Eine bewusstseinswissenschaftliche Perspektive
Einleitung
Seit Jahrtausenden praktizieren Menschen mentale Techniken, die als unterschiedliche Meditationsformen zentrale Elemente vieler Religionen geworden sind. Seit dem 20. Jahrhundert wird Meditation auch in der westlichen, säkularen Welt praktiziert und wissenschaftlich erforscht. Durch Meditation können Bewusstseinszustände erfahrbar werden, die Menschen als wach, klar, leicht und friedvoll bezeichnen. Darüber hinaus wird der innere Bewusstseinsraum als groß, weit und frei erlebt. Doch wie kommt es zu diesem oder ähnlichem Erleben, das manche als höhere Bewusstseinszustände beschreiben?
Auf der Suche nach solchen höheren Bewusstseinszuständen bei erfahrenen Meditierenden gerät man leicht zur Annahme, dass sich die Klarheit des Erlebens, der Friede und die Achtsamkeit in einer besonders detaillierten, angeregten und verbundenen Verarbeitung im Gehirn zeigen müssten. Zahlreiche Studien konnten solche Aktivierungen belegen, obwohl andere wiederum widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Ein Paradebeispiel für die Widersprüchlichkeit von Studienergebnissen zur Gehirnaktivität während der Meditation zeigt eine Metaanalyse von Cahn & Polich aus dem Jahr 2006, in der die vielfältigen Ergebnisse zahlreicher Studien gegenübergestellt wurden. Was wir daraus gelernt haben, ist, dass Meditation weder ein einheitliches Konzept noch eine bestimmte Praxis und auch keinen definierten Zustand benennt. Aus diesem Grund muss man genau erfassen können, welche die Form oder Absicht der jeweiligen Meditation ist.
»Durch Meditation können Bewusstseinszustände erfahrbar werden, die Menschen als wach, klar, leicht und friedvoll bezeichnen.«
Infolgedessen unterschied man die fokussierte Aufmerksamkeit (focused attention), das offene Gewahrsein (open monitoring) sowie die Mitgefühlsmeditation (loving kindness) als unterschiedliche meditative Zustände. Da häufig jedoch selbst in bestimmten Traditionen oder Meditationspraktiken nicht klar ist, welche dieser Zustände die Meditierenden anstreben oder durchwandern, habe ich mich dafür entschieden, erfahrene Meditierende aus unterschiedlichen Traditionen und Praktiken in meine Forschung einzubeziehen.
Um eine Einheitlichkeit herzustellen, beschloss ich zudem, den Meditierenden neben ihrer gewohnten Meditationspraxis noch weitere definierte Aufgaben zu stellen, welche die Unterschiedlichkeit bestimmter meditativer Zustände sichtbar machen sollten. Dazu wurden die elektrischen Gehirnsignale als EEG (Elektroenzephalogramm) über 64 Elektroden am Kopf der Meditierenden während des Meditierens gemessen und analysiert. Hinzu kamen noch weitere physiologische Signale wie Herzratenvariabilität, Atmung und die Hautleitfähigkeit. Da das Messsystem portabel genug war, bin ich damit auf Reisen gegangen und habe Meditierende in England, Japan, Indien, Deutschland und der Schweiz in ihren Klöstern oder ihrem Zuhause besucht, um die Messungen in ihrer gewohnten Umgebung durchzuführen. Bevor ich die Ergebnisse präsentiere, möchte ich zuerst auf wesentliche Gemeinsamkeiten meditativer Praxis eingehen.
Meditation und die Kunst des Nicht-Tuns
Die genannten Effekte der Bewusstseinsveränderung bei Meditation lassen sich bereits aus der häufig grundlegend übereinstimmenden Praxis ableiten, und diese lassen sich auch ohne gehirnphysiologische Messung einsichtig erklären. Die meisten Arten der Meditation beinhalten folgende Elemente:
Sitzen in Stille: Das stille Sitzen in einer einfachen, sicheren Umgebung führt uns zunächst in eine körperliche Ruhe, in welcher der Körper seinen Energieumsatz minimiert und von einem ergotropen, energieverbrauchenden Zustand in einen trophotropen, ausgewogenen Zustand gelangen kann. Da ein großer Teil der Energie im Gehirn verbraucht wird, braucht es auch hier eine Minimierung geistiger Aktivität. Bereits das stille Sitzen wirkt sich auf die drei Aufmerksamkeitssysteme im Gehirn aus: Die meist schlichte und ruhige Umgebung bietet wenige neue Impulse, weshalb sich das Orientierungssystem beruhigt, da man sich kaum an veränderliche Umgebungsbedingungen anpassen muss. Die vertraute Umgebung führt zu einer reduzierten Reiz-Reaktionsbereitschaft, denn es braucht keinerlei körperliche Reaktion auf das, was geschieht. Somit verlagert sich die Aufgabe des Aktivierungssystems, welches in Wachheit und Reaktionsbereitschaft aktiv ist, dahingehend, dass es auf die Reaktionsbereitschaft verzichten kann. Ohne Ablenkung kann sich die Wachheit auf das Wahrnehmen dieses Moments, das Hier und Jetzt, ganz einlassen und darauf fokussieren. Und schließlich kann auf das exekutive Aufmerksamkeitssystem im Gehirn verzichtet werden, da es keinerlei Kontrolle über die Umwelt ausüben muss.
»Meditation ist waches Bewusstsein im Verzicht auf komplexe kognitive Verarbeitungsprozesse.«
Achtsame Präsenz: Im stillen Verweilen ist die Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Umgebung sowie die Körperwahrnehmung (Interozeption) und/oder auf das reine Sein gerichtet. Wesentlich dabei ist, dass lediglich die unmittelbare Wahrnehmung von Bedeutung und im Bewusstsein präsent ist. Auch das führt zu einer verminderten kognitiven Verarbeitung. Gedankliche Abschweifungen hingegen aktivieren das sogenannte Default Mode Network (DMN). Dieses Netzwerk im Gehirn verarbeitet die üblichen Aufmerksamkeitsinhalte der Umgebungsreize sowie Alltagsgedanken, also alles das, was wir normalerweise tun, wenn wir nichts tun, aber eben auch nicht meditieren. So führt dieses DMN zu einer oft unnötig hohen und komplexen kognitiven Auslastung im Gehirn. Präsenz ist auch Gegenwärtigkeit, weshalb auf die mentale Konstruktion von Zeitlichem im Sinne von Erinnerungen an Vergangenes oder zukünftige Pläne verzichtet werden darf. Gerade während gedanklicher Abschweifungen wandern wir durch Vergangenheit und Zukunft, wodurch der/die Meditierende aus dem Augenblick quasi herausfällt und ihn verpasst. Um der vergleichsweise langweiligen Gegenwart ihre Wertschätzung und Würdigung in Achtsamkeit entgegenzubringen, braucht es quasi den Verzicht des sensationshungrigen Geistes auf die selbstproduzierten üblichen Gedankenreize. Achtsame Präsenz ist also auch eine Übung des Nicht-Tuns.
Nicht-wertende Aufmerksamkeit: Bewertungen erzeugen oft Gedankenprozesse, welche die Wahrnehmung erweitern und meist eine länger anhaltende Assoziationskette von Gedankengängen zur Folge haben. Die komplexe Kognition zieht die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch die Präsenz im Hier und Jetzt überlagert wird. Darüber hinaus werden über den Gegenstand der Wahrnehmung Deutungen und Illusionen geschaffen, welche den Gegenstand mit der Bewertung gleichsetzen oder sogar ersetzen. In Folge wird dieser nicht mehr in seinem reinen Sein wahrgenommen. Eindrückliche Beispiele dafür sind Feindbilder, die auf Personen oder Gegebenheiten projiziert werden, aufgrund derer der Mensch oder eine Sache in ihrem Sein nicht mehr wahrgenommen wird. Erst wenn die Wertung und Einordnung zurückgenommen werden, können wieder die vielen weiteren Facetten eines Menschen oder der Gegebenheit zum Vorschein kommen. Hier ist weniger oft mehr, denn erst wenn wir in der Lage sind, unsere Meinungen und Bilder von etwas zu lösen, öffnet sich der Reichtum an möglichen Sichtweisen, die jedoch nicht alle übernommen werden brauchen. Gelingt dies, dann sind wir frei und offen in der Wahrnehmung. Nicht-wertende Aufmerksamkeit bedingt daher, den gegenwärtigen Moment bewusst und ohne Urteil, ohne Wertung wahrzunehmen und anzunehmen
»Was es braucht, ist eine Art Alltagsspiritualität, die es uns ermöglicht, das Leben atmen zu können.«
Diese Regeln, die insbesondere in der Achtsamkeitsmeditation praktiziert werden, führen also zu einer reduzierten Verarbeitung bei gleichzeitiger Wachheit und hohem Gewahrsein. Auf faszinierende Weise ermöglicht dies einen Zustand des inneren Friedens, der stillen Freude, der liebenden Verbundenheit und einer Art von erfülltem Sein. Ja, Leerheit wird als Fülle erlebt. Diese scheinbare Paradoxie löst sich auf, wenn wir diese Leerheit als ein Befreitsein von der Verhaftung an meist in engen Bahnen verlaufenden deterministischen Gedankengängen verstehen. Im Nicht-Tun des Denkens, im Nicht-Wissen des kommenden Erlebens und in der wachen Offenheit des Werdens erfahren wir uns in einem Grundzustand des Seins, in dem sich auch unser Gehirn in einem unbestimmten Schwebezustand ohne festgelegte Verarbeitung befindet. In Folge öffnet sich ein Raum der Unbestimmtheit und Ungewissheit, und so gelangen wir in einen Raum der Möglichkeiten, der als Fülle der eigenen Potenzialität, als Freiheit und Weite erlebt werden kann.
Dieser Zustand birgt in sich die Möglichkeit, vielerlei Zustände einnehmen zu können, aber nicht zu müssen. Gelingt dies, dann erleben wir in diesem Zustand Frieden und Glückseligkeit, und zwar deshalb, weil es nichts gibt, was gegeneinander streitet; keine konfliktbehafteten oder unvollständigen Gedanken. Der Bewusstseinsraum wird als ganz und heil erfahren. Und das ganz einfach durch den Verzicht auf die kognitiven und emotionalen Verarbeitungsprozesse. Denn auch unsere Gefühle sind oft Zeichen innerer Zerrissenheit und Trennung. Deshalb gilt dasselbe auch für Gefühle: Sie müssen nicht bis ins Letzte durchfühlt werden, obgleich dies manchmal hilfreich sein kann, aber um die Qualitäten der Leerheit erfahren zu können, dürfen Gefühle nicht von dominanter Bedeutung sein. Es handelt sich nicht darum, den Gefühlen statt den Gedanken Raum zu geben, sondern vielmehr um das Empfinden von Sein – nicht mehr und auch nicht weniger.
»Was in dieser Leerheit bleibt, ist eine Art Wachheit in hohem Gewahrsein.«
Effekte im EEG sehr erfahrener Meditierender
Mit dieser Einführung werfen wir nun einen Blick auf die Studie, in der ich 50 Personen mit unterschiedlicher Meditationserfahrung während einer Meditationssitzung gemessen habe. Zudem zeige ich die Ergebnisse von 17 sehr erfahrenen Meditierenden mit durchschnittlich ca. 10.000 Stunden kumulierter Meditationszeit. In die Sitzung wurden neben einer etwa halbstündigen Meditation eine Reihe von kleinen standardisierten meditativen Übungen eingebaut. Dabei wurde das EEG mit einer Haube am Kopf mit 64 Elektroden abgeleitet. Hinzu kommen die Messung von Herzratenvariabilität, Atmung und Hautleitfähigkeit.
Die Ruhe vor der Meditation. Der Ablauf war so gestaltet, dass die Teilnehmenden zuerst als Ruhebedingung einige Minuten mit offenen, dann mit geschlossenen Augen ruhig dasitzen sollten. Wie bereits erwähnt, ist das In-Ruhe-verweilen kein Nichts-tun, denn es ist zu erwarten, dass die Personen die Situation, in der sie sich gerade befinden, beobachten und reflektieren sowie ihren Gedanken freien Lauf lassen. Somit wird beobachtet, gedacht, erinnert, geplant, verarbeitet, denn dazu ist jetzt Zeit. Deshalb ist in diesem Zustand der Ruhe vor der Meditation das sogenannte Default-Mode-Network (DMN) im Gehirn aktiv. Im EEG zeigt sich insbesondere bei geöffneten Augen im Vergleich zu geschlossenen Augen eine Abnahme des Ruherhythmus im Alpha-Frequenzbereich um 10 Hz und eine Zunahme der schnellen Gamma-Frequenzen, die beispielsweise die komplexen Mustererkennungsprozesse der visuellen Verarbeitung veranschaulichen.
»Worin aber liegt nun der Gewinn des meditativen Zustandes gegenüber einem erholsameren Schlaf? Die Antwort liegt im Erleben selbst.«
Der Zustand der Präsenz. Die meditative Aufgabe, mit der Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt präsent zu sein, unterscheidet sich derart, dass weniger nachgedacht wird als in der anfänglichen Ruhephase, denn die gesamte Aufmerksamkeit ruht in der stillen Gegenwärtigkeit des mittlerweile gewohnten Raumes. Im EEG zeigte sich dieser Unterschied in einer Abnahme der Delta- und Thetawellen. Insbesondere die Frequenzen im Thetabereich treten während des Abrufs episodischer Erinnerungen auf, bei Aufgaben, die räumliche Navigation oder das Wiedererkennen eines bestimmten Kontextes erfordern. Speziell im Hippocampus findet man Thetawellen in Verbindung mit dem Abruf und der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten. All dies findet im Zustand der achtsamen Präsenz deutlich weniger statt.
Meditation und Leerheit. Auch während der beiden Aufgaben, a) einen Zustand größtmöglicher Gedankenleere einzunehmen und b) eine gewohnte Meditationshaltung einzunehmen, zeigte sich eine Abnahme in diese langsamen Frequenzbereiche und darüber hinaus eine Abnahme an Beta-Frequenzen, die ebenfalls auf die Verringerung der kognitiven Leistung hinweisen.
Fokussierte Aufmerksamkeit. Vergleicht man diese innere Leerheit mit der gezielten Konzentration auf eine Körperregion, die hier als fokussierte Aufmerksamkeit bezeichnet wird, dann hat die Fokussierung eine gesteigerte Gammaaktivität zur Folge.
»Ohne jegliches Verlangen befinden wir uns an der Schwelle zur Transzendenz, in der sich Gegensätze und Konflikte auflösen können.«
Insgesamt zeigt die meditative Leerheit den reduziertesten Verarbeitungszustand und in der Folge auch die geringste kortikale Verarbeitungsaktivität im EEG der erfahrenen Meditierenden an. Was in dieser Leerheit bleibt, ist eine Art Wachheit in hohem Gewahrsein. In der Betrachtung der drei Aufmerksamkeitssysteme gilt grob, dass, während Orientierung und Exekution in kortikalen Aktivitäten organisiert sind, die Wachheit selbst in subkortikalen Regionen lokalisiert ist, also unterhalb des Großhirns liegt. So spielen der Thalamus und sogar Bereiche des Hirnstamms wie die Formatio reticularis eine entscheidende Rolle für diese Wachheit als grundlegenden Zustand eines reinen Seins. Wenn dieser Seinszustand in der Meditation erreicht wird, dann befindet sich die oder der Meditierende in einem Zustand reduzierter kognitiver Verarbeitung im Großhirn, was sich in einer verminderten Aktivität im EEG zeigt. In Folge wird weniger Energie verbraucht und die Zellen können sich regenerieren, wodurch sich die erfrischende und erholsame Wirkung der Meditation erklären ließe. Zusammenfassend kann man auch sagen: Meditation ist waches Bewusstsein im Verzicht auf komplexe kognitive Verarbeitungsprozesse.
Abbildung 1: Änderungen der globalen EEG-Aktivität bei 17 sehr erfahrenen Meditierenden (ca. 10.000 h Meditationserfahrung) im Vergleich jeweils zweier Bedingungen bzw. Aufgaben.
Transzendenz und Inszendenz
Worin aber liegt nun der Gewinn des meditativen Zustandes gegenüber einem erholsameren Schlaf? Die Antwort liegt im Erleben selbst. Denn der reduzierte Verarbeitungszustand schenkt uns, wie eingangs erwähnt, sogenannte transrationale Qualitäten im bewussten Erleben von innerem Frieden, Freude, Zuversicht und Verbundenheit. Aber mehr noch: Durch das Nicht-Tun und das zeitweise Nicht-Denken gelangen wir in eine Art Grundzustand der Bewusstheit, man könnte es auch einen Schwebezustand nennen, in dem die neuronalen Aktivierungen noch nicht ausreichen, um die oft festgefügten, determinierten Gedankenketten zu bilden. Wir brechen aus den alltäglichen Gedankengängen aus, die uns oft in ihrer scheinbaren Dringlichkeit fest gefangen halten, unsere Aufmerksamkeit binden und eine freie Entfaltung des Geistes unmöglich machen. Es ist ein stiller Ausbruch, hinein in den ruhigen Fluss des Seins, jenem Grundzustand, der zunächst nur das Sein an sich kennt, verweilend in absoluter Gegenwärtigkeit.
Dieses stille Sein ist eine Leerheit, die paradoxerweise als absolute Fülle erlebt werden kann. Diese Fülle existiert jenseits der vielen Gedanken, sie ist die subtile Wahrnehmung einer inneren Potenzialität, eines immensen Möglichkeitsraums, der in uns liegt und in dem wir frei und offen sind für das Neue, das Unerwartete. Ohne jegliches Verlangen befinden wir uns an der Schwelle zur Transzendenz, in der sich Gegensätze und Konflikte auflösen können, in neuen, friedvolleren Einsichten aufgehen und eine Art von Intuition und Kreativität aus einem Nicht-Wissen und Nicht-Wollen heraus entstehen kann. In dem Augenblick jedoch, in dem sich die Erkenntnis gebildet hat, sind wir bereits wieder herausgefallen aus dem Seinszustand der »Nondualität« oder des »A-Kategorialen Bewusstseins«. Daher liegt die Kunst der Meditation im stillen Verweilen, im Verzicht darauf, jeden Gedankenimpuls weiterdenken zu müssen. Die Herausforderung liegt im Verweilen im Nicht-Tun an der Schwelle zur Transzendenz. Das berichteten auch einige der Meditierenden.
An dieser Stelle ist es sinnvoll, auf die subjektiven Qualitäten dieses reinen, kognitiv reduzierten Bewusstseins einzugehen, die ich hier als Bewusstheit bezeichne. Diese grundlegende Bewusstheit erlebt sich aufgrund der fehlenden Referenzen und Konzepte als frei, unendlich, weit, grenzenlos und auch ewig. Es kennt kein Entstehen oder Vergehen, beim Einschlafen beispielsweise bleibt die Schwelle zum nichtbewussten Schlaf stets unerkannt. Wenn dem Bewusstsein nun auch keine Informationen aus der Innenwahrnehmung (Interozeption) des Körpers mehr zugeführt werden, kann es geschehen, dass die in meditativer Bewusstheit erlebten »Transzendenzerlebnisse« als Zustände absoluter geistiger Freiheit und Eigenständigkeit erlebt werden.
Da diese Zustände erst durch die Nicht-Konstruktion von räumlichen Objektgrenzen, zeitlicher Einteilung und der Trennung in Subjekt und Objekt, Selbstmodell und Weltmodell entstehen, werden sie als ursprünglicher und daher der Wirklichkeit des wahren Seins näher interpretiert. Auch das Ich-Konstrukt löst sich auf, und so wird die im Buddhismus zu findende Wahrheit der Illusion des Selbst einsichtig. Gleichzeitig verliert das Bewusstsein aufgrund der fehlenden Selbstreferenzen den Blick für die ihm mitunter zugrundeliegende körperliche Existenz. Deshalb kann ein solcher Zustand auch als hochgradig dissoziiert bezeichnet werden, wodurch dem Bewusstsein selbst alle Tore zu beliebigem Erleben, Erkenntnissen (ganz gleich, ob wahr oder falsch) geöffnet werden. Viele Meditationslehrer warnen daher davor, solchem Erleben zu viel Bedeutung zuzumessen, und dies zurecht. So birgt diese reine Bewusstheit sowohl die Chance zu einem erweiterten Erleben und neuen Perspektiven als auch zu Illusionen, die den harten Regeln der physikalischen Wirklichkeit entgegenstehen.
Aus diesem Grund ist es häufig nicht das Ziel, eine solche dissoziative Transzendenz, wie ich sie hier nenne, zu suchen. Viele Praktiken bedienen sich »physischer Anker«, die den Meditierenden die Anbindung an den Körper, das Körpergewahrsein erhält. Im Achtsamkeitstraining übt man beispielsweise den Bodyscan und in der Atem-Achtsamkeitsmeditation dient der Fokus auf die eigene Atmung als ein solcher Anker. So kann es beispielsweise auch ein edler Wunsch sein, im Gewahrsein der Verbundenheit mit dem eigenen Körper eine Grenzerfahrung machen zu dürfen, in der unser Bewusstsein sich aus der Offenheit der leeren, reinen Bewusstheit heraus als Teil jener intrinsischen Intelligenz des Lebendigen erfährt, die in jedem Augenblick unseres Seins ins Leben wirkt. Ein solches Erleben bezeichne ich als Inszendenz. In Folge kann dieses Erleben in Achtsamkeit kognitiv erkannt werden, sodass eine Form der verkörperten Kognition (embodied cognition) entsteht.
Tatsächlich hatte ich in unsere Meditationsstudie eine Übung eingebaut, die eine Art Inszendenzerleben ermöglicht und die ich Verbundenheitsübung nannte. Die Ergebnisse im EEG sind in der letzten Zeile der Abbildung 1 zu sehen. Nennenswert ist, dass man keinen nennenswerten Unterschied zur Leerheit feststellen kann. Diese Übung besteht aus der Imagination eines Energiestrahls, der von der Körpermitte aus über die Wirbelsäule nach unten mit der Erde und nach oben über den Scheitel mit dem Himmel verbindet. In dieser Achse sollten die Teilnehmenden sich eine Weile lang einfach spüren. Da diese Empfindung eine zentrierte Körperwahrnehmung ist, kann man sie auch als mental konzeptfreies, a-kategoriales Embodiment bezeichnen, in dem die Erfahrung eines verbundenen Seins möglich wird.
Ein Modell der spirituellen Bewusstseinsentwicklung
Zusammenfassend möchte ich mit der Abbildung 2 ein Modell anbieten, das eine spirituelle Bewusstseinsentwicklung veranschaulicht. Die vertikale Achse stellt die Tiefe und Komplexität der kognitiven Informationsverarbeitung dar, die nach oben zunimmt. Auf der grünen Grundlinie gelangen demnach Reize, Informationen und Impulse von woher auch immer zu uns. Sie werden zwar verinnerlicht, jedoch ohne weiter verarbeitet zu werden. Neugeborene sind diesem Wahrnehmungsmodus noch sehr nahe, denn sie wissen weitgehend nicht, was sie erleben, vielmehr mündet jedes Erleben in einer eher gefühlsmäßigen Atmosphäre. Reaktionen sind hier instinktiv. Hieraus entwickelt sich ein prärationales und noch nicht konzeptuell verarbeitendes Kernbewusstsein, eine Gegenwärtigkeit des Seins. Im Laufe der Kindheit lernen wir Begriffe und Konzepte, vieles wird Gewohnheit und kann erinnert werden. Sinneswahrnehmungen werden in Kategorien eingeteilt und gleichzeitig ersetzen die Begriffe die Qualitäten der reinen Wahrnehmung. Aus der Beobachtung von Ursache und Wirkung lernen wir, rational-logisch zu schlussfolgern und erhalten neben dem Gefühl, wie die Welt funktioniert, die Möglichkeit, diese tiefer zu verstehen.
Abbildung 2: Modell einer spirituellen Bewusstseinsentwicklung, in der zunächst konstruierende und später dekonstruierende Bewusstseinsfunktionen erworben werden. In der Dynamik aus beiden können spirituelle Qualitäten im Leben verwirklicht werden. Die Metapher des Baumes verdeutlicht diesen Prozess.
Diese Rationalität hat die Menschheit in den letzten Jahrzehnten so komplex, integrativ und hoch organisiert weiterentwickelt, dass damit die heutige Hochtechnologie entstehen konnte. Daher nenne ich alle kognitiven Funktionen, die im Bewusstsein für diese Entwicklung stattfinden, konstruierende Funktionen. Diese benötigen wir für unsere moderne Lebensgestaltung, und sie sind Hauptbestandteil der schulischen Bildung. Für ein sinnvolles Miteinander und Dasein müssen wir jedoch in der Lage sein, die Relativität und Grenzen dieser Konstruktionen zu erkennen. So ist ein friedvolles Zusammenleben nur möglich, wenn wir gelernt haben, unsere eigenen Standpunkte zu relativieren und fremde Perspektiven einnehmen zu können. Hierzu braucht es die Fähigkeit zu dekonstruieren, Fixierungen aufzulösen, vermeintliche Erkenntnisse infrage zu stellen, Standpunkte zu hinterfragen oder beiseite zu lassen. Dies braucht es, um Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht kultivieren und leben zu können. Auch für den Akt des Verzeihens und der Vergebung ist es wesentlich, Vorstellungen von Gerechtigkeit abzulegen. Solche und weitere »transrationale Bewusstseinshaltungen« sind Kompetenzen, die in vielen spirituellen Traditionen und Religionen gepflegt werden.
»Im stillen Sitzen scheint Nicht-Tun eine hohe Kunst zu sein.«
Die Meditation kann hier ein Werkzeug sein, um diese Dekonstruktion bis hin zu einem a-kategorialen Seinszustand zu vollziehen und daraus die Weisheit für erweiterte Einsichten zu generieren. Wesentlich dafür ist, dass wir, anders als das Kleinkind, als erwachsene Menschen die Möglichkeit haben, zwischen der Schwelle der Unbestimmtheit und dem rationalen Denken zu oszillieren. Dadurch können wir Impulse aus dem Bereich der darin verborgenen kreativen Potenzialität in der geistigen Erkenntnissphäre zur Entfaltung bringen. An dieser Stelle bietet sich die Metapher vom Baum zur Veranschaulichung an, denn im Pflanzenreich kennen wir den Prozess, dass die Lebenssäfte aus dem Verborgenen über das Wurzelwerk nach oben transportiert und dort zu Blättern, Blüten und Früchten geformt werden.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass idealerweise diese konstruierenden und dekonstruierenden Entwicklungsschritte nicht nacheinander erfolgen, sondern eng ineinander verwoben sind. So ist die Geborgenheit in der Hingabe an die mütterliche Fürsorge bereits im Säuglingsalter wesentlich, um ein Urvertrauen ins Leben als transrationale Kompetenz entwickeln zu können. Eine Spiritualität in diesem Sinne ist damit ein integraler Bestandteil für ein erfülltes und ganzheitlich gelingendes Leben.
Klang als Meditationsbooster
Kommen wir nun zu einigen lebenspraktischen Erkenntnissen und Tipps, die sich aus unseren Studienergebnissen ableiten lassen. Leider hat sich gezeigt, dass vor allem die sehr erfahrenen Meditierenden diese deutliche Beruhigung im EEG während der meditativen Übungen erreichten. Bei ungeübten Personen hingegen schien die Gehirntätigkeit auch während den spezifischen Aufgaben der Präsenz, der fokussierten Aufmerksamkeit und der Leerheit ähnlich wie im ruhigen Dasitzen einfach weiterzugehen. Mit anderen Worten: Ungeübten fällt es schwerer, ihr DMN herunterzuregulieren als Geübten. Im stillen Sitzen scheint Nicht-Tun eine hohe Kunst zu sein. Dennoch können einige Resultate der Meditation wie eine gedankenfreie Seinserfahrung bereits von ungeübten Menschen ohne langes Sitzen erreicht werden. Die oben erwähnte Verbundenheitsübung kann eine Hilfe dazu sein, da die Imagination der Energie im Körper eine konzeptfreie Selbstwahrnehmung ermöglicht.
Ein anderes Mittel sind einfache Klänge beispielsweise von einer Klangschale, einer Zimbel oder einem Gong. Einzelne oder wenige Klänge haben die Eigenschaft, uns in einen konzeptfreien Bewusstseinsraum führen zu können. Das Warum lässt sich leicht nachvollziehen: Ein Klang entsteht plötzlich und zieht unsere Aufmerksamkeit sogleich auf sich. Unser Tun hält inne, die regen Gedanken werden quasi gelöscht und ersetzt durch die Wahrnehmung des konzeptfreien, einfachen, harmonischen Klangs. Die gebundene Aufmerksamkeit ist Präsenz und Akzeptanz. Dadurch weitet sich der Bewusstseinsraum. Der Klang wird leiser, wir werden sensibler und feiner, und schließlich führt uns der Klang in die Stille, in einen offenen, freien, friedvollen Raum des Gewahrseins. Hier angelangt, können wir unserem Inneren lauschen und sind bereit, auf neue Weise wieder in die Welt zu treten und vielleicht so manche Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Dies kann auch in Gesprächskreisen oder Schulgruppen ein Mittel sein, um eine angespannte Diskussion oder Atmosphäre durch den Klang einer Zimbel, der alle zum Schweigen und Innehalten führt, wieder in eine freie, ruhige und gelöste Stimmung zu überführen.
Muße als Angebot für eine überlastete Gesellschaft
Ein regelmäßiges Innehalten war auch in unserem christlichen Kulturkreis Bestandteil des Lebens. Die Vielzahl von Kirchen und kleinen Kapellen waren Orte der Kontemplation, in denen Stille, Andacht, Distanzierung vom Alltagsgeschehen, metaperspektivische Wahrnehmung des eigenen Lebens und das Lauschen auf die innere Stille in einem heiligen Raum idealerweise täglich praktiziert werden konnten. Solche sakralen Räume werden heute kaum noch aufgesucht. Stattdessen hat sich die Lebenswelt mit einem Überfluss an Informationen gefüllt, und selbst in unserer Freizeit kommen wir kaum noch zur Ruhe, sondern gieren nach Action, um einen verlorenen Lebenswert zu generieren. Gerade in einer informationsüberfluteten Welt sind solche Auszeiten wichtiger denn je.
Was es braucht, ist eine Art Alltagsspiritualität, die es uns ermöglicht, das Leben atmen zu können: Eintauchen in die Wirrnis unserer Lebenswelt, dann wieder loslassen und uns unserem Innersten hingeben. Vielleicht wird die Meditation deshalb von einigen Menschen als akute Maßnahme des Selbstmanagements zur Erlösung aus dem Alltagsstress gesucht, weil für eine solche atmende Lebensweise kein dezidierter Rahmen mehr existiert. Die Muße war aber nicht nur in der spirituell-religiösen Praxis verortet. Vielmehr umfasste der antiquierte Begriff der Muße auf natürliche Weise diese tiefere Dimension, die wir heutzutage kaum mehr damit verbinden. Muße ist heute als Freizeit definiert, um sich ohne Zwang den eigenen Interessen, Hobbys oder dem Nichtstun zu widmen, anstatt sich von äußeren Zwängen oder Leistungserwartungen treiben zu lassen
Noch vor etwa 50 Jahren war in der Enzyklopädie Brockhaus eine Definition des Begriffs zu finden, die mich tief beeindruckt hat, als wir sie im Rahmen unseres Forschungsretreats entdeckt hatten:
»Muße: Gemeint ist weniger das bloße >Müßigsein< … vielmehr eine bestimmte menschliche Haltung, gekennzeichnet vor allem durch gehörendes Schweigen und ein empfangendes Geöffnetsein der Seele. Zur Muße gehört außerdem … ein Element feiernder Bejahung von Wirklichkeit und Leben insgesamt, wie sie zugleich auch die Voraussetzung des Festes ist. … Muße ist das Fundament wahrer Kultur, d. h. alles dessen, was über die nackte Lebensnotdurft hinausgeht, aber dennoch unentbehrlich ist für eine sinnvolle menschliche Existenz.« (Brockhaus, 1979)
In dieser Definition ist eine meditative Grundhaltung miteingeschlossen. Es wird deutlich, dass Sinnhaftigkeit im Leben gemäß einem solchen Verständnis von Muße kultiviert werden kann. Dazu gehören die Meditation sowie Genuss und Sinnlichkeit, die Wohltat von Klängen, die Musik, die Kunst und das Feiern. Mögen wir also nicht vergessen, unseren Freiräumen eine meditative Haltung einzuhauchen als Grundlage für ein erfülltes, sinnhaftes Menschsein.
Zum Autor
Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger ist Diplom-Physiker, Neuro- und Bewusstseinswissenschaftler. Sein Forschungsspektrum reicht von Gehirn-Computer-Schnittstellen, der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände, der Evaluation therapeutischer Verfahren bis hin zu diversen Themen aus Medizin, Psychologie, Physik, Philosophie, Spiritualität und Gesellschaft. Seit 2011 leitet er den Forschungsbereich für Angewandte Bewusstseinswissenschaften in der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Regensburg. Prof. Hinterberger ist Präsident der Gesellschaft für Bewusstseinswissenschaften und Bewusstseinskultur (GBB e.V.) und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Bewusstseinswissenschaften sowie Mitglied im Zukunftsrat der Universität Regensburg.
Bildnachweis: © Adobe Stock, Prof. Dr. rer. nat. Thilo Hinterberger



