein bin, sondern dass Gott bei mir ist.

TV: Viele Menschen finden heutzutage nicht mehr zu solchem Vertrauen.

Bischof Damian: Ich bin in dieser Hinsicht wie ein Kind. Ein kleines Kind, das sich im Schoß seiner Mutter wohlfühlt. Ich fühle mich wohl in der Wärme und im Schutz von etwas Größerem. Ich verlasse mich auf diesen Schutz, ich verlasse mich auf dieses Gute, das mich umgibt. Und ich kann nur daran glauben. Wenn ich die Kommunion feiere, kann ich den Heiligen Geist nicht sehen. Aber ich weiß, dass er gegenwärtig ist. Und das trägt mich.

Das Interview führte Dirk Grosser.

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Portrait von Bischof Anba Damian

Bischof Anba Damian ist in Kairo geboren und aufgewachsen, hat dort Medizin studiert und entschied sich 1991 für ein Leben als Mönch der Koptischen Kirche. Seit 1992 lebt er als Seelsorger in Deutschland, wo er ein Jahr später das Kloster Brenkhausen übernahm und 1995 zum Bischof geweiht wurde. Er ist Ansprechpartner für etwa 6.000 Kopten in Deutschland.

Webseite: koptisches-kloster-brenkhausen.de

Bildnachweis: © Adobe Stock, Bischof Anba Damian

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