Prof. Dr. Thomas Metzinger - Der Elefant und die Blinden

Prof. Dr. Thomas Metzinger – Der Elefant und die Blinden

Bewusstseinsforschung eines spirituell informierten Philosophen, Teil 1

Das Interview mit Prof. Dr. Thomas Metzinger berührt verschiedene philosophische Themen, einschließlich Bewusstseinsforschung, Meditationserfahrungen, die Rolle von Spiritualität in der Wissenschaft und Gesellschaft sowie die Natur von Erkenntnis und Realität. Die Diskussion erstreckt sich außerdem auch auf Metaphysik, Ideologiekritik und die Herausforderungen des akademischen Lebens.

Tattva Viveka: Heute begrüßen wir im Tattva Viveka-Talk Prof. Dr. Thomas Metzinger. Er ist Philosoph, Bewusstseinsforscher und hat zuletzt 22 Jahre lang als Professor für Philosophie an der Universität in Mainz gewirkt. Er ist in verschiedenen Gremien und Forschungsgruppen vertreten und hat eine Reihe von Büchern, auch für das allgemeine Publikum, geschrieben, zum Beispiel Der Ego-Tunnel sowie ein Buch mit dem Titel Bewusstseinskultur, das 2023 erschienen ist. Heute sprechen wir über sein neuestes Buch: Der Elefant und die Blinden, ein Opus magnum von 950 Seiten.

Meine erste Frage: Sie sind in akademischer Philosophie ausgebildet und haben in diesem Wissenschaftsbereich gearbeitet. In der Philosophie und überhaupt in der Wissenschaft besteht ein gewisser Vorbehalt gegenüber Spiritualität. Wie sehen Sie die Bedeutung der Spiritualität, auch für die Zukunft? Meinen Sie, dass Spiritualität eine wichtige Kategorie für unsere menschliche Kultur sein wird, auch um mit Krisen umzugehen? Oder würden Sie sagen, dass dies auch ohne Spiritualität möglich ist?

Metzinger: Natürlich müssen wir in der äußeren Welt politisch handeln, aber wir tun dies offensichtlich nicht. Wir sehen ja alle, dass wir das fast nicht tun, obwohl wir es besser wissen sollten. Meines Erachtens geht eine säkulare und etwas ernsthaftere, spirituelle Praxis an die Wurzeln und lässt einen womöglich erkennen, warum genau man nicht handelt und welche Instanz in uns selbst uns erlaubt, mit diesen dramatischen Zuständen auf dem Planeten immer weiterzuleben.

In Philosophie und Wissenschaft wird Spiritualität oft mit Sterblichkeitsverleugnung, mit intellektueller Unredlichkeit und mit Glaubenssystemen assoziiert, für die es weder empirische Belege noch vernünftige Argumente gibt. Spiritualität wird in den meisten Fällen als eine Art Schnuller für Erwachsene erachtet. Oder betrachten Sie zum Beispiel den Achtsamkeitsboom, dann ist das häufig eine neoliberale Selbstoptimierung, die das System in keiner Weise infrage stellt. Das aber war mit dem spirituellen Aufbruch nicht gemeint.

Dazu gibt es dann auch noch das Problem auf der ganz anderen Seite: Der Begriff der Spiritualität wird traditionell von Organisationen besetzt, die zutiefst unspirituell sind, wie zum Beispiel die katholische Kirche. Ich glaube, man muss die Spiritualität zunächst einmal aus erstarrten Formen retten und verstehen, dass organisierte Religion oder das Anhaften an Glaubenssystemen überhaupt nichts mit Spiritualität oder mit spiritueller Praxis zu tun haben. In einem gewissen Sinne ist es sogar das Gegenteil davon, nämlich das Gegenteil von Klarheit, Bewusstheit und Offenheit der Welt gegenüber. Deswegen bräuchten wir vielmehr ein immer frisches, immer neues Verständnis davon, was denn überhaupt eine spirituelle Praxis sein könnte, für die sich zum Beispiel auch ein Wissenschaftler oder ein akademischer Philosoph nicht schämen müsste. Es wäre eine Praxis, die etwas Subversives, etwas Kritisches an sich hat, was die Menschen, die dieser Praxis nachgehen, zu unbequemen Zeitgenossen macht, die Fragen stellen oder ihr Verhalten ändern. Dies versuchte in dem Nachwort vom Ego Tunnel und ich in dem kleinen Buch Bewusstseinskultur im Kapitel Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit zu erklären (eine Kurzfassung dieses Kapitels erschien in Tattva Viveka 69).

»Ich bin davon überzeugt, dass eine Meditationspraxis eine epistemische Praxis sein kann: ein Handeln um der Erkenntnis willen.«

Was den bestehenden vielfältigen spirituellen Bewegungen am dringendsten fehlt, ist intellektuelle Redlichkeit, also der Wunsch, wirklich ehrlich sich selbst gegenüber zu sein, über das, was man weiß und was man nicht weiß. Das wäre Wahrhaftigkeit. Die darauffolgende Frage ist, ob es so etwas überhaupt geben kann. Vielleicht kann es das ja gar nicht geben.

Aus der Sicht der akademischen Welt ist leider, das muss man deutlich sagen, der Großteil des spirituellen Aufbruchs der 70er-Jahre in etwas Reaktionäres umgeschlagen, in etwas, was das System eher stabilisiert – zum Beispiel das kapitalistische Wachstumsmodell – und etwas, das keine kritische Kraft in sich trägt, die dazu führen könnte, dass Leute ihr Verhalten in der äußeren Welt wirklich ändern. Deswegen ist Spiritualität vielen in Wissenschaft und Philosophie suspekt. Sie wittern vorsätzliche Unvernünftigkeit und den Willen zur Selbsttäuschung.

 TV: Es gibt zweifelsfrei Arten von Spiritualität, die dann eigentlich etwas anderes sind, also eher religiösen Formen ähneln. Deshalb ist es schwierig, zu vermitteln, dass Spiritualität auch einen echten Zugang zur Realität eröffnen kann, der eine epistemische Qualität hat. Sie thematisieren das in ihrem neuen Buch.

Metzinger: Ja, aber genau dies würden viele meiner Kollegen bestreiten. Ich bin davon überzeugt, dass eine Meditationspraxis eine epistemische Praxis sein kann: ein Handeln um der Erkenntnis willen. Bloß ist die Erkenntnis, um die es geht, eine, die nichts mit Worten oder Begriffen zu tun hat, und über die man auch nur sehr schwer sprechen kann. In dem Buch Der Elefant und die Blinden gehe ich unter anderem der Frage nach, ob man wenigstens ein kleines Bisschen mehr darüber sagen kann.

Natürlich gibt es auch Philosophen, die sagen, dass Erkenntnis außerhalb von wahren Sätzen und testbaren Theorien unmöglich ist. Für die ist das einfach Unsinn. Das sind für sie einfach nur Behauptungen, »Begriffsdichtung«, Poesie, letztlich irrelevant. Wir wissen – das ist vielen Menschen nicht bewusst –, dass das Gefühl, eine Einsicht zu haben, auch auftreten kann, wenn man garantiert keine hat, also zum Beispiel vor einem epileptischen Anfall oder unter Einfluss bestimmter psychoaktiver Substanzen. Auch bei vielen Geisteskrankheiten existiert dieses Phänomen. Ein persönliches Beispiel: Vor vielen Jahren rief mich ein Schizophrener an, was nach der Veröffentlichung meiner Arbeiten über das Selbstmodell häufig geschah, denn plötzlich dachten manche Schizophrene, dass sie ein philosophisches und kein psychiatrisches Problem hätten. Ich nahm den Hörer ab, doch die Person am anderen Ende der Leitung sagte nicht ›Guten Tag‹ sondern fing direkt an: ›Wie haben Sie das herausgefunden?‹ Ich erwiderte: ›Wer sind Sie, wie haben Sie meine Telefonnummer bekommen?‹ Und er: ›Wir sind die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die das wissen!!!‹ Das bedeutet, dass ein tiefes Erleben von Einsicht und Gewissheit zum Beispiel auch mit einer psychiatrischen Erkrankung einhergehen kann.

Viele Menschen erleben in der Meditation das Gefühl, sie hätten wichtige, nicht-begriffliche Einsichten erfahren. Das bedeutet für Kritiker erst einmal gar nichts. Wenn man die härteste Wissenschaft, also die neuesten mathematischen Modelle, darüber befragt, wie das Gehirn funktioniert, dann zeigen diese Modelle allerdings, dass viele Bewusstseinszustände epistemische Zustände sind, da Unsicherheit reduziert und Information verarbeitet wird, sowie Vorhersagen über die Zukunft gemacht werden, die nichts mit Worten und Begriffen zu tun haben. Das bedeutet, dass wir selbst auf körperlicher Ebene immer schon erkennende Wesen sind. Dementsprechend müsste gerade der Materialist zugeben können, dass zumindest eine epistemische Komponente möglich ist.

 TV: Was ist ihrer Meinung nach eine spirituelle Erfahrung?

 Metzinger: Das ist eine gute Frage. Das Wort ›spirituell‹ lässt sich auch ins Deutsche übersetzen. Es bedeutet ›Geistlichkeit‹. Leider wird es oft missbraucht und bis zur Unkenntlichkeit verhöhnt. Man denke zum Beispiel an die Ayatollahs im Iran, die als »Geistliche« bezeichnet werden, oder an die russisch-orthodoxe Kirche, die die russische Invasion unterstützt. Die sind natürlich gerade nicht das, was ich unter ›geistlich‹ verstehen würde.

»Mittlerweile sind diese altmodischen Gegenübersetzungen von Geist und Materie in der Wissenschaft längst überwunden.«

Wir haben statistische Analysen zur Erfahrung reinen Bewusstseins bei Meditierenden durchgeführt. In dieser Analyse gibt es den sogenannten Faktor 8, der im Hinblick auf Ihre Frage besonders interessant ist. Viele Menschen in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Meditationstechniken sagen, dass es nicht so sei, dass sie selbst das reine Bewusstsein erkennen, sondern manchmal ist es so, dass das Bewusstsein sich selbst erkennt. Das reine Bewusstsein trägt ein reflexives Element in sich, das überhaupt nicht mit ihnen als Person oder Ego in Verbindung steht. Auch in der Stille ist häufig eine feine, dynamische Struktur des Sich-selbst-Erkennens enthalten. Man kann das natürlich alles auch komplizierter, also wissenschaftlich, untersuchen, doch in einem gewissen Sinne bedeutet es, dass das Bewusstsein sich seiner selbst bewusst wird oder ein Erleben der Bewusstheit selbst entsteht. Diese Erfahrungen, glaube ich, kommen sehr nahe an das heran, was mit dem Wort »Geistlichkeit« eigentlich gemeint sein könnte.

Ich nenne das in dem Buch das nicht-egoische Selbstbewusstsein. Das könnte die Essenz sein, die viele Praktizierende dazu führt, bestimmte Bewusstseinszustände als spirituelle Bewusstseinszustände und bestimmte Erlebnisse als spirituelle Erlebnisse zu bezeichnen. Sie sind pur geistig in dem Sinne, dass meine Ich-Perspektive, die Zeit- oder auch die räumliche Sinneswahrnehmung darin keine Rolle mehr spielen. In dem Sinne sind sie pur. Wenn das stimmt, dann verhält es sich so, dass wir normale Menschen die meiste Zeit die Welt zwar bewusst erleben, aber die Bewusstheit selbst erleben wir nicht. Doch das wird gerade durch eine Meditationspraxis kultiviert. Das ist so ähnlich, wie wenn man sich vorstellt, durch ein gut geputztes Fenster in den Garten hinauszublicken. Dann sieht man die Fensterscheibe normalerweise nicht, aber manchmal kann man den Fokus verstellen und gleichzeitig auch die Fensterscheibe sehen.

Es könnte sein, dass die Bewusstheit als solche, wie Philosophen sagen, transparent, durchsichtig sei und die Meditationspraxis dazu führe, dass sie ein bisschen undurchsichtig und somit selbst zu einer Erfahrung wird, durch die man auf einmal erkennt: Ich sehe das alles durch ein Fenster.

Man kann natürlich spekulieren und sagen, dass es für Tiere im Überlebenskampf nicht notwendig war, die Bewusstheit selbst zu erleben. Aber für Tiere mit einem großen Gehirn, wie wir Menschen es haben, mit hoher Erkenntnisfähigkeit, kann es befreiend sein, weil wir dann nicht alles wie Automaten einfach ausagieren müssen.

TV: Sie sagen, dass das Bewusstsein oder die Bewusstheit nicht mit dem Subjekt, auch nicht mit unserem Selbst, in Zusammenhang steht. Wie kann man es sich vorstellen? Als wäre es eine Eigenschaft des Raumes oder der Materie?

 Metzinger: Über die Jahrhunderte sammelten sich die verschiedensten Metaphern dafür an. Es war interessant, wie unsere vielen hundert Meditierenden aus der ersten Studie neue Metaphern geprägt haben, die es vorher so nicht gegeben hat. Sie erfanden alle möglichen Ausdrücke, einfache von ›Okayness‹ bis zu ›entgrenztem Gehaltensein‹ oder ›Situationen, in denen Offenheit Offenheit berührt‹ – also die Offenheit im Geist, die Leerheit der Dinge, die Soheit. Es beeindruckte mich, wie viele neue Metaphern zum Vorschein kamen.

Von den traditionellen Lehren, finde ich, haben die tibetischen Buddhisten das eigentlich sehr gut mit dieser Raummetapher beschrieben. Die Metapher besagt, dass man es sich wie einen Raum vorstellen kann, aber nicht wie ein physischer Raum, weil dieser nicht denken kann, sondern vielmehr als einen Erkenntnisraum. Man muss eigentlich nur diese Tatsache stabil erkennen.

»Wenn man in die Wissenschaft blickt, wird man feststellen, dass gerade die Physik unendlich viel magischer, verrückter und reichhaltiger ist als jede Ayatollah-Metaphysik.«

Nehmen wir als Analogie zum Denken das Be-Greifen mit einer Hand. Wenn jemand versucht, den Raum mit der Hand zu greifen, ist es nicht möglich, da die Greifbewegung schon immer in diesem Raum stattfindet. Angenommen man würde sagen, dass das Zeigen mit dem Finger eine körperliche Analogie zur Lenkung der Aufmerksamkeit wäre, zum Beispiel wie in der Shamata-Praxis, der Sammlungsmeditation, in der die Fingerspitze den Fokus der Aufmerksamkeit lenkt, dann könnte man nicht mit dem Finger auf den Raum zeigen, weil die Zeigebewegung schon immer in diesem Raum ist.

Falls dies richtig ist, kann im Grunde durch eine Meditationstechnik nichts fabriziert oder hergestellt werden. Somit geht es nur darum, etwas wiederzuerkennen, was die ganze Zeit bereits vorhanden ist. Sind wir womöglich nicht das erkennende Ego, sondern der Raum, in dem alles geschieht? Allerdings besteht ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis, und ich glaube, dass beides seine Berechtigung hat: Eine systematisch aufrechterhaltene Meditationspraxis schafft die Bedingungen für Stille, Klarheit usw., die notwendig sind, damit ein Wiedererkennen häufiger stattfinden kann. Somit gehören Meditation und Nicht-Meditation zusammen. Wahrscheinlich liegt der richtige Weg in der Mitte, und wissenschaftlich gesehen wissen wir überhaupt nicht, was all das bedeutet. Wir stehen erst am Anfang. Sie können das Buch als den Anfang eines Forschungsprojekts betrachten.

 TV: Im Buch denken Sie über die Dualität von Materie und Geist nach, die man auf diese Weise nicht mehr aufrechterhalten kann, oder?

Metzinger: Ja, die Idee hält sich hartnäckig, auch gerade in Esoterikkreisen, dass so etwas wie Materie existiert, im Sinne eines dumpfen, trägen, undurchdringlichen Stoffes. Daran glaubt in der Philosophie niemand mehr. Das hält sich im Esoteriksumpf. Die Physiker erklärten uns längst, dass es das, was wir für Materie halten, zum Beispiel ein undurchdringlicher Tisch, nicht gibt, denn alles ist letztlich leerer Raum. Die Erfahrungen von Schwere, Dumpfheit, Undurchdringlichkeit sind Teil des Realitätsmodells, das unser Gehirn von der Wirklichkeit erzeugt. Dasselbe gilt für die Erfahrung von Geist, also von etwas, was unsichtbar und nicht im Körper ist. Es ist einfach Teil des menschlichen Selbstmodells. Mittlerweile sind diese altmodischen Gegenübersetzungen von Geist und Materie in der Wissenschaft längst überwunden.

Heute sind die meisten Wissenschaftler Naturalisten. Das heißt, dass das, was wir Geist nennen, ein natürliches Phänomen ist. Dann gibt es die Physikalisten, die sagen, dass die physikalische Beschreibungsebene die niedrigste sei, also dass die Gesetze der Physik fundamental sind. Das physikalische Universum ist unendlich viel zauberhafter: Wenn man in die Wissenschaft blickt, wird man feststellen, dass gerade die Physik unendlich viel magischer, verrückter und reichhaltiger ist als jede Ayatollah-Metaphysik. Gerade die moderne Physik und die moderne Hirnforschung vermittelten uns ein Verständnis dafür, wie wunderbar und wie unwahrscheinlich das ist, was gerade passiert. Solche Gegensätze wie Geist und Materie sind altmodische Gegensätze.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich das tiefe, menschliche Bedürfnis, nicht sterben zu müssen und nicht sterben zu wollen. Dies ist ein unangenehmer Punkt, auf den auch viele Meditierende nicht genau hinschauen. Sie vermeiden die Frage, ob die eigene Praxis eine Rolle dabei spielt, die eigene Sterblichkeit zu verleugnen und immer irgendein schickes Hintertürchen offenzuhalten. Die Auffassung eines Speicher- oder Substratbewusstseins, das sich auch nach dem physischen Tod hält und in die nächste Reinkarnation hineinreicht, gibt es beispielsweise im Buddhismus.

Das sind die tieferen Selbsterkenntnisziele. Welche sind meine wirklichen Motive? Warum mache ich das? Mache ich das vielleicht, weil ich Gründe dafür suche, dass der »Geist« unabhängig von der »Materie« ist oder dass das Bewusstsein doch unabhängig vom Gehirn existieren kann? Suche ich nach Gefühlen von Sinnhaftigkeit, bastele ich mir eine romantische neue Lebensgeschichte? Das ist alles normal und zutiefst menschlich. Wir sind alle so. Das steht im Kapitel 17 des Buches.

»Das Zweifeln, die Urteilsenthaltung waren auch einmal eine spirituelle Praxis.«

Wir sind Überlebensmaschinen seit Millionen von Jahren. Wir sind tief davon geprägt, unter allen Umständen unser Dasein aufrechtzuerhalten. Die Buddhisten haben das Bhava Tanha genannt, den Durst nach Dasein. Das führt dazu, dass wir bestimmte Zusammenhänge nicht so klar sehen konnten. Wir sollten uns Situationen, in denen es uns nicht mehr gibt, nie vorstellen. Das war in der Evolution nicht vorgesehen.

Die meisten Tiere tun das nicht, sie können das nicht und haben somit nicht dieses Problem mit der Sterblichkeit. Bei uns hingegen spielt es tief in die spirituelle Praxis hinein. Es ist sehr schwer, all dem ehrlich gegenüberzutreten und es anzuschauen und sich dann zu fragen: Was weiß ich eigentlich, und was glaube ich nur?

TV: Es ist eine wichtige Unterscheidung: Was weiß ich und was glaube ich.

Metzinger: Im antiken Griechenland gab es Philosophen, die sich selbst die Skeptiker nannten, und sie sagten: Du weißt, dass du im Grunde gar nichts weißt. Diese Einsicht führte sie zur Seelenruhe. Das Zweifeln, die Urteilsenthaltung waren auch einmal eine spirituelle Praxis in dem Sinne, dass man sich immer vergegenwärtigt: Was ist hier eigentlich sicher, und was ist über diesen gelebten Moment hinaus unsicher? Wenn man die Radikalität besitzt, weiterzumachen, kann dies einen zu innerem Frieden – zur »Ataraxie« – führen. Aber ich möchte voraussagen, dass dies den meisten von uns nicht passt.

»Kein Mensch hat wirklich eine Ahnung, wie dieses physikalische Universum entstanden ist.«

TV: Sind Sie auch auf dem Skeptikerweg?

 Metzinger: Man muss schon sagen, dass letztlich alles revidierbar ist. Das ist die ganz besondere Stärke der wissenschaftlichen Methode: Dass alles immer falsch sein kann. Durch die wissenschaftliche Methode haben wir unsere biologische Bedingtheit überwunden, dadurch, dass man immer wieder sagt: Nein, wir wissen das nicht. Diese Hypothese könnte auch falsch sein. Kein Mensch hat wirklich eine Ahnung, wie dieses physikalische Universum entstanden ist. Als ich Student war, erklärte es mir ein Professor folgendermaßen: Wenn man alle Theorien, welche die Menschen bis zum heutigen Tag aufgestellt haben, in eine Kiste tun würde, wären 99 % von ihnen bereits jetzt nicht mehr gültig, man könnte sie aussortieren. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass die Theorien, die wir jetzt haben, in 50 oder 100 Jahren auch in der Kiste für überholte Theorien sein werden.

TV: Es ist Teil der intellektuellen Redlichkeit, dass man Dinge nicht behauptet, die man nicht weiß.

 Metzinger: Ja, und das ist für Wesen wie uns schwer auszuhalten – genau das zeigt, wie ich finde, eine spirituelle Praxis –, weil unser gesamtes biologisches Wesen, die Evolution, sozusagen unser tierisches Wesen, darauf beruht, Unsicherheit zu reduzieren. Wir wollen Gewissheit, denn wir haben Durst nach Wissen, und zuzugeben, dass dieser nie endgültig gestillt sein kann, läuft uns zuwider.

Jeder und jede möchten wissen, wie es wirklich ist, und jeder Mensch will auch wissen, dass er das weiß. Wir wollen Gewissheit, solche Wesen sind wir.

TV: Es gibt uns Ruhe und Frieden, genauso wie bei den radikalen Skeptikern. Wobei man gerne, wenn es den Glauben betrifft, den Rest, den man nicht weiß, durch das ergänzt, was man glaubt.

Metzinger: Ja, und die Erfahrung der Menschheit zeigt, dass es zu Krieg führt und nicht lange hält. Ich hatte einmal ein Aha-Erlebnis, als ich eine Professur in Essen vertrat. Ich sagte dort zu den Studierenden: ›Ein stabiler religiöser Glauben hilft den Menschen, mit Tod und Sterblichkeit umzugehen.‹ Daraufhin meldete sich ein Student und sagte: ›Das stimmt überhaupt nicht, mein Vater ist Pfarrer und ich habe bei vielen Beerdigungen mitgeholfen. Es hilft den Leuten überhaupt nicht, wenn jemand gestorben ist. Die weinen genauso schrecklich wie Leute, die keine Christen sind und nicht an Gott glauben.‹ Das gab mir zu denken.

»Vielleicht liege ich in der Hinsicht falsch, aber ich glaube, dass ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht, den man nie aus den Augen verlieren sollte.«

TV: Durch spirituelle Entwicklung kann man lernen, mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen. Manche Menschen blicken dem etwas gefasster entgegen, denn es ist völlig normal, dass man irgendwann stirbt. Es hat noch keiner seinen Tod überlebt, auch Jesus, Buddha oder Mohammed nicht. Es ist nichts Neues, dass wir sterben.

Metzinger: Ich selbst bin bei dem Thema vorsichtig. Ich kann mir in einem beschwingten Moment einbilden: Nicht-Existenz ist überhaupt kein Problem. Unter seiner Nicht-Existenz kann man nicht leiden. Traumloser Tiefschlaf. Nachts ist das auch kein Problem. Aber dann rufe ich mich selbst immer zur Ordnung, dass ich mein Maul besser nicht so voll nehmen sollte, insbesondere, weil der Übergang sehr leidvoll sein kann.

Es existiert natürlich die Idee, die man zum Beispiel im tibetanischen Totenbuch findet, dass jemand, der eine stabile Meditationspraxis hat, achtsam sterben und direkt in das klare Urlicht der Leere hineingehen kann. Das ist eine alte Menschheitsidee. Genauso wie viele westliche Philosophen sagten, Philosophieren, also die Weisheit zu lieben, heißt sterben lernen (›melete thanatou‹ bei Platon)

Ich bin vorsichtig, weil man nicht weiß, wie man stirbt und ob man überhaupt die Möglichkeit haben wird, in Achtsamkeit hinüberzugleiten, und das kann sich sehr plötzlich ändern. Das Sterben kann mit Demenz und Verwirrung einhergehen. Ich habe auch schon Menschen sterben sehen, die an einem Morphiumperfusor hingen. Ich weiß nicht, ob mir meine Meditationspraxis noch helfen würde, wach und klar zu sein, wenn ich unter einer hohen Dosis Morphium wäre.

Vielleicht liege ich in der Hinsicht falsch, aber ich glaube, dass ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht, den man nie aus den Augen verlieren sollte. Wir sind normale körperliche Wesen, und man weiß nicht, wie es am Ende sein wird. Trotzdem kann man nicht nur für sich selbst, sondern noch viel wichtiger für andere die Bedingungen dafür schaffen, dass es am Ende eine gute friedliche Auflösung geben kann.

Dies ist der erste Teil des Interviews. Lesen Sie im zweiten Teil in Tattva Viveka 100, was Prof. Dr. Thomas Metzinger zum Thema Metaphysik, dem Geistigen Sehen als eigener Erkenntnismethode, Ideologie in der Spiritualität und aktuellen Stammesreligionen zu sagen hat.

Das Interview führte Ronald Engert.

Zum Autor

Prof. Dr. Thomas Metzinger, geb. 1958, lehrte Philosophie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er arbeitet als Philosoph seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Philosophie des Geistes und kognitiver Neurowissenschaft. Metzinger war Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft und der Association for the Scientific Study of Consciousness.  2023 veröffentlichte er die viel beachteten Bücher Bewusstseinskultur; Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise sowie Der Elefant und die Blinden.

Webseite zum Buch mit weiteren Infos: mpe-project.info

Bildnachweis: © Adobe Stockphoto

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