Ein Feld von Mohnblumen

Marc Schmuziger – Die Natur in uns

Einführung in die Ökopsychologie

Die Ökopsychologie umfasst und integriert Disziplinen miteinander – vom Schamanismus über Philosophie und Systemtheorie bis eben hin zur Psychologie und Ökologie –, um den Dualismus im Denken der westlichen Gesellschaften aufzulösen und den Blick auf die Einheit des Lebens zu eröffnen. Diese vermeintliche Trennung führte uns dazu, uns von der Natur zu entfremden und einen Unterschied zwischen der Natur und dem Mensch-Sein zu zementieren. Doch wie kann die Aussöhnung mit der Natur in und um uns herum gelingen? Darauf möchte die Ökopsychologie Antworten geben. 

Liebe Leserin, lieber Leser, ich möchte meine Ausführungen zur Ökopsychologie mit einem kleinen Experiment beginnen.

Bitte lassen Sie die folgenden zwei Fragen – ähnlich wie ein Kieselstein, der ins Wasser fällt und ringförmige Wellen auslöst − in Ihnen wirken und beobachten Sie, was für Resonanzen daraus entstehen:

  • Was für Bilder sehen Sie, wenn Sie an die Natur denken?
  • Was für Wörter oder Sätze klingen dabei mit?

Geben Sie sich etwas Zeit, die Bilder, die Wörter und den Ort der Natur in Ihnen entstehen zu lassen. Und halten Sie dabei Ihre Aufmerksamkeit nach innen gerichtet.

Nach diesem kleinen Ausflug ins Innere möchte ich Sie bitten, die folgenden Bilder zu betrachten und sich zu fragen, inwieweit diese eine Ähnlichkeit mit Ihrem Naturbild haben. Haben Sie in Ihrem Bild eine schöne Landschaft, einen Wald, Wasser oder ein wildes Tier gesehen?

 

»Natur ist nicht außerhalb von uns, und die Unterscheidung von »Innen und Außen« ist lediglich eine Illusion.«
Wieso aber nicht auch mit Menschen, oder gar Menschen allein? Ich gebe es zu: Meine letzte Frage entlarvt die Absicht des Experimentes. Denn ich gehe davon aus, dass die inneren Bilder, die Sie gesehen haben, eher aus der ersten Gruppe stammen. Auf jeden Fall wäre das bei mir so gewesen. Auch ich trage in mir die Tendenz, mich nicht als Teil der Natur zu erleben. Obwohl wir genauso Natur sind, wie die Natur selbst, sehen wir sie meist nicht bei oder in uns, sondern außerhalb von uns Menschen und außerhalb der Gemäuer unserer Städte.

Wie kommen wir aber dazu? Schließlich bestehen wir aus den genau gleichen Grundbestandteilen und funktionieren ebenso nach den gleichen Naturgesetzen. Irgendwie scheint in uns ein innerer Mechanismus wirksam zu sein, der uns von der Natur ausschließt.

Auf diese und andere Fragen geht die Ökopsychologie ein, und darauf werde ich auch im Laufe dieses Artikels ein paar Antworten anklingen lassen, die ich aus Michel Maxime Eggers von mir übersetztem und herausgegebenem Buch Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie[1] entnehme und weiter reflektiere.

Hinführung zum Thema

Die ökopsychologische Bewegung entstand in den Neunzigerjahren in den Vereinigten Staaten und entwickelte sich im angelsächsischen Raum stetig weiter. Sie vereint in sich Ansätze aus der Philosophie, aus Psychotherapieschulen, Ethologie, Spiritualität, Schamanismus, Weisheiten der Indigenen und Urvölker, Ökofeminismus, Systemtheorie, Quantenphysik und Kunst. In diesem Sinne verhält sie sich als Disziplin offen und überwindet das Denken in gegenseitig isolierten wissenschaftlichen »Schrebergärten«, das dem analytischen Geist des Westens so lieb ist. Sie lebt ihr eigenes Paradigma, in dem der ursprüngliche, doppelte Dualismus von Natur/Mensch sowie außen/innen überwunden wird, um ein Bewusstsein für die Einheit unserer Wirklichkeit zu schaffen.

So sind wir Menschen in genau gleichem Maße Natur wie die Natur um uns herum. Natur ist nicht außerhalb von uns, und die Unterscheidung von »Innen und Außen« ist lediglich eine Illusion, die unser Ichbewusstsein uns vorgaukelt. Wir sind Bestandteil der Erde, die untrennbarer Bestandteil unseres Daseins ist. Der damit einhergehende Bewusstseinswandel lässt sich am ehesten als Verschiebung unseres derzeitigen Anthropozentrismus zu einem Ökozentrismus beschreiben (»from ego to eco«)[2] , die der Tiefenökologe John Seed in folgenden Worten erläutert:

Anthropozentrismus ist so viel wie menschenbezogener Chauvinismus. Er ähnelt dem Sexismus, wenn man das Wort »Mann« durch »menschliche Rasse« und das Wort »Frau« durch »alle anderen Arten« ersetzt […]
Wenn der Mensch tiefer schürft und die Schichten seiner anthropozentrischen Selbstüberschätzung durchschaut, setzt ein tiefgreifender Bewusstseinswandel ein. Die Entfremdung verschwindet. Der Mensch ist nicht länger ein Fremder, er ist nicht länger getrennt.[3]

Dieses innerlich erlebbare, erweiterte Identitätsgefühl bezeichnete Arne Naess als das »Ökologische Selbst«.

Das Ökologische Selbst

Dem egozentrischen, trennenden und individuellen Ich, das die vorherrschende Kultur des Abendlandes seit Jahrhunderten prägt, setzt die Tiefenökologie und in ihrem Gefolge auch die Ökopsychologie ein ökologisches, ökozentrisches und transpersonales »Selbst« entgegen.

»Im Menschen findet sich die ganze Geschichte des Planeten, aus dem er hervorgegangen und immer noch am Werden ist.«

Das ist ein Prozess, der über die Grenzen des individuellen Ichs, der Familie und der menschlichen Gemeinschaft hinausgeht und die Wesen der Biosphäre als lebendige Gegenwart integriert. Damit wird auch der zeitliche Horizont erweitert. Im Menschen findet sich die ganze Geschichte des Planeten, aus dem er hervorgegangen und immer noch am Werden ist.

Ich betrachte [die Ökologisierung des Selbst] als die faszinierendste und hoffnungsvollste Entwicklung unserer Zeit. […] Unter den äußeren Schichten unseres Neocortex und dem, was wir in der Schule gelernt haben, ist diese Geschichte in uns – die Geschichte einer tiefen Verwandtschaft mit allem Lebendigen, welche uns Kraft verleiht, wie wir es uns nie hätten vorstellen können. Wenn wir diese Geschichte als unser innerstes Empfinden dessen wahrnehmen, wer wir sind, kommt eine Freude auf. Dies wird uns helfen, zu überleben.[4]

Das Ökologische Selbst führt in vielerlei Hinsicht zu einer Einheitserfahrung:
Systemisch, weil wir immer auch Teil eines gemeinsamen Systems sind, das Materie, Energie und Informationen umfasst. Letztere strömen unaufhörlich durch uns und gehen über die Grenzen unseres individuellen Körpers und Bewusstseins hinaus.
Biologisch-historisch, weil wir nicht nur aus dem gleichen Material wie dasjenige der Sterne und Erde bestehen, sondern in unserem Dasein tief geprägt sind durch die gemeinsame Evolution mit den Pflanzen und Tieren. So ist unser Körper untrennbar mit der Luft um uns verbunden, unsere Biorhythmen sind mit denjenigen von Mond und Sonne verbunden und unsere Psyche mit derjenigen aller Lebensformen. Auch unsere Energie ist die gleiche, die auch den Kosmos durchdringt.
Ontologisch, weil Psyche und Körper eine untrennbare Einheit bilden und sich der Mensch ontologisch von der Natur nicht trennen lässt. »Sobald wir aus unserem Zentrum heraus handeln, ist es unmöglich, nicht mit den Menschen, den Bäumen, den Steinen, den Tieren um uns herum, der Luft, die wir atmen, und den Jahreszeiten, von denen wir abhängig sind, zu interagieren.«[6]
Phänomenologisch, weil die direkte Erfahrung mit unserem Körper immer auch eine wechselseitige Interaktion mit dem »Phänomen« bedeutet. Mein Leben ist sensorisch immer mit demjenigen der Natur verwoben, und somit ist mein »Fleisch« genauso auch dasjenige der Welt.
Transpersonal, weil die Verwirklichung (Individuation) des Ökologischen Selbst immer auch die Verschiebung der psychologischen Barriere zwischen mir und der Welt sowie zwischen innen und außen zur Folge hat. Letztendlich wird auf diese Weise die Psyche ebenso groß wie die Erde selbst, die uns geboren hat.

Das Zusammenspiel all dieser Dimensionen in einem Prozess bewirkt einen tiefgehenden Bewusstseinswandel, der sich mit sämtlichen Aspekten unseres Lebens verbindet und zu etwas Neuem führt, das zuvor nicht da war.

Wie ich zur Ökopsychologie gefunden habe

Die Ökopsychologie sieht im Dualismus unseres abendländischen Menschenbildes den eigentlichen Grund für die ökologische Katastrophe, in der wir uns derzeit befinden. Könnte dies auch der Grund dafür sein, dass wir Menschen in die verschiedensten Süchte (Konsumsucht, Techniksucht, Selbstsucht, Drogensucht, Alkoholsucht, Sexsucht etc.) entfliehen, um unser gespaltenes Dasein besser ertragen zu können? Wie bereits beschrieben, vereint die Ökopsychologie in sich die verschiedensten Disziplinen und lässt sich auch von den Traditionen der Urvölker inspirieren. Vor allem ist sie überzeugt, dass die Ökologie wie auch die Psychologie aufeinander angewiesen sind, um grundlegende und konkret umsetzbare Antworten auf die Umweltkrise zu finden. Sie zeigt die Antworten auf und bietet Hand dazu, wie wir aus der Verleugnung und Machtlosigkeiten herausfinden und die Entfremdung von der natürlichen Mitwelt an ihrer Wurzel überwinden können.

Im Folgenden möchte ich kurz darlegen, wie ich selbst zur Ökopsychologie gefunden habe. Ich hoffe, dass so verständlicher wird, was mit dem Begriff »an der Wurzel überwinden« gemeint ist.

2016 gaben meine Frau, Hsing-Chuen Schmuziger-Chen, und ich im taotime verlag eine Neuübersetzung des Daodejing heraus[7]. Ich erwähne das, weil das Daodejing als altchinesische, philosophische Lebenshilfe seine Gesetze aus den Wirkprinzipien der Natur und des Kosmos ableitet und ebenfalls unsere dualistische Welthaltung zu überwinden sucht.

Die Epoche vor 2300 Jahren war für die vielen Völker des damaligen Chinas bestimmt von Kriegen und Wirren. Deshalb suchten viele Menschen der Oberschicht Zuflucht in tröstenden Sprüchen, die das Ideal einer natürlichen, harmonischen Lebensführung zum Thema hatten.

Nach der Publikation unseres Buches war es mir ein Anliegen, einen Weg für den im Daodejing aufgezeigten Paradigmenwechsel im Selbstverständnis von uns Menschen auch für das heutige Leben aufzuzeigen – auf ganz konkrete, reale Art und Weise, die auch eine Antwort auf die wohl größte Krise der Menschheit zu geben vermag: die ökologische Krise.

Wenig später stieß ich auf einen Artikel, der mich gefangen nahm: Er stellte die Ökopsychologie vor und erwähnte einen französischsprachigen Autor, Michel Maxime Egger, der die Entstehungsgeschichte und die verschiedenen Strömungen der Ökopsychologie beschrieb. Ich las sein Buch und dachte mir: »Das ist die zeitgemäße Antwort, die den Geist des Daoismus in sich trägt und ganz konkret aufzeigt, wie wir zu einem von innen her getragenen Wandel finden können.« In der Folge übersetzte ich das Buch und gab es im Sommer letzten Jahres unter dem Titel Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie heraus. Das Buch zeigt eindrücklich das Dilemma, in dem sich die Menschheit heute befindet, und wieso daraus die Ökopsychologie entstanden ist – ähnlich wie der Daoismus vor 2300 Jahren.

Das Buch hat mich daran erinnert, dass wir nicht alleine sind auf dieser Welt, dass unser Wohlbefinden dasjenige der Welt selbst ist und dass wir dadurch zutiefst herausgefordert sind, die Kluft zwischen uns und der Welt zu überwinden. Nur so können wir unsere Seelen pflegen und dadurch auch die Welt heilen! (Auszug auf dem Vorwort)[8]
 

Pioniere und Lichtgestalten der Ökopsychologie

Wie könnte das Gedankengut und die Bewegung der Ökopsychologie besser vorgestellt werden als durch die Personen, die sie geprägt haben? Nachfolgend sollen vier zentrale Figuren vorgestellt werden, die die Ökopsychologie stark beeinflusst haben, sie begründeten oder heute noch wichtige Impulse setzen. Ein paar Zitate von ihnen sollen zudem ein Bild vermitteln, worum es in der Ökopsychologie wirklich geht und wie der von ihr intendierte, heilsame Bewusstseinswandel zu verstehen ist.

Porträt von Carl Gustav Jung
Carl Gustav Jung

Als eigentlichen Ur-Pionier der Ökopsychologie können wir Carl Gustav Jung betrachten. Als er 1961 starb, gab es natürlich noch keine Ökopsychologie. Doch beschrieb Jung bereits früh die Spaltung, in der sich der westliche Mensch zu seiner inneren wie auch äußeren Natur befindet. Zudem setzte er mit seinem Konzept des kollektiven Unbewussten einen wichtigen Grundstein, das Unbewusste nicht nur individuell zu verstehen, sondern kollektiv – also auf die ganze Menschheit samt ihrer Kulturgeschichte bezogen. Auf seine ihm eigene Art entwarf Jung auch die Idee eines ökologischen Selbst, das später von der Tiefenökologie weiterentwickelt und von den Ökopsychologen aufgegriffen wurde:

Mein Ich geht nicht nur so weit, als mein Körper reicht. Es reicht auch darüber hinaus, umfasst alle die Dinge, die ich geschaffen habe, die um mich herum sind [9]
 

Jung versteht das Leben als eine Einheit, als lebendiges Kontinuum und als ein Netz, in dem alle Wesen miteinander wie die Zellen in einem Körper leben. Somit ist für ihn auch klar, dass der Mensch nicht ohne Tiere und Pflanzen existieren kann. Ihm zufolge ist die Natur wohltuend für die Seele und eine Quelle der Regeneration.

Die Wilden sind nicht schmutzig – nur wir sind schmutzig. […] Menschen, die durch zu viel Zivilisation schmutzig geworden sind, machen einen Waldspaziergang oder baden im Meer [10]
 

Die Spaltung des Menschen von der Natur ist für Jung – sowohl draußen auf der Welt als auch in uns drinnen – zu weit gegangen. Er erkennt in dieser Spaltung pathologische Züge, die sich vor allem im Wettlauf um Materialismus, in Kriegen und in der Zerstörung des Planeten manifestieren. Deshalb fordert er, dass wir diese Dissoziation überwinden sollten, indem das »Haus« unseres Daseins auf seinem phylogenetischen Fundament neu gebaut und die hohen und niedrigen Bereiche unserer Psyche wieder miteinander verbunden werden. Immer wieder ruft Jung dazu auf, Breschen in die Mauer des Rationalismus zu schlagen, damit der abendländische Mensch wieder Zugang zu den von ihm abgelehnten Bildern und Archetypen – den Anteilen der Natur in uns – finden kann.

Jungs umfassende Arbeit eröffnete eine Reihe grundlegender Erkenntnisse über die natürlichen Grundlagen der menschlichen Psyche. Und diese, so schreibt Michel Maxime Egger, »eignen sich dazu, die Bestrebungen der Ökopsychologie nach einer Versöhnung von Mensch und Kosmos zu unterstützen«.[11]

So ist für Jung das Unbewusste nicht nur ein Museum voller persönlicher Schuld und Scham, das – wie es Freud sah – von repressiven sexuellen und aggressiven Impulsen heimgesucht wird, sondern auch ein kreativer Urgrund, der dem Menschen viel Freude und Vergnügen beschert. Das von Jung so benannte kollektive Unbewusste bildet eine Matrix und ist mit einer gewissen Kreativität und Eigenständigkeit ausgestattet, »fähig zu autonomen Handlungen, zu autonomen Einbrüchen in das Bewusstsein«[12] Ihm zufolge entspricht der tiefste Untergrund des Unbewussten den ältesten Schichten der menschlichen Psyche, also letztendlich auch der Struktur der Natur.

Später nahm der eigentliche Begründer der Ökopsychologie, Theodore Roszak, Jungs Idee des kollektiven Unbewussten auf und erweiterte sie zum ökologischen Unbewussten.

Porträt von Theodore Roszak
Theodore Roszak

Mit dieser Erweiterung öffnete Theodore Roszak den anthropozentrischen, also auf den Menschen bezogenen Blickwinkel auf die Natur und die ganze Welt. Im ökologischen Unbewussten sieht er auch die natürliche und materielle, die organische wie auch anorganische Welt vereinigt. Es verbindet uns somit nicht nur mit den archaischsten Schichten unseres Seins, sondern auch mit der Erde, der Fauna und der Flora, den Bergen und den Flüssen:

Das kollektive Unbewusste umfasst auf einer tiefsten Ebene die komprimierte ökologische Intelligenz unserer Spezies. […] Der Fortbestand des Lebens und unserer Spezies wäre ohne eine solche selbstregulierende, systembildende Weisheit nicht möglich gewesen. […] Mit diesem Es muss das Ich sich wieder vereinen, wenn wir zu einer vernünftigen, seelisch gesunden Spezies werden sollen, die zu größeren evolutionären Abenteuern fähig ist.
[13]

Dadurch wird nachvollziehbar, wie sehr die Psychologie auf die Ökologie angewiesen ist, um die Natur in ihr Verständnis der menschlichen Psyche zu integrieren und um die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den Störungen der Seele und den Leiden des Planeten zu begreifen. Letztendlich ist im Leiden der menschlichen Seele immer das Leiden der Welt mit enthalten, und auf diese Erkenntnis greifen die verschiedensten Ökotherapien zurück. Umgekehrt ist die Ökologie genauso auf die Psychologie angewiesen. Denn nur über die Psychologie ist diese in der Lage, das inkohärente und antiökologische Verhalten des Menschen zu begreifen und in ihren Kampagnen andere innere Triebfaktoren anzusprechen als allein Angst oder Schuld.

Wie kam es aber zu dieser Trennung, die von der Ökopsychologie als die eigentliche Ursache für die ökologische Krise betrachtet wird? Denn obwohl die Natur einerseits Lebensquelle, andererseits auch stets eine potenzielle Lebensbedrohung war, vor der sich der Mensch schützen musste, hinderte dies die Gattung Homo nicht daran, während ungefähr 2,4 Millionen Jahren, also über mehr als 80.000 Generationen, im Einklang mit ihr zu leben. Mit dieser Frage hat sich Paul Shepard eingehend beschäftigt.

Porträt von Paul Shepard
Paul Shepard

Shepard war Professor für Naturphilosophie und Humanökologie. Zuerst engagierte er sich stark in verschiedenen Umweltbewegungen, von denen er sich aber mit der Zeit enttäuscht abwandte. In diesem Zusammenhang schreibt er:


In den frühen 70er-Jahren, nachdem ich etwa 20 Jahre lang Umweltaktivist gewesen war und mein erstes Buch »Man in the Landscape« veröffentlicht hatte, verlor ich meine Hoffnungen, die ich in die Umweltbewegungen gesetzt hatte.

Ich hörte auf zu glauben, dass es ausreicht, die Bedeutung der Ökologie zu verstehen, um eine Veränderung in der Konsummentalität der Bevölkerung herbeizuführen und die Menschen dazu zu motivieren, dass sie ein ökonomisch verantwortungsvolleres Leben führen.[14]
 

Shepard realisierte, dass es einen Wechsel im Selbstverständnis der Menschen braucht, und wandte sich deshalb der Ökopsychologie zu. Besonders interessierte ihn:


unser Selbstverständnis als Individuen und unser Weltbild als Spezies. Beide gehen auf unser biologisches Erbe wie auch auf die kulturellen Einflüsse zurück, die uns von unseren Vorfahren, den Jägern und Sammlern des Pleistozäns[15] , überliefert worden sind.[16]
 

Shepards Anliegen war es, die Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte auszumachen, an denen die Spaltung von der Natur stattgefunden hatte. Der erste entscheidende Moment, den er für die Trennung von Mensch und Natur ausmacht, ist die jungsteinzeitliche Revolution, die vor etwa 10.000 Jahren östlich des Mittelmeeres ihren Anfang nahm. Ihm zufolge stellt das Aufkommen der Landwirtschaft eine noch wichtigere Weichenstellung dar als die industrielle Revolution. Mit ihr ging der Übergang vom Nomadentum zum sesshaften Leben einher, von der Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung, Kleinbauer) zur Akkumulationsökonomie, von der Symbiose mit der Natur zu ihrer Kontrolle, von der Gleichheit zwischen den Spezies zur Beherrschung durch den Menschen. Auf diese Weise legte die menschliche Gattung die Grundlagen für Entwicklungen fest, die auf Kosten der Ökosysteme immer weiter fortschreiten werden, seien es das Bevölkerungswachstum, die verstärkte Ausbeutung der Ressourcen, immer intensivere landwirtschaftliche Methoden, Verstädterung usw.

Es war vor allem die Landwirtschaft, die zu einer neuen Sichtweise der Natur und der Beziehungen der Menschen zu ihr führte. Das Schlüsselwort, das hier von vielen Ökopsychologen verwendet wird, lautet Domestikation. Diese besteht darin, Tiere zu »Machtinstrumenten«, zu »entwürdigten Projektionen unser selbst« zu verändern, um sie »den Zielen und Lebensweisen des Menschen anzupassen«.[17] Als Vorgängerin des städtisch-industriellen Lebens folgt sie bereits dem gleichen Traum »von einer unterworfenen Naturwelt, die vom menschlichen Geist überwunden wird«.[18] So wird sich die Vielfalt der von Jägern und Sammlern geschätzten Wildtierarten im Laufe der Zeit immer mehr auf eine reduzierte Anzahl von Haustier- und Pflanzenarten beschränken.

Shepard zufolge gehört der Bauer nicht mehr zum Land, sondern er besetzt es, und wird zu seinem Mittelpunkt. Eine solche Landwirtschaft fördert eine »auf das Ich begrenzte Psychologie, bestimmt von einer von Menschenhand geschaffenen Welt sowie von der Verteidigung vor ihren Nachbarn«.[19] Sie fördert materielle Besitztümer, deren Anhäufung zum Maßstab persönlicher Erfüllung wird. Was der Bauer besitzt, wird nicht mehr als Gabe gesehen, sondern durch »ununterbrochene Arbeit« an der Natur verdient. Die Natur, die (noch) nicht domestiziert ist, wird zur gefährlichen Wildnis. Auf sie projiziert der Mensch Bilder von Konkurrenz, Unordnung und Gewalt. Das Wilde ist für ihn nun das, was sich seiner Kontrolle entzieht, ihn also bedroht und beängstigt. Draußen sind die kosmischen Mächte und die wilden Tiere, währenddessen drinnen alles ist, was seine domestizierte Tiernatur ausmacht.

Es ist eindrücklich, wie es Shepard gelingt, die Entwicklung nachzuzeichnen, die die Menschheit in eine derartige Dissoziation getrieben hat. Das daraus entstehende Suchtverhalten, das die entstandene Leere ausfüllen soll, ist eine Folge davon, die aber die Kluft noch weiter vertieft.

Wie ist es möglich, diese Kluft zu überwinden? Damit hat sich die vierte Gallionsfigur der Ökopsychologie – Joanna Macy – eingehend beschäftigt.

Porträt von Joanna Macy
Joanna Macy

Geboren 1929 in Kalifornien, Professorin an mehreren amerikanischen Universitäten, unermüdliche Dozentin und Autorin Dutzender von Büchern, ist Joanna Macy zu einer der Symbolfiguren der Ökopsychologie und Tiefenökologie geworden. In Europa ist sie, aufgrund der Übersetzungen ihrer Bücher und der Verbreitung ihrer Methoden des inneren Wandels, wohl die bekannteste Ökopsychologin. Ihr war es ein großes Anliegen, der hartnäckigen Leugnung der Realität von uns Menschen angesichts der ökologischen Krise auf die Spur zu kommen. Damit möchte sie einen tiefgreifenden Wandel unterstützen, der diese Spaltungen und hartnäckigen Verleugnungen angesichts der ökologischen Krise überwinden kann. Ihr zufolge leben wir derzeit parallel in drei Narrativen[20] :

Das erste Narrativ beinhaltet das Weiterverfolgen der üblichen Geschäfte (business as usual). Das ist das Szenario der Verweigerung: Es besteht kein Bedürfnis, die Lebensweise zu überdenken, die auf wirtschaftliches Wachstum baut und vom Streben nach Gewinn und Konsum bestimmt wird. Das zweite Narrativ trägt die Bezeichnung großer Zerfall (great unraveling[21] ): Wir nehmen passiv, oft mutlos und ohnmächtig, die ökologischen, klimatischen und sozialen Katastrophen wahr, zu denen das erste Szenario uns geführt hat. Das dritte Narrativ nennt sich der große Wandel (great turning). Dies ist das Szenario der Hoffnung, das eigentliche Abenteuer der Gegenwart, das bereits im Gange ist und dem zweiten Szenario das letzte Wort nicht überlassen will. Hier engagieren wir uns – kollektiv und persönlich – für den Wechsel von einer selbstzerstörerischen Wachstumsgesellschaft zu einer lebensdienlichen Gemeinschaft. Nicht die Güter stehen im Vordergrund, sondern die Beziehungen.

Dazu braucht es aber einen inneren psychischen Wandel und die Bereitschaft, sich zu ändern – »von der Realitätsverleugnung zur Einsicht, von der Apathie zum konstruktiven Handlungswunsch, von der Ohnmacht zur Ermächtigung und vom egozentrischen Ich zu einem Selbst, das mit dem Lebensnetz vereint ist«.[22]

Zu diesem Zweck entwickelte Joanna Macy ab Mitte der 80er-Jahre eine umfassende Transformationsmethode. In ihren Büchern wird dieser Ansatz als Arbeit, die verbindet bezeichnet. Tausende von Menschen haben – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf allen Kontinenten – an ihren Schulungen, Workshops und Ritualen teilgenommen. Die Arbeit, die verbindet, durchläuft auf ganz natürliche Weise vier Phasen, die vom inneren Wandel zu konkretem Handeln führen: Der Beginn ist die Verwurzelung in Dankbarkeit, wo wir das immerwährende Lebenswunder, das wir in jedem Moment unseres Daseins erfahren, würdigen und uns darin verankern. In der zweiten Phase geht es darum, nicht vor der Realität davonzulaufen, sondern sich der fortschreitenden Zerstörung unserer Umwelt zu stellen. Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Trotz, Scham, Angst, Schuld oder Verzweiflung sollen zugelassen werden und ihren Raum erhalten. Nur so kann die Spaltung zwischen der mentalen und der emotionalen Ebene in uns überwunden werden:

»Wir sind nicht von der Welt abgeschottet, sondern integraler Bestandteil davon wie die Zellen eines großen Körpers.«

Niemand ist vor diesem Schmerz gefeit, ebenso wenig wie man allein und für sich im leeren Raum existieren kann. Er ist untrennbar mit den Strömungen von Materie, Energie und Information verbunden, die durch uns fließen und uns als miteinander verbundene offene Systeme ausmachen. Wir sind nicht von der Welt abgeschottet, sondern integraler Bestandteil davon wie die Zellen eines großen Körpers.[23]

 

In diesem Zusammenhang zitiert Macy gern den buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh, der auf die Frage, was es zur Rettung der Welt brauche, antwortete: »Was wir am dringlichsten tun müssen, ist in uns hineinzuhorchen, um zu hören, wie die Erde weint.«[24] Das Spüren und Anerkennen dieses Leidens öffnet auch den Raum für Solidarität und Mitgefühl. Es öffnet den Blick, unser Leben in einem größeren geschichtlichen Zusammenhang zu begreifen: als »kontinuierlichen Lebensstrom auf Erden, der schon seit mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren fließt und fünf Massensterben überlebt hat«[25] . Während dieser dritten Phase können wir erst verstehen, dass wir Teil eines Ganzen und weitaus mehr als die Summe seiner Teile sind. Die Haltung von »Macht über«, wo Besitz und Herrschaft maßgebend sind, wandelt sich zum Gefühl der »Macht für«, bei dem Zusammenleben und Kooperation im Vordergrund stehen. Wir begreifen, dass Partnerschaften und kollektive Intelligenz absolut notwendig sind, um das zu ermöglichen, was wir allein nicht mehr zu bewältigen vermögen. Daran knüpft schließlich die vierte Phase, die in konkretes Handeln mündet: zum Aufbau einer lebensdienlichen Gemeinschaft und als intelligente Antwort auf die von uns verursachte Krise.[26]

 

Der Schutz der Mitwelt bedingt auch den Schutz der Schwachen und Bedürftigen unserer Welt

Ich möchte meinen Artikel mit einem Zitat von Michel Maxime Egger beschließen:

Wie können wir die Vielfalt der lebenden Arten schützen, wenn nicht die Frage der ethnischen Beziehungen und des Rassismus angesprochen wird? Und was bedeutet es, wenn wir auf die Stimme der Erde hören, gleichzeitig aber die Schreie unterdrückter und diskriminierter Völker überhören? Die Etablierung eines ökologischen Selbst, das nicht-menschliche Wesen umfasst, macht allein, ohne die damit einhergehende Bildung eines »multikulturellen Selbst«, das die Vielfalt aller Erscheinungsformen der menschlichen Spezies umfasst, keinen Sinn. Wie ein Berg zu denken ist in Ordnung, aber es ist genauso wichtig zu lernen, wie Männer und Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und Kulturen denken.[27]

Zum Autor

Marc Schmuziger, lic. phil. (1960)

Musiker, Psychotherapeut und Verleger des taotime verlag. Übersetzung und Publikation von Büchern auf dem Gebiet der östlichen Philosophie, Psychologie, Ökologie und von Kinderbüchern.

Pflege der Seele – Heilung der Erde
Einführung in die Ökopsychologie

Autor: Michel Maxime Egger
Übersetzung und Vorwort: Marc Schmuziger

taotime verlag
ISBN 978-3-906945-08-8
Preis: € 22.90

Endnoten

  1. Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019.
  2. Ich danke Hans Neidhardt, der mich auf dieses Wortspiel und das prägnante Zitat von John Seed aufmerksam gemacht hat. Beide entstammen einem mit ihm zusammen veröffentlichten Artikel, der unlängst unter dem Titel Focusing for Future im Focusing Journal, Heft 44/2020 erschienen ist. Auch meine späteren Ausführungen zum Ökologischen Selbst sowie zu Joanna Macy greifen auf diesen gemeinsamen Artikel zurück.
  3. John Seed, Joanna Macy, Pat Flemming, Arne Naess, Thinking like a Mountain, New Society Publishers, 1988, S. 35, zitiert in: Joanna Macy & Molly Brown, Für das Leben! Ohne Warum, Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution, Paderborn, Junfermann, 2017, S. 82.
  4. Joanna Macy, „The Greening of the Self“, in: Ecotherapy, S. 238 und 245.
  5. Vergleiche hier: Ibid., S. 153–156.
  6. Mary E. Gomes und Allen D. Kanner, „The Rape of the Well-Maidens“, in Ecopsychology, S. 113f.
  7. Daodejing – Das Buch vom Dao und De. Aus den chinesischen Urquellen neu übersetzt taotime verlag, 2016.
  8. Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 10.
  9. Carl Gustav Jung, Ein großer Psychologe im Gespräch, Freiburg, Basel, Wien, Herder, 1994, S. 58f.
  10. Carl Gustav Jung, Traumanalyse nach Aufzeichnung der Seminare 1928–1930, GW 20, Olten und Freiburg im Breisgau, Walter Verlag, 1991, S. 172.
  11. Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 70.
  12. Carl Gustav Jung, Ein großer Psychologe im Gespräch, Freiburg, Basel, Wien, Herder, 1994, S. 164.
  13.  Theodore Roszak, Ökopsychologie, Stuttgart, Kreuz Verlag, S. 423.
  14.  Paul Shepard, Retour aux sources du Pléistocène, 2013, S. 22, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 113.
  15. Ein Zeitabschnitt der Erdgeschichte mit Beginn vor ca. 2,6 Mio. Jahren und seinem Ende vor 11.700 Jahren mit dem Eintritt des Holozäns, dem Nacheiszeitalter, in dem wir uns heute noch befinden.
  16. Paul Shepard, Retour aux sources du Pléistocène, 2013, S. 21, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 113
  17. Paul Shepard, Nature and Madness, 1998, S. 179, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 84.
  18. Ibid., S. 26, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 84.
  19. Ibid, S. 116, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 85.
  20. Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird, zum Beispiel der Mythos »vom Tellerwäscher zum Millionär« für das Narrativ des »american dream«.
  21.  Gunter Hamburger übersetzt »unravelling« mit »zerbröseln«.
  22. Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 234.
  23. Joanna Macy, »Working Through Environmental Despair«, in Ecopsychology, 241, zitiert in Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 39.
  24. Joanna Macy und Chris Johnstone, Hoffnung durch Handeln: Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden, Paderborn, Junfermann, 2014, S. 237.
  25. Ibid., S. 238.
  26. Ibid., S. 238–241.
  27. Michel Maxime Egger, Pflege der Seele – Heilung der Erde. Einführung in die Ökopsychologie, taotime verlag, 2019, S. 24 9 f.

Bildnachweis: Depositfoto, unsplash.com

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